Printemps catholique

 

 

Paris ist in diesem Frühjahr ein interessanter Ort für Liebhaber katholischer Kunst. Zum einen präsentiert das Museum im Petit Palais die erste große Retrospektive des Malers Georges Desvallières (1861-1950), der ein Freund Georges Rouaults war und seine Konversion dem Schriftsteller Léon Bloy zu verdanken hatte. Desvallières, ein Schüler Gustave Moreaus, entwickelte sich aus dem Symbolismus heraus zu einem der ganz großen figurativ-christlichen Maler des 20. Jahrhunderts. Seinem Sacré-Coeur widmete Bloy in seinem Tagebuch feine, tiefgründige Exegesen.

Mindestens ebenso faszinierend ist eine hoch konzentrierte Ausstellung in der Galerie Guillaume (32, Rue de Penthièvre, 75008 Paris, noch bis Ende Mai), die den Zyklus Miséricorde (Barmherzigkeit) des zeitgenössischen Malers François-Xavier de Boissoudy präsentiert. Es ist bereits die zweite Werkschau, die der sympathische Galerist Guillaume Sébastien dem Maler Boissoudy widmet: 2015 konnte man in den beiden schönen Galerieräumen im achten Arrondissement einen Auferstehungs-Zyklus bewundern. Boissoudy erneuert die lange Tradition christlich inspirierter Kunst, indem er den platten Kitsch ebenso hinter sich läßt wie die esoterische Abstraktion, die so manches sakrale Kunstwerk zur unfreiwilligen Komik verdammt. Boissoudys malerische Annäherungen an die Evangelien operieren fernab jeder Illustration oder Herzensergießung. Sie vermeiden Gefühlsduseligkeit ebenso wie Beliebigkeit. In ihren besten Momenten gleicht diese Malerei einer Bewußtseinsfotografie, weil sie Licht, Dunkel, Zweifel, Hoffnung, Zwist und Liebe auf zutiefst menschliche Weise ineinander fließen läßt. Wie Boissoudy arbeitet, das kann man sich in einem eleganten kleinen KTO-Dokumentarfilm ansehen, der im Internet abrufbar ist (https://www.youtube.com/watch?v=b_CWEgdfRuY).

Beide Werkreihen, die der vom bekannten Kunsthistoriker François Boespflug kenntnisreich kommentierte und vorzüglich fotografierte Katalog (erschienen in den Éditions de Corlevour) gemeinsam präsentiert, gehen stilistisch wie thematisch ineinander über. Boissoudy (Jahrgang 1966), der als Vater dreier Kinder in Paris lebt, arbeitet in beiden Zyklen mit einer Laviertechnik, die den Bildern zugleich Einfachheit und Strenge verleiht. Schwarz scheint auf den ersten Blick der vorherrschende Grundton dieser Malerei zu sein. Aber dieses Schwarz ist nicht monolithisch wie bei Pierre Soulage oder Ad Reinhardt. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich die Durchdringung der gesamten Bildfläche mit Licht, das in die schwarzen Flächen eindringt und sie von innen aufzubrechen scheint. Die Evangelien-Szenen erscheinen so in einem geheimnisvollen clair-obscur, das den Kunsthistoriker Boespflug zu Recht an Georges de La Tour und die Brüder Le Nain erinnert.

Boissoudys Arbeit kreist um Christus, der sich im Barmherzigkeitszyklus in einer dreifachen Geste der Liebe zeigt. Barmherzig sein – das bedeutet Zuhören, Vergeben, Heilen. Barmherzigkeit bedeutet auch Freude und wieder gefundenes Leben. Barmherzigkeit drückt sich aus in der Frage, die Christus dem Blinden bei Jericho stellt: Quid vis tibi faciam? Was kann ich Dir tun? (Mk 10,51). Dieses und viele andere Motive der Heiligen Schrift (die Salbung in Betanien, Joh 12,3; der weinende Jesus, Joh 11,35; der verlorenen Sohn) führt Boissoudy immer wieder in zwei oder mehreren Varianten aus, wie um den Betrachter darauf hinzuweisen, daß die Wahrheit nicht in einem piktoralen Augenblick zu erfassen ist, ja daß gerade die Wahrheit des malerisch-heiligen Augenblicks ganz und gar im Auge des Betrachters liegt.

Besonders eindrucksvoll kann man das an den beiden Versionen der Talitha kum („Mädchen, stehe auf!“)-Episode nach Mk 5,41ff. nachvollziehen. Auf beiden Bildern sitzt Jesus leicht vornüber gebeugt auf dem Bettrand des toten Mädchens, dessen schwarze Haare wie ein Sturzbach auf das weiße Laken herabfließen. Im ersten Bild scheint es so, als seien die Augen Christi und des Mädchens geschlossen, als steige Jesus innerlich zu ihr herab, um sie wieder hinauf in das Leben zu führen; das zweite Bild scheint dagegen den Moment zu erfassen, indem Christus der Toten die Augen öffnet, und nun blickt er sie an. Dieses Eindringen in die Substanz des Augenblicks, dieses Spiel der Blicke, zu dem auch der Betrachter aufgefordert wird, zeigt sich auch an einem der schönsten Werke des Zyklus: La Samaritaine (Joh 4,1-42). Jesus sitzt zerschlagen an einen Brunnen gelehnt, er hält den Kopf leicht geneigt und blickt träumerisch in den Himmel. Aus Licht und Schatten formt sich sein Antlitz, das mehr ahn- als wahrnehmbar ist und daß um seine Gestalthaftigkeit zu kämpfen hat. Von rechts nähert sich die Samariterin, die Jesus um Wasser bitten wird. Ihre Figur löst sich im grellen Licht des Nachmittags auf. Im Hintergrund ereignen sich Lichtexplosionen. Die Hitze zerstört alle Kontur. Diese malerischen Mittel illustrieren nicht, sondern vergegenwärtigen, aktualisieren, erfinden aufs Neue die Ungeheuerlichkeit dieses aus der Geschichte heraus fallenden Moments, in dem ein Mann mit einer Frau und ein Jude mit einer Samariterin zu sprechen wagt in einer Zeit, in der dieser Akt eine Grenzüberschreitung darstellte. Auch das ist Barmherzigkeit: das Aufbrechen der Regeln, das Negieren von Verboten, das Hintersichlassen von Sicherheiten.

Auf die Frage, ob er sich als Teil eines Renouveau catholique der Künste sehe, antwortete mir Boissoudy: „Le renouveau catholique, c’est tous les jours“. Eine gute Antwort, die zeigt, welchen Stellenwert er der Kunst zumißt: „Ich male für mich und mein Heil“. Seine Kunst hält sich fern von allem Spektakulären, von allem Vordergründigen, von den Gesetzen des Marktes. Sie sucht die Authentizität und die dunkle Frische der Quellen und des Gebets. François-Xavier de Boissoudy ist ein glaubhafter Künstler der Moderne und ein glaubhafter Zeuge Christi zugleich. Das grenzt, so schreibt sein Kommentator Boespflug im Katalog, „an ein Wunder“. Dem kann ich mich nur anschließen. Hoffentlich findet sich bald auch in Deutschland eine Galerie, die an Wunder glaubt.


Georges Desvallières, La peinture corps et âme. Petit Palais, Paris, bis 17. Juli 2016

François-Xavier de Boissoudy, Miséricorde.Galerie Guillaume, 32 rue de Penthièvre, 75008 Paris, noch bis Ende Mai

Webseite des Künstlers: http://www.boissoudy.com

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