Léon Bloy, Die Belagerung von Rhodos

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Für den Grafen Roselly de Lorgues, den Historiker des Christoph Colombus

Der Vicomte Armor-Luc-Esprit du Glas Saint-Sauveur war immer schon achtzig Jahre alt gewesen. Das war so etwas wie eine Redewendung in dieser Gegend, einem Eck der Region Perche , in der dieser nicht sterben wollende Greise unzählige Legenden und Traditionen am Leben erhielt, die sonst überall schon seit den ersten Kapetingern vergessen waren.
Selbst die Ältesten konnten sich nicht daran erinnern, ihn jung erlebt zu haben. Und diese Erinnerung war so entfernt, so zweideutig, so widerspenstig, dass jeder sich weigerte, daran zu glauben.
Es wäre auch nicht einfach gewesen, sein Ende vorher zu sagen, da er offensichtlich einer dieser nun erloschenen Rassen angehörte, über die der Tod erwiesener Maßen nur eine zweifelhafte Macht ausübte.
Der Vicomte war dennoch von stark unterdurschnittlicher Größe, und sein Körper war so schmal, dass man ihn aus einiger Entfernung für einen Strohalm hätte halten können. Dieser Körper war aber die Hülle einer großartigen Seele, wie man sie hier und dort nur alle sieben Generationen findet – dann, wenn die Menschheit sich von Grund auf erneuert.
Auf den ersten Blick verriet nichts an ihm etwas anderes als einen gewöhnlichen Achtzigjährigen, der in sein Wappen verliebt war.
Dieses war, ehrlich zu sagen, großartig. Die Du Glas trugen: unter einem blauen Schildhaupt mit drei Kalvarienkreuzen in Gold ein rotes Rind.
Ihr Wahlspruch FERT war derjenige der Herzöge von Savoyen, den sie als von jenen usurpiert betrachteten. Er war sogar der Anlaß für eine vererbte Entrüstung, die es nicht akzeptierte, dass ein Emmanuel oder ein Amadeus etwas Besseres sei als ein Meuchelmörder oder ein Landstreicher.
260 Jahre vorher hatte der Ururgroßvater des Vicomte Armor den erstaunlichsten aller Rechtsstreite eingeleitet. Er bediente sich des Streits zwischen Frankreich und Savoyen und des außerordenltichen Unmuts Heinrichs IV., um den Vorsatz in die Tat umzusetzen, mit Hilfe dieses mächtigen Königs die vier berühmten Buchstaben zurück zu erobern, die, wie jeder weiß, für Fortitudo ejus Rhodum tenuit stehen,- er stützte sich dabei darauf, dass es einer seiner Vorfahren gewesen ist, der damals die von den Osmanen bedrohte Insel Rhodos gerettet hatte .
Heinrich IV. war damals allerdings damit beschäftigt, sich umbringen zu lassen , und die Königinmutter wies den Bittenden ab.
Die Verbitterung, die dieses Gerichtsurteil verusachte, zerfraß diese alte Familie, die bald zerrüttet war. Das 18. und 19. Jahrhundert sahen den schrittweisen Niedergang des hohen Hauses Du Glas, für die Frankreich mit den letzten Valois von Angoulême gestorben war.
Als die Revolution kam, mußte sie die wackligen Mauern nicht einmal anstupsen. Der Vater des gegenwärtigen Vicomte, ein besessener Vergeuder des schon seit langem geschrumpften Vermögens, starb ruhmlos im Jahre 1815 und hinterließ seinem kümmerlichen und unweigerlich zum Letzten seiner Rasse ausersehenen Sohn gerade so viel, um wie ein antiker Pflüger überleben zu können.

