Kreuzer zwischen zwei Panzerschiffen – Gretha Jünger korrespondiert mit Carl Schmitt

 

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Ernst Jünger charakterisierte einmal seine Gespräche mit Carl Schmitt so, daß man dabei „wie in Panzerschiffen an einander vorbeidefiliert, wenngleich mit blumengeschmückten“. Dieses Bild deckt sich mit dem, das die Jünger- und Schmitt-Forschung in den letzten Jahren ans Tageslicht beförderte und das dabei half, den Begriff der „Männerfreundschaft“, der bis dahin mehr oder weniger bedenkenlos auf jene Beziehung angewandt wurde, zu schärfen und zu modifizieren. Jünger und Schmitt begegneten sich gewiß freundschaftlich und wohlwollend, aber auch mit einer gewissen Abwehrhaltung, die in den fünfziger Jahren bis zu Distanz und Frostigkeit, ja bis zum Schweigen reichen konnte. Auf jeden Fall war man voreinander auf der Hut und nicht dazu bereit, den Panzer des Selbstschutzes ohne weiteres aufzugeben.

Zwischen diesen Panzerschiffen kreuzte nun eine Frau vermittelnd hin und her. In dem Verhältnis der Familien Jünger und Schmitt, die sich wohl um die Jahreswende 1929/30 in Berlin kennenlernten, spielte Ernst Jüngers erste Frau Gretha (geb. von Jeinsen) eine wichtige vermittelnde Rolle. Zeugnis hierfür ist der Briefwechsel zwischen Gretha Jünger und Carl Schmitt, der sich von 1934 bis 1953 erstreckt und der nun in einer mustergültigen Edition und ausführlichen Kommentierung von Ingeborg Villinger und Alexander Jaser vorliegt, die im Anhang durch eine Reihe von Bildtafeln und ergänzende Briefe, unter anderem von Gretha Jünger an Schmitts Frau Duska und an Armin Mohler, abgerundet wird. Diese Korrespondenz – die erste Gretha Jüngers übrigens, die zur Veröffentlichung kommt – ergänzt nicht nur Gretha Jüngers eigene, nur noch antiquarisch greifbare Erinnerungsbücher (Die Palette, 1949; Silhouetten, 1955), sondern fügt sich auch als neue Perspektive dem Briefwechsel Jünger-Schmitt sowie den Tagebüchern der beiden an. Nicht zuletzt profilieren die Briefe Gretha Jünger als eine eigenwillige, intelligente und tapfere Frau in schwierigen Zeiten, der man ganz und gar nicht gerecht wird, wenn man sie nur als Ehefrau Jüngers, die ihren Mann als „Gebieter“ titulierte, in Erinnerung behält. Denn sie ist es, die in dem Briefwechsel mit Schmitt die weitere Perspektive behält und dazu in der Lage ist, von der unmittelbaren Gegenwart zu abstrahieren. So heißt es am 15.4.1951: „(…); auch glaube ich immer, dass wir zu intensiv leben, und das große Theater ‚Welt’ zu ernst nehmen. Kurz vor unserem Tode wird das anders sein, und wir werden selbst unsere Häscher mit anderen Augen sehen“.

Die Edition umfaßt 164 Schreiben, davon 90 von Gretha Jünger an Carl Schmitt (14 davon gemeinsam mit Ernst Jünger) und 66 Schreiben Schmitts an Gretha Jünger. Die Herausgeber teilen den Briefwechsel in drei Phasen ein, in deren Verlauf sich Umfang und Intensität der Korrespondenz steigern. Eine erste Phase reicht von 1934 bis 1939, sie umfaßt nur wenige kurze Briefe, in denen es vor allem um Schmitts Patenschaft für Jüngers zweiten Sohn Carl Alexander (geboren 1934) geht, der unter dem Einfluß des Staatsrechtlers katholisch getauft wurde. Die zweite Phase umfaßt die Kriegsjahre 1939 bis 1945, erlaubt interessante Einblicke hinter die Kulissen, die die Strahlungen mit viel Kunstverstand aufbauen und enthält auch manch dezenten Hinweis auf die „Morbidezza“ (GJ an CS, 9.10.1951), der sich Jünger in Paris hingab. Die dritte Phase erstreckt sich von 1946 bis 1954 und umfaßt mehr als die Hälfte der Korrespondenz. In den Briefen dieser Zeit werden, neben vielen privaten Sorgen – unter anderem der schweren Erkrankung und dem Tod von Duska Schmitt – vor allem die politische Lage in der Nachkriegszeit diskutiert, in der sich vor allem Schmitt zu verteidigen und um seine Rolle zu kämpfen hatte.

