Unsere Moslems

Ich frage mich, ob wir nicht gerade dabei sind, in unseren öffentlichen Diskursen und auch in unseren Köpfen eine islamistische Gesellschaft zu konstruieren, die es so gar nicht gibt. Und das hat viel mit der Über-Medialisierung einer bestimmten Ausprägung des Islam, des politischen Islam, zu tun, der für jede Schreckensbotschaft herhalten muß.
99,9 Prozent der Moslems leben friedlich in unserem Land oder in anderen europäischen Staaten. Wenn sie einmal Gesetze übertreten, dann aus Gründen, die nichts mit der Religion zu tun haben, sondern mit sozialen Milieus, mit ihrem Herkommen, mit urbanen Strukturen. Die flächendeckende Bedrohung durch einen kampf-und zerstörungsbereiten Islam, der unsere Gesellschaft bis in die Poren durchdringt, ist eine Fiktion, eine Extrapolation, ein  Ausdruck von nichts anderem als der religiösen Identitätslosigkeit unserer modernen Gesellschaft. Der Salafismus und der politische Islam sind radikale Auswüchse einer Religion, die natürlich auch Mystik, Versenkung, Stille, Frieden, Sehnsucht, Familie, Liebe, Transzendenz kennt. Es wäre äußerst wichtig, glaubwürdige Zeugen dieses Islam in den Medien, vor allem in den sozialen, zu sehen, die demokratische Grundsätze mit der Ausübung ihrer Religion verbinden können, und nicht immer nur die ganz wenigen aufgepeitschten Fanatiker. Mich beschleicht der Verdacht, daß die Islamophobie der AfD und von Pegida, aber auch die der breiten Bevölkerung, die von diesen Bewegungen in ihrer Meinungsbildung mittlerweile substantiell abhängig sind, in Wahrheit eine Gottesphobie ist. Hinter der Ablehnung islamischer Kultur verbirgt sich eine Ablehnung von entschiedenen, unbedingten religiösen Lebenshaltungen, von ernst genommenem Glauben, der sich auch in äußeren Zeichen (Schleier, Kreuz, Rosenkranz) manifestiert, ja manifestieren muß. In ihr verbrigt sich eine Ablehnung des Gedankens des Dienens, ja der Unterwerfung, die auch in der christlichen Tradition beheimatet ist. Die Kritik am Islam ist so eine versteckte Kritik am Christentum: Wenn der Heiligen Mutter Teresa jetzt vorgeworfen wird, sie sei eine religiöse „Fanatikerin“ gewesen, die es gewagt habe, andere Menschen für ihren Glauben zu gewinnen, das heißt zu missionieren, dann zeigt das eine Ablehnung von Religion als ganzer, eine radikal-laikale Einstellung zum Leben und zur Gesellschaft. Einer solchen Kritik stellen sich auch das Beten des Rosenkranzes, das Aufhängen eines Kreuzes im öffentlichen Raum oder das Sprechen einer Litanei als fundamentalistische, die Freiheit der anderen und den „Fortschritt“ der Gesellschaft bedrohende Handlungen dar, die es zu bekämpfen gilt. Ich fühle mich einem streng gläubigen Moslem näher als einem materialistischen Freidenker, ja ich würde sogar so weit gehen, der Versuchung zu erliegen, einem sich radikalisierenden Salafisten in seiner religiösen Unbedingtheit rein formal und intellektuell folgen zu können (moralisch freilich nicht) – niemals aber einem radikalliberalen Atheisten, de an den anthropologischen Festen des Menschseins rüttelt und sein „Heil“ im Glauben an eine sich stetig verbessernde liberal-technokratisch-demokratische Gesellschaft sieht. Ja, der Salafist erstrebt das Heil in einer Unbedingtheit, in einer Ungeduld, in einer Gleichgültigkeit gegenüber den eingesetzten Mitteln, die religiöse Unbildung vermuten läßt, die aber in ihrer reinen Gestik, in ihrem Greifen nach dem Unendlichen nicht grund
sätzlich falsch ist. Der tief religiöse Mensch hat gelernt, zu warten. Zu warten und zu beten. Auch wenn der Christ davon überzeugt ist, daß sein Weg der einzig richtige ist, muß er sich, wenn er seinen Glauben reflektiert, ebenso davon überzeugen, daß das Heil nicht ungeteilt auf seiner Seite sein kann. Er muß sich davon überzeugen lassen und auch annehmen können, daß Gott auch andere Heilsgewissheiten zuläßt, seien sie nun buddhistischer, taoistischer, jüdischer oder islamischer Natur. Wahrheit gibt es auf dieser Welt ohnehin nicht, nur Ahnungen. Denn der Glaube ist nicht mehr als die Kenntnis unserer eigenen Grenzen. Diese Kenntnis erzeugt eine Demutshaltung gegenüber jeder anderen Form religiösen Leben, und nicht nur Demut, sondern auch Respekt und Lernbereitschaft. Wir sind gerade dabei, den Islam und seine spirituellen Wege so grundsätzlich in Frage zu stellen, wie der Nationalsozialismus nicht-arische Rassen in Frage gestellt hat. Wir sind daher auch dabei, dem Islam und den Menschen, die sich ihm zugehörig fühlen, mit Auslöschung zu drohen. Die Aufgabe aller religiösen Menschen ist es, diese Auslöschung, die zuerst eine Auslöschung der beruflichen Chancen junger Moslems ist, zu verhindern.
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