FRÜHJAHRSTAGUNG DER ERNST JÜNGER GESELLSCHAFT – 7.-9. April 2017, Kloster Heiligkreuztal

Ich habe die große Freude, das Programm der Frühjahrstagung der Ernst-und-Friedrich-Georg-Jünger Gesellschaft anzukündigen.
Das Symposium widmet sich ausschließlich dem Roman „Auf den Marmorklippen“ (1939) und fragt nach seinen ästhetischen und historischen Aussagen.
Anmeldungen nehmen wir ab sofort entgegen (oberlehp@googlemail.com).
Im Januar geht auch die neue Webseite der Gesellschaft online.
—————————————
Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“ – eine literarische Auseinandersetzung mit dem NS-Regime
Kloster Heiligkreuztal, 7. – 9. April 2017
Freitag, 7. April
20.00 Eröffnung des Symposiums, Alexander Pschera und Thomas Bantle
20.15 Hans-Dieter Schäfer, Ernst Jünger und die literarische Moderne im Nationalsozialismus
21.30 Umtrunk
Samstag, 8. April
09.00 Sigfried Lokatis, Ernst Jüngers „Marmorklippen“ und die Hanseatische Verlagsanstalt
10.00 Detlev Schöttker, Wer ist Otho? Zur Rolle Brasiliens in den Marmorklippen
11.00 Kaffeepause
11.30 Michael Grossheim, „Attentate sind Scheinlösungen“. Ernst Jünger und der Widerstand
12.30 Mittagspause
14.00 Francois Poncet, Das Hohe Lied des Kalks – Gesteinsmetamorphosen bei Ernst Jünger
15.00 Ulrich Fröschle, Poesie in schwierigen Zeiten. Die Brüder Jünger in den 30er Jahren – Dazwischen: Michael König liest FG Jünger, Der Mohn
16.00 Kaffepause
17.00 Mitgliederversammlung
20 Uhr Abendveranstaltung:
Helmuth Kiesel, Auf den Marmorklippen – die kritische Edition: ein Ausblick
Michael König (Burgtheater Wien) liest aus den „Marmorklippen“
Sonntag, 9. April
9.30 Karin Tebben, Ikonographien eines intellektuellen Kriegers
10.30 Matthias Schöning, Kunst der Perspektive. Erzählen und Implizieren in Jüngers „Auf den Marmorklippen“
11.45 Schlußkonzert im Jünger-Haus: Hans-Eberhardt Dentler spielt J.S. Bach
13.00 Mittagessen
Mokka im Stauffenberg’schen Schloß
Weiterlesen "FRÜHJAHRSTAGUNG DER ERNST JÜNGER GESELLSCHAFT – 7.-9. April 2017, Kloster Heiligkreuztal"

Der Tod Léon Bloys , 3. November 1917, aufgezeichnet von seiner Frau Jeanne

hh

Es war 6 Uhr und 10 Minuten, als Léon Bloy in der Gegenwart der Seinen – seiner Frau, seiner Töchter, seines Patenkindes Pierre van der Meer und von George Auric – den letzten Atemzug tat. Es war Samstag, der 3. November.

Als sei es abgesprochen gewesen, trafen fünf Minuten vor dem Tod Felix Raugel und seine Frau ein; wie auch Jacques Maritain hatte er die große Freude, zusammen mit uns seinen großen Freund zu bestatten. Sie seien gesegnet, die sanften Hände, die uns in der letzten Stunde umgeben und die sprechen, wenn die Worte verstummen. Es ist ein priesterlicher Moment, jene Todesstunde eines Christen: Pretiosa in conspectu Domini, Mors Sanctorum ejus.

Ich kann meine Gedanken nicht von der Erinnerung dieser letzten Minuten lösen. Alle schienen wir teilzuhaben am himmlischen Frieden, der den Tod Léon Bloys umgab, und nachdem wir an seinem Leiden gelitten haben, haben wir uns an seiner Stärke gestärkt.

Die Angst vor dem Tod kannte er nicht, und als ich ihn eines Tages vor seiner Krankheit fragte, was er angesichts dieses erschreckenden Ereignisses empfände, antwortete er mir: eine ungeheure Neugierde. – Und die körperliche Seite?, sagte ich. Sie hat keinen Einfluß auf mich, war seine Antwort.

