Mein Sommer mit Houellebecq: Figaro Magazine vs. le Monde, Runde 5

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„Tourner avec Iggy Pop, ce n’est pas banal“ – „Mit Iggy Pop einen Film zu drehen ist nicht selbstverständlich“

Im letzten Teil seiner Interview-Serie mit Michel Houellebecq fährt Jean-René van der Plaetsen vom Figaro Magazine in die Pariser Banlieu, nach Bas-Colombe. Dort dreht Houellebecq gerade einen Film mit Iggy Pop. Verfilmt wird ein Essayband aus seiner Feder, sein erster persönlicher Text, der im selben Jahr 1991 erschien wie seine Studie über den amerikanischen Schrifsteller H.P.Lovecraft: Rester vivant. (Houellebecq: „Ich bin heute immer noch überrascht, dass dieser Band damals überhaupt publiziert wurde… Er spiegelt meine damaligen Lektüren: den Heiligen Paulus und H.P. Lovecraft“).

Der Regisseur Erik Lieshout versucht, eine schräge Geschichte einzufangen: Iggy Pop spielt einen Kunstprofessor, der durch Zufall das Werk eines menschenfeindlichen, aber genialen Malers (Houellebecq) entdeckt, der von seinen Zeitgenossen vollkommen mißachtet wird. Dabei wird viel improvisiert. Die Schauspieler begleichen alte Rechnungen. Iggy Pop zum Beispiel ergeht sich in einer Hasstirade gegen die Punk-Bewegung, die nichts anderes getan habe, als ihn zu kopieren. Houellebecq seinerseits macht den Ausstatter des Films zur Schnecke, der einen häßlichen Tonkrug auf das Set mitgebracht hat: „Das erinnert mich an meine Kindheit!“. Also bitte, weg damit. Dann gibt es Mittagessen. Iggy Pop hält eine Tischrede über Alexis de Tocquevilles Buch Über die Demokratie in Amerika. Das sei immerhin der Beginn der franko-amerikanischen Freundschaft. Zum Interview tritt dann aber leider nur Houellebecq an.

Wie kann man Gedichte und Essay auf die Leinwand bringen? – Ja, es sei das seltsamste Projekt, das er jemals gemacht habe. – Und dann noch mit Iggy Pop?? – „Iggy liebt den Essayband Rester vivant. Er liest die Texte besser als ich. Auf seiner Platte Preliminaries (2009) hat er sich stark von meiner Möglichkeit einer Insel inspirieren lassen. Ich war sehr überrascht, wie gut A machine for loving auf Englisch klingt (https://open.spotify.com/track/1tUuQoozcjN2Ddz1WPBjp9). Bei dem Projekt handelt es sich um einen Dokumentarfilm, Iggys Stimme kommt aus dem Off, und es gibt eine fiktionale Szene, die wir heute drehen“.

Sehen sie Iggy oft? – Nein, er lebe ja in Amerika. Er sei ein großer Poet. So wie Jim Morrison ein großer Poet war. „Das ganze Werk der Doors beruht auf seinen Texten und auf seiner Stimme. Das ist schon sehr nahe an Poesie dran. Die Musik ist nicht so genial. Die Orgel von Manzarek hört sich ein bißchen nach Pizzeria an“.

Die Rimbauds von heute heißen also Jim Morrison, Patti Smith, Bob Dylan und Ian Curtis? – „Ja, natürlich“. – Aber was genau bedeutet das? Heißt das, das sich unsere Epoche nach Poesie sehnt? – Damals war das so. „Diese Rockmusik bezeichnet einen sehr überraschenden, zeitlich beschränkten geschichtlichen Moment. Das war ein kreativer Elan, der zwanzig Jahre anhielt. Diese Rockmusik, die gibt es heute nicht mehr.“ Jean-Louis Aubert von der französischen Band Téléphone sagte ihm kürzlich: „Damals haben wir darauf nicht geachtet, aber jeden Monat kamen geniale Platten heraus“. „Das war eine unglaubliche Explosion musikalischen Genies“.

