Autorität und Autorschaft – Peter Trawny folgt den Spuren der politischen Theologie bei Ernst Jünger

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Ist Literatur Privatsache? Diese Frage scheint heute leicht beantwortbar zu sein: „Ja, natürlich ist sie das. Was denn sonst?“, kommt postwendend als Gegenfrage zurück. Wir haben uns sehr daran gewöhnt, den Dichter als brav bloggenden Biedermann und nicht als politischen Brandstifter zu sehen – gelegentliche Einlassungen ins Tagesgeschehen (Peter Handke) einmal ausgenommen. Die letzte greifbare Stufe einer Literatur, die nicht nur für sich entstand, sondern über sich hinaus wirken wollte, war jene sozial „engagierte“ Literatur im Windschatten der 68er-Jahre, die heute in den Antiquariaten der Universitätsstädte verrottet. Autoritativ waren diese Texte schon damals nicht, heute sind sie bestenfalls langweilig. Nun erschienen aber im letzten Jahr große bis monumentale Biografien zu Ernst Jünger und Stefan George – Dichter-Gestalten, die sich entschieden jenseits der Langeweile positionierten. Diese Bücher erinnern an Autoren, die dem heutigen Bewußtsein nicht ohne weiteres mehr zugänglich sein dürften, weil sie dem Verständnis von Dichtung als Privatsache nicht entsprechen. Das Aktuellwerden dieser Autoren ist von signalhafter Bedeutung, weil sich in ihm ein Ungenügen an der  Privatisierung des literarischen Betriebs ausspricht, ja vielleicht sogar eine Sehnsucht nach Autorität und Repräsentation in einer zunehmend unübersichtlicher und belangloser werdenden Textlandschaft. Weiterlesen

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Sind Populisten die Idioten der Geschichte? Über ein Buch von Chantal Delsol

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„Populismus“ war das Unwort des Jahres 2014. Seiner propagandistischen Verwendung tat diese Stigmatisierung jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil. Die bekannte französische Philosophin Chantal Delsol hat nun ein notwendiges und schlaues Buch über diesen Begriff und seine Geschichte geschrieben, in dem sie die Freiheit des Denkens verteidigt – mit guten Argumenten, die auch für Deutschland gelten. Weiterlesen

Dezentraler Krieg – Dezentraler Frieden?

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Inter pacem et bellum nihil medium. So schrieb Cicero in seiner Philippica. Frieden wäre demnach die Abwesenheit von Krieg. Und Krieg die Absenz von Frieden. Wo die Waffen schweigen, da wäre Frieden. Frieden gedacht als eine Form des Waffenstillstands. Entweder es ist Frieden, oder es ist Krieg. Dazwischen nichts. Weiterlesen

Die elegische Demokratie

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Der französische Filmregisseur Jean-Luc Godard hatte kürzlich die mit Abstand beste Idee zur Lösung der griechischen Schuldenkrise. Er schlug Folgendes vor: Wann immer man sich beim Sprechen und Diskutieren der Logik der alten Griechen bediene, solle man sofort zehn Euro überweisen. Wer Geld hat, aber keines geben will, hätte nicht mehr das Recht, die abendländische Logik zu verwenden. Er wäre gezwungen, anders zu denken. Wie? Auf jeden Fall nicht mehr abendländisch. Die Idee ist deswegen gut, weil sie ein Erbe in Erinnerung ruft, das heute so selbstverständlich ist, dass es in Vergessenheit zu geraten scheint: das Erbe der Freiheit, das wir dem Denken der griechischen Philosophen verdanken. Natürlich ist Godards Vorschlag selbst eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Denn eine Nutzungsgebühr für demokratisches Denken, eine Aristoteles-Maut sozusagen, ist mit demokratischer Freiheit selbst nicht vereinbar. Worauf Godard jedoch hinweist, ist genau diese Monetarisierung der Freiheit. Er wendet das demokratische System gegen sich selbst: Pauschaltourismus und Konsumrausch, diese überreifen, ja faulen Früchte der Freiheit, haben die Wiege der Demokratie zerstört. Jetzt sei es an der Zeit, die Schulden zu begleichen. Das sei die Demokratie sich selber schuldig. Weiterlesen