Pariser Plaisir. Aus dem Tagebuch von Paul Léautaud 1935-1937

 

Es liegt in meiner Natur, für die Dinge nichts anderes übrig zu haben als Spott, selbst dann, wenn sie mich betreffen.
Paul Léautaud

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Um auf meine Aufzeichnungen über die Liebe zurück zu kommen: vielleicht mache ich mich lächerlich, wenn ich in meinem Alter über solche Dinge schreibe? Ab einem bestimmten Alter macht man sich immer lächerlich, wenn man über die Liebe spricht. Ich glaube, La Rochefoucauld hat so etwas ähnliches gesagt. Nun ja, was soll’s!
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Auriant sagte mir heute Abend, dass er schon sehr oft mein Interesse für Dinge der Liebe beobachtet habe, für alles, was Frauen angeht, er spürt auch immer noch eine Leidenschaft in mir, verbunden mit großer Klarsicht, großem Mißtrauen, einer ständig wachen Beobachtung. Und das ist alles richtig. Ich sagte ihm aber auch, dass einen das alles nicht davor schützt, hereingelegt zu werden. Ich denke bei mir, dass ich genügend Gründe habe, mein Thema durch und durch zu kennen.
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Ich gehe nach oben zu Bernard, um über die tschechische Übersetzung von La porte étroite (Die enge Pforte) zu sprechen. Duhamel hört den Titel und sagt: „Sie sprechen von La porte étroite. Dazu muß ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die man mir gestern berichtet hat. Die Szene ereignete sich in der Praxis von Professor Mondor, in Beaujon, an einem Vormittag. Er bereitet sich auf den nächsten Patienten vor. ‚Schicken Sie mir bitte den Nächsten herein!‘ Man antwortet ihm: ‚Herr Professor, das ist ein eigenartiger Fall“ – „Ein eigenartiger Fall? Warum?“ – „Es handelt sich um einen Perversen“.- „Einen Perversen? Nun denn, bringen Sie ihn trotzdem herein“. Man öffnet die Tür des Zimmers, und was sieht man? Eine Tür! Eine Zimmertür. Eine Tür mit einem Loch, aus dem ein Penis herausschaut. Es handelt sich um einen Typen, der ein Loch in eine Tür gebohrt hat, um seinen Schwanz hindurch zu stecken. Natürlich war der Schwanz geschwollen, wie es in solchen Fällen immer passiert. Es gab keine Möglichkeit, den Mann herauszuziehen, der hinter der Tür war. Man hielt es für einfacher, die Tür aus den Angeln zu heben und den Mann mitzubringen. Die Angestellten der Praxis schrien wie aus einem Mund“. Das also ist sie, La Porte étroite.
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Seit einiger Zeit befinde ich mich in einem Zustand äußerster Teilnahmslosigkeit. Weder im Mercure noch zu Hause mache ich meine Arbeit richtig. Ich habe keinerlei Schwung, keine Geistesregung, außer… sie zu sehen, sie nackt zu sehen, mir ihr zu schlafen, mich allen unseren Schweinereien hinzugeben. Hoffen wir, dass das vorbeigeht- ich meine: die Apathie – wie immer. Das Gegenteil wäre wirklich zu trostlos.
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Besuch von Cario. Er fragt mich, ob ich Maurice de Faramond gekannt habe. Er erzählt mir eine lustige kleine Begebenheit über Madame de Faramond, eine sehr schöne, ja auf seltsame Weise schöne Frau, äußerst galant, – (ich hatte sie mehrmals gesehen, mit Rachilde, im Theater). Es kam ihm einmal in den Sinn, ihr den Hof zu machen. „Oh“, sagte sie zu ihm, „wie schade. Sie kommen 24 Stunden zu spät. Nun befinde ich mich in einer mystischen Krise.“
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Besuch von Geneviève Chatelain, die ich von Geburt an kenne, mit der ich als Kinde so oft spazieren gegangen bin und mit der ich gespielt habe. 34 Jahre. Verheiratet. Mutter. „Guten Tag, Paul“, „Auf Wiedersehen, Paul“. Seltsames Gefühl, mich von einer Frau mit meinem Vornamen angesprochen zu hören. Das ist mir seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr passiert. „Die Plage“ sprach und spricht mich immer nur mit „Hör mal!“ an, C.N. ruft mich nie anders als „Hallo! Hallo!“
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Es ist nicht das erste, sondern das hundertste Mal, dass ich die folgende Erfahrung mache: der Zustand der Betrübnis, eine Enttäuschung in Liebesdingen, ist günstiger für meine Arbeit als ein Gefühl der Zufriedenheit, und zwar aufgrund des Sarkasmus‘, der Feindseligkeit, der geschärften Wahrnehmung, ich sollte besser sagen: der Frauenfeindlichkeit, die diese Gefühl in mir erzeugt. Ich notiere das aufgrund einer Bemerkung, die C.N. gestern am Telefon machte, die ich in einer äußerst ungünstigen Weise auslegte und die meinen Geist für den ganzen Abend im besten Sinne erregte. Heute morgen: Aufklärung ihrerseits. Adieu, liebe Erregung. Das läßt mich die Überlegung anstellen, ob mein Hauptcharakterzug nicht die Kampfeslust ist – zumindest literarisch gesehen.
