Sommer 2015. Raspail spricht (1): Die Seele Frankreichs schläft und sie wird erwachen

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Sein Roman „Das Heerlager der Heiligen“ aus dem Jahr 1973 verstaubte bis vor kurzem noch in den Bücherregalen. Keiner kannte ihn. Jetzt erlebt das Buch eine Wiedergeburt ohnegleichen, in Frankreich und in Deutschland. Denn der Roman nimmt die Geschichte der Migrationswelle unserer Tage in wahrhaft prophetischen Bildern vorweg. Im Sommer 2015 hat Raspail sich in drei großen Interviews in der französischen Presse zu Wort gemeldet. Der Mann ist über 90 und den Medien nicht übermäßig wohl gesonnen. Er hat Besseres zu tun, als sich in das laute Tagegezänk einzumischen. So sind denn seine Einlassungen in das, was sich gerade in Europa ereignet, eher mythischer als politischer Natur. Aber die eine oder andere Spitze konnte er sich nicht verkneifen.

„Die Seele Frankreichs schläft und sie wird erwachen“

In der konservativen Zeitschrift Valeurs actuelles kommentiert Raspail im Gespräch mit Bruno de Cessole die Quellen und Themen seiner Bücher, die in Frankreich zur Zeit neu aufgelegt werden (http://www.bouquins.tm.fr/site/la_bas_au_loin_si_loin_&100&9782221157473.html). Seine Bücher, so der Autor, haben einen roten Faden, der ihm während des Schreibens nicht bewußt gewesen sei. Sie verwenden immer wieder auftauchende Bilder, zeichnen ähnlich einsame Personen, die ins Weite aufbrechen, weil sie in ihren Gesellschaften, die sich nach und nach zersetzen oder die ihnen einen Lebensmodus aufzwingen, nicht mehr authentisch leben können. Aber das mache ihn noch nicht zu einem Nostalgiker oder gar zu einem Reaktionär. „Ich weiß, dass die Zeit, die vergangen ist, nicht zurück kommt“. Er lebe in seinem Jahrhundert – auch wenn er es sich herausnehme, das Internet und die sozialen Medien zu ignorieren. Er sieht sich in der Rolle eines „Ruinenwächters“.

„Sie gelten als ein fremdenfeindlicher, gar rassistischer Autor – das scheint mir ein großes Mißverständnis zu sein“. Ja, natürlich sei es das. Er habe wie kein anderer fremde Völker beschrieben und für ihr Überleben gestritten. Gerade die europäische Kolonisation sei vor seiner Kritik nicht sicher. Die „Karikatur des Rassisten“ hänge allein mit dem „Heerlager der Heiligen“ zusammen – ein Roman, den Raspail weder als Prophetie noch als Pamphlet, sondern als eine Parabel beschreibt – und zwar eine Parabel, die seiner Imagination entsprungen sei. Denn zu der Zeit, als er das Buch verfaßte, habe sich das Problem der Migration in dieser Form gar nicht gestellt: „Das Buch ist eine allegorische, eine wütende Erzählung“ – aber es ist keineswegs rassistisch.

Warum? – Nun, die eigentliche Zielscheibe des Buches seien nicht die Immigranten, sondern die politischen, religiösen, medialen und intellektuellen Eliten im Land, die keine Kraft mehr haben, ihre Traditionen zu verteidigen. „Sie schmieden eine Apokalypse, deren erste Opfer sie sein werden“. „Und nochmal zu meiner politischen Gesinnung: Ich bin kein Rechter, ich halte mich vom politischen Alltag fern, meine Position ist in erster Linie ethisch und metaphysisch“. Die Politik? „Sie verdirbt die Besten!“ Und was den Rassismus-Vorwurf angehe: Er bewege sich mit seinen Romanen auf den Spuren der Theorie eines Lévi-Strauss – wenn eine ethnische Gruppe von einer anderen durchdrungen wird, dann löse sie sich auf.“ „Ist es rassistisch, wenn man seine Traditionen und seine Art zu leben bewahren will? Ist es rassistisch, nicht an den Multikulturalismus zu glauben?“

