Mein Sommer mit Houellebecq: Figaro Magazine vs. Le Monde, Runde 2

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„Je n’ai jamais eu peur de l’idéologie dominante“ – „Vor der herrschenden Ideologie habe ich mich nie gefürchtet“. Das zweite FigMag-Interview verspricht interessant zu werden.

Houellebecq und van der Plaetsen wird es im Glashochhaus schließlich zu heiß. Sie machen einen Spaziergang durch’s XIII. Arrondissement, durch die China Town. „Ich gehe viel spazieren. In Paris bewege ich mich am liebsten zu Fuß“, teilt Houellebecq seinem Interviewpartner mit. Immer dabei: die beiden Polizisten, die ihn vor Anschlägen schützen sollen. Michel Houellebecq hat seinen ewigen Rucksack über der Schulter.

Die beiden setzen sich auf eine Café-Terrasse, um Weißwein und Bier zu trinken. Kaum sitzen sie, bremst ein Scooter vor der Terrasse. Ein junger Mann ruft Houellebecq zu: „Dein Portrait ist fertig, Michel. Ich bringe es Dir morgen vorbei!“ Der junge Mann ist ein bekannter Sprayer namens C215 (http://www.c215.fr/C215/HOME.html). Wenig später setzt sich eine junge, hübsche Marokkanerin an den Tisch. Sie hat Houellebecq erkannt und bittet ihn um Feuer. Dann verwickelt sie ihn auch noch in eine Diskussion. Weitere Passanten halten an, fotografieren. Auch sie erkennen den notorischen Raucher. Die beiden Leibwächter werden zusehends nervös. Anonymität? Vielleicht sollte Houellebecq doch ein Arrondissement weiter ziehen.

Ist es heute schwieriger, Schriftsteller zu sein als zu Zeit von Baudelaire oder Malraux zu sein?, lautet die erste Frage, nachdem der Trubel sich gelegt hat. „Natürlich. Es ist sehr schwierig geworden, es ist geradezu obszön.“ Dabei ist es Houellebecq gar nicht einmal unangenehm, auf der Straße erkannt zu werden. „Die Leute mögen, was man macht. Sie sind nett“. Vielleicht wird es einem Depardieu irgendwann zu viel, aber bei ihm hält sich der Andrang noch in Grenzen. „Le véritable inconvénient de la célébrité, c’est les médias – die, die Dich jagen“. Und dann kommt es: „Momentan werde ich von Le Monde gejagt, genauer gesagt von Ariane Chemin“. Ihre Arbeit bestehe immer nur daraus, unbestreitbare Tatsachen, glaubwürdige Erfindungen und bösartige Unterstellungen zu mischen. „In Wahrheit ist das das Niveau von Voici und Closer.“ (französische Boulevardpresse der schlimmsten Sorte). Da haben wir ihn also, den Grund, warum sich Houellebecq Le Monde verweigert. Ob er schon einmal ein Paparazzi-Opfer gewesen ist? Nein, aber Bernard-Henri Lévy und Beigbeder. Aber nur deswegen, weil sie mit Schauspielerinnen gelebt haben. „Conclusion: éviter les actrices. C’est la règle numéro un.“ Muß man sich merken.

Die Medien halten berühmte Leute also davon ab, normal zu leben? – Ja. Natürlich. Er habe das vor allem nach dem Erscheinen von Elementarteilchen gespürt. Jede seiner Aussagen sei damals seziert, analysiert, durchleuchtet worden. Ob er nicht etwas paranoid sei? „Leider nein“. Übergangslos kommt Houellebecq dann auf John Galliano zu sprechen, den Chefdesigner von Dior: Man wisse ja, er sei überhaupt kein“Modetyp“, aber der Galliano, der hat einen Stil: „ich erkenne die Klamotten, die er entwirft“. 2011 hatte Galliano zu viel getrunken und geplaudert – Antisemitisches auf einer Terrasse. Er verlor daraufhin seinen Posten bei Dior. „Das kommt davon, dass jeder jeden überwacht“. Sie wollen damit also sagen, dass man nicht mehr sagen darf, was man denkt, selbst wenn man bei sich daheim ist? – „Ja. Diese mediale Überwachung ist, was mich betrifft, ein wichtiger Faktor dafür, dass ich mich zurückziehe“.