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Im fünften und sechsten Arrondissement gibt es neben vielen anderen Wahlplakaten eines, auf dem in riesigen Lettern das Folgende steht:
FRANKREICHS FRAUEN, WAS WOLLEN WIR?
M.D. erzählte mir heute Abend, dass sie gestern, als sie an der Rue Cujas vorbeikam, eine Menschenmenge erblickte, die ein Plakat las und sich ausgelassen zu amüsieren schien. Sie trat heran, um zu schauen. Unter den Wahlspruch hatte ein Witzbold gut lesbar geschrieben:
Einen großen Schwanz im Hintern.
Endlich ein Wähler, der die Sache von der richtigen Seite her nimmt.
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Eine Frau besucht ihren Mann, einen Offizier, an der Front und blieb bei ihm, obwohl das in allen Armeen streng verboten ist. Er wird darauf aufmerksam gemacht. Man befiehlt dem Mann, sie nach Hause zu schicken. Die Frau will nicht gehen. Man erklärt dem Offizier, dass er sich des Ungehorsams schuldig macht und dass der Fall beginnt, gravierend zu werden. Der Mann befiehlt seiner Frau, zu gehen. Sie weigert sich. „Du willst nicht gehen?“ – „Nein!“ Er zieht seinen Revolver und brennt ihr das Hirn weg. Der General Pellé schreibt: „Im Krieg gibt und empfängt man den Tod so einfach, dass das Töten zu einer Leichtigkeit wird“.
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A. erzählt mir Folgendes: Samstags im Bus, auf dem Heimweg, saß ihm eine Frau gegenüber, daneben ihr Ehemann, der damit beschäftigt war, aus dem Fenster zu schauen. Die Frau schaut ihn direkt in die Augen und lächelt ihn mehrmals an. Sie und ihr Mann steigen an der gleichen Haltestelle wie A. aus. Erst geht der Ehemann an ihm vorbei, dann sie. Im Vorbeigehen sagt sie zu A. in einem anzüglichen Ton: „Sie Schlingel!“ (ohne Zweifel ein Vorwurf, nicht auf ihr Lächeln reagiert zu haben). Er folgt dieser Frau und ihrem Mann bis zu einem Haus, wahrscheinlich ihrem Domizil, in das sie eintreten. A. sagt, das Lächeln dieser Fraue habe ihn lahmgelegt, es habe ihm vollständig an Geistesgegenwart gefehlt, die darin bestanden hätte, ihr einen Zettel mit seinem Namen und seiner Anschrift in die Hand zu drücken.
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Die Frauen verstehen nicht, dass man sie mit einem Buch – oder mit einer Feder und Papier – vergessen kann.
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Ich habe keines der Tiere, die ich besessen habe, jemals vergessen. Wenn ich draußen eine Katze sehe und so streichle, wie sie es gern hat, kommt mir sofort der Name einer, die ich einmal hatte, in den Sinn. Heute morgen habe ich in der Coopérative wieder diese Erfahrung gemacht. Als ich ein kleines, auffällig getigertes Kätzchen kraulte, die sich unter meinem Kraulen wand, kam mir sogleich dieser Namen über die Lippen: Madame Minne. Süßes kleines Vieh! Ich erinnere mich daran, wie sie um Mitternacht aus der Tiefe des Gartens angerannt kam, wenn ich sie rief: „Madame Minne! Madame Minne!“, und sie antwortete darauf „Miau! Miau!“, bis sie am Haus angelangt war. Im meinem Innersten habe ich nichts wirklich geliebt als diese Wesen. Die Liebe zu einer Frau reichte nie so tief. Meine Liebesbriefe sind sind nichts als Ausdruck physischen Begehrens.
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Ich habe eine neue Frisur. Ich habe jetzt keine langen Haare mehr. Ich habe sie heute morgen stark gekürzt. Ich trage sie jetzt etwas luftiger (ich habe Naturlocken). Ein Liebhaber in meinem Alter muß sich verjüngen.
