Der dunkle Ort des Erzählens

Unbenannt

Erzählen kommt von einem dunklen Ort. Erzählen entspringt dem Mythos. Seit mythischer Zeit ist Erzählen eine Form der Freiheit. Denn die Möglichkeit des Erzählens verbürgt die Möglichkeit eines Anderen. Der Seher allein trägt die Verantwortung für dieses Andere. Was er erzählte, stellt die Realität in Frage, und damit auch die Macht. Heute fühlen sich paradoxer Weise gerade diejenigen zum Erzählen berufen, die früher auf den ausgestoßenen Seher zeigten und ihn vor die Tore ihrer Städte verbannten: die storytellenden Mächtigen. Früher verstießen sie den Dichter, weil er sich nicht ihrer Herrschaft unterwarf. Er verweigerte sich, weil er andere Stimmen hörte als die der Herrschenden. Ihn riefen die Götter. Dem Seher allein vertrauten sie das Erzählen an, und ihnen allein vertraute er sich an. Erzählen war ein zweischneidiger Pakt. Der Ruf der Götter war Gnade und Fluch zugleich. Der Seher war geheiligt und ausgesetzt. Er war blind und sehend. Der „Seher“ ist das Subjekt mythischen Erzählens.

In nach-mythischer Zeit übernahm der „Autor“ die Fackel des Erzählens. Er hat weniger Autorität als der Seher, weil er immer auch ein Handelnder (ein Auctor) ist. Er handelt nicht mehr mit Symbolen, sondern nur noch mit Verweisen, mit Zeichen, um mit diesen auf die Möglichkeit eines Anderen hinzudeuten. Er zeigt erzählend auf Utopien, auf das zukünftig Andere, ohne dieses Andere selbst noch aussprechen zu können. Der Seher verbürgt das Andere, der Autor verbürgt nur noch die Möglichkeit dieses Anderen. Autorschaft ist nur noch Verantwortung gegenüber der Möglichkeit einer anderen Wirklichkeit.

Der Storyteller von heute ist weder Seher noch Autor. Er hat nicht einmal mehr Verantwortung gegenüber dem von ihm Erzählten, denn dieses kann beliebig moduliert werden. Er weiß, wie Muster aus- und Erwartungen zu erfüllen sind. Er bedient sich geometrischer Formen. Er bewegt sich in Labyrinthen ohne Sinn. Das Signum seines Zeitalters sind Kreuzworträtsel und Sudokus, „Gestelle“ des Erzählens. In beiden Fällen ist es alle das restlose „Aufgehen“, das zählt. Der mythische Rest, auf den es ankommt, gleicht Abfall. Kreuzworträtsel sind Spaziergänge durch epische Erzählskelette. Sudokus reduzieren diese Reduktion noch einmal. Die Herrschaft der alphanumerischen Elite, der Programmierer, ersetzt im Sudoku-Gerüst die Worte durch Zahlen. Der Geist der Maschine hat sich hier des Erzählens bemächtigt.

Um zu verstehen, was hier geschieht, kann es helfen, Storytelling und die Ökonomisierung des Erzählens als Endstufe der Geschichte sozialer Fiktionen zu sehen. Soziale Fiktionen sind Geschichten, die Gemeinschaften produzieren, um ihren eigenen Bestand zu sichern. Dazu gehören Legenden, Chroniken, Schwänke, Heldenepen. Soziale Fiktionen beziehen sich auf Fakten, sind aber immer mehr als diese. Gemeinschaften benötigen auch Fakten: Gründungsdaten, Jubiläen, Kennziffern. Aber durch Fakten allein werden keine Gemeinschaften gebildet. Dazu bedarf es der Verbindung durch Geschichten. Diese Geschichten setzen die Fakten in Bezug zum Individuum und zu seiner Herkunft. Sie begründen die individuelle Existenz innerhalb eines sozialen Gefüges.

