Mein Sommer mit Houellebecq: Figaro Magazine vs. Le Monde, Runde 3

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„Alain, je suis en net désaccord avec vous“  -„Alain, ich stimme Ihnen überhaupt nicht zu“.

Im dritten Teil des Sommer-Interviews des Figaro Magazine stieß der Philosoph Alain Finkielkraut zum Duo Houellebecq – van der Plaetsen hinzu. Er hat kürzlich ein viel beachtetes Buch über die französische Identität vorgelegt (L’identité malheureuse). Als dieser Essay erschien, nahm Le Monde dies gleich zum Anlaß, Finkielkraut zu warnen: Es „spiele mit dem Feuer“, weil er den Begriff „Identität“ verwende. Auch in Frankreich also diese Einschränkung der Denkzonen, diese mediale Verordnung „korrekter“ Vokabeln, diese Ausschließung des Eingeschlossenen.

Und natürlich drehte sich im Gespräch zwischen Houellebecq und Finkielkraut (fast) alles um genau diese Identität, mit der so viele globalisiert sozialisierte Zeitgenossen Schwierigkeiten haben, weil sie nicht wissen, ob der tibetanische Trekkingpfad oder der Kreuzberger Biomarkt ihre Heimat ist.

Finkielkraut, Mitglied der Académie francaise, war früher ein Linker, ist aber mittlerweile ein konservativer Denker, der sich vor allem mit Fragen der Geschichte, des Gedächtnisses und der Identität auseinandersetzt. Mit Houellebecq verbindet ihn sein Mut, die Weigerung, sich den herrschenden Doktrinen zu unterwerfen, der Hang zur Polemik, seine intellektuelle Unabhängigkeit (i.e. Redlichkeit).

Erste Frage: Ist unsere jüdisch-christliche Identität nicht vor allem von innen heraus bedroht? – Houellebecq: „Natürlich. Das abendländische Übel ist vor allem endogen. Da bleibe ich positivistisch“. Mit dem Ende des Mittelalters habe eine neue Epoche begonnen, das „metaphysische Zeitalter“, wie Auguste Comte (Houellebecqs ewiger Gewährsmann) es nannte, ein kritisches Zeitalter, das nicht in der Lage ist, irgendetwas aus sich heraus zu erschöpfen, sondern dessen einzige Funktion darin besteht, zu zerstören, und zwar vor allem die organische Ära, die ihm vorangegangen ist – eine Ära, die auf der Feudalherrschaft und dem Christentum fußte. Jetzt erlebten wir den Zusammenbruch dieses metaphysischen Zeitalters, und dieser Zusammenbruch erzeuge eine neue Religion. Aber welche: Houellebecq: „Als gelehriger Schüler Comtes erkunde ich in meinen Romanen die Hypothese dieser neuen Religion, die auf der Wissenschaft basiert. Aber vielleicht kehrt ja auch eine alte Religion zurück?

Einspruch Finkielkraut: „Dieu est parti, et il ne dépend pas de nous de le faire revenir. Je crois que ce qui est mort pour de bon en France comme dans le reste du monde occidental, c’est la croyance en la vie éternelle“. Was gestorben ist, ist vor allem der Glaube an das ewige Leben (hier hat er, leider, Recht!). Gerschom Scholem sagte einmal: Da wo Gott war, ist heute die Melancholie. Das Abendland (ja, das Abendland, lest bei Finkielkraut nach, warum es eine absolute Infantilität ist, die Tatsache eines jüdisch-christlichen Erbes bestreiten zu wollen, wie es einige Zeitgenossen tun!) ist so gelagert, dass die Menschen sich nicht mehr dazu entscheiden können, an das ewige Leben zu glauben. (man ergänze: selbst dann, wenn sie es wollten). der Kontext fällt. Die Sicherheit. Die Präsenz des Heiligen. „C’est le destin de l’occident“. Das gilt gerade nicht für den Islam: „Die Frage nach dem ewigen Leben wird dort nicht einmal im Ansatz diskutiert“.

Houellebecq: „Alain, je suis en net désaccord là-dessus“. „Die, die an das ewige Leben glauben, werden überleben. Am Ende gewinnt immer die Religion, allein aus demographischen Gründen“.

Dalil Boubakeur, der Präsident des Conseil francais du culte musulman, hatte im Frühjahr diesen Jahres vorgeschlagen, aus leerstehenden christlichen Kirchen Moscheen zu machen. Heftiger Widerspruch von Houellebecq: „Wieder Christen zu werden, das wäre für die Menschen so, als kehrten sie wieder in ihr Haus zurück, nach langem und schwerem Umherirren. „Il ne faut pas détruire l’ancienne maison“.

„Je pense comme vous, cher Michel Houellebecq“, sagt Finkielkraut. Auf gar keinen Fall dürfen wir uns der Herrschaft der Statistik und der Soziologie unterwerfen. Wenn man von „Identität“ spricht, dann spricht man von Geschichte, man spricht als jemand, der etwas ererebt hat. Wir müssen von den Moslems also verlangen, dass sie dieses Erbe mit uns teilen. Selbst verlassene christliche Kirchen müssen daher Kirchen bleiben. „Dennis Tillinac hat dazu ein Manifest verfaßt, das ich unterschrieben habe“ (http://www.valeursactuelles.com/comme-les-30-premiers-signataires-je-signe-lappel-de-denis-tillinac-54186).