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Heute Abend, beim Verlassen des Mercure, Place de l’Odéon, kreuzt eine brünette Frau meinen Weg, um die fünfzig, gut geformt, wie ich sie liebe, sie dreht sich nach mir um, bleibt am Schaufenster von Flammarion stehen, dreht sich noch einmal nach mir um, sie sieht nicht aus wie ein Freudenmädchen, eher im Gegenteil, sehr bürgerlich. Mit mehr Kühnheit hätte ich schnell eine neue Mätresse finden können. Aber gerade jetzt – und vor allem in diesem Fall – ist es nicht die Kühnheit, die mir zufliegt.
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Eine verheiratete Frau hat einen Liebhaber, er ist, natürlich, der beste Freunde des Hauses. Eines Tages ist dieser Freund zu Besuch. Der Gatte, ein Industrieller oder Geschäftsmann, arbeitet gerade tüchtig an seinen Konten. Der Liebhaber drängt die Frau, in ihr Schlafzimmer zu gehen und sich zu lieben. Erst sträubt sie sich, verweist auf die Anwesenheit ihres Mannes, die geringe Sicherheit, die große Unvorsichtigkeit etc. Der Liebhaber insistiert, erhitzt sich, spricht vom Vergnügen, von Zärtlichkeiten, entzündet sie, verwirrt sie, bringt sie in den Zustand des Verlangens. Sie sieht nach ihrem Mann, er sitzt immer noch über seinen Büchern, seinen Schriften: „Arbeite gut, Schatz“, und geht davon, um sich mit ihm zu lieben. Ich sagte zu Auriant: Das ist ein schurkisches Wort, wie Frauen es in Momenten der Sünde, der Lüsternheit aussprechen können, wenn sie von einer lasterhaften Wollust angetrieben werden. Alle Frauen sind dazu in der Lage. Man hört immer wieder von Frauen, die, obwohl, verheiratet oder fest gebunden, mit ihrem Liebhaber wenige Schritte neben dem Bett schlafen, in dem ihr Ehemann gerade stirbt oder bereits gestorben ist. Ich glaube, dass es immer die Frauen sind, von denen die Partie ausgeht. Meistens, jedenfalls.
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Wenn andere gedanklich in die Vergangengeheit reisen, kann ich mich darin einstimmen. Aber in meine eigene Geschichte? Niemals. Ich habe es noch nie erlebt, melancholisch meinen verflossenen Liebschaften nachzusinnen – ich glaube, ich würde loslachen müssen -, ich habe auch nie das, was ich erreicht habe, mit dem verglichen, was ich mir erträumt habe, und dafür gibt es einen einfachen Grund: Ich habe niemals von einem bestimmten Schicksal geträumt.
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Dann Besuch von Raynaud. Er sieht schlecht aus. Er wankt. Er geht am Stock. Ich frage, wie es ihm geht. Er sagt, dass er sich dahinschleppt, dass er nicht ohne seinen Stock laufen kann, dass es dem Magen gut geht, es sei eher das Herz, das Probleme bereitet. Ich frage ich nach seinem Blutdruck. 17/8. Saltas sagte mir neulich, er habe 26, wieder ein Beispiel dafür, dass die Mediziner den Kranken nie die Wahrheit sagen. Ich frage ihn, ob er noch halbwegs arbeiten könne. Er bejaht, aber nicht mehr mit dem gleichen Fleiß, mit der gleichen Aufmerksamkeit. Manchmal fehlen ihm die Worte. Es sei wie beim Lesen: Er kann nicht mehr in der Lektüre aufgehen. Nach sechs Seiten ermüdet er. Er sagt: „Das beste Zeichen dafür, dass es mir nicht gut geht, ist die Unlust, die ich an allem habe, der Mangel an Interesse für die Dinge. Und die Liebe? Unter uns gesagt, auf der Erde gibt es nur eines, was zählt: Liebe zu machen. Sind Sie anderer Meinung? Und Sterben beim Liebesakt? Man sagt, dieser Tod sei ein Skandal. Aber es ist doch der angenehmste Tod“.
Endlich ein Mann, der so denkt wie ich.
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Cario ist wie ich: die gleiche Leidenschaft für den Stand der Ehelosigkeit, die gleiche Liebe zu den Frauen, die gleiche Verachtung für die Frauen, für ihre Niedertracht, ihre Morallosigkeit, die zu allem befähigt durch Laster, Neugier oder Interesse.
Heute abend ergänze ich: Man muß ein ausgemachter Trottel sein, um nicht zu wissen oder zu entdecken, dass einen die eigene Frau betrügt.
