Mein Sommer mit Houellebecq: Figaro Magazine vs. Le Monde, Runde 1

Foto 1 Foto 2

„Au fond, je suis assez francais“ – Im Grunde bin ich ziemlich französisch“: Mit dieser einerseits banalen, aber, wenn man zwischen den Zeilen lesen kann, durchaus auch provokanten Überschrift startete das Figaro Magazine Ende Juli seine große Interviewserie mit Monsieur H.

Zunächst stellt Jean-René van der Plaetsen klar, dass die Idee zu dieser Serie bereits im Winter 2014 entstand, anlässlich eines Interviews, dass Houellebecq dem FigMag zum Erscheinen seines Romans Soumission gegeben hatte (http://www.lefigaro.fr/livres/2015/01/09/03005-20150109ARTFIG00314-houellebecq-l-insoumis-la-france-l-islam-et-moi.php).

Man erinnere sich: Houellebecqs Roman erschien am Tag des Anschlags auf Charlie Hebdo, bei dem sein Freund Bernhard Maris, übrigens Autor einer interessanten Studie über Houellebecq (Michel Houellebecq, Ökonom. Eine Poetik am Ende des Kapitalismus, DuMont), ums Leben kam. Houellebecq brach daraufhin seine Werbetour für das Buch ab, zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und schaute aus der Ferne zu, wie sich sein Buch in Frankreich mehr als eine halbe Million mal verkaufte.

Heute lebt Houellebecq unter Polizeischutz in einem Hochhaus im 13. Pariser Arrondissement, in der Pariser China Town, wo er die größtmögliche Anonymität hat. „Hier gibt es praktisch keine Franzosen, und die Chinesen sind sehr diskret“.

In dieser Wohnung findet das erste Interview statt. Es ist ein heißer Tag, der erste Tag der Hitzewelle, die Anfang August in Frankreich einsetzte. Trotz der Hitze, die sich in jenem Hochhaus aus Glas sammelt, trifft der Redakteur Jean-René van der Plaetsen am späten Nachmittag auf einen entspannten, lächelnden, ja sanften Houellebecq, der natürlich schon für innere Abkühlung gesorgt hat: mehrere (!) Flaschen Chablis und Meursault stehen im Kühlschrank.

„Nous avions toute la nuit devant nous“. Zeichnen wir sie nach, diese Nacht.

Zunächst kreisen die Fragen um Houellebecqs Urlaubsziele. Er reist im September nach Spanien, aber was ihn an dieser Reise besonders reizt, ist die Durchquerung Frankreichs: „C’est quelque chose que j’aime beaucoup: traverser la France, puis l’Espagne en voiture“. Er zeigt sich sensibel für die Poesie der Départements, das Baskenland, das Limousin, die Auvergne… Der Leser erinnert sich an die gespenstische, ganz und gar unpoetische Fahrt durch das leere Zentralfrankreich in „Unterwerfung“.

Houellebecq, der eifrige Schüler Auguste Comtes, glaubt natürlich nicht an das Schicksal. Und doch grübelt er immer noch über die Konstellation zwischen seinem letzten Buch und der Wirklichkeit nach, über diese unheimliche Koinzidenz der Umstände: „Selbst wenn man das Irrationale vermeidet, wie es bei mir der Fall ist, beginnt man, über die Dinge nachzudenken, sich über das Schicksal zu befragen, das sich damit amüsiert, erstaunliche Ereignisverkettungen zu erzeugen. So gesehen, kann man in einer gewissen Hinsicht rational ans Schicksal glauben“. Die Synchronizität der Ereignisse vom 7. Januar erinnert Houellebecq übrigens an den Briefwechsel des Psychologen Carl Gustav Jung und des Physikers Wolfgang Pauli, die eine Theorie zu finden suchten für die Tatsache, dass Ereignisse, die nicht kausal, sondern nur zeitlich verknüpft sind, dennoch als miteinander verbunden wahrgenommen werden können.