Genauso so kahl wie Karl der Kahle, dessen Cousin über die weibliche Linie er angeblich war und den er mitunter mit Nachsicht erwähnte, trug der Abkömmling der „Ritter von Sankt Johannis vom Spital zu Jerusalem“ immer, bis zur Ankunft der Meteore, eine jugendliche Perücke, die so perfekt saß, dass man sich nur mit Böswilligkeit der Illusion einer echten Haarpracht hätte erwehren können.
Seine kleinen Kleidungsstücke – altmodisch geschnitten, aber, ich wage es zu sagen, abgewetzt und glänzend wie der Panzer einer Grille – saßen adrett auf seiner kleinen Gestalt, und es war eine in hohem Maße rührende Sache, diesen hübschen Greis zu sehen, der ohne Nachfahren war, einen der glorreichsten Namen des Abendlandes trug und sich bemühte, sein Elend dem ruhmreichen Rahmen der Jahrhunderte anzupassen.
Obwohl –oder vielleicht gerade weil – die Bauern ihn für verrückt hielten, war sein Einfluß in seiner Umgebung groß und ähnelte einer Art von Ansehen, das allerdings niemand hätte erklären können.
Sicherlich zögerte man nicht, ihn, wenn man konnte, seiner armseligen Ernten zu berauben, und alle notwendigen Geschäfte waren für einen alten Träumer, der sich nicht wehren konnte, zwangsläufig genauso teuer wie beleidigend; aber selbst der streitsüchtigste Grobian hätte es „für alles Gold der Welt“ nicht gewagt, in seiner Anwesenheit keine respektvolle Haltung einzunehmen.
Man konnte nicht sagen, dass es ihm an Wohlwollen oder Höflichkeit fehlte, denn er sprach mit niemandem, ohne sich bis auf den Boden zu verbeugen, als ob es sich um einen großen Fürsten gehandelt hätte.
Wenn, wie durch ein Wunder, eine schwere Kränkung, die er als solche empfunden hatte, ihn dazu bewegte, ein Exempel zu statuieren, richtete er sich auf, drückte seinen Hut ostentativ tiefer ins Gesicht und sagte zu dem Beleidiger, indem er mit den Augen blinzelte:
„Mein Herr, auch wenn ich mich noch so anstrenge, ich kann sie nicht erkennen“.
Und das war es auch schon. Auf keine andere Art erweckte er das herrschaftliche Recht der Justiz zum Leben. Aber das reichte schon aus, so sagte man, um den Bauer angesichts einer solch stolzen Haltung in Unordnung zu bringen.
Selbstverständlich bewohnte er das Schloß von Rhodes, das letzte Haus, das von allen Herrensitzen, die die Du Glas früher besessen hatten, übrig geblieben war.
Armes Schloss der unsterblichen Trugbilder, du Ruine einer Ruine, gastfreundlich nur den Raben und Waldkäuzen, denn kein Reisender aus den Heiligen oder den verfluchten Orten wäre in der Lage gewesen, sich zu Wünschen, dort Herberge zu suchen.
In Wirklichkeit war nur noch ein Zimmer bewohnbar von den hunderten, die die Tagundnachtgleichen über den Haufen geworfen hatten, und dies war das Zimmer voller Bücher des alten Armor. Bücher, die er von seinem Vater und seinem Großvater geerbt hatte und die alle die gleiche Geschichte erzählten, die Geschichte der Ritter vom Hospitalorden vom Hl. Johannes von Jerusalem, die im 14. Jahrhundert Ritter von Rhodos und später Malteser-Ritter gennant wurden.
Die Paladine seines Blutes waren seit der Gründung des Ordens immer dazu berufen gewesen, ihm anzugehören, und es war ihm eine kindliche Freude, ihre Namen allgemein so unbekannten Chronisten wie Sanut, Bosio, Wilhelm von Tyrus, Jakob von Vitri, Roderich von Toledo oder Roger de Hoveden wieder zu finden.
Diese Bücher waren seit einem halben Jahrhundert die einzige Nahrung für sein Gehirn, und es war ihm frühzeitig gelungen, aus der Lektüre eine unendlich aktuelle, genaue Spiegelung der epischen Ereignisse zu gewinnen, von denen dort erzählt wird.
Er wähnte sich tatsächlich in Rhodos, wo seine Vorfahren vornehmlich gekämpft hatten, und er selbst war es, der seinem zusammen stürzenden Bergfried den Namen dieser berühmtesten Festung gegeben hatte.