Soziale Fiktionen memorisieren die private und die öffentliche Geschichte. Es gibt sie in kleinen Einheiten wie der Familie – die typischen Familiengeschichten, die von Generation zu Generation weitergereicht werden– und in größeren Einheiten. Cliquen, Dörfer, Regionen und Nationen bringen soziale Fiktionen hervor. Die Rolle von sozialen Fiktionen ist historisch und kulturell konstant. Nur das Ambiente und das Kolorit wandelt sich. Das Märchen des Dorfältesten ist eine soziale Fiktion, der Gruppenchat auf WhatsApp auch. Im Zeitalter des Mythos begannen Geschichten in einer Hütte im Wald, in der unter Aufsicht eines Zwerges ein Schwert geschmiedet wurde, mit dem die Welt besiegt werden konnte. Heute ist die Garage ein bevorzugter Startpunkt, und aus dem Schwert ist Software geworden, mit der die Welt gekauft werden kann. In der Geschichte der sozialen Fiktionen lassen sich dabei drei grundlegende Seinsmuster erkennen: der Mythos, die Ideologie und das Storytelling. Die Bewegung vom Mythos über die Ideologie zum Storytelling ist eine Bewegung von der idealistischen Aristokratie über die Demokratie in den hedonistischen Individualismus.

Mit dem Mythos herrschen die Götter über die Menschen. Der Mythos ist der Ursprung aller sozialen Fiktionen. Er erzählt nicht die Geschichte von etwas, sondern er ist seine eigene Geschichte. Der Mythos kennt nur eine Wirklichkeit: die mythische. Das Mythische am Mythos ist irrational. Mythen lassen sich nicht herstellen oder ableiten. Dadurch ist der Mythos fundamental unegalitär. Er ist die aristokratische Form der sozialen Fiktion. Er ist das Erzählmodell der Oligarchie und der Monarchie. Als solches entwickelte der Mythos als das verbindliche Erzählmodell der Vor-Moderne über Jahrhunderte hinweg eine enorme Adhäsionskraft im sozialen Gefüge. In Europa begründeten sich soziale Fiktionen bis zur Französischen Revolution mythologisch. Das mythologische Personal der Götter und Halbgötter hat bis in die Allegorien des Rokoko hinein Bestand. Barocke Herrscher legitimierten sich bis ins späte 18. Jahrhundert durch die Verwendung mythologischer Bildlichkeit.

Die zweite Figur der sozialen Fiktion ist die Ideologie. Mit der Ideologie herrschen die Menschen über sich selbst. Die Ideologie ist die demokratische Form der sozialen Fiktion. Sie wurde mit der französischen Revolution geboren und projiziert den Mythos ins Diesseits. Die Ideologie ist nicht die Antithese zum Mythos, sondern seine Transposition. Die Ideologie ist ein gemachter Mythos so wie der Autor ein gemachter Seher ist. Im Unterschied zum Mythos sind Ideologien immer sichtbarlich hergestellt. Indem die Ideologie sagt, sie überwinde den Mythos, gibt sie sich einen Ausgangspunkt. Ideologien sind stolz auf ihre Väter. Sie stellen ihre Ursprünge aus und verweisen auf sie. Es geht ihnen darum, noch den letzten Rest von „Mythischem“ abzustreifen, sich radikal zu säkularisieren. Die Ideologie ist der wahrhaft aufgeklärte Mythos. Als solche lebt sie von dem Selbstbewußtsein, sich dem Machen der Menschen zu verdanken.

Der Mythos zielt auf Bestandssicherung, die Ideologie auf Veränderung. Aber dennoch haben Mythos und Ideologie etwas gemeinsam: Die Annahme der Ideologie setzt den Menschen in das gleiche Verhältnis wie die Annahme des Mythos. Sie ist ebenso absolut wie unbestreitbar. Für beide lohnt es sich, zu sterben. Nur kennt die Ideologie eben mehrere Wirklichkeiten: die ideologischen eben. Das ist eine erste Form der Abschwächung. Nach dem Zusammenbruch der Ideologien wurde das Feld der sozialen Fiktionen von einem dritten Erzählmuster besetzt: dem Storytelling. Der Mythos war die Erzählform des Herrschers, des Einzelnen. Die Ideologie war die Erzählform der Vielen. Storytelling ist die Erzählform aller als Einzelner. Es beruht auf den Möglichkeiten der digitalen Kommunikation, die die narrativen Produktionsmittel allgemein zugänglich machten. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel (Ideologie) wird von der Vergesellschaftung der Kommunikationsmittel (Storytelling) abgelöst.

