Wolfsbichl. Ein Beginn

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Am Morgen eines Frühsommertages war das Schloß plötzlich verschwunden. Gleichsam über Nacht. Es war einfach nicht mehr zu sehen. Tags zuvor noch leuchtete seine weiße Fassade mit der grünen, zwiebelförmigen Haube vom Hügel herab in die Ebene. Jetzt war da nur noch so etwas wie eine undeutliche, grüne Wand – so weit man es aus dieser Entfernung mit dem bloßen Auge erkennen konnte. Es schien, als habe jemand mit einem riesigen Farbpinsel das Loch im Wald, in dem das Schloß stand, einfach zugemalt.

Vitus bemerkte das Verschwinden des Schlosses aus den Augenwinkeln. Doch schnell senkte er seinen Blick wieder auf den Feldweg, auf dem die Prozession langsam, im feierlichen Gleichschritt dahinzog. Hatte ihnen der Pfarrer doch vorher noch eindringlich eingebläut, nur nicht in der Gegend herumzuschauen, sondern dem Herrn zu folgen. Sie sollten sich auf die Gebete konzentrieren, die jetzt wie eine rhythmisierte Wortwolke über der Prozession schwebten, ein monotones Summen, das abwechselnd aus dem rechten und aus dem linken Glied der Prozession kam. „Bitt für uns…“. Am Rande des Weges wirbelten Lerchen durch die Luft.

Es sollte wieder ein heißer Tag werden. Schon jetzt wärmte die Sonne stark. Die vielen Füße wirbelten den Staub des Feldweges auf. Wenn Vitus vor sich auf die Prozession blickte, sah er die wogenden Schultern und Köpfe der Bauern. Gamsbärte zitterten im Gleichschritt. Noch weiter vorne zog der Pfarrer dahin, von brokatenen Fahnen umwallt und von vergoldeten Fahnenspitzen umzingelt. Vor ihm trugen Ministranten das schwere Kreuz, dass sich als scharfe Kontur in den Himmel einzeichnete. Immer wieder pufften Weihrauchwölkchen auf. Hinter Vitus murmelten die Frauen in ihren dunklen, schweren Trachtenstoffen, die im Staub des Weges schleiften.

Jetzt hatte die Prozession die letzte Geländewelle überschritten, es kam die Wallfahrtskirche mit ihren fünf alten Linden in Sicht, eingebettet in das wellige Voralpenland.

Ein zweites Mal wagte er einen verstohlenen Seitenblick. Kein Zweifel: Das Schloß war tatsächlich weg, aufgesaugt vom Grün des Waldes. Vitus war noch nicht in dem Alter, in dem man an Träume glaubt. Er glaubte noch an die Wirklichkeit. Er hatte das Schloß nicht geträumt. Gestern noch, auf dem Weg zur Schule, hatte er es gesehen. Auch wenn es absurd schien: Jemand oder etwas hatte es verschwinden lassen. Daran konnte es keinen Zweifel geben.
Zwischen dem Schloß und der Kirche führte der Weg in die Schule, die im Nachbardorf lag. So lange Vitus sich erinnern konnte, hatte er auf diesem Weg das Schloß im Blick gehabt. Oben auf dem Hügel lebte die Herrschaft, dort oben arbeiteten seine beiden Schwestern und manchmal auch seine Mutter, was seinen Vater immer sehr erboste. Hier unten regierte der Herrgott inmitten der Wiesen, die im Frühling satt grün und im Winter blendend weiß waren. Normalerweise hätte es umgekehrt sein müssen: der Herrgott oben, die Herrschaft unten. Aber Vitus war froh, dass es so war und nicht anders. Da oben wollte der Herrgott gar nicht sein. Hier unten war er besser augehoben. Denn Sein Vater sagte immer: „Da oben, da haust der Deifi!“ Und wo der wohnt, da kann sich der Herrgott nicht aufhalten. Deswegen verlangte der Vater jeden Abend von seinen Schwestern und seiner Mutter, sich die Hände und die Arme im Trog zu waschen, bis über die Ellenbogen, bevor sie sich zum Abendbrot niederließen. Mit Kernseife. Nur so würde der teuflische Schmutz abgehen, sagte der Vater.

