Was ist katholische Literatur?

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Was ist katholische Literatur?, fragte einmal berechtigter Weise Martin Mosebach. Er kam zu dem Schluß, daß ein Text entweder Literatur ist – oder aber katholisch. Katholische Literatur, das heißt eine solche, die sich dezidiert der Vermittlung von Werten und dem Apostolat verschreibt, unterläuft immer die Ansprüche, die wir an ein gelungenes literarisches Kunstwerk stellen müssen: widersprüchlich zu sein und dunkel, rätselhaft und mehrschichtig, symbolisch und uneindeutig, destabilisierend und verunsichernd. All das ist die göttliche Botschaft selbstredend nicht. Sie ist transparent und klar, sie gibt dem Leben eine gerade Linie, sie sorgt für Sicherheit, auch über das Irdische hinaus. Und daher ist eine katholische Literatur, die mehr sein will als bloß erbauend, auf den ersten Blick eine Unmöglichkeit. Sie ist etwas, was wir uns gar nicht wünschen sollten. Denn zu schön ist die Religion, und zu schön ist auch die Literatur im emphatischen Sinn.

Doch gibt es Gattungen, die eine Ausnahme von dieser Regel bilden. Zum Beispiel und vor allem das Tagebuch. Die Form des Journals sitzt stets zwischen dem Stuhl des Lebens und dem der Literatur. Im Tagebuch können künstlerische Authentizität und christliche Wahrhaftigkeit verschmelzen. Ja noch mehr: Die Widersprüchlichkeit, vielleicht auch Abgründigkeit und Verfallenheit der Person, die sich literarisch bekennt, ist geradezu die Voraussetzung dafür, daß aus dem Tagebuch eines katholischen Schriftstellers ein Seelenspiegel, ein Zeugnis der Aufrichtigkeit werden kann.

Nur gibt es dabei eine nicht zu leugnende Schwierigkeit: Welcher Schriftsteller ist bereit, sein zerklüftetes Seelenleben vor seinen Lesern auszubreiten, selbst wenn er katholisch ist? Wer begibt sich auf den Weg eines literarischen Apostolats, was ja auch immer bedeutet, den Künstler in sich zu unterdrücken, seine ästhetischen Potentiale aufzuopfern, sich kleiner zu machen, als man gerne gesehen werden will, und vor allem: sein Innerstes preiszugeben in einer Zeit, wo jedes Senken der Maske, jede Selbstoffenbarung auf dem medialen Altar sofort in ein Brandopfer verwandelt wird? Wer schreibt unter den Umständen einer Gesellschaft, die zur Verstellung nachgerade zwingt, überhaupt noch ein aufrichtiges literarisches Tagebuch? Wolfgang Herrndorf scheint mir der letzte große Selbst-Chronist gewesen zu sein, freilich gleichsam befreit vom Konformitätsdruck dadurch, daß er den eigenen Tod vor Augen hatte.

Das Tagebuch als literarische Gattung ist daher auch nur ganz selten ein authentisches biographisches Dokument, geschweige denn ein christliches. Vielmehr durchläuft der autobiographische Text während seiner Entstehung Phasen der Entfremdung, ja der Abstoßung von sich selbst. Zunächst ist er eine Skizze, die das Lebensgeschehen unmittelbar, auf frischer Tat sozusagen, mit schnellen Strichen erfaßt und notiert. In einem meist mehrstufigen Bearbeitungs- und Sublimationsprozeß wird die autobiographische Substanz dann immer mehr der Fiktion angenähert, immer mehr verdrechselt und verschraubt – inhaltlich wie stilistisch. Daher geht derjenige Leser fehl, der in Tagebüchern, die für die Veröffentlichung bestimmt sind, nach Lebensspuren und Wirklichkeitspartikeln des Autors sucht. Tagebücher sind komplizierter. Sie brechen die erlebte Wirklichkeit im Spiegel der Kunst, sie dekonstruieren das Leben, um es als sprachliche Gestalt wieder neu erstehen zu lassen. Tagebücher sind perpetuierte Wiedergeburten ihres Autors – und in dieser Möglichkeit, sich immer wieder von neuem selbst zu erschaffen, die durchlebte Zeit noch einmal bearbeiten und überschreiben zu können, liegt wahrscheinlich auch der Schreibanreiz für ein Tagebuch. Tagebücher sind, so gesehen, Bücher, die der Autor in erster Linie für sich schreibt, und nicht für andere. Sie sind das Gegenteil von Apostolat, das immer von sich wegweist. Ernst Jünger war der Meister dieser literarischen Metamorphose und Selbstbespiegelung, und die immer wieder aufgewärmte Diskussion um die Authentizität der sogenannten „Burgunderszene“ aus seinem Pariser Tagebuch „Strahlungen“ bringt die Ambiguität der Gattung vorzüglich auf den Punkt.