Am Ende einer schmerzvollen Nacht, wenige Tage vor seinem Tod, sprach er jene Worte, die im Vorwort von Dans les Ténèbres stehen: „Nur ich allein weiß, welche Kraft mir Gott gegeben hat für den Kampf!“

Er sah sich noch nicht sterben, aber da er die letzte Ölung empfangen hatte, wandte sich seine Aufmerksamkeit mehr und mehr von der äußeren Welt ab, selbst von seinem Werk, und wurde innerlich. Mit Dankbarkeit empfing er seine Freunde, wenn es sein Zustand zuließ. Einer von ihnen sagte mir: ‚Bloy hat trotz seines Alters, trotz seiner Krankheit ein jugendliches Aussehen bewahrt‘.

In den letzten Tagen erweiterte sich sein ruhiger und durchdringender Blick und wurde sehr schön, er erhob sich immer weiter, als suche er in der Ferne seine Vision.

Während seiner Krankheit sprach er wenig, er war meist von seinem Inneren in Anspruch genommen, aber oft erleichterte uns ein Wort guter Laune plötzlich das Herz.

In seinen großen und schmerzhaften Krisen beklagte er sich nie. Ohne Zweifel akzeptierte er die gnadenlosen Schläge, das Schlagen seines Herzens wie sein mea culpa, denn eines Tages sagte er sanft zu seinem Patenkind Raïssa: ‚Ich büße für die Niedrigkeit meines Wesens…‘

Lieber Léon Bloy! Könnten wir doch nur mit ebenso viel Demut und Unterwerfung für die unseren büßen, wenn einmal unsere Stunde schlägt!

Am Allerheiligen-Fest erhielt er zum letzten mal die Kommunion, umgeben von seiner Familie und einigen engen Freunden. Er sprach mit uns das Magnificat, während die Liturgie des Tages die Worte der Seligkeit für den Armen, für alle Armen, die Glieder Jesu Christi sind, hören ließ:

Beati pauperes spiritu quoniam ipsorum est regnum caelorum. Beati qui persecutionem patiuntur propter justitiam, quoniam ipsorum est regnum caelorum. Beati estis cum maledixerint vobis,et persecuti vos fuerint, et dixerint omne malum adversum vos MENTIENTES, propter me: gaudete et exsultate, quoniam merces vestra copiosa est in caelis.

Ich kenne einen Priester, einen Freund der Armen, der in dem Augenblick, als er zum Altar ging, per Telegramm davon erfuhr, daß Léon Bloy stirbt, und der zutiefst erschüttert war vom Zusammentreffen der liturgischen Worte mit diesem Tod und der diese Worte unter einem Regen von Tränen las, so groß war seine Freude und sein tiefer Glaube an die Barmherzigkeit Gottes zu diesem großen Unbekannten.

Am Morgen des ersten Samstags des Totenmonats konnte Léon Bloy noch aufstehen. Er leide nicht mehr, sagte er mir. Aber gleich mußte er sich wieder hinlegen. Es war ein friedlicher Tag. Die Schwäche übernahm die Kontrolle über seine außerordentliche Konstitution. Nach und nach schlummerte er ein, und gegen Abend, zur Stunde des Angelus, trat er ohne Röcheln, ohne Todeskampf durch die Pforte der Demütigen.

Als seine Gesichtszüge durch den Tod fixiert wurden, da erschien seine Seele. Kein Wort kann die Erhabenheit, die AUTORITÄT, die Ernsthaftigkeit dieses Antlitzes wiedergeben.

Wahrhaftig! Gott hatte ihm sein Siegel aufgedrückt, und es trug diese Inschrift:

DAS IST MEIN GELIEBTER SOHN.

Oder mit den Worten, die er selber über seinen toten Sohn André sagte: Er sah aus wie ein Hauptmann der Engel.

REQUIESCAT IN PACE.