Gewöhnlich verließ er seine Bücher nur, um in die Dorfkirche zu gehen, nicht deshalb, weil er fromm war, sondern weil es der einzige Ort auf Erden war, an dem die Größe seines Stammes auf gebührende Weise bezeugt wurde.
Man kann sich kein verfalleneres, hilfloseres, ergreifenderes Heiligtum vorstellen, ein Ebenbild des benachbarten Schlosses, dessen Niedergang es widerspiegelte.
Es war ein altertümlicher Gemeindeschoß aus der Zeit der Karolinger, einst romanisch, den ungeschickte Baumeister gegen Ende des 15. Jahrhunderts spätgotisch umzugestalten unternahmen.
Dieses kleine Gebetshaus – von den Insekten zerfressen, Stück für Stück zermahlen, vom Efeu zerkratzt, vom Schimmel eingegrünt, in dem ungeschliffene Selige, eingenistet in dunklen Ecken, seit Jahrhunderten einen rohen Christus betrachteten, den die Schwalben besudelten – bot der Bewunderung des Besuchers zuerst den Anblick eines wahrhaft kolossalen Grabsteins, der die Kirche zur Hälfte erfüllte.
Unter dieser dunklen Granitmasse ruhte der Hocherlauchte Herr Tiphaine-Gaétan-Christophe du Glas Saint-Sauveur, Marquis von Albon und Saint-Christophe in Vermandois, der von den Ungläubigen Vialevoulour genannt wurde, Großer Prior des Priorats von Aquitanien, der dreimal die Galeeren des Großmeisters rettete und 1399 in Rhodos starb, am Tag Mariä Lichtmess, nachdem unter seiner Hand 200 Ausgestoßene gefallen waren. Tubam expectat!
Dieser war nicht der erste großer Mann aus der Familie der Du Glas; aber die Umstände hatten ihn mehr als alle anderen verherrlicht, und der König von Frankreich hatte sich, obgleich selbst bedürftig, persönlich an seinem Begräbnis beteiligt.
Neben ihm ruhte seine „sehr keusche und leuchtende Frau“, Dame Eremburge-Melissende, Tochter von Foulques du Crocq von Maisonseule in Vivarais – ein uralter Adel, von furchtlosen Menschen begründet, die den Teufel bekämpft hatten.
Nachdem diese Jugendgefährtin großherzig den Schleier der Witwen angelegt hatte, als der Eifer ihres Gatten für die schmerzhaften Pilger Christi sie dazu zwang, in den religiösen Stand einzutreten, war es durch den Rat des Orden durch eine ganz besondere Ausnahme gestattet worden, dass beide nach ihrem Tode zusammen ruhen durften, und ihre bronzenen Bildnisse ruhten entgegengesetzt auf diesem fürstlichen Tumulus, um den herum die Schutzengel von ungefähr zwanzig heldenhaften Generationen dösten, die stille Nager bis zum Staub aufgefressen hatten.
Am Fuß dieses Monumentes, prunkvoll aber ohne Majestät, sah man die Grabstätte des Kommandeurs Nicolas, des jüngeren Bruders des Vorigen, der sich in Nicopolis hatte prächtig hinschlachten lassen.Der Schatz des Ordens hatte für seine Leiche Lösegeld zahlen müssen.
Und so ging es weiter bis in die Vorhalle. 20 Gräber, immer weniger hochmütig, immer bescheidener, bezeichneten die Ruhestätte von Kommandeuren, Vögten oder einfachen Rittern dieser Familie, die seit dem glorreichen Tiphaine nicht mehr aufgehört hatte, zu sinken.
Das letzte, das nur von einem einfachen, in die Erde gerammten Holzkreuz markiert war, lag ganz am Wegrand und wurde gelegentlich von dem vorbeiziehenden Vieh aus der Nachbarschaft zertrampelt.
So klein der aktuelle Du Glas auch war, der letzte Du Glas, der noch zu Grabe getragen werden sollte – es gab für ihn keinen Platz mehr, und wahrscheinlich war das der Grund, warum er fest entschlossen war, nicht zu sterben, da er sich mit dem Gedanken nicht versöhnen konnte, dass man eines Tages mit seiner Leiche die verehrungswürdige Grabstätte des Großen Priors entwürdigen könnte.