Die große Bedeutung, die den literarischen Tagebüchern des französischen Schriftstellers Léon Bloy (1846-1917) zukommt, besteht nun gerade in der Überwindung dieser Geste der Selbstliterarisierung, die der Gattung eingeschrieben ist. Es gibt gerade im französischen Sprachraum noch andere große katholische Tagebuchprojekte, zum Beispiel das von Julien Green oder das von Paul Claudel. Bloy jedoch ist einzigartig, weil er die literarische Konvention, deren Gefangene auch Claudel und Green noch waren, souverän abwirft. Bloy häutet sich, während Green und Claudel sich in ihr Tagebuch verpuppen.

Bloy führte schon als Jugendlicher ein Tagebuch, doch ernsthaft und im Sinne einer literarischen Produktion beginnt sein Tagebuchwerk erst in den letzten Jahren vor der Jahrhundertwende. Der erste Band, „Der undankbare Bettler“ (Le Mendiant Ingrat), erscheint 1898, ihm folgen dann in regelmäßiger Folge sieben weitere Bände bis zu seinem Tod ein Jahr vor Ende des ersten Weltkriegs. Dieses Journal begründete Bloys überschaubaren Ruhm – und nicht seine beiden Romane (Le Désespérée -Der Verzweifelte, 1887; Le femme pauvre – Die Armut und die Gier, 1897), noch weniger seine komplexe, historisch-theologischen Essays (zum Beispiel: Das Blut der Armen, 1909; Die Seele Napoleons, 2010).

Auch Bloys Tagebücher gibt es zweimal: einmal in der veröffentlichten, das andere Mal in der unveröffentlichten Version, die um ein Vielfaches umfangreicher ist. Auch Bloy hat ausgewählt, kollationiert, bearbeitet. Er hat die detaillierten Aufzeichnungen seines entbehrungsreichen Lebens, die bis in die banalen Abgründe meist nicht bezahlter Weinrechnungen hinabreichen, für die Veröffentlichung immer und immer wieder durchkämmt. Aber der direkte Vergleich zwischen den beiden Versionen zeigt, daß es ihm bei diesen Bearbeitungen mitnichten darum ging, ein fiktionales Alter Ego zu konstruieren, daß er nicht darauf abzielt, sein Leben nachträglich in die richtige Form zu bringen, es zurecht zu rücken, um es so der Nachwelt anzuvertrauen. Bloy hat ausgewählt, nicht verändert, er hat priorisiert, nicht transformiert. Und das ist schließlich das entscheidende Merkmal, das aus seinen Tagebüchern ein authentisches katholisches Dokument – katholische Literatur eben doch – macht.

Das Szenario dieses Dokuments, sein Atem, seine Energie, ist die große Geschichte des menschlichen Lebens: der Kampf der menschlichen Seele, die versucht, sich dem zähen Schlamm des Irdischen zu entwinden und sich zu ihrem Schöpfer emporzuheben, dabei immer wieder scheiternd und in sich zusammenfallend, aber niemals verzweifelnd. Daß es bei diesem Ringen nicht immer zimperlich zugeht, ist kein Geheimnis: „Ça pue le Bon Dieu ici! Hier riecht (oder besser: stinkt !) es nach dem lieben Gott“ heißt es in Bloys zweitem Roman. Bloy mag es drastisch, bei ihm rumpelt es im Unter- und im Obergeschoß. Dieses Rumpeln ist jedoch kein polemisches Kalkül, sondern Wesensmerkmal des christlichen Kampfes. Die Tagebücher zeichnen keine ätherische Figur der Reinheit in den Raum, sondern eine Spur aus Blut, Schweiß, Tränen. Bloy gräbt sich hinein in die Physis des katholischen Menschen. Er ist ein katholischer Realist, ja ein katholischer Verist. Der Kampf um Heiligkeit wird nicht ausgetragen als eine kontinuierliche Veredelung, als ein langsames Schreiten hinauf in die Perfektion, als ein Entschweben, als eine Entmenschlichung, sondern er ist das Gegenteil davon: eine Einwachsung ins Menschliche, eine tägliche Schlammschlacht mit den Widrigkeiten des Daseins. Die Täglichkeit ist dabei – und nicht nur gattungsmäßig – der springende Punkt. Unser Heil erstreiten wir uns nicht irgendwann, sondern heute, allerspätestens morgen: Ce qui m’arrive demain et aussi caché aussi grave que ce qui m’arrivera après la mort. – Das, was mir morgen geschehen wird, ist ebenso verborgen, ebenso bedeutsam wie das, was mir nach meinem Tod geschehen wird.