Jeanne Léon Bloy, Paris 1919

Weiterlesen "Der Tod Léon Bloys , 3. November 1917, aufgezeichnet von seiner Frau Jeanne"

Bloy 1914: DIE FRÜCHTE DER DEMOKRATIE

james_gillray_pinnacle_of_liberty

Man ist verblüfft, wenn man an das unerklärliche Überleben des republikanischen Regimes denkt. Seit 40 Jahren – um nicht weiter zurück zu gehen – glaubt man, alle Erfahrungen gemacht zu haben, um dieses scheußliche Regime unmöglich zu machen. Allgemeine Rückbildung der Intelligenz, unerhörte Erschlaffung des Charakters, ununterbrochene Verfluchung der Schönheit und der Größe, nationale Beisetzung jeder menschlichen oder göttlichen Autorität, Fress-Sucht der Freuden, Zerstörung der Familien und Vivisektion des Vaterlands, Sitten von tollwütigen Schweinen, systematische Vergiftung der Kindheit, Wahl und Auswahl von Taugenichtsen oder Kropfkranken in die Höhlen der Politik oder auf die Gehsteige der Kandidaturen etc. – das sind die Früchte des Baums der Freiheit.

Weiterlesen "Bloy 1914: DIE FRÜCHTE DER DEMOKRATIE"

Sich selbst gehören

Trent_Narziss_und_Echo.jpg

Was bedeutet es, sich nicht selber zu gehören? Es kann meinen, sich einem anderen Menschen hinzugeben. Es kann aber auch bedeuten, nicht mehr Herr über sich selbst zu sein. Beide Bedeutungen sind im Netz der Technik wirksam. Wir geben uns der Technik bedingungslos hin. Wir liefern uns ihr aus. Sie ist der Körper, mit dem wir uns vereinigen. Indem wir das tun, verschwenden wir uns selbst. Weiterlesen

Léon Bloy, Die Belagerung von Rhodos

bloy-oeuvres-002

Für den Grafen Roselly de Lorgues, den Historiker des Christoph Colombus

Der Vicomte Armor-Luc-Esprit du Glas Saint-Sauveur war immer schon achtzig Jahre alt gewesen. Das war so etwas wie eine Redewendung in dieser Gegend, einem Eck der Region Perche , in der dieser nicht sterben wollende Greise unzählige Legenden und Traditionen am Leben erhielt, die sonst überall schon seit den ersten Kapetingern vergessen waren.
Selbst die Ältesten konnten sich nicht daran erinnern, ihn jung erlebt zu haben. Und diese Erinnerung war so entfernt, so zweideutig, so widerspenstig, dass jeder sich weigerte, daran zu glauben.
Es wäre auch nicht einfach gewesen, sein Ende vorher zu sagen, da er offensichtlich einer dieser nun erloschenen Rassen angehörte, über die der Tod erwiesener Maßen nur eine zweifelhafte Macht ausübte.
Der Vicomte war dennoch von stark unterdurschnittlicher Größe, und sein Körper war so schmal, dass man ihn aus einiger Entfernung für einen Strohalm hätte halten können. Dieser Körper war aber die Hülle einer großartigen Seele, wie man sie hier und dort nur alle sieben Generationen findet – dann, wenn die Menschheit sich von Grund auf erneuert. Weiterlesen

Wolfsbichl. Ein Beginn

14324605_1268947673137726_5934605797416163333_o

Am Morgen eines Frühsommertages war das Schloß plötzlich verschwunden. Gleichsam über Nacht. Es war einfach nicht mehr zu sehen. Tags zuvor noch leuchtete seine weiße Fassade mit der grünen, zwiebelförmigen Haube vom Hügel herab in die Ebene. Jetzt war da nur noch so etwas wie eine undeutliche, grüne Wand – so weit man es aus dieser Entfernung mit dem bloßen Auge erkennen konnte. Es schien, als habe jemand mit einem riesigen Farbpinsel das Loch im Wald, in dem das Schloß stand, einfach zugemalt.

Vitus bemerkte das Verschwinden des Schlosses aus den Augenwinkeln. Doch schnell senkte er seinen Blick wieder auf den Feldweg, auf dem die Prozession langsam, im feierlichen Gleichschritt dahinzog. Hatte ihnen der Pfarrer doch vorher noch eindringlich eingebläut, nur nicht in der Gegend herumzuschauen, sondern dem Herrn zu folgen. Sie sollten sich auf die Gebete konzentrieren, die jetzt wie eine rhythmisierte Wortwolke über der Prozession schwebten, ein monotones Summen, das abwechselnd aus dem rechten und aus dem linken Glied der Prozession kam. „Bitt für uns…“. Am Rande des Weges wirbelten Lerchen durch die Luft. Weiterlesen