Im Storytelling herrscht jeder nur noch über sich selbst, und zwar so, daß es zu einer optimalen Triebbefriedigung kommt. Storytelling ist daher auch kein Modell der Welterklärung wie der Mythos, es ist auch kein Modell der Weltbeherrschung wie die Ideologie. Storytelling ist eine situative Methode hedonistischer Wirklichkeitsmanipulation. Gesellschaften, deren soziale Fiktion Storytelling ist, haben daher ein Wirklichkeits- und ein Ernsthaftigkeitsproblem. Die Zeit des Storytellings kennt beliebig viele Wirklichkeiten, und damit kennt sie keine Wirklichkeit mehr: nicht die des Sozialen, aber auch nicht mehr die Wirklichkeit des Leidens und der Schmerzen.

Die Bewegung vom Mythos zum Storytelling ist so auch eine Bewegung vom totalen über den öffentlichen in den privaten Raum. Im mythischen Raum herrscht Totalität. Der Mythos gilt universell. Er ist der Raum. Er verbindet das Diesseits mit dem Jenseits. Öffentlichkeit ist hier identisch mit „Offenheit“. Der Mythos schließt nichts aus und nichts ein, er bezieht sich auf ein Unbegrenztes. Er selbst ist schicksalshaft unbegrenzt. Die Ideologie macht aus der Offenheit des Mythos eine Öffentlichkeit. Sie trennt die Sphären: die gesellschaftliche von der privaten, die der Herrschenden von den Beherrschten. Die Grenzmarkierungen werden ideologisch gezogen. Nicht nur das Jenseitige wird aus dem Geltungsbereich der Ideologie ausgeschlossen, auch bestimmte Bereiche des Gemeinwohls. Damit verbunden ist eine Zunahme an Funktionalität. Der „öffentliche Raum“ wird zu einer Funktion der Gesellschaft, die er symbolisiert. Das Öffentliche der Ideologien ist das zur gesellschaftlichen Norm erhobene Offene des Mythos. In der einen Sphäre wird verhandelt, was alle anzugehen hat, in der anderen kann sich das Subjekt ausleben und vom Schicksal entspannen.

In der Phase des Storytellings werden aus der einen „Öffentlichkeit“ „Öffentlichkeiten“, und damit hebt sich der Gedanke des Öffentlichen selbst auf. Es entsteht das Paradox öffentlicher Privatsphären, privater Öffentlichkeiten. Wo viele unterschiedliche Öffentlichkeiten nebeneinander existieren, da hört Öffentlichkeit auf zu existieren und da verwandelt sich der narrative Raum in eine unendliche Serie von fiktionalen Separees. Das erweist sich daran, daß der Pol, an dem sich diese Öffentlichkeiten (diese „Schwärme“) ausrichten, nicht mehr außerhalb ihrer selbst liegt, sondern in ihrem Zentrum. Der Schwarm zentriert sich um sich selbst. Zugleich ist er unendlich variabel. Er ist in ständiger Mutation begriffen. Er ist ohne Verbindung zum Raum, in dem er schwebt. Schwärme schweben, und jeder einzelne in ihnen schwebt mit dem Schwarm. Der Schwarm ist nicht mehr schicksalshaft, sondern mephistophelisch. Seine Wirklichkeit ist ein Wirklichkeits-Gefühl.

Mythos – Ideologie – Storytelling: Diese Linie bezeichnet auch den Abbau des Helden-Potentials des Einzelnen. Der Held des Mythos stimmt entweder mit dem Willen der Götter über oder er lehnt sich gegen diesen Willen auf und muß dabei scheitern. Der Held der Mythologie bestätigt die Ordnung in jedem Fall. Das Arsenal an mythologischen Helden ist endlich. Der Mythos kann keine neuen Helden hervorbringen, so wie in einer Gemeinschaft auch keine neuen Mythen entstehen können. Der Mythos und sein Held sind, sie werden nicht. Der Held der Ideologien ist der „Held der Arbeit“. Es ist das Gesicht, das aus der Masse hervorsticht, das Gesicht, das den anderen als Vorbild dient. Das heroische Personal der Ideologien sind die Zuhörer selbst, die aufgerufen werden, die Welt zu verbessern. In der Ideologie wird die Figur des mythischen Helden säkularisiert. Deshalb kann die Ideologie immer neue Helden hervorbringen. Auch hier ist die Ideologie die Transposition des Mythos ins Weltliche. Der Held des ideologischen Zeitalters benutzt als Rechtfertigung seines Handelns die Ideologie in genau dem Sinn, indem der Gott oder Herrscher im mythologischen Zeitalter den Mythos nutzt, um sich zu rechtfertigen. Deshalb ist die Ideologie der demokratisierte Mythos.