Schließlich erkannte der Vicomte eines Tages, als er gerade am Fenster Luft schnappte, dass Süleyman kam, um ihn in Rhodos zu belagern. Diese berühmte Insel hatte keine Ritter mehr, keine Soldaten, keine Artillerie, keine seetauglichen Schiffe, nicht einmal mehr Proviant, gar nichts mehr, und die Hilfe der christlichen Fürsten war von keiner Seite mehr zu erwarten.
Der tapfere Mann hatte bald seinen Entschluß gefaßt. Er entschied, sich nicht zu ergeben, verschloss seine Tür und las abermals die Statuten des Malteser-Ordens.
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Die 40.000 Soldaten und die 132 Kanonen des Großherzogs von Mecklenburg marschierten in Richtung Nogent-le-Rotrou und Bellême, um die linke Seite der Truppen von Chanzy zu umschließen, während zur gleichen Zeit in sechzig Kilometern Entfernung der Prinz Friedrich Karl von Vendôme aus Richtung Écommoy manövrierte, um seine rechte Flanke zu drehen – eine kombinierte Aktion, deren furchtbarer, mit vollständigem Erfolg belohnter Leichtsinn unser Elend so grausam offenlegte.
Der hundsföttische Kommandant des XIII. Korps, den wir unter uns Herzog Viandard nannten, näherte sich auf Sichtweite dem Schloß, umgeben von seinen freundlichen Divisionschefs Schimmelmann, Gersdorff, Stolberg, Prinz Albrecht und Baron von Rheinbaben umgeben, und diese schöne, wohlgenährte Gesellschaft widmete sich dem Vergnügen einer lebhaften Unterhaltung.
„Was ist das denn?“, sagte Mecklenburg zu seinem Stabschef und zeigte auf den Wohnsitz des Sohnes der Tapferen.
„Das ist offenbar eine Ruine, Eure Hoheit. Ich vermute, dass es sich hier um das alte Schloß der Grafen Du Glas handelt, das in unseren unfehlbaren Karten verzeichnet ist“.
„Erkunden Sie es, Oberst. Ich würde dem Burggrafen, wenn er noch lebt, gerne einen Besuch abstatten. Man hat ihn mir als einen alten Verrückten beschrieben“.
Einigen Minute später pochte Oberst Krensky in Begleitung mehrerer Dragoner gegen die herrschaftliche Tür, die der Karre eines Ochsenhirten zum Verwechseln ähnlich sah.
„Wer, wenn er nicht Pilger des Heiligen Grabes ist, traut sich auf die Schwelle der Hospitalritter des Kreuzes?“
Der Unterhändler trat einen Schritt zurück und sah am Fenster den kleinen Greis, einem rissigen Bild in einem sehr alten Rahmen gleichend, und dieser Mann verspürte so etwas wie Respekt.
„Ich bin Frankreich-Pilger und nicht vom Heiligen Grab“, antwortete er, „aber ich hoffe, dass der letzte Vertreter des berühmten kriegerischen Hauses der Du Glas es nicht ablehnen wird, Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog von Mecklenburg, der sich mit Ruhm bedeckt hat und dessen Bote ich bin, seine Türe zu öffnen“.
„Ich wußte nicht“, sagte wiederum der Vicomte, „dass es unter den Sklaven Ihres Sultans Großherzöge gibt. Es ist dies eine Eitelkeit, die sie von den Wilden Russlands gelernt haben. Aber wie dem auch sei, man lasse ihm ausrichten, dass ich ihn, wenn er sich traut, selbst in Reichweite zu kommen, gebührend empfangen werde. Was Dich betrifft, Herr Bote, ich halte Dich für einen Spion und befehle Dir, Dich auf der Stelle zurück zu ziehen“.
„Oh! graf! Herr graf! Sie reden wie jemand, der das Leben sehr verachtet“.
„Ungläubiger! Ich verachte nicht die Gabe Gottes, nicht einmal den Tod, den er für alle Menschen auf sich genommen hat. Zum letzten Mal befehle ich Dir, Dich zu entfernen, oder ich lasse auf Dich schießen“.
Als man Mecklenburg von diesem Ergebnis informierte, geriet er in Wut und wollte die arme Bruchbude sofort bombardieren lassen.
So sehr aber sein Umfeld mit solchen Praktiken vertraut war, diesmal war es doch so ungeheurlich, dass die Leutnants dieses Latrinen-Alexanders Protest einlegten.
Er befürchtete dann, sich lächerlich zu machen, und befahl nur, die Tür einzubrechen und den Verrückten zu ihm zu bringen.
Die Streiter, die man mit der Aufgabe betraute, waren keine guten Händler, wie man früher sagte. Denn es ereignete sich, dass der Vicomte Armor sich in den wenigen Minuten, die diese Barbaren benötigten, um ihn zu vernichten, auf wundersame Weise wieder in einen jungen Mann verwandelte.
Ein reiner Hauch, der von unendlich weit herkam, strich über diese jungfräuliche Seele hinweg, die von der Schande des Augenblicks nichts wußte, und erfüllte sie mit erhabenen Gerüchten: Tiberias, Akkon, La Massoure, die beiden Belagerungen von Rhodos und jene außergewöhnliche Verteifdigung von Malta, das vom gesamten osmanischen Reich angegriffen wurde, bei dem die sterbenden Ritter auf Stühlen sitzend kämpften, am Rande der Festungsmauer…
Der bewunderndswürdige alte Mann fühlte sich als der letzte von allen, der Letzte, der übrig geblieben war, um die Christenheit zu verteidigen, und in seinen großartigen Gedanken benutzte er alte verrostete Waffen, die den Großen seines Stammes gehört hatten, und tötete mehrere seiner Mörder, bevor er selber über den geliebten Büchern starb, die ihm von Jugend an das unvergessliche Gedicht der Tapferen Frankreichs sangen.

aus: Léon Bloy, Blutschweiß. Übersetzt, kommentiert und eingeleitet von Alexander Pschera, Matthes & Seitz Berlin, ISBN 978-3882218374

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