Van der Plaetsen: Herr Finkielkraut, da haben Sie aber einen weiten Weg zurückgelegt (er spielt auf seine linke Vergangenheit an) – Finkielkraut: „Das ist ganz einfach: Wenn ich in der Dordogne spazieren gehe und zum Beispiel die Kirchen von Coly und von Saint-Amand-de-Coly besichtige, dann bin ich von ihrer Schönheit überwältigt.“ Frankreich ist kein katholisches Land mehr, aber es war eines, und diese Vergangenheit verpflichtet uns: „Eine Zivilisation, die sich selbst respektiert, kann nicht nur in der Gegenwart leben“.

Houellebecq: „Außerdem gibt es hier noch ein ökonomisches Argument. Die chinesischen Touristen wollen keine Moscheen sehen, dafür sind sie nicht gekommen“.

Die Touristen sind also unsere Rettung? – Houellebecq: „Warum nicht? In La Carte et le Territoire habe ich diese Idee schon entwickelt“. Frankreich muß konsequent die Globalisierung leben, um sich zu retten: luxuriöse Handarbeit, Biolandwirtschaft, Tourismus.

Finkielkraut legt seine Stirn in Falten: Man müsse aber auch bedenken, dass wir mit der Frage nach der Identität gerade da konfrontiert werden, wo wir sie nicht erwarten. Sie holt uns einfach ein. Beispiel Charlie Hebdo: „Das war eine Denkschule, die für den Kosmopolitismus war, die nationale Frage war ihr egal, ja sie stand jeder Form des Patriotismus feindlich gegenüber.“ Die Charlie Hebdo-Truppe lebte in der Post-Histoire, und diese Post-Histoire ist ihr brutal auf den Kopf gefallen. Und zwar in Gestalt eines Feindes, den sie lange selbst  nicht einmal als eine Hypothese wahrgenommen haben. Aus dem Jenseits stellen sie, die Toten, uns jetzt die Frage: „Wer sind wir und woran wollen wir festhalten?“ Frankreich stellt auf einmal fest, dass es Werte besitzt – und zwar deswegen, weil diese Werte von einem Teil der Bevölkerung abgelehnt werden. Die Frage der Werte muß man von der Frage nach der Religion trennen.

Houellebecq: Alain Finkielkraut, ich widerspreche abermals. „Ich glaube nicht, dass man die Frage der Moral von der Frage der Religion trennen kann. Ich habe Khomenyi gelesen, das ist interessant. Ich würde gerne in Frankreich Menschen mit einer so großen Klarheit sehen, die betonen, dass der Islam kaum über Fragen der Metaphysik spricht und dass es ihm deswegen gelungen ist, Phasen der wissenschaftlichen Revolution gut zu überwinden, während sich der Katholizismus an Galileo und Darwin abgearbeitet hat“.

Themenwechsel: Monsieur Finkielkraut, Sie haben sich stark in die aktuelle Schuldebatte hier in Frankreich eingebracht. Michel Houellebecq, Sie nicht? Warum? – „Weil ich keine strahlende Schulzeit gehabt habe. Ich habe keine außerordentlichen Lehrer getroffen“. Bildung habe via Bibliotheken stattgefunden. Finkielkraut: Ich habe eine tiefe Verpflichtung gegenüber dem republikanischen Schulsystem (auch wenn ich mich natürlich in der Schule auch gelangweilt habe, so wie alle anderen). Heute erlebten wir einen Zusammenbruch der Sprachkompetenz: „l’orthographe n’est pas maitrisée, la syntaxe s’effondre, le vocabulaire se rabougrit.“ Man mache die Franzosen zu Fremden ihrer eigenen Sprache gegenüber.

Houellebecq: „Eines aber ermutigt mich, das Englisch-Niveau sinkt auch (lacht)“.

Und dann wieder ernsthaft: „Wir können Essays schreiben, die Geschichte studieren und so weiter, aber ich glaube, dass die wesentlichen Verzweigungen geheimnisvoll bleiben (er klingt jetzt sehr nach Bloy, sehr schön!). Wir duchlaufen gerade eine solche Verzweigung. Seit den Charlie Hebdo-Attentaten glaubt keiner mehr daran, dass die Dinge sich wieder ordnen werden; und, was noch schlimmer ist, keiner erhofft es mehr“.

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„L’islam, la Religion la plus con. Quand on lit le Coran, on est effondré… effondré!“ – „Der Islam, die beschissenste Religion. Wenn man den Koran liest ist man niedergeschlagen…niedergschlagen!“, sagte Michel Houellebecq 2001 in einem Interview mit der Zeitschrift Lire anläßlich des Erscheines seines dritten Romans Plateforme.