Aber kann es in Schwärmen noch Helden geben? Nur in dem Sinn, daß jeder der Bestandteile des Schwarms zu jedem anderen Bestandteil in einem funktionalen Verhältnis steht. Denn der Schwarm als ganzes ist nichts anderes als die Funktion aller seiner Bestandteile. In diesem Sinn ist die Rede vom „Lieferhelden“ – eine der narrativen Erfindungen des post-industriellen Zeitalters des Storytellings – die Erfüllung des heroischen Musters dieser Zeit. Als heroisch denkbar und anerkennbar ist nur noch jene Form des Relationalen, des Bezugnehmens auf etwas anderes oder auf andere – des „Lieferns“ eben.

Man geht zum Orakel von Delphi oder zu Karl Marx. Beides kommt aufs Gleiche heraus. Denn in beiden Fällen kommt man entlastet zurück. Ideologie und Mythos geben nicht nur Antworten auf bestimmte Fragen. Vielmehr entbinden sie den Frager von der Last des Fragens selbst. Indem sie ihm vom Schicksal, ein Fragender zu sein, entbinden, machen sie ihn handlungsfähig. Was sich dann einstellt, ist eine tiefe Ruhe, wobei die mythische Ruhe eine andere ist als die ideologische. Die tiefe Ruhe des mythischen Menschen schlägt nicht in Aktion um. Auch der Mythos macht handlungsfähig, aber es ist eine Handlung der Kontemplation, das hier freigesetzt wird. Zwischen der Kontemplation und der Aktion steht im mythischen Raum immer die Angst, gegen den Willen der Götter zu verstoßen. In ideologischer Zeit ist die Entlastung geradezu auf die Befreiung von Angst ausgerichtet – auf die Befreiung von jener Angst, die die Herrschenden als Instrument nutzen. Die Angst der Moderne ist eine gemachte, die des Mythos eine seiende. Daher können Ideologien für sich in Anspruch nehmen, die konstruierten Ängste durch ihre Erzählungen wieder zu dekonstruieren.

Storytelling hingegen ersetzt Kontemplation und Handlung durch bloße Geschichten. Dadurch erzeugt es als Grundgefühl eine angespannte Nervosität, die gegenüber einer stets sich aufs Neue erfindenden Wirklichkeit auf der Hut sein muß. Da der Einzelne im Universum des Storytellings nicht mehr ist als eine Funktion, ist er zugleich befreit und gefangen. Er ist befreit, weil er weiß, daß die anderen auch zu ihm in einer funktionalen Beziehung stehen (ihn „beliefern“). Gleichzeitig macht ihn dieses Netz aus Funktionalitäten des Schwarms darstellt zu einem Gefangenen (er muß „bestellen“). Auf diese Antinomie antwortet er meist mit Apathie, weil jeder weitere Handlungsspielraum eingeschränkt ist. Das ist auch der Grund, warum Literatur im Zeitalter des Schwarms nur noch als apathische Reaktion, nicht mehr als heroische Aktion möglich ist.

Nun könnte man meinen, die Bewegung vom Mythos über die Ideologie zum Storytelling sei so etwas wie ein Fortschreiten von einer tiefen Dunkelheit über zunehmende Erleuchtung hinein in eine umfassende Transparenz. Während der Mythos die Wahrheit ins Dunkle zurücknimmt, will die Ideologie die Wahrheit „ans Licht bringen“. Der Mythos raunt, die Ideologie formuliert. Die Welt der globalen Transparenz schließlich definiert sich selbst als logische Fortsetzung, ja als Vollendung der Prinzipien der Aufklärung. Dabei übersieht sie aber, daß es eine tiefe Verwandtschaft von Mythos und Ideologie gibt und daß das Licht der Ideologie eher der Dunkelheit des Mythos gleicht als der Transparenz des Zeitalters des Storytellings. Die Dunkelheit des Mythos ist anwesend abwesend zugleich, weil der offene mythische Raum dies zuläßt. Diese Dunkelheit ist keine finstere Stelle im Wirklichen, sondern eine Opazität, die sich über die Gesamtheit dieses Wirklichen legt. Sie ist keine Stelle, kein locus, sondern eine Gegebenheitsform dieses Wirklichen selbst, ohne daß die antike Helle dieser Wirklichkeit dadurch getrübt werden kann. Das Licht der Aufklärung wiederum richtet sich nicht auf die Gegenwart, sondern es bestrahlt eine entfernte Zukunft. Es leuchtet die Möglichkeiten der Utopie aus. Dieses Licht ist exterritorial.