Die Gattung des Tagebuchs bekommt bei Bloy durch den katholischen Realismus, den sie ermöglicht, eine heilsgeschichtliche Dimension zugesprochen. Sie allein ist in der Lage, den wahren Rhythmus eines christlichen Lebens, den Alltag, zu dokumentieren. Wir sind und bleiben die beiden Schächer, die mit Christus gekreuzigt werden. Christus hat uns versprochen, heute noch in seinem Paradies zu sein, wenn wir uns mit ihm kreuzigen lassen. Auf dieses Versprechen baut Bloy seine Hoffnung, die jeden Abend mit der Sonne untergeht und der von jedem Sonnenaufgang neue Kraft zugeführt wird. Das ist auch die Figur, die sein Tagebuch immer und immer wieder durchläuft: Der Hoffnung des Morgens folgen der Dämon des Mittags und die Verzweiflung des Abends, der Nacht. Die Berufung zur Heiligkeit, die Jesus ausspricht, ist in die dunkle Wolke der Melancholie gehüllt. Sich zu dieser Logik der Melancholie, die dem Menschen, der gottgleich sein will, notwendig inhärent ist, nicht zu bekennen, sondern sich vielmehr einer permanenten christlichen Heiterkeit hinzugeben, ist für Bloy das Zeichen der Verlogenheit, das er vor allem in der Bourgeoisie verortet, die sich nicht existentiell verwurzelt und begründet, sondern die die Heilsbotschaft zur Rechtfertigung und Veredelung eines materiell abgesicherten Lebens mißbraucht (Wörterbuch der Gemeinplätze, 1902). Man muß Bloys Invektiven gegen die Gesellschaft, mit denen seine Tagebücher gespickt sind, immer vor dem Hintergrund dieses christlichen Realismus verstehen, der sich in der Figur des nackten, mittellosen Christus-Nachfolgers verkörpert. Die einzige Waffe, um in diesem Kampf zu bestehen, und das einzige, dessen der Mensch wirklich bedarf, sind die Sakramente und das Gebet. Sie sind die Leitplanken des Wegs zur Heiligkeit.

Aber was genau meint Bloy, wenn er „Heiligkeit“ sagt? Dieser Begriff ist es, um den die Tagebücher und auch seine Briefe konzentrisch kreisen. Bloy hat sehr viele Menschen konvertiert, unter anderem Jacques Maritain, den Begründer des Neuthomismus, der der ganzen französischen Kirche einen ungeheuren Wiederbelebungsschub gab. Ist Bloy in seiner Apotheose der „Heiligung des Alltags und der Arbeit“ – eine Formulierung, die durchaus als Untertitel seiner Tagebücher durchgehen könnte – vielleicht sogar ein Vorläufer des Hl. Josemaría Escrivá, des Gründers des Opus Dei, der mit seiner Aphorismensammlung „Der Weg“ (1934) geistlich auf den Spuren Bloys wandelt? Läßt sich Bloy als eine Präfiguration des „Werks“ deuten? Der Roman Le Femme Pauvre endet mit dem viel zitierten Satz: Il n’y a qu’une tristesse, c’est de N’ETRE PAS DES SAINTS – Nur eine Sache ist traurig, keine Heiligen zu sein. In diesem Ausruf steckt Bloys gesamte Theologie der katholischen Melancholie, der melancholischen Heiligkeit. Der Satz verstört. Denn er behauptet etwas in präsentischer Gewißheit, was sich erst der Zukunft, oder besser: in der Zeit, die nach der Zeit kommt, erschließen wird. Aber genau dieser Bruch zwischen dem, was im Bereich des Menschlichen liegt, und dem, was zum Bereich der göttlichen Gnade gehört, ist konstitutiv für Bloys Verständnis von Heiligkeit. Die Hoffnung, einmal ein Heiliger zu sein, ist unbestreitbar das, was Bloy am Leben hält. Aber daraus wird für ihn kein Konzept der Freude. Denn diese Hoffnung ist überschattet vom Wissen um die eigene Unfertigkeit, um das eigene Scheitern-Müssen. Ohne dies sähe sich Bloy einem Optimismus ausgeliefert, der ihm dem Hochmut und dem Stolz, dem Übermut und dem Eogoismus ausliefern würde. Die Melancholie ist ein Schutzwall gegen die Sünde. Unser Heil, so Bloy, steht jeden Tag auf’s Neue auf der Kippe. Jeden neuen Tag erleben wir als einen erbitterten Kampf zwischen Gestas und Dismas, zwischen dem bösen und dem guten Schächer. Das ist das Drama, an dem uns Bloys Tagebücher teilhaben lassen. Die Heiligkeit bleibt das Unberührbare, das, was sich dem Willen des Menschen entzieht, etwas, das er auch von seinem Wollen fernhalten sollte, um sich nicht selbst zu verführen. Heilige, so Bloy, wissen selber nicht, dass sie Heilige sind. Denn sie können den Heiligenschein über ihrem Haupt nicht sehen. Aber wer weiß: Vielleicht ist Bloy bereits ein Heiliger, ohne dass die Kirche es mitbekommen hat? (zuerst in: Die Tagespost, September 2015)

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