AfD – Analoges für Deutschland

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Der Ursprung der AfD wird gerne aus dem Versagen der sogenannten „Volksparteien“ heraus erklärt. Das ist falsch. Das schnelle Erstarken der AfD und vergleichbarer Parteien in anderen europäischen Ländern ist durch reine Abwanderbewegungen von Wählerlagern nicht zu erklären. In ihm entlädt sich vielmehr fanalartig ein tiefer wurzelndes, existentielles Unbehagen gegenüber der Veränderung der Welt, das auf die mit Lichtgeschwindigkeit voran schreitende Digitalisierung zurück zu führen ist. Denn der Moment, an dem die AfD Fahrt aufnahm, fällt mit dem allgemeinen Heraufdämmern der Erkenntnis zusammen, daß die globale Digitalisierung und der globale Kapitalismus ein und dasselbe sind.

Der Wähler der AfD ist jener Abgehängte, dem die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft Angst macht. Er profitiert nicht von den Wertschöpfungsprozessen, die das Netz in Gang setzt, sondern er sieht sich zunehmend als deren Objekt, ja als deren Sklave. Das Fremde, vor dem er sich abschotten will, wird nur vordergründig (und dümmlich) durch die Flüchtlinge repräsentiert. In Wahrheit lauert die Fremdheit, die es zu bekämpfen gilt, in den Tiefen des Netzes. Das „Andere“ – das ist nicht der Flüchtling, sondern das Internet.

Der AfD-Wähler ist ein Angst-Wähler. Er ist ein Produkt jener „Gesellschaft der Angst“, die der Soziologe Heinz Bude beschrieben hat (Hamburger Edition, 2014). Aber Angst machen ihm nicht die Syrer, Afghanen oder Nordafrikaner, sondern wirkliche Angst macht ihm das Prinzip „Migration“, das seine Wurzeln im Digitalen hat (Datenmigration). Angst verursachen die Anonymisierung der maximal vernetzten und damit entindividualisierten digitalen Dienstleistungsgesellschaft, in der man seine Kleidung bei Zalando, seine Bücher bei Amazon, sein Essen bei Lieferando, sein Feriendomizil bei AirBnB und seine Mitfahrgelegenheit bei Uber bestellt, in der man von Autos ohne Fahrer überholt wird und in der der Roboter den menschlichen Kollegen ersetzt. In diesem digital gesteuerten Kosmos ist alles in Bewegung, hier gibt es weder ein Oben noch ein Unten, weder ein Links noch ein Rechts (das auch in politischer Hinsicht), und die Migration der Menschenmassen ist nur der analoge Reflex digitaler Technologie, die keine Grenzen, keine Völker, keine Nationen und erst recht keine Rassen mehr kennt, sondern nur noch Kunden, Käufer, Konsumenten.

Vor allem hat der AfD-Wähler Angst vor einer Gesellschaft ohne Gesicht. Auch das klingt zunächst paradox. Würde man doch annehmen, dass es in erster Linie die Geellschaft der vielen Gesichter ist, gegen die eine Partei wie die AfD aufbegehrt. Aber die artikulierte Angst vor einer Gesellschaft der vielen Gesichter ist nicht mehr als der Reflex einer tiefer fundierten Angst – der vor der absoluten Gesichtslosigkeit, die vom globalen Kapitalismus erstrebt und erzeugt wird. Denn erst die Entindividualisierung erzeugt wirtschaftlich relevante Skaleneffekte. Erst wenn jeder das gleiche will und sich freiwillig in den Mainstream einordnet, wird ein weltweiter Rollout sinnvoll.

Interessant ist dabei, zu beobachten, wie sich das Individuum gegen diese Gesichtsauslöschung wehrt. Der Verteidigungsreflex dagegen ist das Selfie – jene rührend hilflose Geste der Rettung des eigenen Antlitzes vor der Konturlosigkeit und vor dem Verschwimmen. Ein Selfie ist ein spontaner Individuationsversuch, der sein eigenes Scheitern in sich trägt. Denn das Selfie ist selbst nichts anderes als ein geschickt eingefädelter, mikroökonomischer Wertschöpfungszweig, der eigene Produkte hervorgebracht hat, zum Beispiel den Selfie-Stick, an dem man sein Mobiltelefon zum Zweck der Portraitfotografie befestigt. So ist jedes getätigte Selfie selbst wieder nur ein Beitrag zur digitalen Transformation, zur eigenen Auslöschung, und so wird jeder derart unternommene Selbstverteidigungsversuch gegen die Entprofilierung und Homogenisierung des Menschengeschlechts zu einer emphatischen Bestätigung des solcherart Bekämpften.