Ob er eher Stones oder Beatles sei? – Beatles. Und Pink Floyd.

Yes oder Genesis? – Genesis, ohne Zögern. „Ich habe damals das zweite Album von Genesis (Trespass) nach Frankreich mitgebracht, sie waren damals bei uns völlig unbekannt. Ich arbeitete einen Monat lang als Kellner auf der Isle of Wight, es war schrecklich“.

Und die amerikanische Rockmusik? – „Ich hörte sehr gerne Velvet Underground und Jimi Hendrix. Aber ich bevorzugte den englischen Sound. Abbey Road, das ist die beste Platte aller Zeiten…“.

Und Iggy Pop? – Den habe er 1973 entdeckt, mit dem ersten Album der Stooges (1969). „Das war übrigens die zweite Platte, die ich mir in meinem Leben gekauft habe. Die erste war, seltsamerweise, der Soundtrack von Shaft.

Viele Menschen sprechen über Houellebecqs „Look“. Ist der auch Rock ’n Roll? – „Abgesehen von ein paar bizarren Episoden habe ich meinen Look nie verändert“ – „un peu grunge“, Karo-Hemd, lange, etwas schmutzige Hosen. – Ob er nicht ein Gefangener dieses Looks sei? – „Ja, man ist immer der Gefangene seines Aussehens, deshalb ist es wichtig, sich ein gemütliches Gefängnis zu wählen. In meinem Fall: Parka und Rucksack, damit lebt es sich leicht“. – Denken Sie morgens darüber nach, was Sie anziehen? – „Nein. Ich habe ein- für alle Mal darüber nachgedacht.“

In seiner Jugend sei dieser Stil derjenige der Mehrheit gewesen. Heute nicht mehr. „Der Punk-Look hat mir nie gefallen (…), aber den Gothic-Look fand ich charmant. In dieser Zeit besichtigte ich die Königsschlösser Ludwigs II. und las dekadente Autoren des 19. Jahrhunderts… zum Glück gibt es aus dieser Zeit keine fotografischen Dokumente mehr“. „Ich erinnere mich noch: Ich war am Grab Wagners in Venedig. Da waren viele junge, düstere Leute in Gehrock und Künstlerschal. Bleiche junge Mädchen, die versuchten, schwindsüchtig auszuschauen…Da konnte ich nicht mithalten und kehrte lieber zum Grunge-Look zurück.“

Neben der Musik interessieren Sie sich ja auch sehr für das Kino…. – „Etwas weniger, das kostet zu viel Geld, und es ist stressig. Aber ich liebe diese vielen verschiedenen Techniker, das Kino befriedigt meine soziale Sehnsucht. Bücher schreiben ist eine schrecklich einsame Angelegenheit, und ab und an hat man doch Lust, Menschen zu begegnen…“.

Also haben Sie Interesse, für das Kino zu schreiben? – Nein. Szenarios seien eine enttäuschende Gattung für einen Schriftsteller. „In Amerika werden Filme gedreht, die die Szenarios respektieren. In Frankreich ist das anders. ich weiß, wovon ich rede. (…) Das Pendant zum Romancier ist hier der Regisseur“.

Sie sind ja auch ein guter Schauspieler, wie man in L’Enlèvement du Michel Houellebecq sehen kann… – „Wenn man mir sagt, ich sei ein guter Schauspieler, dann finde ich das bis heute seltsam. Das kann doch nur ein Mißverständnis sein…“ Früher, viel früher hätte man ihm sogar einmal eine Rolle in einem Werbespot angeboten. Er habe aber abgelehnt. „Sonst wäre ich heute die Muse von Monoprix!“

Oder von Leader Price? – „Ah non! Je suis classe moyenne. Pas lumpen!“

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Immer wieder hat Houellebecq in seinen Romanen Gewaltausbrüche beschrieben, „carnages insensés“. Mit fotografischer Präzision schildert er den Zerfall des Körpers, das Blut.

