Der Tod Léon Bloys , 3. November 1917, aufgezeichnet von seiner Frau Jeanne

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Es war 6 Uhr und 10 Minuten, als Léon Bloy in der Gegenwart der Seinen – seiner Frau, seiner Töchter, seines Patenkindes Pierre van der Meer und von George Auric – den letzten Atemzug tat. Es war Samstag, der 3. November.

Als sei es abgesprochen gewesen, trafen fünf Minuten vor dem Tod Felix Raugel und seine Frau ein; wie auch Jacques Maritain hatte er die große Freude, zusammen mit uns seinen großen Freund zu bestatten. Sie seien gesegnet, die sanften Hände, die uns in der letzten Stunde umgeben und die sprechen, wenn die Worte verstummen. Es ist ein priesterlicher Moment, jene Todesstunde eines Christen: Pretiosa in conspectu Domini, Mors Sanctorum ejus.

Ich kann meine Gedanken nicht von der Erinnerung dieser letzten Minuten lösen. Alle schienen wir teilzuhaben am himmlischen Frieden, der den Tod Léon Bloys umgab, und nachdem wir an seinem Leiden gelitten haben, haben wir uns an seiner Stärke gestärkt.

Die Angst vor dem Tod kannte er nicht, und als ich ihn eines Tages vor seiner Krankheit fragte, was er angesichts dieses erschreckenden Ereignisses empfände, antwortete er mir: eine ungeheure Neugierde. – Und die körperliche Seite?, sagte ich. Sie hat keinen Einfluß auf mich, war seine Antwort.

Am Ende einer schmerzvollen Nacht, wenige Tage vor seinem Tod, sprach er jene Worte, die im Vorwort von Dans les Ténèbres stehen: „Nur ich allein weiß, welche Kraft mir Gott gegeben hat für den Kampf!“

Er sah sich noch nicht sterben, aber da er die letzte Ölung empfangen hatte, wandte sich seine Aufmerksamkeit mehr und mehr von der äußeren Welt ab, selbst von seinem Werk, und wurde innerlich. Mit Dankbarkeit empfing er seine Freunde, wenn es sein Zustand zuließ. Einer von ihnen sagte mir: ‚Bloy hat trotz seines Alters, trotz seiner Krankheit ein jugendliches Aussehen bewahrt‘.

In den letzten Tagen erweiterte sich sein ruhiger und durchdringender Blick und wurde sehr schön, er erhob sich immer weiter, als suche er in der Ferne seine Vision.

Während seiner Krankheit sprach er wenig, er war meist von seinem Inneren in Anspruch genommen, aber oft erleichterte uns ein Wort guter Laune plötzlich das Herz.

In seinen großen und schmerzhaften Krisen beklagte er sich nie. Ohne Zweifel akzeptierte er die gnadenlosen Schläge, das Schlagen seines Herzens wie sein mea culpa, denn eines Tages sagte er sanft zu seinem Patenkind Raïssa: ‚Ich büße für die Niedrigkeit meines Wesens…‘

Lieber Léon Bloy! Könnten wir doch nur mit ebenso viel Demut und Unterwerfung für die unseren büßen, wenn einmal unsere Stunde schlägt!

Am Allerheiligen-Fest erhielt er zum letzten mal die Kommunion, umgeben von seiner Familie und einigen engen Freunden. Er sprach mit uns das Magnificat, während die Liturgie des Tages die Worte der Seligkeit für den Armen, für alle Armen, die Glieder Jesu Christi sind, hören ließ:

Beati pauperes spiritu quoniam ipsorum est regnum caelorum. Beati qui persecutionem patiuntur propter justitiam, quoniam ipsorum est regnum caelorum. Beati estis cum maledixerint vobis,et persecuti vos fuerint, et dixerint omne malum adversum vos MENTIENTES, propter me: gaudete et exsultate, quoniam merces vestra copiosa est in caelis.