Aber auch wenn es paradox klingt: Das Selfie ist immerhin der letzte Versuch, das Gemeinwohl, ja den Kommunismus zu retten. Denn unsere Vorstellung von Gemeinwohl setzt beim Individuum, seinen Rechten und Pflichten an. Dort, wo es kein Ich mehr gibt, gibt es auch kein überindividuelles Gemeinwohl mehr. Dort, wo das Ich brüchig wird, beginnt auch das Gemeinwohl, beginnen Freundschaft und Fürsorge zu korrodieren. Das brüchige Ich ahnt das, und zur Rettung seiner Stabilität, seiner Konturhaftigkeit, setzt es das Selbstportrait ein: um sich zu vergewissern, dass es noch da ist, dass sein Gesicht sich noch nicht in einen Bar-Code oder in eine verpixelte Fläche verwandelt hat. Im hysterischen Grinsen, das viele Selfies kennzeichnet, bricht dann die berechtigte Angst vor dem eigenen Spiegelbild hervor. Und deswegen auch der schnelle Blick nach dem Selfie auf das Smartphone, um zu sehen, was in diesem gespenstisch anmutenden Vorgang festgehalten wurde. Diese Geisterwelt der digitalen Selbstfotografie ist die letzte Front der Schlacht des Analogen gegen das Digitale.

Es gibt also kein Entkommen, es sei denn, man zieht sich als Selbstversorger und Totalverweigerer in die polnischen Wälder zurück. Doch wer ist einem solchen radikalen Lebensentwurf gewachsen? Ist er doch ein Austritt aus der Zivilgesellschaft mit all ihren Sicherheiten und Garantien. Mit solchen Eskapaden ist allerdings keine Politik zu machen. Und so formiert sich eine Politik gegen das Fremde als eine Bewegung, die die Migration nicht von Daten, Käuferprofilen, Kartencodes und Produkten thematisiert, sondern die Migration von Menschen, die durch den neu strukturierten globalen Wirtschaftsraum in Bewegung gesetzt werden und den Globus überfluten. Die Kriege, die diese Menschenströme in Bewegung gesetzt haben, sind letzten Endes nichts anderes als die Durchsetzung ökonomischer Interessen, auch wenn diese militärischen Auseinandersetzungen sich einen politischen oder religiösen Anstrich verleihen.

Das Gemeinwohl als oberstes Ziel der Gesellschaft wird abgelöst von einem nach ökonomischen Gesetzen durchorganisierten Datenkosmos, in dem sich die Frage nach substantiellen Lebensmodellen in aller Schärfe stellt. Was bleibt von mir übrig, wenn ich alle meine digitalen Identitäten, Begierden und Aktivitäten von meiner Person abziehe? Niemand kann sich hier leichtfertig freisprechen, denn schon die Suche nach dem billigsten Flug in den Urlaub und jeder Internet-Preisvergleich für das neue Auto ist ein Beitrag zur digitalen Transformation. Oder anders ausgedrückt: Jeder Klick füttert die Bestie. Disruptiv und systemstörend verhält sich nur derjenige, der sich aus dem System ausklinkt und eine neue Form des Gemeinwohls begründet, wie es auf der Ebene des Kommunitarismus vereinzelt bereits gschieht.

Die AfD hat es sich zur Aufgabe gemacht, Lebensmodelle zu entwickeln, die in einer aufkommenden Gesellschaft der Gleichen, in einem Raum der „Niemandsherrschaft“ (Heinz Bude), in einem Gemeinwohl ohne Gemeinschaft, noch tragfähig und selbsterklärend sind. Das ist ein gutes Ansinnen, der tragische Fehler ist nur, daß die Intelligenz der Parteiverantwortlichen nicht ausreicht, um den wahren Gegner zu erkennen. Selbst Vordenker wie Marc Jongen, die nicht ohne Erfolg an einer intellektuellen Profilierung der Partei arbeiten, sind letzten Endes Marionetten im digital-globalen Puppentheater. Die Chance der AfD wäre es gewesen, sich als eine Partei des fundamental Anderen, als eine Partei des grundsätzlichen Einspruchs gegen das ökonomosche System zu positionieren, als eine Volkspartei des normalen Lebens, als eine front populaire des Analogen, des Regionalen, der Tauschgeschäfte, des Kommunitären. Vielleicht erleben wir es ja noch, daß sich eine Bewegung der Identität in Gang setzt, die die Unappetitlichkeiten und Undurchdachtheiten des „Identitären“ überwindet. Das aber setzt voraus, dass in Zukunft Philosophen Parteien gründen, und nicht nur Wirtschaftsprofessoren.

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