Ich glaube felsenfest daran, dass man ein Narr sein muß, um einer Frau zu vertrauen. Wer nicht eifersüchtig ist, der liebt nicht wirklich. Ich habe das schon oft zu… gesagt, die mir entgegenhält, dass noch keiner ihrer verflossenen Liebhaber sie so verdächtigt hätte wie ich. „Das liegt daran, dass diese Liebhaber entweder Dummköpfe waren oder dass sie Sie nur oberflächlich liebten, als Amusement.“
Wir sprechen eine Weile über den Mangel an moralischem Sinn bei den Frauen. Ich erzähle ihm, ohne konkret zu werden: Ich kenne eine Frau, die mich immer mit ihren vergangenen Liebhabern zusammenbringen will. Noch gestern sagte ich ihr: „Sie sind wirklich eine außergewöhnliche Frau, mich mit diesen Männern zusammen bringen zu wollen. Man könnte meinen, dass das für sie eine Form des Vergnügens sei…“ Dazu Cario: „Ein lasterhaftes Vergnügen, so viel ist sicher…“
Dann fahre ich fort: „Das Lustigste ist, dass sie nichts über mich wissen. Ich dagegen weiß alles über sie. Das geht so weit, dass ich der Zurückgesetzte bin…“. Man kann diesen Satz aber auch herum drehen: dass sie die Überlisteten sind, denn sie wissen nicht, dass ich der Liebhaber bin, während ich weiß, dass sie es waren.
Ich werde leider dafür bezahlt, in diese Sachen Feuer zu bringen und Aufmerksamkeit zu erwecken, auch wenn ich über sie spöttisch berichte. Cario heuchelt nie, zeigt großes Interesse, ich erkenne das an seinem Gesichtsausdruck.
Er erzählt: „Ich hatte einmal eine Maitresse, eine verheiratete Frau. Sie sagte, sie schlafe nicht mehr mit ihrem Mann, alles sei aus zwischen ihnen. Ich glaubte ihr nicht. Dann kühlte die Beziehung ab, verlangsamte sich, war zu Ende. Kurze Zeit später machte ich die Bekanntschaft einer anderen Frau, auch sie war verheiratet, sie wurde meine Geliebte. Die Erste hörte davon und sagte mir: „Sie hat Dir bestimmt erzählt, dass sie nicht mehr mit ihrem Mann schläft. Und Du hast das natürlich geglaubt.“
Das ist so schön wie ein Satz aus einem Stück von Becque.
Ich sage zu ihm: „Wie Sie sicherlich wissen, gibt es Geschichten von Frauen, Ehefrauen oder Geliebten, die mit ihrem Liebhaber direkt neben dem Sterbebett ihres Mannes schlafen. Nun denn, ich gehe davon aus, dass es immer die Frauen sind, die mit so etwas beginnen.“
Cario sagt: „Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich hatte mal wieder eine verheiratete Frau als Geliebte. Ich stieg bei mir aus dem Fenster heraus und kam bei ihr durchs Fenster herein. Eines Tages starb ihr Mann. Zu dieser Zeit gab ich juristische Kurse. Ich hatte keine Möglichkeit, zur Beerdigung zu gehen. Am Abend beschloß ich, ihr einen Besuch abzustatten, wie ein Freund, der kondoliert. Nun ja, mein Lieber, sie hörte nicht auf, bis ich mit ihr schlief, obwohl ich großes Mißbehagen dabei empfand, mich in dem Zimmer zu finden, aus dem man am Morgen ihren Mann herausgetragen hatte, und in dem ich dann die Nacht verbrachte“.
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In den Zeilen für Voilà habe ich eine Maxime von La Rochefoucauld zitiert: Das Alter ist die Hölle der Frauen. (La vieillesse est l’enfer des femmes). Ich habe lange in meinem La Rochefoucauld gesucht, um sie zu finden. Am Samstag habe ich mir die letzte Ausgabe der Bibliotheque Nationale gekauft. Ich habe in den Editionen von Garnier und Flammarion gestöbert. Es wa unmöglich, dieses Zitat aufzuspüren. Heute abend fand ich es endlich in den postumen Maximen, jedoch folgendermaßen formuliert: Die Hölle der Frauen ist das Alter (L’enfer des femmes, c’est la vieillesse). Es tut mir leid für La Rochefoucauld, aber meine Version ist besser. L’enfer des femmes, c’est la vieillesse, das scheint zu sagen, das es eine Hölle für Frauen gibt, so wie es eine für Männer gibt, und dass die Hölle der Frauen das Alter ist. Während La vieillesse et l’enfer des femmes besser und genauer das Leiden ausdrückt, das für die Frauen die Tatsache des Alterns darstellt.