Ich kenne einen Priester, einen Freund der Armen, der in dem Augenblick, als er zum Altar ging, per Telegramm davon erfuhr, daß Léon Bloy stirbt, und der zutiefst erschüttert war vom Zusammentreffen der liturgischen Worte mit diesem Tod und der diese Worte unter einem Regen von Tränen las, so groß war seine Freude und sein tiefer Glaube an die Barmherzigkeit Gottes zu diesem großen Unbekannten.

Am Morgen des ersten Samstags des Totenmonats konnte Léon Bloy noch aufstehen. Er leide nicht mehr, sagte er mir. Aber gleich mußte er sich wieder hinlegen. Es war ein friedlicher Tag. Die Schwäche übernahm die Kontrolle über seine außerordentliche Konstitution. Nach und nach schlummerte er ein, und gegen Abend, zur Stunde des Angelus, trat er ohne Röcheln, ohne Todeskampf durch die Pforte der Demütigen.

Als seine Gesichtszüge durch den Tod fixiert wurden, da erschien seine Seele. Kein Wort kann die Erhabenheit, die AUTORITÄT, die Ernsthaftigkeit dieses Antlitzes wiedergeben.

Wahrhaftig! Gott hatte ihm sein Siegel aufgedrückt, und es trug diese Inschrift:

DAS IST MEIN GELIEBTER SOHN.

Oder mit den Worten, die er selber über seinen toten Sohn André sagte: Er sah aus wie ein Hauptmann der Engel.

REQUIESCAT IN PACE.

Jeanne Léon Bloy, Paris 1919

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Léon Bloy, Die Belagerung von Rhodos

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Für den Grafen Roselly de Lorgues, den Historiker des Christoph Colombus

Der Vicomte Armor-Luc-Esprit du Glas Saint-Sauveur war immer schon achtzig Jahre alt gewesen. Das war so etwas wie eine Redewendung in dieser Gegend, einem Eck der Region Perche , in der dieser nicht sterben wollende Greise unzählige Legenden und Traditionen am Leben erhielt, die sonst überall schon seit den ersten Kapetingern vergessen waren.
Selbst die Ältesten konnten sich nicht daran erinnern, ihn jung erlebt zu haben. Und diese Erinnerung war so entfernt, so zweideutig, so widerspenstig, dass jeder sich weigerte, daran zu glauben.
Es wäre auch nicht einfach gewesen, sein Ende vorher zu sagen, da er offensichtlich einer dieser nun erloschenen Rassen angehörte, über die der Tod erwiesener Maßen nur eine zweifelhafte Macht ausübte.
Der Vicomte war dennoch von stark unterdurschnittlicher Größe, und sein Körper war so schmal, dass man ihn aus einiger Entfernung für einen Strohalm hätte halten können. Dieser Körper war aber die Hülle einer großartigen Seele, wie man sie hier und dort nur alle sieben Generationen findet – dann, wenn die Menschheit sich von Grund auf erneuert. Weiterlesen