Die Briefe unterstreichen aus dem Blickwinkel Gretha Jüngers, daß die Beziehung der beiden Autoren zueinander deshalb so komplex war, weil sie keinen wirklich privaten Raum fand. Sie war in den Rahmen einer sozusagen öffentlichen Privatheit eingespannt. Die Rollen, die Jünger und Schmitt in der Gesellschaft und in den verschiedenen Öffentlichkeiten des Dritten Reichs und im Nachkriegsdeutschland spielten, reichten tief hinein in ihren privaten Austausch, ja sie fundierten ihn. Dort gab es so etwas wie „Bedeutungsfreiheit“ nicht. Alles, was hier gesagt, nicht gesagt oder geurteilt wurde, war bedeutsam im Hinblick auf die eigene Selbsteinschätzung, die Bewertung der eigenen gegenwärtigen und historischen Relevanz und letztlich auch auf die eigene Überlebensfähigkeit. Diese Form des bedeutungsvollen Sprechens, das sich als einerseits chiffriertes Sprechen dem Druck der Diktatur und der inneren Emigration („Leviathan“-Komplex), als andererseits gehaltvolles Sprechen dem Druck der Selbstbehauptung verdankt, verhinderte in continuo einen einfachen, unmittelbaren Austausch und damit das, was sich berechtigterweise „Freundschaft“ nennen läßt.

Keiner verließ sein Panzerschiff. Irgendwann wurden dann nach und nach auch die Blumengirlanden abgehängt: Ab 1952 kam es zu offensichtlichen Spannungen, an denen, so zumindest die in dieser Hinsicht sehr deutliche Darstellung Gretha Jüngers, Armin Mohler, damals Sekretär Jüngers, und der gemeinsame Bekannte Gerhard Nebel alles andere als unschuldig waren. Gretha Jünger sieht ohnmächtig zu, wie die beiden Panzerschiffe auseinanderdriften. Im Brief vom 23.11.1951 faßt sie dies in das Bild einer Brücke: „Das Schwierige (…) ist weniger die Entfernung, als mein Posten an der Brücke; diese Brücke droht fortwährend einzustürzen, weil nichts daran repariert, und weil nicht mit gegenseitigem guten Willen daran gearbeitet wird. Darin besteht mein Kummer. Ich möchte Ihnen und E.J. immer zurufen: Halt! Aber ich weiß wohl, daß man meine Stimme entweder nicht hören will oder kann. (…) Ich stehe in meiner ganzen Aktivität recht hilflos zwischen den beiden Eckpfeilern der Brücke, und kann nichts tun, als dieses Gewicht zu tragen, und nach Möglichkeit auszubalancieren“.

Und noch in ihrem letzten Brief an Carl Schmitt vom 8.10.1953 beschwört Gretha Jünger den „alten Geist der Freundschaft“, der doch wohl stärker sein müsse als „alle gelegentliche Unlust und Kritik, oder Entstellung durch Dritte“. Doch war es Gretha Jüngers Fatum, in tiefere Schichten blicken zu können, die ihr dann auch die wahre Natur des Problems entlarvten: „Worin bestand aber, das frage ich mich oft, der Sinn, das Wesen dieser Freundschaft, die sich über Jahrzehnte ertsreckte. Lag in ihrem Beginn schon das Ende?“ (23.11.1952)

Briefwechsel Gretha Jünger-Carl Schmitt (1934-1953). Herausgegeben von Ingeborg Villinger und Alexander Jaser, Akademie Verlag Berlin 2007, 241 Seiten,

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