Mein Sommer mit Houellebecq: Figaro Magazine vs. Le Monde, Runde 4

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„Je pense avoir une sorte de don“ – „Ich denke, dass ich irgendeine Art von Talent habe“.

Zunächst und in erster Linie ist Houellebecq ein großer Autor, einer der stärksten unserer Zeit, weil er den Kapitalismus in allen seinen Facetten durchdringt. Und in erst in zweiter und dritter Linie ist er Polemiker, Zeitkritiker, Pausenclown der Medien.  Um diese Tatsache nicht aus den Augen zu verlieren, stellt Jean-René van der Plaetsen in seinem vierten Figaro-Sommerinterview den Dichter Houellebecq in den Mittelpunkt.

Schauplatz: ein kleiner Square, mitten im XIII. Arrondissement. „Das ist hier einer meiner Lieblingsziele. Ich finde diesen Ort sehr erholsam“. Und dann: „Aber ich gehe auch gerne in dem großen Einkaufszentrum Italie Deux spazieren und schaue mich dort um“.

Das wäre ein gutes Thema für eine Doktorarbeit: „Die Funktion der Einkaufszentren in Houellebecqs Romanen“. Auf Französisch heißen dies Malls „les grandes surfaces“ – und es sind diese vielgestaltigen, sich ständig verändernden Oberflächen der Welt, die den Dichter Houellebecq faszinieren.

Im nächsten Jahr wird ein Cahier d l’Herne über Sie erscheinen (ein literaturkritisches Standardwerk), Flammarion beginnt mit einer Werkausgabe. Ist das wichtig für Ihr Weiterleben? – „Ja, das ist gut. Vielleicht sehen die Menschen jetzt besser den Zusammenhang meines Werks“. Klar, da stecke natürlich auch der Gedanke eines „Grabmals“ drin. „Aber ich habe schon immer diese amerikanische Idee verachtet, dass man zu jedem Zeitpunkt seines Lebens von neuem anfangen kann“: „…une nouvelle existence, qui se doit d’être formidable, d’être une deuxième jeunesse: à 40, 50, 60 ans…“, warum nicht gleich mit 70 oder 80? „Das ist der tragischste Aspekt der abendländischen Neurose“.

Das verstehe ich nicht ganz, was meinen Sie damit? – „Wenn man die Dinge auf die Spitze treibt, dann kann man sagen, dass man heute mit 90 Jahren sterben kann, völlig ungerechterweise herausgerissen aus einem großartigen Lebensprojekt, und obwohl man sich jünger als jemals zuvor fühlt. Das ist absurd. Wir brechen mit einer alten Weisheit, die universell ist: „Tout le monde sais bien qu’une vie a une durée limitée“. Das gilt auch für literarische Werke.

Einige sehen Houellebecq schon in der Académie francaise…- „In Fragen der Sprache könnte ich einiges beitragen: Grammatik, Ausdruck, Syntax. Ich bin auch stolz auf meine Neologismen“.

Wirklich, Sie sehen sich in der Académie? Kein Problem mit Ihrem Rock-n-Roll-Image? – Überhaupt keins. Frankreich ist das einzige Land, das eine solche Institution hervorgebracht hat – eine Institution von Schriftstellern, die sich um die Sprache ihres Landes kümmern. „C’est une idée belle, originale et just“. Zu seiner bevorzugten Lektüre gehört auch Grevisse (Maurice Grevisse, belgischer Grammatiker, Le Bon Usage aus dem Jahre 1936 war jahrzehntelang das führende Grammatikbuch).

Ja, die Grammatik ist schön. Cioran sagte einmal: „Ich träume von einer Welt, in der man für ein Komma stirbt“. Gilt das auch für Sie? – Ja, wenn einer so an der Sprache hängt, dann berührt einen das schon. –

Aber zitieren Sie nicht immer wieder den einen Satz von Schopenhauer: „Die erste und einzige Bedingung für einen guten Stil besteht darin, etwas zu sagen zu haben“? – Ja, auch richtig. Bücher, in denen der Stil das einzige Ziel ist, fallen mir aus der Hand…“

Ich möchte noch einmal auf den Gedanken des inneren Zusammenhangs ihres Werks zurück kommen – das ist neu, oder? – „Ja. Ich werde mir immer mehr darüber klar, dass Barthes mit seiner These vom Tod des Autors Recht hatte“. Je mehr das Werk voranschreite, desto mehr werde es zu einem geschlossenen System, in das das Leben des Autors nicht mehr eindringen kann. das sei die große Misere des Gedankens einer Biographie. Das Werk schließt sich also immer weiter von seinem Autor ab. Der erste Roman (Ausweitung) war der autobiographischste. „Wenn man einen Autor liest, dann nimmt man Kontakt mit seinem Geist auf, mit seiner Art, die Welt zu sehen, aber sicherlich nicht mit seinem Leben“. Und ein Ratschlag für die Leser: Bitte lest meine Bücher in der chronologischen Reihenfolge!