Bloy: Die Strategie der Gutmenschen

Unbenannt

Das konformistische Denken ist ein militärisches Denken, viel tiefgründiger, als man meint, und es besteht darin, unendlich zurück zu weichen, um dann desto besser springen zu können. Es ist eine bewundernswerte Strategie. Man befindet sich also vor dem Feind. Vielleicht wäre es ganz einfach, ihn zu besiegen, indem man ihn mit Entschiedenheit angreift. Gelegenheiten hierfür gibt es viele. Aber Konformist zu sein ist etwas ganz anderes als Draufgänger zu sein, vor allem dann, wenn es um das eigene Geld und um die eigene Haut geht. Die klassische Verzögerung ist also angesagt. Man zieht sich stolz und geschickt zurück, man überlässt dem Feind alles, was er sich nehmen will, im Notfall schickt man ihm großzügig Waffen, Munition und Deserteure, wenn man sieht, daß seine Front durchhängt. Man hat übrigens auch die Möglichkeit, den Feind zu unterhalten, indem man ihm die Plünderung religiöser Häuser oder die Folter armer, wehrloser Priester und Familienväter erlaubt. Die christliche Nächstenliebe der Konformisten verbietet ihnen, sich dagegen zu stellen, denn das könnte ja Unangenehmlichkeiten mit sich bringen. Nur keine Umstände, sagen sich diese Helden, vor allem keine blutigen. Reicht es nicht aus, die Feinde aus der Ferne mit juristischen Bomben oder Granaten zu belegen, die von unbestrittener Wirkung sind? Und wenn das dann nicht reicht, dann gibt es ja immer noch den Ausweg, ehrenhaft zu kapitulieren und von den hohen Befestigungen in den klaren und ruhigen Strom des eigenen Gewissens hinab zu springen, nach man eine reiche Ernte von Arschtritten eingefahren hat.

(Exégèse des lieux communs, Être bien pensant ou reculer pour mieux sauter)

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Der Bloy-Katechismus: PROPHETEN und TRÄNEN

Unbenannt

 

Im November 2017, anläßlich von Bloys 100. Todestag, erscheint mein „Bloy-Katechismus“, ein mehr als 1000-seitiges Buch mit wissenschaftlichem Anspruch, das in Form einer annotierten und illustrierten Enzyklopädie alle katholischen Zitate in Bloys Werk sammelt – von der Korrespondenz über die veröffentlichten und unveröffentlichten Tagebücher und seine Prosa bis hin zu den Widmungen, die einen eigenen, relevanten Textkorpus darstellen. Dieses Buch soll Bloy als einen eminenten geistlichen Autor etablieren, der mit seinem Schreiben an seiner Heiligung arbeitete. Das Buch steht im Kontext eines größeren Unternehmens, mit dem die Autoren des Renouveau Catholique als Kirchenväter der Moderne dargestellt werden sollen und das die katholische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts als die Fortsetzung der Theologie mit poetischen Mitteln erweisen will. Eine Fortsetzung, die durch die Zerstörung des christlichen Fundaments durch die französische Revolution in Kraft gesetzt wurde. Einen vergleichbaren systematischen Zugang zu Léon Bloys Werk wie diesen „Katechismus“ gibt es auch in Frankreich nicht. 90 Prozent des verarbeiteten Materials ist noch nie ins Deutsche übersetzt worden. Hier ein kleiner Auszug aus den Kapiteln „Propheten“ und „Tränen“.

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Entretien: François-Xavier de Boissoudy, Peintre

Boissoudy François Xavier

Comment êtes-vous venu à la foi chrétienne?
Par mes parents, par le long travail souterrain que Dieu accomplit chaque jour, et par l’émerveillement reçu lorsqu’un jour j’ai été touché par Sa présence.

Dans quelle mesure votre oeuvre est-elle influencée par votre biographie?
Dans la mesure où l’émerveillement est la source de mon travail de peintre. J’ai repris inconsciemment les éléments de cet après-midi là, faite de guérison intérieure et aussi la belle lumière de cette journée de printemps. À partir de ce moment-là, j’avais quelque chose à raconter pour toute une vie de peintre. Weiterlesen

Printemps catholique (vf)

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Paris est, ce printemps, un endroit particulièrement intéressant pour les amateurs d’art catholique. D’une part, le musée du Petit Palais présente la première grande rétrospective consacrée au peintre Georges Desvallières (1861-1950), qui fut un ami de Georges Rouault et dut sa conversion à l’influence de l’écrivain Léon Bloy. Desvallières, élève de Gustave Moreau, partit du symbolisme pour devenir l’un des grands peintres figuratifs chrétiens du Xxème siècle. Dans son journal, Bloy consacra à son tableau Sacré-Coeur de fines et profondes interprétations. Weiterlesen