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In der Welt der Literatur gibt es zur Zeit viele junge Damen, die Romane schreiben, die sich literaturkritisch betätigen, die im „Radio“, wie man es heute nennt, über Literatur sprechen und die mit Sicherheit unfähig sind, die wichtigsten Bücher der französischen Literatur zu benennen. Jede Woche bekomme ich Besuch von einer Neuen, die ihre Runde bei der Presse macht. Heute morgen wieder. Ein sehr hübsches Mädchen. Würde sie nicht besser daran tun, sich mit Geschlechtsverkehr zu beschäftigen? Aber natürlich kann man auch beides gleichzeitig tun. Das eine muß das andere nähren.
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Herrgott! Mein Leben ist vielleicht nicht durch und durch lustig. Am Abend komme ich in ein verlassenes Haus und muß fürchten, dass das Kaminfeuer erloschen ist. Ich muß eine Lampe entzünden, um überhaupt herumgehen zu können, ich kümmere mich um mein Abendessen, die Fütterung meiner Tiere, dann ein bisschen Aufräumen, ich schleppe ein paar Kohleeimer und trage die Asche zum Müll. Ich wasche meine Unterwäsche und stopfe die Löcher. Aber angesichts einer vergleichbaren ehelichen Existenz – und solche gibt es unzählige – bin ich ein Privilegierter. Diejenigen Männer, die nicht alleine leben können, bezahlen dafür teuer, so oder so. Als wir über diese Daseinsform sprachen, bemerkte Cario, der auch alleine lebt und dem das gefällt, dass dieses Leben vielleicht nur einen Nachteil hat: allein zu sterben. Mir täte das aber nur wegen meiner Tiere leid. Ansonsten….
Gestern war das Ehepaar Merki bei der Versammlung, er über 72, blind, sich dahinschleppend, er wurde von seiner Frau gefahren, sagte kein einziges Wort, sie war auch nicht besser, keiner von beiden verstand ein Wort von dem, was man ihnen sagte, zu allem Überfluß noch Armut. Weiß man, was auf einen zukommt? Sich in einem solchen Zustand wieder zu finden. Jedenfalls lieber die letzte Bodenkammer als das Altenheim. Lieber die Einsamkeit als eine solche Zusammenpferchung.
Was zum Teufel schreibe ich hier eigentlich!
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Wieder ein Jahr vorbei. Jetzt beginnt bald mein sechsundsechzigstes. Nicht komisch, überhaupt nicht komisch. Noch weniger, wenn man ein Liebhaber ist. Man fragt sich, was die Partnerin davon hält.
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Ich schlendere durch die Ausstellung. Ich hätte ich nicht gedacht, so berühmt zu sein. Damen, die ich nicht kenne, kommen zu mir, sprechen sehr freundliche Worte, kennen mich als Schriftsteller. Marie Dormoy sagt lachend: „Mein Lieber, alle Frauen sind hinter Ihnen her“. Ich fühle mich jedoch recht alt, mit meinen langen, unordentlichen Haaren.
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Am Montag Nachmittag im Bus, auf dem Weg zur Marges-Versammlung, ein bürgerliches Ehepaar, sichtlich zufrieden, beide Mitte Vierzig, die Frau nüchtern gekleidet, beim ersten Hinschauen ein beliebiges Gesicht, bei näherer Betrachtung aber hübsch, fein, ein nettes Lächeln, ein zärtlicher, ja verliebter Ausdruck, sehr aufschlußreich in diesem Punkt. Dienstag, in meinem Büro, Besuch einer Frau desselben Genres, Gattin eines emeritierten Professors, sie kam, um über Cécile Sauvage Auskunft einzuholen. Die gleichen Beobachtungen wie bei der vorigen. Was sind doch diejenigen Männer für Dummköpfe, die glauben, es gäbe nur Huren, Frauen mit exzentrischem Auftreten, mit geschminktem Gesicht, mit herausforderndem Verhalten etc. etc. Viele bürgerliche Frauen haben unter ihrem glanzlosen, ja reservierten Gebaren sicher andere Lockungen und Annehmlichkeiten – in jeder Bedeutung des Wortes – und man kann hinzufügen, dass diese Vorzüge bei ihnen eine umso größere Beeutung haben, als sie natürlich sind. Diese beiden Begegnungen und meine Überlegungen erinnerten mich an eine Unterhaltung mit Barthellemy, der felsenfest davon überzeugt ist, dass sich die Liebe nur mit Dirnen lohnt.