Schnell also fixiert das Interview Houellebecqs großes Thema: die Wirklichkeit und die Frage ihrer Erfassung. „Warum soll man heute noch einen neuen Roman schreiben, obwohl schon so viele erschienen sind? Weil die Welt sich ändert.“ Es gibt so viele neue Phänomene, die noch nicht beschrieben wurden: die Gentechnik, den Sextourismus, die touristische Langeweile, den Islamismus. Houellebecq hat sie alle beschrieben. Er sagt, er sieht diese Phänomene kommen. Und er begründet diese Ästhetik der fiktionalen Bewältigung der gesellschaftlichen Mutation mit der These, dass der Roman als Gattung erst mit der Französischen Revolution das Drama und die Lyrik als poetische Leitmedien abgelöst habe.

Steht ein neuer Roman im Hangar? Nein. Houellebecq beschäftigt sich seit Monaten intensiv mit der Photographie (wenn er etwas macht, dann macht er es richtig, und das fängt beim Rauchen an). Portraits interessieren ihn nicht. Hierfür sei die Malerei besser geeignet. Aber Landschaften, Oberflächen, das seien ideale Objekte der Photographie, die ja auch seinen erzählerischen Blick lenke. „Ich sehe die Dinge besser, wenn ich sie kadrieren kann“.

Van der Plaetsen hakt nach: Fotografischer Stil in der Literatur – bedeute das nicht Stil-Losigkeit, wie ihm viele Kritiker vorwerfen? Houellebecq holt zur längsten Antwort des ersten Interviews aus: Der französische Roman sei generell „surécrit“ – „stilistisch überladen“ (sagt: Aurélien Bellanger, der auch ein Buch über H. geschrieben hat: Houellebecq écrivain romantique, 2010). Houellebecq hält es mit Nietzsche, der sagte, sein Stil ändere sich mit den physiologischen Zuständen, in denen er sich jeweils befände. Was könne ihm als Person einen eigenen Stil geben? „Meine Biographie? Sie ist banal. Meine Leidenschaften und Ängste? Allerweltsgefühle“. Die Schwierigkeit sei, das Banale zu schreiben: „Die Banalität ist das schwierigste Sujet, aber auch das interessanteste“. Aber das alles mache noch keinen Stil aus. Man müsse sich dem Stil eher über intellektuelle oder moralische Eigenschaften des Autors nähern: „Es ist sicher, dass ich intelligent bin, intelligenter als das Mittelmaß, ohne aber eine außergewöhnliche Intelligenz zu besitzen“. Daher rühre seine Tendenz zum Generalisieren. „Es ist auch sicher, dass ich aufrichtiger bin als das Mittelmaß“. Und das würde manchmal als Provokation verstanden werden. Weitere Eigenschaften: arbeitsam („Mir wurde als Kind der Respekt vor der Arbeit beigebracht“) und eine bestimmte Art, die Welt zu betrachten, zu sehen, sich ihr visuell anzunähern. Tastsinn: stark ausgeprägt. Geruch und Geschmackssinn: schwach („einige Passagen bei Proust hätte ich nicht schreiben können“, schön!). Doch vor allem dies eine: alles, Menschen und Gegenstände, als Objekte betrachten zu können: „Tout ce qui traverse mon champ de vision peut être vu par moi avec objectivité“. Stil entsteht bei Houellebecq, wenn diese Objektivität auf seine „große Erregbarkeit“ treffe.

Themenwechsel: die Lage in Europa. Welches Europa? kontert der Autor. Europa existiert nicht. Die Leute in Kroatien oder Norwegen wüssten nicht einmal, ob sie zu Europa gehörten. Frankreich sei dagegen eine Einheit, die unbestreitbar existiere. „Sie fühlen sich also eher als Franzose denn als Europäer?“ „Je ne me sens pas du tout européen. Je me sens français.“

Und dann eine Frage, die in Deutschland so auch nicht gestellt werden würde: „Sind Sie darauf stolz?“ „Nicht besonders, aber ich muß einfach anerkennen, dass ich im Grunde recht französisch bin und dass dies gar nicht so schlecht ist.“ Die Sprache, sie sei der große Erfolg des Landes (aber auch die Landschaften, der Käse…). Was ihn an Frankreich zur Verzweiflung bringe: die übertriebene Leidenschaft für dumme Polemiken. Hier seien die Angelsachsen und die Deutschen (!!!???) den Franzosen überlegen: „Sie können sich vernünftig unter vernünftigen Menschen unterhalten“. In Frankreich ging es bei jeder Diskussion darum, zu beweisen, dass man etwas Amüsantes, Fesselndes, Paradoxes zu einer Sache sagen könne. Er nehme sich dabei gar nicht aus.