Storytelling kann weder die mythische Präsenz leisten noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Es begründet sich oft mit der Notwendigkeit, Transparenz und Authentizität im funktionalen Gefüge des Schwarms herzustellen. Organisationen wollen nicht mehr als hierarchische, autoritär geführte Gebilde wahrgenommen werden. Sondern ihr Ziel ist es, als selbstbegründete, durchgängig funktionalisierte Entitäten sich selbst erzählen zu lassen – das heißt also, ihre Mitarbeiter, den Schwarm , sprachfähig zu machen. Ontologisch gesprochen ist das Ziel post-industrieller Organisationen die zeichenlose, wertneutrale Gegenwärtigkeit. Diese Transparenz negiert die Differenz zwischen Licht und Schatten, indem sie den genetischen Code der Optik manipuliert. Sie ist gestaltlose Augenblicklichkeit des Nichts.

Denn die Möglichkeit eines Anderen ist nicht möglich ohne Form. Denn ohne Form gibt es kein Erkennen, keine Person, keine Liebe. Die Form des Mythos ist seine Gestalt. Die Form der Ideologie ist ihre Geometrie. Storytelling dagegen ist konstitutiv formlos. Es erschöpft sich in zufälligen Gegebenheiten, die bruchlos ineinander übergehen. Deswegen ist das Zeitalter des Storytellings von Wirklichkeitsverlust bedroht.

Mythen haben keine Urform. Sie können höchstens verschiedene Gestalten annehmen, die die Götter ihnen verleihen, um mit den Menschen zu sprechen. Diese Gestalten sind Gestalt im Wortsinn. Es sind Personen, die ein Gesicht haben und eine Sprache, die sich körperhaft wie symbolisch anwesend zeigen können. Ideologien dagegen sind zwar gestaltlos, sie haben aber eine Grundgeometrie: Sie sind Quadraturen des Lebens, das man sich gemeinhin als einen Kreis vorstellt. Ideologien machen aus dem Leben eine berechenbare Figur. Das ideologische Quadrat des Lebens ändert sich nie. Es besteht immer aus den gleichen vier Eckpunkten: Ich, Objekt, Idee, Gott.

Storytelling ist konstitutiv formlos. Formlosigkeit aber setzt Subtexte frei. Es ist ein Merkmal des gestalt- und selbst geometrielosen Storytellings, freie metaphorische Radikale zu produzieren, die für sich selbst sprechen. Der angebissene Apfel, die vegetale Wunde, die von Ferne an Christi offene Seite gemahnt, wurde zum Symbol für die immer schon schuldige digitale Welt. Das Apple-Logo Logo ist eine für viele nicht mehr lesbare Erinnerung an den Sündenfall. Die erzählerische Volte des digitalen Kapitalismus besteht darin, das eigene Schuldigwerden zur Ikone zu stilisieren. Das ist Umwandlung von Zeichen in Währung in Reinkultur. Die Stärke des späten Kapitalismus ist seine naive Reinheit, die sich in dieser Form der Instrumentalisierung der Selbsterkenntnis kundtut. Denn das Symbol des Schuldigwerdens nicht einmal zu ironisieren, sondern vollkommen wertfrei, spontan, in einer Geste der Ungezwungenheit auszustellen, zeugt von der Radikalität des Storytellings, mit der die neoliberale Welt die Symbole des Abendlands monetarisiert.

Die abendländischen Symbole lassen sich aber nicht unterpflügen. Ihre semantische Kraft lauert unter der Oberfläche des Optimismus, der den Namen „Steve Jobs“ trägt. Die drohende semantische Tiefenschicht unter „Jobs“ lautet „Hiob“ – das ist der ewig Verfolgte, der aus jeder Gemeinschaft Ausgestoßene. So spricht der Subtext des gestaltlosen Storytellings eindringlich von der fundamentalen, jenseitslosen Einsamkeit im asozialen Schwarm.

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