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„Man sagt das immer über einen Mann in fortgeschrittenem Alter mit einer jungen Frau. Wer sagt Ihnen, dass er hinters Licht geführt wird? Ich möchte feststellen, dass es keinen Mann mit sechzig gibt – und noch weniger einen, der älter ist -, und erst recht keinen Mann mit Esprit, wie Meilhac einer war, der daran glaubt, daß eine junge Frau ihn wirklich liebt. Er weiß genau, daß das nicht möglich ist. Er weiß genau, daß alles, was man ihm sagt, aus purer Freundlichkeit geschieht. Nur gibt es eben bezaubernde Dinge zu sehen, zu betrachten, zu berühren: ein Gesicht, einen Körper, Bewegungen, anmutige Gesten. Und er sagt sich: Nützen wir die Sache doch aus. Aber er macht sich keinerlei Illusionen. Vielmehr ist er vergiftet von den Überlegungen, die er über die Überlegungen anstellt, die andere über ihn anstellen. Das nenne ich nicht hinter‘s Licht geführt sein, oder? Das ist sogar weit davon entfernt. Ich bin sogar sicher, daß Meilhac sich sagt: ‚Ich bin wie die Marionetten, die ich erfunden habe.‘“
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Mitternacht.- Ich bin in einem schlechten Zustand. Ich habe niemals wirklich Ehrgeiz gehabt. Und es wird immer schlimmer. Ich kann die Literatur fast nicht mehr ernst nehmen. Ich denke nur an eine Frau und daran, mit ihr zu schlafen, das kehrt die gewohnte Ordnung der Leidenschaften um.
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Ich erzählte ihr auch von Picassos Problemen mit seiner Frau, mit der er sich seit einem Jahr im Zustand der Scheidung befindet. Sie erzählte mir mehr. Eine Tänzerin des Ballet Russes. Äußerst hübsch, fein, von ausgesuchter Schönheit, originell, klein, schlank, sie hat sie einmal gesehen auf irgendeiner Soirée, sie trug ein himmelblaues Pailletenkleid, eine wahre Erscheinung. Äußerst verführerisch. Ich erzählte ihr von dem Eindruck, den die Erzählung Fleurets bei mir hinterlassen hatte, der berichtete, was daraus geworden ist: sie hat sich in eine Furie verwandelt, in den Alptraum Picassos, sie verfolgt ihn überall hin, verdirbt ihm sein Leben. Damals hatten sie sich angehimmelt. Heute: zwei Feinde. Man kann das fast nicht mit ansehen, ohne Mitleid zu empfinden. Ich dachte an die Notiz aus Amour: Man vergöttert sich eine Zeit lang. Eines Tages bringt man sich um.
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Ich vergaß, den Besuch von Albertine letzten Dienstag zu notieren. Sie hat sich seit der Zeit, in der sie mich jeden Abend im Mercure besuchte – das ist jetzt 15 Jahre her, sagt sie – nicht stark verändert. Etwas zu stark geschminkt. Etwas zu viel Rouge. Das betont die Falten. Sie schaut so ähnlich aus wie eine Platzanweiserin der Comédie Française am Premierenabend.
Ich fragte sie, was sie dazu gebracht hatte, mir zu schreiben und mich zu besuchen. Antwort: „Nichts Besonderes. Ich weiß selbst nicht genau. Das Vergnügen, jemanden Interessanten wiederzusehen, die meisten Menschen sind so dumm!“ Sie hat immer noch ihren seriösen Liebhaber, des Geldes wegen, sie hatte ihn einmal geliebt, beteuert sie. Heute ist er ziemlich alt. Ein Mediziner, der ein Sanatorium betreibt. Verheiratet. 15 Jahre älter als sie. Die kleine Ausstattung Rue Le Goff hat er ihr gekauft. Sie hat ihn schon oft betrogen, manchmal der Lust, manchmal des Geldes wegen. Ich konnte mich nicht zurückhalten, ihr zu sagen, dass sie ein ziemliches Flittchen sei. Wir sprachen über die Liebe, über das, was wir nur damals erlebten, in jener Zeit, von der oben die Rede war, dann sagte sie mir, wenn ich in Paris leben würde, würde sie mir daheim jeden Abend einen Besuch abstatten, eine Art von Freundlichkeit, auf die ich nie eine Antwort gebe. Bei ihr stieß ich auf einen Typ von Frau, den ich nicht kannte und der mich an jene Männer erinnert, die sagen, dass sie sich von Frauen trennen müssen, mit denen sie eineinhalb oder zwei Jahre geschlafen haben. Ihre eigene Frist ist noch kürzer: Nach sechs Monaten hat sie von einem Mann genug. Als ich ihr sage, dass für mich das erste Mal mit einer Frau, ja sogar die ersten Male abscheulich sind, lacht sie erstaunt. Ich weiß nicht mehr, was sie zu der Aussage brachte, dass, wenn es nicht sofort was wird, die Sache für sie vorbei ist, das heißt sie kommt bei diesem Mann nie wieder auf die Idee, weiterzumachen. Ich sage scherzhaft: „Nun, dass ist ja sehr freundlich für mich, was sie da sagen. Ich wollte mich gerade bei Ihnen bewerben! Ich bin also abgenutzt, ohne jemals gedient zu haben?“ Sie lachte: „Ganz genau“. Sie hat dann wahrscheinlich gedacht, dass ich verteufelt enttäuscht sein muß und mir vielleicht wenig daran lag, sie wiederzusehen: „Soll ich nicht mehr hierher kommen?“ „Aber sicher! Kommen Sie nur, wann immer Sie wollen. Das wird lustig. In anderer Hinsicht. Sie erzählen mir dann von ihren Abenteuern. Das entschädigt mich. Das machen wir so, nicht wahr?“ Ich habe immer noch eine starke Vorliebe für vertrauliche Mitteilungen dieser Art, die ich übrigens selbst nie gemacht habe, oder nur ganz selten, das einzige Mal einige kleine Dinge über …, und die waren alles andere als angenehm zu hören.