Houellebecq wird seit Soumission in einem Atemzug genannt mit französischen Intellektuellen, die den Zerfall der französischen Identität beklagen: Alain Finkielkraut (L’identité malheureuse), Eric Zemmour (Le suicide francais), Pascal Bruckner oder jüngst auch Michel Onfray. Was er dazu sage? Politischer Schulterschluß? Eher bescheidene Distanzierung: „Das sind Intellektuelle, ich bin nur ein Literat“. Also bitte keine Theorien aus seinen Romanen ableiten. „Ein Romancier kann niemals politischen Einfluß haben. Essayisten vom Kaliber der vorhin zitierten durchaus“. Finkielkraut, der Houellebecq beim Erscheinen von Soumission gegen den Vorwurf der Islamophobie in Schutz genommen hat, vor allem liebe Frankreich so sehr, dass es den Anschein hat, als wolle er es im Alleingang retten (ein paar Wochen später lud der Figaro Magazine Finkielkraut zum Interview ein; darauf wird noch zurückzukommen sein). Die französische Rechte verliert gerade ihre Intellektuellen. Dazu gehört auch Michel Onfray, der sich jahrelang vor allem als atheistisch-humanistischer Autor profilitert hat. Houellebecq hatte ihn in seinem Roman Die Möglichkeit einer Insel exekutiert: „Ich hatte seine Bücher satt, in denen er uns immer wieder nur sagte, dass er Atheist“ sei. Aber dann habe sich Onfray daran gemacht, die Tabus der Intellektuellen zu brechen: ein Buch gegen Freud, eines gegen de Sade, aus moralischem Blickwinkel. Das gefällt ihm. „Vor ihm hat das nur Pasolini versucht“. Also Anerkennung.

Nochmal zurück zur Vaterlandsliebe: „Und Sie, kann man sagen, dass Sie Frankreich genauso zärtlich lieben wie Finkielkraut oder Zemmour?“ „Weniger als diese, denke ich. Ich bin weniger patriotisch“. Einmal, in Köln (natürlich, wo denn sonst), habe man ihn gefragt, ob er nicht Angst habe, dass sein Roman Marine Le Pen in die Hände spielen könne. Die Antwort: „Ich glaube nicht. Und außerdem ist es mir egal“

Foto

Ariane Chemin, die Journalistin von Le Monde, durfte nicht an Houellebecqs Chablis nippen. Der Autor hatte der Zeitung den Kontakt verweigert und gegen sie Stimmung gemacht: in Mails an Freunde und jetzt auch mit einem Brief an die Nachrichtenagentur AFP (http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2015/08/24/97001-20150824FILWWW00110-houellebecq-denonce-l-enquete-du-monde.php). Er wirft Chemin, die nach der Interview-Absage eigenständig recherchierte, vor, sie plaudere in ihrer mehrteiligen Artikelserie Six vies de Michel Houellebecq Informationen aus, die seine Sicherheit gefährden könnten: seinen aktuellen Wohnort beispielsweise. Die Le Monde-Autorin schildert Houellebecq in ihrer Serie als einen misogynen Tyrannen, der versuche, sich die Medien gefügig zu machen. Interessant, dass die deutschen Journalisten – heute zum Beispiel Altwegg in der FAZ – sich umgehend mit Chemin solidarisieren und Houellebecqs Verhalten „peinlich“ nennen. Dabei ist es sein gutes Recht, Medien und Journalisten, die ihm – aus welchen Gründen auch immer – nicht sympathisch sind, zu ignorieren. Wenn er es sich leisten kann…!?

Der erste Teil der Le Monde Serie heißt La Tour et le Territoire. Das Thema: Beherrschung und Unterwerfung: „Du haut de sa tour, l’écrivain pourrait dominer Paris“. Man wartet die ganze Zeit auf den Phallus-Vergleich, der aber nicht kommt. Der polemische Unterton, in dem, deutlich hörbar, persönliche Eingeschnapptheit mitschwingt, beginnt aber gleich mit den ersten Sätzen und zieht sich durch die ganze Serie hindurch wie ein fieser Zirpton. Das Ziel: die Dekonstruktion des Zeit-Phänomens Houellebecq.

