Mein Sommer mit Houellebecq: Finale mit Rauchmelder und Gott

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Im Jahre 1892 wurde der französische Schriftsteller Joris-Karl Huysmans Laienbruder in der Abtei von Saint-Martin de Ligugé bei Poitiers. Auch Houellebecq, dessen Ich-Erzähler in Soumission über Huysmans promoviert („Joris-Karl Huysmans, ou la sortie du tunnel“), verbrachte im Dezember 2013 einige Tage in der Benediktinerabtei – um sich einzufühlen, einzuleben in die Hauptfigur seines Buches. Für den sechsten und letzten Teil ihrer Serie reiste auch Le Monde-Reporterin Ariane Chemin nach Westfrankreich – und erfuhr von den Mönchen unter anderem, dass Houellebecq seine Rechnungen nicht bezahlt.

Wenige Tage vor seiner Ankunft kontaktiert Houellebecq Bruder Joel, der in der Abtei für die Gäste verantwortlich ist, per Mail. Die Regel des Heiligen Benedikt bestimmt, dass Gäste im Kloster stets willkommen sind. Houellebecqs Roman sollte ursprünglich Conversion heißen – doch es kommt anders. Man kann es im Roman nachlesen: Die Schwarze Madonna von Rocamadour übt auf den Protagonisten des Buches nicht die gewünschte Wirkung aus. Eine Konversion findet leider nicht statt. Was also war in Ligugé mit dem Autor passiert?

Der Heilige Martin gründete im Jahre 361 in Ligugé eine kleine Ordensgemeinschaft – eine der ersten im Abendland. Noch heute zeigen die Mönche den Besuchern die Steine, auf denen der Heilige kniete. Ein paar Schritte weiter befindet sich eine Bibliothek mit 350.000 Bänden, die Huysmans intensiv konsultierte. 1898 kam der Autor von Gegen den Strich zum ersten Mal an diesen Ort – und blieb später als Oblate (sein Roman L’Oblat schildert diese Episode seines Lebens). Der Schriftsteller bewohnte ein eigenes Haus in der Nähe des Klosters und wurde von den Mönchen verköstigt.

Als Houellebecq an jenem dunklen Dezemberabend 2013 an der Pforte klopft, hält Bruder Vincent den Mann mit Parka, Rucksack und wirrem Haar zuerst für einen Obdachlosen (für einen SDF: sans domicile fixe). Er geleitet ihn in ein Vierbettzimmer, das im Kloster für Vagabunden bereitsteht. Heute noch lachen die Mönche, wenn sie sich diese Szene immer und immer wieder erzählen. Aber rechtzeitig greift Bruder Joel ein, der den prominenten Gast erkennt. Houellebecq bekommt das Zimmer 11 im zweiten Stockwerk des Klosters. Der Blick aus dem Fenster fällt auf den Klostergarten, der von der TGV-Linie durchschnitten wird.

Das erste, was dem Raucher Houellebecq jedoch ins Auge fällt, ist der Rauchmelder an der Decke. Keine Zigaretten! Ein Romanmotiv ist geboren.

Auf dem Tisch: eine Bibel. Und eine Broschüre – „Faire Retraite dans un monastère“ von Jean-Pierre Longeat, einem ehemaligen Abt des Klosters. Auch sie wird ihren Platz im Roman erhalten.

Während seines kurzen Aufenthalts passt Houellebecq sich dem Klosterrhythmus an. Er ißt mit den Mönchen. Er besucht die Stundengebete. Doch die moderne Kirche des Klosters inspiriert ihn nicht. In Soumission heißt es, sie erinnert an das „Centre Commercial Super-Passy de la rue de l’Annonciation“.

Houellebecq hat durchaus eine katholische Vergangenheit: Katechismus, kirchliche Jugendgruppe, Wallfahrt nach Chartres auf den Spuren von Péguy. Eine Zeit lang geht er jeden Sonntag zur Messe. „Zwanzig Jahre lang, ungefähr“. „Wie ich diesen großartigen Ritus der Messe geliebt habe, der über Jahrhunderte hinweg perfektioniert wurde“, schwärmt er in Ennemis publics. Und weiter: „Jeden Sonntag glaubte ich fünf oder zehn Minuten lang an Gott: aber kaum verließ ich die Kirche, so verflüchtigte sich das alles in den Straßen von Paris“.

Ligugé ist ein fortschrittliches Kloster. Mehr „Vatikan II als Manif pour tous“, wie Chemin schreibt. Das Gebetsleben beginnt um 7, und nicht, wie in strengen Klöstern, um 5 oder gar um 3. Einer der Mönche macht gerade seinen Motorradführerschein und schreibt Gedichte. Das alles – und der Rauchmelder –  treiben den Protagonisten von Houellebecq in die Arme des Islam. Denn der Katholizismus ist keine ernstzunehmende Alternative mehr. Eine Konversion kann hier nicht stattfinden. Nach drei Tagen und zwei Nächten verläßt Houellebecq das Kloster. Im Morgengrauen. Die einzige Spur, die er zurückläßt: der Abdruck der Rollen seines Koffers im Kies.

In Soumission erkennen die Mönche sich im Roman wieder. Bruder Joel schreibt an den Autor: „Wie entstehen Ihre Figuren?“. Houellebecq antwortet: „Das weiß ich auch nicht“.

„Houellebecq hat im Januar erklärt, dass er kein Atheist mehr sei, sondern ein Agnostiker“, unterstreicht Bruder Joel hoffnungsvoll. Und weiter: „Ich bin sicher, er ist auf dem Weg“ – „J’en suis sûr, il est en route“ („En route“ – „Unterwegs“, so lautet der Titel des, beeindruckenden, Konversionsromans von Huysmans). Die Mönche von Ligugé würden Houellebecq gerne wieder aufnehmen – auch wenn er bei seinem ersten Besuch vergaß, die Rechnung zu bezahlen. Man hat sich dann an aber an seinen Verlag gewandt.

 

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