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Carco schaut jetzt nicht mehr aus wie der Betreiber eines Kleinbordells, als den ich ihn vor kurzem auf dem Boulevard Saint-Germain getroffen habe. Jetzt kleidet er sich wie ein Bourgeois, ganz in Schwarz. Liebenswert und einfach.
Auf dem Friedhof sprachen wir erst über den Roman, den Louise Hervieu demnächst veröffentlicht (Sangs), den sie mir geschickt hat und von dem es heißt, dass er so gut wie sicher den Prix de la Vie heureuse erhält, so zumindest Fleuret, dann erzählt dieser uns von seinen Illustrationen zu den Fleurs du mal, in denen es erstaunliche Frauen gäbe, echte Frauen, mit Brüsten bis hier (er zeigt auf seinen Gürtel), nicht mit Bügerinnenbrüstchen, Brüste zum Liebe machen!… und das alles im Tonfall eines echten Genießers.
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Beim Abendessen der Zeitschrift Marges, S. Ein Verführer, wie es scheint. Als man über Frauen spricht, über die Geschichten, die man mit ihnen hat und die nicht immer lustig sind, nennt er sich selbst als Beispiel. Mehrere Maitressen. Um sie zu besitzen, hat er sie geheiratet. Kinder von allen. Auf diese Weise kam er zu neun Kindern, kreuz und quer, alle anerkannt. Eine Scheidung nach der anderen. Alle mit Pensionen. Er überlässt es uns, das Glück zu beurteilen, das eine solche Lage mit sich bringt.
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„Man sagt mir oft, dass ich zum Schauspieler tauge, das sich alles, was ich sage, auf meinem Gesicht ausdrückt. Das ist nicht immer komisch. Den Frauen, zum Beispiel, kann ich nichts verbergen. Sie können auf meinem Gesicht alles das ablesen, was ich denke oder fühle. Ich habe keine Möglichkeit, ihnen etwas vorzuspielen. Während sie immer so gut Komödie spielen. Was dazu führt, dass ich von ihnen immer wieder über‘s Ohr gehauen werde.“
Sehr freundlich füge ich hinzu: „Wir sind ihnen unterlegen, weil wir sie immer mit unserer männlichen Aufrichtigkeit beurteilen, während sie immer niederträchtig sind. Klar, dass wir hier nicht auf der Höhe sein können“.
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Madame Perdrix kennen gelernt, schrecklicher Anblick. Vom Alter gezeichnet und irgendwie ausgemergelt. Ob sie wohl jemals hübsch war? Sie spricht wenig und scheint einen gesunden Menschenverstand zu haben. Bachelin drückte vor ihr mehrfach seine Unruhe darüber aus, vor ihr zu sterben und sie ohne Einkünfte zurückzulassen. Zwischen ihnen scheint eine wirklich große Zuneigung zu bestehen. Wenn ich die beiden so sehe, erinnere ich mich an das, was mir Bachelin einmal in meinem Büro im Mercure gesagt hat – ich hätte es notieren sollen -, wie sehr er es bedauert, nicht im Krieg getötet worden zu sein, denn im Rausch der Mobilisation habe er Madame Perdrix geheiratet und er müsse jetzt alle seine Kräfte zusammen nehmen, um sie nicht zu erdrosseln. „Sie sehen also: Es wäre besser gewesen, ich wäre gefallen!“
***
Ich habe das Vergnügen notiert, das ich an meinem neuen Arbeitszimmer habe. Es fehlt nur noch ein hübsches nacktes Wesen, das zu meiner Verfügung steht, auch wenn es nur darum ginge, mich an ihrem Anblick zu erfreuen. Nach so vielen Jahren finde ich mich am gleichen Punkt, den ich in einer meiner Theaterkritiken zum Ausdruck gebracht habe, über La Chartreuse de Parme, im Odéon, glaube ich.