Der Disput über das Mediale geht weiter: Sind die Medien nicht paradox, weil sie einerseits uniform sind, andererseits jede Überschreitung geradezu suchen? – „Das ist nur oberflächlich gesehen paradox. Je mehr man die Überschreitung sucht, desto mehr denken alle das Gleiche. Mit anderen Worten, die Überschreitung speist die Uniformität (er lacht).“ Beispiel Serge Gainsbourg: Als er damals vor laufender Kamera Geld verbrannte und vom Inzest fabulierte, alimentierte er das System. Er führte der Sensationslust der Menschen Nahrung zu und rechtfertige die mediale Macht. Aber immerhin gab es damals noch veritable Überschreitungen. Heute muß man sie erfinden, und zwar ständig neue.

Was das genau bedeutet? – „Nun ja, der Ausrutscher ist zu einem Teil des Systems geworden“. Beispiel Philippe Tesson (ein Journalist, der nach dem Charlie Hebdo-Attentat auf Europe 1 gesagt hat: „D’où vient le problème de l’atteinte à la laïcité sinon des musulmans ? On le dit ça ? Et bien moi, je le dis ! […] Je rêve ou quoi ? C’est ça notre problème actuellement, c’est les musulmans qui mettent en cause la laïcité ! C’est pas les musulmans qui amènent la merde en France aujourd’hui ? Il faut le dire, quoi !„) Über diesen Satz haben sich die Medien zu Tode kommentiert: „des heures et des heures de commentaires à partir de presque rien“. Und warum? Weil in diesem „System“ derjenige, der ausrutscht, zerstört wird („nicht Tesson, er ist zu alt, um noch zerstört werden zu können“). „Das ist übrigens das Ziel der ganzen Sache: einem großen Publikum das Spektakel eines menschlichen Opfers zu bieten“. Ihm sei es mit seiner Aussage über den Islam ähnlich ergangen („La Religion la plus con“).

Van der Plaetsen schluckt und nippt an seinem Weißwein: Keine, keinerlei Hoffnung, also? – „Doch, es gibt viele Zeichen der Hoffnung“. Das anti-europäische Gefühl werde immer stärker. Die Verachtung für die politische Klasse und die Medien nehme stetig zu. Aber an die Schriftsteller, an die glaube man noch – zumindest in Frankreich. Nach seiner Rückkehr in sein Heimatland habe man ihm gesagt: „Jetzt haben wir endlich wieder einen, der die Wahrheit sagt“. Deshalb schrieb er Soumission.

Noch ein Weißwein-Schluck, es geht nicht anders: „Sie fühlen sich also im Widerstand gegen unsere Epoche?“ – „Vor der herrschenden Ideologie habe ich mich nie gefürchtet“ (das ist zwar nicht die Antwort auf die Frage, sondern ein erneuter Vorstoß, aber nun gut…). „Ich schätze diese Leute nicht und suche auch nicht ihre Wertschätzung“. Sein großer Vorteil sei, dass er aus einem einfachen Milieu komme: „Die Kinder der Armen haben keine Angst vor der Linken“. Ein schöner, ein sehr, sehr schöner Schlußsatz.

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Zwischenzeitlich versucht sich Ariane Chemin von dem Schock zu erholen, von Houellebecq nicht nur vom Chablis ausgeschlossen zu werden, sondern von ihm öffentlich  auch noch als derb-literarische Boulevard-Queen abgekanzelt worden zu sein. Im zweiten ihrer Sechs Leben von Michel Houellebecq stellt sie aus dem Handgelenk die These auf, der Autor würde die Frauenpresse der Diskussion mit einer echten Frau vorziehen. Beleg: Seine Kooperation mit der Zeitschrift 20 ans, einem „Magazine pour filles extra-averties“, in den neunziger Jahren. Ziel der Operation: Entlarvung des infantiles Frauenbild Houellebecqs.

Auch hierfür hat Chemin wieder Zeitzeugen befragt: vor allem Isabelle Chazot (die Isabelle aus der Möglichkeit einer Insel, dort Chefredakteurin der Zeitschrift Lolita) – ein „Blondy Girl“ mit „diaphaner Haut“, diskret und mysteriös. Eine „verdammt reaktionäre“ Journalistin. Die Linien sind gezogen.