Und dann weiter: „L’islam est une religion dangereuse, et ce depuis son apparition. Heureusement, il est condamné. D’une part, parce que Dieu n’existe pas, et que même si on est con, on finit par s’en rendre compte. À long terme, la vérité triomphe. D’autre part, l’islam est miné de l’intérieur par le capitalisme. Tout ce qu’on peut souhaiter, c’est qu’il triomphe rapidement. Le matérialisme est un moindre mal. Ses valeurs sont méprisables, mais quand même moins destructrices, moins cruelles que celles de l’islam“.

In diesem Interview sagt Houellebecq noch eine ganze Menge anderer erstaunlicher Dinge. Er bringt seine Verehrung für Pétain zum Ausdruck, der im Grunde genommen viel mutiger gewesen sei als de Gaulle („Je trouve ca facile d’aller faire le malin à Londres, plutôt que d’affronter les difficultés reelles du pays“). Aber der Islam-Kommentar ist es, der juristische und mediale Konsequenzen.

Zunächst entschuldigt sich Houellebecqs Verlag Flammarion nach dem Interview bei der Grande Mosquée, was Houellebecq zur Weißglut treibt. Dann bringen diese Aussagen ihm eine Klage ein: von islamischen, aber auch von einer Menschenrechtsorganisation, von der Grande Mosquée von Paris und Lyon. Am 17. September 2002 kommt es im Saal 17 des Palais du Justice von Paris zu einem viel beachteten Prozeß. In dritten ihrer Sechs Leben des Michel Houellebecq rollt die Le Monde-Autorin Ariane Chemin diesen Prozeß auf.

Der Gerichtspräsident zu Houellebecq: „Vous êtes ecrivain?“ – „Im besten Falle: ja“. „Was halten Sie vom Islam?“ – „Ich weiß nicht, ich bin kein Intellektueller wie Sartre. Man darf mich nicht nach meiner Meinung über eine Sache fragen, denn ich wechsle sie häufig“. – Ob er den Islam hasse oder verachte? – „Ja, ja, Verachtung, es ist Verachtung, niemals Haß. Die Araber waren die besten Handelsleute der Welt.“

Philippe Sollers, einer der Geistesgrößen, die zur Verteidigung Houellebecqs angetreten waren, zündet sich eine Zigarette an. Der Gerichtsdiener untersagt ihm, zu Rauchen. Houellebecq beobachtet das aus den Augenwinkeln.

Dann der Rektor der Pariser Moschee: „Ich verlange Gerechtigkeit. Mehr als sechs Millionen Menschen wurden beleidigt“.

Das Interview wird noch einmal vorgelesen. In voller Länge.

„Haltet mich fest, oder ich schlage ihm die Fresse ein“, kocht Josyane Savigneau, die Chefin von Le Monde des livres.

„Man sollte ihm nichts mehr zu trinken geben“, flüstert Assouline, der auch zu den Verteidigern gehört, seiner Nachbarin zu. „Aber beruhigen Sie sich doch, beruhigen Sie sich um Himmels willen“.

Philippe Sollers macht einen Vorschlag: „Schaun Sie, das war Humor!“ Houellebecq hatte einmal einen Text geschrieben, der den Titel Jacques Prévert est un con trägt. Auch Humor, natürlich.

Ein neuer Gedanke: Der Protagonist von Plateforme heißt Michel. Er verliebt sich in Thailand in eine Clubbesitzerin, die von Moslems umgebracht wird, von „hommes enturbanées“. Immer dann, wenn ein palästinensischer Terrorist oder ein palästinensisches Kind oder eine schwangere palästinensische Frau im Gaza-Streifen stirbt, denkt dieser Michel im Roman sich: prima, wieder ein Moslem weniger. Wer spricht hier? Ist das Fiktion? Ist das Autobiographie?

Fernando Arabal, auch Zeuge, „gewinnt den Eloquenzwettbewerb“. Der Regisseur des legendären Films Viva la muerte saß wegen eines Gedichts im frankistischen Spanien im Gefängnis. Seitdem ist die Welt für ihn ein Theater. „Was sind sie von Beruf?“ – „Fußgänger“. „Wo leben Sie?“ – „Wenn ich nicht träume, dann lebe ich in Paris“. Saragossa, Valladolid, Santander – „Das sind die Gefängnisse, in denen ich saß, weil ich das Gleiche getan habe wie mein Freund Houellebecq“.

Arabal nimmt einen Schluck Calvados aus seinem Flachmann: „A votre santé, Monsieur le Président!“

Houellebecq gewinnt den Prozeß – „weil damals Islamophobie noch kein Straftatbestand war“, sagte er am 7. August 2015 dem FigMag. „Heute würde ich ihn verlieren“.

Während der Verhandlung schiebt Houellebecq seinem Verteidiger einen handgeschriebenen Zettel zu. Auf ihm steht: „Anläßlich dieses Prozesses ist es das erste Mal, dass ich sehe, was man alles aus einem Interview machen kann. (…) Meine Entscheidung steht fest: mit den Medien bin ich fertig“.

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