Bereuen Sie als Autor irgendetwas? – Ja, die Hineinnahme von Lyrik in den Roman (Elementarteilchen), das sei schief gegangen. Carrère schrieb ihm einmal, seine Bücher seien zu lustig, er solle sich mehr auf die erschütternden Aspekte des Lebens der Menschen konzentrieren. Das war ein guter, ein starker Vorschlag. Andere kritisierten die häufigen Sex-Szenen. Es ist richtig, der Sex vermische sich nur schlecht mit den anderen Dingen. Aber es sind natürlich die Fehler und die bedauernswerten Tatsachen, die die kommenden Bücher nähren – es sind nicht die Erfolge.

Sind Sie ein Genie? – „Oui, il y a une sorte de don“.

Wenn Sie ein Buch wie Elementarteilchen schreiben, ob er dann das Gefühl habe, ein großes Buch zu schreiben? – Nein, während des Schreibens niemals. „Es gibt einen seltenen, intensiven, geheimen Moment, von dem man nie spricht“. Dann liest man alles, was man geschrieben hat, und dann wird einem klar, was man erreicht hat. Aber während des Schreibens, niemals.

Welche Schrifsteller bleiben wichtig für Sie? – Schopenhauer, Balzac, Dotsojewksi, Baudelaire, Kleist, Novalis, Thomas Mann. „Ich liebe dicke Bücher, obwohl ich nie eines geschrieben habe. Ich würde gerne eins schreiben, ein sehr dickes Buch, ohne langweilige Passagen, so etwas wie den Zauberberg„. Aber in unserer Epoche gäbe es etwas, das ein solches Projekt unzugänglich mache.

??? – Der mediale Druck, die Gesamtatmosphäre, die Tatsache, dass man regelmäßig publizieren muß, weil man sonst nicht existiert. Thomas Mann habe am Zauberberg zwei Jahre geschrieben, ohne irgend etwas anderes zu machen. Man betrachte das Ergebnis: Es hat sich gelohnt. „Das ist das Problem unserer Epoche: ganz große Projekte sind nicht mehr möglich“. (Nachdenken). Es gäbe dabei aber auch andere Probleme: Je mehr Seiten man geschrieben hat, desto größer wird die Gefahr, sich zu wiederholen. „Proust wiederholt sich erstaunlich selten, das war wirklich ein außergewöhnliches Gehirn“, Tolstoi dagegen, in Krieg und Frieden, na ja, ihm gelänge das nicht so gut….

Hat das etwas mit dem Alter zu tun? – „Ich könnte ihn immer noch schreiben, den definitiven Roman, ja, das ist reizvoll. Manchmal klappt das. Als Dostojewski die Brüder Karamassow schrieb, wußte er, es würde sein letzte Roman sein. Er legte alles hinein, was er hatte, und es wurde ein großartiges Buch. Aber das wäre das letzte. Thomas Mann war mit dem Dr. Faustus nicht auf dem Niveau des Zauberbergs. Und Joseph Conrad hat nach Nostromo auch nachgelassen. Ich könnte es so machen: den großen Roman schreiben und dann sterben“.

„Das klingt gut. Das scheint mir ein gutes Projekt zu sein“.

Machen Sie Witze? – Nein. „Warum soll man vor dem Tod Angst haben? Wir müssen den Tod in unsere Projekte integrieren“.

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Auch wenn Gespräche sich in den höheren Gefilden der Gedanken und Ideen bewegen, läßt sich der Körper niemals aus ihnen ausschließen. Warum also nicht direkt nach dem Körper fragen, der den Geist „Houellebecq“ beherbergt, jenen Körper, der schon zu so vielen Spekulationen Anlaß gab und der von seinem Autor alles andere als geschont wird?