Raspail ist kein politischer Autor. Nicht einmal ein „engagierter“. Aus ihm einen Pamphletisten und Kampfschriftsteller zu machen, ziele an seiner schriftstellerischen Identität vorbei. „Wenn ich eine Botschaft zu übermitteln hätte, dann würde ich aufs Postamt gehen“, zitiert Raspail einen Ausspruch seines Kollegen Vladimir Volkoff. Sein Schreiben speist sich vielmehr aus den Träumen, aus der Imagination. Seine Romanfiguren flüchten vor einer Welt des Pragmatismus und der Rentabilität, der Nützlichkeit und des Imperativs in ein Reich der Bilder, in einen Raum, der keine Grenzen kennt – oder aber sie halten die Erinnerung an die Vergangenheit aufrecht als etwas, das noch nicht vollständig tot ist. „Ich träume mit offenen Augen, wie Antoine de Tounens, der König von Patagonien“.

„Wie sind ihre Figuren zu einzuordnen – sie sind ja weder modern noch demokratisch…?“ – Nein, sie sind elitistisch, das sei wahr. Und damit widersprechen sie den republikanischen Werten. Sie verweigern sich der Uniformität und dem Konformismus. Aber wichtig ist: Sie verachten keineswegs diejenigen, die nicht so sind wie sie. Nur will der Abenteurer eben kein Bürger sein, kein kleiner grauer Mann. Er verweigert sich dem Prokrustesbett der Mediokrität. Diese Abenteurer bilden eine Gemeinschaft in der Gemeinschaft, sie sind so etwas wie „kommunitaristisch“. Sie bilden eine Sezession, sie emigrieren innerlich. Aber: Sie verlangen keinerlei Rechte für ihre Kommunität. Das ist der Unterscheid zu den Linken.

Und dann wird es doch politisch. Denn: Dieser Kommunitarismus sei ein Vorbild für die Franzosen in den nächsten 30-50 Jahren. Diejenigen, die noch an den französischen Traditionen hingen, würden immer weniger werden, sie würden balden wie Stämme in einer multikulturellen Gesellschaft leben, die nichts mehr mit den Wurzeln des Christentums und der abendländischen Kunst gemein hätte. Das französische Volk „wolle nicht mehr zusammen leben“, und die Mechanismen der republikanischen Integration seien gescheitert: „Ich kann nicht erkennen, wo hier der Fortschritt sein soll, von dem unsere Politiker immer reden“. Die „Tribalisation“ – unsere Zukunft. Und jedem müsse klar sein, dass dies das Gegenteil von „Zivilisation“ bedeute.

„The Big Other“ – so überschrieb Raspail das neue Vorwort zur Re-Edition des „Heerlagers“ im Jahre 2011. Mit diesem „Big Other“ sind nicht die Menschen gemeint, die ihr Heil in der Migration suchen. „The Big Other“ bezeichnet das Produkt des abendländischen schlechten Gewissens, jene „Sakralisation des Anderen“, mit dem wir uns von unserer historischen Schuld befreien oder gar reinigen wollen. „Das große Andere“ ist das Monopol des Guten und Wahren.

„Woher kommt dieser Selbsthaß der Intellektuellen und Politiker?“ – Es gibt viele Gründe. Masochismus, Ressentiment, historische Müdigkeit, Lust am Verrat, überbordende Solidarität… Damit kann man auch das Phänomen „Charlie Hebdo“ erklären, jene „kollektive Illusion“ einer Zusammengehörigkeit, die medial instrumentalisiert wurde. „Diese Instrumentalisierung der Opfer fand ich besonders schrecklich: keinerlei Würde!“ Die Politiker – sie würden solche Katastrophen – wie auch die des Germanwings-Absturzes – nutzen, um vom Scheitern ihrer eigenen Politik abzulenken. „Von links bis rechts – das politische Milieu in Frankreich ist eine Wüste“.

Was sind die Aussichten, die vor uns und vor allem vor den Franzosen liegen? – “ Ich glaube zutiefst, dass die Fundamente Frankreichs standhalten und dass es eine Renaissance geben wird. Sie wird aber nicht von den Politikern oder von der sogenannten Elite des Landes ausgehen. Die Seele Frankreichs schläft, und sie wird erwachen“.

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