Die Prozession kam ins Stocken. Die Männer vor ihm blieben abrupt stehen. Fast liefen die Frauen hinter ihm auf ihn auf, so plötzlich kam der Halt. Vitus war jetzt eingeklemmt und ohne Sicht. Er roch die süßlichen Lederhosen der Männer vor ihm und den strengen Mottenkugelduft der Dirndl hinter ihm, er hörte das feine Aneinanderschlagen der hölzernen Rosenkranzkugeln, die mit der gleichen Geschmeidigkeit durch glatte und faltige Hände glitten wie sie es schon seit Jahrhunderten taten. Minutenlang standen sie so in der Morgenhitze und beteten.

Das Leben im Schloß kannte Vitus kaum. Nur wenige Mal hatten seine Schwestern ihn mit hinauf genommen. Er erinnerte sich noch an den breiten Kiesweg, der zum Eingang leitete, er erinnerte sich an die dunklen Eichenmöbel im Innern, natürlich an den elektrischen Aufzug, der in einem Kasten aus Eisen und Stahl mühelos und fast ohne Geräusch nach oben und unten glitt und mit einem kurzen, zischenden Geräusch stehenblieb, und vor allem erinnerte er sich an das türkisfarben gekachelte Schwimmbad im Keller, das er allerdings nur durch eine getönte Glastür erahnen konnte, als er sich einmal hinab getraut hatte, um dem Gerücht seiner Schwestern, dort unten würde es eine private Badeanstalt geben, nachzugehen. In der Tat: Es war eine sehr private Badeanstalt, auf die er dort unten stieß, nachdem er sich langsam und leise die breite Steintreppe hinabgeschlichen hatte, immer wieder innehaltend, um nachzuhorchen, ob ihn auch keiner bemerkte.

Unten angekommen, sah er sofort, wo er weiterforschen mußte: Links und rechts führten Gänge in die Dunkelheit, während direkt vor ihm eine Milchglastüre, die mit goldenen Intarsien verziert war, seine Aufmerksamkeit anzog. Die Tür war von innen beschlagen, und als er sich näherte, hörte er Stimmen. Es waren eine Männerstimme und verschiedene Frauenstimmen. Der Mann grunzte, die Frauen quietschten. So hörte es sich zumindest für Vitus an. Dazwischen immer wieder Wasserrauschen. Er drückte sich an der Wand entlang und öffnete die Tür einen Spalt, gerade so viel, um erahnen zu können, was dort drinnen vor sich ging.

Für einen Moment vergaß er dabei jede Vorsicht. Was ihn antrieb war ein Satz seines Vaters, der ihm im Ohr klang: „Da oben herrscht der Deifi!“ So langsam wie nur irgend möglich schob er die Glastür, die kein Schloß und auch keinen Türgriff hatte, auf. Zuerst sah er nur Dampf, dann konnte er eine blaue Fläche unterscheiden, die sich zu bewegen schien, dann kam ein nacktes, rötliches Bein ins Blickfeld, das aus der blauen Fläche und aus dem Dampf herausragte, dann eine stark behaarte männliche Hand, die den Fuß des Beines umschloß, und dann sah Vitus plötzlich die Dirndlschürze seiner Schwester, die aus einem benachbarten Raum herauszuschweben schien, die sich dem Beckenrand näherte und die sich plötzlich nach oben schob, als die schwarzhaarige Hand vom Fuß abließ. Ein kurzer Schrei folgte, und gleich darauf zerschellten Geschirrteile und ein Tablett auf dem Boden. Vitus ließ die Glastür los…

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