***
Das Folgende schreibe ich auf, nachdem ich in einer kleinen Zeitschrift aus Toulouse, Le Bon Plaisir, Verse gelesen habe, in denen der Autor das Nachlassen der sexuellen Kräfte in seinen Fünfzigern beschreibt. Mit fünfzig war ich noch ganz schön aktiv. Die „Plage“ und ich haben Liebe gemacht, wo es nur ging. Das ging so bis weit über die 60. Am Anfang mit C.N. konnte ich leicht einmal pro Woche, manchmal zwei Mal, sie hat mich selbst daran erinnert, ich konnte sie befriedigen und meine Erektion hielt fast eine halbe Stunde. Erst im letzten Jahr verspürte ich das Gefühl nachlassender Lust, und Anfang diesen Jahres, meines 66., konnte ich leicht zwei oder drei Wochen sexuell abstinent bleiben und hatte nur kurze Erektionen. Hätte ich keine Geliebte, so wäre es wahrscheinlich, dass es mich nicht viel kosten würde, völlig brav zu sein. Was bei mir weiterhin sehr lebendig ist, ist die Lust an der Nacktheit, die Lust an den sinnlichen Ausdrucksarten eines weiblichen Antlitzes. Das ist ein echter Genuss für mich, den ich nicht so oft habe, wie ich gerne hätte.
***
Um die Mittagszeit, Rue Christine, eine junge Frau, blond, recht hübsch, mit Hut, sie steht auf dem Trottoir und singt mit einer schönen Stimme ernste Töne, durchmischt mit hohen Noten, sie ist das, was man, glaube ich, einen Sopran nennt. Ich gebe ihr 20 Groschen und lupfe meinen Hut, was ich auch für einen Mann getan hätte. Barmherzigkeit schließt Höflichkeit nicht aus. Ich gehe etwas weiter, bleibe dann an einer Tür stehen und höre ihr weiter zu. Als sie geht, folge ich ihr ein paar Meter. Ich brenne vor Begierde, sie darum zu bitten, einmal nach Fontenay zu kommen, um dort ein Stündchen zu singen. Ich würde ihr dafür sogar zwanzig Francs geben. Der Klang ihrer Stimme, die melancholischen, romantischen Melodien, die sie singt, erfüllen mich für sie mit einer Art von Zärtlichkeit. Aber es fehlt mir an Dreistigkeit. Die Angst, lächerlich zu wirken, hält mich zurück.
***
Nun sehe ich zum wiederholten Male am Abend, gegen 6 Uhr, an der Ecke der Buchhandlung Flammarion, gegenüber vom Luxembourg, einen älteren Mann, sicher über 70, der sehr gut und recht schlicht gekleidet ist und ziemlich leicht geht, sich dabei auf einen Stock aufstützt, in Begleitung einer Frau, ein sehr schönes Wesen, um die 40, mit einem jener ehrfahrenen Prostituierten-Gesichter, die ich so gerne betrachte. Heute verlasse ich den Mercure gegen drei, um zum Orthopäden in der Rue de l’Odéon zu gehen. Am Place de l’Odéon, vor der Buchhandlung Lipschitz, sehe ich meinen alten Herrn, er scheint zu warten und schaut immer wieder auf die Uhr, blickt in die Richtung der Rue Racine, blättert in einem Buch, um sich die Zeit zu vertreiben, läuft hin und her. Ich ahne sofort, auf wen er wartet. Ich stelle mich etwas von ihm entfernt auf, um mit ihm zu warten. Um halb vier sehe ich, wer die Rue Regnard kreuzt und sich in dem Winkel des Platzes postiert, an dem sich der Eingang zum Hotel Regnard befindet. Zwei Minuten später sehe ich sie kommen – er muss sie schon weitem gesehen haben. Ich beeile mich nun meinerseits, die Straße zu überqueren, um sie noch einmal aus der Nähe betrachten zu können. Keine Minute zu früh. Sie geht ins Hotel, er folgt ihr nach. Mindestens eine Viertelstunde sinniere ich dann über diese Art der Liebe, was diese für ihn bedeutet, was für sie. Jedenfalls hat die Tatsache, ihn in seinem Alter mehr als eine halbe Stunde stehend warten zu lassen, diesem armen Männchen die Sache sicher nicht erleichtert. Als ich die beiden gegen 6 Uhr wieder treffe, haben sie wahrscheinlich gerade abermals ein solches Rendezvous beendet, er stützt sich beim Laufen noch etwas stärker auf seinen Stock. Ich stelle einige Überlegungen über mich an…im Futur, versuche aber, mich nicht zu lange damit aufzuhalten.
***

Übersetzung: Alexander Pschera

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