Ariane Chemin nennt den vierten Teil ihrer Artikel-Serie denn auch „Der Körper am Werk“. Sie zoomt dabei wieder ganz nah, obszön nah ran an das Objekt ihrer Begierde.

Anfang 2014 ging eine Nachricht wie ein Lauffeuer durch Paris: Houellebecq besucht ein Fitness-Studio. Ende 2014 konnte man dann seinen Körper im Kino bewundern – in Guillaume Nicloux‘ Film Die Entführung des Michel Houellebecq, die rückblickend wie eine gespenstische Vorwegnahme eines nach dem Erscheinen von Soumission durchaus realistischen Szenarios erscheint (der islamkritische Autor, gekidnappt von Al Qaida). Sein muskulärer Rücken ließ sich dann nochmals bewundern in Near Death Experience von Benoît Delépine. Normalerweise sieht man ja nur seinen Parka…

Oder sein Gesicht. Es wurde immer wieder beschrieben, von seinen Feinden wie von seinen Freunden (Philippe Muray, Stéphane Zagdanski). Die Vergleiche reichen von Léautaud, dem begnadeten, tagebuchschreibenden Clochard bis zu Antonin Artaud. Auch der Name Céline fällt dann und wann. Houellebecq selbst: „Ich sehe wie Victor Hugo aus, Periode Guernesey. Nur ist er etwas würdiger als ich“.

Seinen Sprachduktus kennen Millionen französischer Fernsehzuschauer. Sein dumpfes Nuscheln, die „Hum’s“, die den Sprachfluß brechen, die Pausen, die selbst von den geschwätzigsten Moderatoren respektvoll frei gehalten werden.

Ariane Chemin meint auch beobachten zu können, dass Houellebecq in ständiger Verwandlung begriffen sei. Er mutiert vor jedem Teleobjektiv, vor jeder Fernsehkamera auf’s Neue, wird älter, ganz alt, ist dann plötzlich wieder jugendlich, wie aus dem Ei gepellt. Philippe Sollers: „Zur Veröffentlichung von Unterwerfung hat er extra eine Katastrophenfratze aufgesetzt“. Zu offiziellen Anlässen erscheint er rosig frisch, freundlich, fast attraktiv.

„Ich schaue mich nie im Fernsehen an“, sagt Houellebecq. In seinen Romanen können wir allerdings an der Anatomie seines Körpers teilhaben: Haare, Haut, Köperteile, alles wird photorealistisch abgelichtet.

Tabus gibt es keine: „Ich habe gerade Ekzeme und kratze mich bis auf’s Blut“.

Seine Zähne, eine eigene Geschichte: „Ich habe ein Problem mit meinem Gebiss. Es hält nicht“, bekannte Houellebecq in einem früheren Le Monde-Interview. Beigbeder erzählt folgende Geschichte: Houellebecq habe bei einem Abendessen bei ihm zu Hause einmal sein Gebiss liegen lassen. In Houellebecqs Romanen sind die Zahnärzte immer die Bösen.

Die ästhetische Dimension dahinter: Entzauberung des Körpers, ein romantischer Ekel vor dem eigenen Fleisch.

Früher war alles anders: „Ich habe gerade ein Foto gefunden, das mich inmitten einer Gruppe von Jungen und Mädchen zeigt, und ich war schockiert zu sehen, dass ich der hübscheste der ganzen Bande gewesen bin. Ich war nicht nur schön, ich war sogar süß…“ Houellebecq hängt an seinem Körper, will nicht sterben, denkt über kosmetische Chirurgie nach – folgert die Journalistin. Im FigMag-Interview hält Houellebecq eine viel bessere Theorie über den Tod bereit (siehe oben).

Oder so: Houellebecqs Landstreicherallüren seien ein Aufruf, ihn doch endlich lieb zu haben, in den Arm zu nehmen: „Vergessen Sie nicht, Houellebecq ist ein verlassenes Kind“, gibt die Verlegerin Teresa Cremisi zu bedenken.

Man kann das alles aber auch katholisch sehen, so wie es Francois Meyronnis tut, Betreiber des Nihilismus-kritischen Blogs Ligne de Risque: „Das eine Auge von Houellebecq ist halb geschlossen, wie tot, aber das andere Auge ist durchdringend, das Auge eines Killers. Sein Körper mit den ausgebreiteten Armen, in Radler-Hosen: das ist der Anti-Körper Christi“.

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