„Aber selbst auf meinen dunkelsten Seiten habe ich mir einen solch infernalischen Mechanismus nicht vorstellen können“, sagt Houellebecq heute, ein gutes halbes Jahr nach dem Charlie Hebdo-Massaker am 7. Januar 2015 zu seinen Freunden, zu denen Bernhard Maris gehörte, der Ökonom, Gelehrte und Literat, der bei dem Attentat ums Leben kam. Bei dessen Beerdigung hielt sich Houellebecq ein Taschentuch vor’s Gesicht. „Es ist das erste Mal in meinem Leben, das jemand, den ich kenne, ermordet wird“, flüsterte er damals Emmanuel Carrère zu (Ariane Chemin, die „Le Monde“-Autorin, hält die Perspektive der Indiskretion also bis ans Ende ihrer Serie durch).

Maris gelang im September 2014 ein Überraschungserfolg mit einem kleinen, intelligenten Büchlein über Houellebecq (Houellebecq économiste), in dem er Houellebecq als den Balzac, den epischen Analytiker des modernen Kapitalismus darstellt. Maris sei so etwas wie ein Houellebecq-„Groupie“ gewesen: Er konnte ganz Passagen aus seinem Werk auswendig, bezeugt der Schriftsteller Christian Authier. Er habe seinen Houellebecq-Essay geschrieben, so dieser Zeuge weiter, um eine Freundschaft mit dem berühmten Autor zu erzwingen. Es kam zu einer Begegnung. Man sprach über ein gemeinsames Projekt….

Aber erst nach dem 7. Januar. Jeder Literaturinteressierte hatte sich diesen Tag rot im Kalender angestrichen. Es war der Tag, an dem der neue Houellebecq auf den Markt kommen sollte. Houellebecq wollte sich mit Soumission keinen zweiten Blasphemie-Prozess ans Bein binden. Deshalb gab er das Manuskript Gilles Kepel zum lesen, einem Islam-Spezialisten.

Am 7. Januar hört man auf allen Radio-Kanälen Houellebecq-Besprechungen. Kurz vor 12 verbreitet sich in Paris das Gerücht: Etwas Schreckliches sei bei Charlie Hebdo passiert. Houellebecq war auf dem Titelbild der aktuellen Ausgabe: „2015 verliere ich meine Zähne. 2022 mache ich Ramadan!“ In der gleichen Nummer verteidigt Bernhard Maris den neuen Roman Soumission als ein „pur chef-d’oeuvre“. Der Rest der CH-Redaktion mag Houellebecq nicht: „Das Buch ist zum Kotzen. Es spielt dem FN in die Hände“. Aus politischen Gründen, also. Man sitzt um den Redaktionstisch, man debattiert und raucht, gleich werden die Brüder Kouachi das Gebäude stürmen und ihre Magazine in den Raum hineinfeuern. Vielleicht die letzten Sätze von Maris lauten: „Man muß das Buch als einen Roman lesen! Das ist große Literatur, weil es glaubwürdig ist und weil Michel erzählen kann“.

Warum gibt es im Leben von Michel Houellebecq so viele Zufälle? August 2011. Plattform erscheint. Houellebecq wird in Frankreich stark angefeindet. Vor allem von Moslems, aber nicht nur. Er verläßt Frankreich und zieht nach Irland. Dort lebt er bei Michel Déon, einem Schriftstellerfreund. Gemeinsam sehen die beiden im Fernsehen, wie ein Passagierflugzeug in die Türme des WTC fliegt. „An diesem Abend habe ich Houellebecq gesagt, er sei gerettet“, erinnert sich Déon.

Nach den Ereignissen des 7. Januar flieht Houellebecq zu Jean-Louis Aubert, dem ehemaligen Sänger der französischen Rockgruppe Téléphone. Noch ein Rocker also, der Houellebecq singt.

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