20 ans war damals, in den Neunzigern, eine Mädelszeitschrift, die etwas wagte, erzählt Chazot der Kollegin Chemin: „Nous faisons la critique radicale de la modernité soi-disant sympa a vivre – libérale, libertaire, libertine“. Anti-feministisch, also. Titelzeilen? „Wie schminkt man sich für eine Beerdigung?“ Klingt schon ziemlich nach Houellebecq. 1995 empfiehlt Alain Soral – heute rechter Renegat, damals noch nicht – Houellebecq, der damals gerade die Ausweitung der Kampfzone veröffentlicht hat, der spleenigen Chefredakteurin von 20 ans zur Mitarbeit. „Ich hab mich damals stilistisch total in ihn verliebt“.

Interviewanfrage. Sein Verleger (damals hieß er Maurice Nadeau): „Wissen Sie, er ist alt, uninteressant für Sie!“

Damals arbeitet Houellebecq noch als Informatiker in der Assemblée nationale (bis 1996). Er lebt – jetzt geht es wieder mal unter die Gürtellinie – in einer „traurigen und häßlichen Wohnung: 103, rue de la Convention. Im gleichen Haus: der Schriftsteller und Jazz-Musiker Marc-Edouard Nabe. Sympathiebekundungen zwischen beiden „Antimodernen“. Houellebecq gibtNabe Ratschläge: „Wenn Du Leser haben willst, mußt Du Dich auf ihr Niveau hinab begeben. Mach aus Dir eine Persönlichkeit, die genauso flach, mnittelmäßig, häßlich und unverschämt“. Er hat 20 ans ins Auge gefaßt.

In dieser Zeit schreibt Houellebecq Gedichte, Essays und bald darauf seine Elementarteilchen. Auf seinem Nachtisch: Ausgaben von Cosmopolitan und Nous Deux. Seine Begründung: „Wenn Sie keine Freundin haben (aus Angst, Häßlichkeit oder einem anderen Grund), lesen Sie Frauenmagazine. Sie werden die gleichen Schmerzen empfinden“.

Chazot trifft Houellebecq. Es gibt Muscheln, oder Auberginenkaviar, sie kann sich nicht mehr genau erinnern. „Houellebecq kritisierte wie wir den dummen Feminismus und hüllte sich in romantischen deutschen Nebel“. Im Dezember 1995 gibt der Autor sein Debüt in 20 ans. Eine Analyse des Fests. Bourdieu für Teenager: „Das Ziel des Festes ist es, uns vergessen zu lassen, dass wir einsam sind, elendig und dem Tode verfallen. Anders gesagt, um uns zu Tieren zu machen. Deswegen haben primitive Völker einen ausgeprägten Sinn für Feste“. La Boum wirkte sicher gleich ganz anders.

Es folgen immer wieder Interviews in 20 ans. 1996: „Ihr Bild der Frau ist streng; sie ist entweder jung und dumm, oder sie ist alt und meckernd…“ – „Das ist wahr, und das macht mich traurig. Am Anfang transportierte die Frau Werte, die den männlichen weit überlegen waren (…). Der Feminismus hat das abe ruiniert.“ Feministen nannte er damals nur „Pitbulls auf Stilettos“ (ein wunderbares Bild). Später gab es dann einen Foto-Roman wie in der Bravo, zwischen der Sängerin Helena Noguerra („Die Lektüre von Elementarteilchen hat wirklich zu meiner Depression beigetragen“) und dem neuen Starautor: „Sie: Mein Idealmann ist Indiana Jones.- Er: Mein Ideal ist eine anmutige Frau. Die Schönheit geht durch die Anmut.“

Houellebecq wird zum Star. „Jetzt ist es aus mit den endlosen Telefonaten mit Isabelle Chazot“ (auch eine nette Bösartigkeit!). „Er braucht 20 ans nicht mehr“. (Und wieder eine…). In der Möglichkeit einer Insel ist Isabelle schließlich „eine Fellatioexpertin, die ihre Tage mit einem lahmen Jogging beendet, fettleibig, depressiv, morphiumabhängig und voller Falten“. Auch kein schlechtes Ende.

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