Dazwischen immer wieder Zitate von Menschen, denen Houellebecq begegnet ist und die Chemin befragt hat. Zum Beispiel den Journalisten Sylvain Bourmeau, dem Houellebecq vor seinem Umzug in den Glasturm anvertraut hatte, er wolle aus seinem Fenster vor allem keine Pariser Monumente sehen. Die Vorliebe für banale Arbeitsplätze bestätigt auch Marie-Pierre Gauthier, seine zweite Frau: „In Spanien stand sein Schreibtisch im Keller“.

Altwegg nennt diese Texte „fein gestrickt“ – und schaut dabei großzügig über die Elementarteilchen des Klatsches und der Bösartigkeit hinweg, die Chemin aus dem schäumenden Heckwasser der Houellebecqschen Existenz herausgefischt hat, in das sie selbst fasziniert hineinstarrt. Sie will von den anderen hören, was für ein Scheusal dieser Typ eigentlich ist, um sich über ihre eigene Frustration, nicht an den gekühlten Chablis herangelassen zu werden, hinwegzutrösten.

Also reiht sie eine Indiskretion an die andere: Mit 60 Jahren brauche der Dichter jetzt zwar eine Lesebrille, aber sein Sinn für das photographische Detail sei so ausgeprägt wie eh und je. „Für meinen nächsten Roman möchte ich einen weltweiten Erscheinungstag“, habe er kürzlich großspurig von seinem Verleger Flammarion.  verlangt. Die französische Universität hat sich lange nicht um ihn gekümmert. Jetzt häuft sich der Ruhm (ein Cahier de l’Herne ist für 2016 in Vorbereitung). Aber Houellebecq versuche, alles und jeden zu kontrollieren und spare nicht mit Drastik. Die Meinung von Filmkritikern? „Alles Arschlöcher“. Die Produktion des Films La possibilité d’une île (2008), an der sich Houellebecq mit 500.000 Euro persönlich beteiligt habe? „Ein finanzielles Fiask0 (es ist selten, dass er Geld verliert)“. Im November 2007 schreibt Houellebecq eine SMS an Bernard-Henri Lévy: „Je me suicide ce soir“. BHL lädt ihn zum Essen ein, ins Ritz, wo nur Japaner sitzen. Daraus entsteht dann ein Buch (Ennemis publics, 2008). Die Verkaufszahlen: „catastrophiques“. Ein Freund Houellebecqs „flüstert“ ihr zu: „Er umgibt sich jetzt wie ein chinesischer Kaiser mit einem Hofstaat. Er stilisiert sich zum Opfer. (…) In Wirklichkeit ist aus ihm ein Tyrann geworden. Wenn man etwas für ihn entscheidet, dann rastet er aus. Er hat keine normale Beziehung mehr zu den Menschen“.

„Du lebst in Deinem Turm wie Blade Runner“, soll Beigbeder bei seinem letzten Besuch gesagt haben. Und Houellebecq schrieb zurück: „Ich kontrolliere alles, ich habe die Situation voll unter Kontrolle“. Houellebecq – „plus parano que jamais“ steht am Ende des Artikels. Doch wer leidet hier eigentlich unter Verfolgungswahn?

———–

Die Links zu den Originalbeiträgen:

http://www.lefigaro.fr/culture/2015/07/30/03004-20150730ARTFIG00321-michel-houellebecq-au-fond-je-suis-assez-francais.php

http://www.lemonde.fr/societe/article/2015/08/17/six-vies-de-michel-houellebecq_4727644_3224.html

Advertisements

Ein Gedanke zu “Mein Sommer mit Houellebecq: Figaro Magazine vs. Le Monde, Runde 1

  1. Ein schöner Beitrag. Ich erinnere mich immer gerne an den Film „L’enlèvement de Michel Houellebecq“ von Guillaume Nicloux, der letztes Jahr auf der Berlinale lief (Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=xyt5bvc68fc). Houellebecq spielt sich hier selbst und thematisiert über eine Metaebene sein zwiespältiges Verhältnis mit der französischen Presse, seine (anti-)politischen Einstellung und seine selbstzelebrierte Misanthropie. Houellebecq wollte immer polarisieren – und das gelingt ihm.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s