Charles Péguy – L’argent / Das Geld (1913)

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Man muß uns glauben: Wir sind in einem fröhlichen Volk groß geworden. In jener Zeit war eine Baustelle ein Ort, an dem die Menschen glücklich waren. Heute ist eine Baustelle ein Ort, an dem die Menschen schimpfen, sich anfeinden, sich schlagen; sich töten.

Zu meiner Zeit hatten alle ein Lied auf den Lippen. (Mich ausgenommen, aber ich war damals schon jener Zeit unwürdig). In den meisten Berufsständen hatte man ein Lied auf den Lippen. Heute schnaubt man. Damals verdiente man so gut wie nichts. Die Löhne waren unvorstellbar niedrig. Und trotzdem futterten alle. Selbst in den einfachsten Häusern gab es eine Art von Wohlstand, den man völlig vergessen hat. Im Grunde genommen rechnete man nicht nach. Und man mußte auch nicht nachrechnen. Und man konnte Kinder erziehen. Und man erzog sie. Es gab nicht diese schreckliche ökonomische Erdrosselung, die heute von Jahr zu Jahr schlimmer wird. Man verdiente nichts; man gab nichts aus; und alle lebten.

Es gab nicht diese ökonomische Erdrosselung von heute, diese wissenschaftliche, kalte, rechteckige, gleichmäßige, saubere, klare Erdrosselung, die keinen Fleck hinterläßt, die erbarmungslos, weise, weitverbreitet, regelmäßig, bequem ist wie eine Tugend, gegen die sich nichts sagen läßt und der gegenüber derjenige, der erdrosselt wird, ganz offensichtlich Unrecht hat.

Wir werden nie wieder wissen, wie tief der Anstand und die Rechtmäßigkeit dieser Volksseele reichten; nie wieder werden wir eine solche Feinheit, eine solch tiefgründige Kultur finden. Auch nicht eine solche Feinheit und Vorsicht im Reden. Jene Leute würden über das, was heute als „bester Ton“ gilt, erröten, den bourgeoisen Ton. Und heute sind alle bourgeois.

Man muß uns glauben, und wieder kommen wir darauf zurück: Wir kannten noch Arbeiter, die begierig darauf waren, zu arbeiten. Sie dachten nur ans Arbeiten. Wir kannten Arbeiter, die morgens an nichts anderes dachten als ans Arbeiten. Sie standen am Morgen, zu früher Stunde, auf, und sie hatten ein Lied auf den Lippen bei der Idee, arbeiten zu gehen. Um elf Uhr sangen sie auf dem Weg zur Suppe. Es war reinster Hugo; und auf Hugo muß man immer wieder zurück kommen: Ils allaient, ils chantaient[i]. Die Arbeit war ihre ureigenste Freude, die tiefreichende Wurzel ihres Daseins. Und der Grund ihres Daseins. Damals gab es ein ungeheures Arbeitsethos, das schönste Ethos von allen, das christlichste, das einzige vielleicht, das stichhaltig ist. Das ist übrigens der Grund dafür, daß ich behaupte, ein Freidenker jener Zeit sei christlicher als ein heutiger Frommer. Denn ein Frommer von heute ist notwendiger Weise ein Bourgeois. Und heute sind alle bourgeois.

Wir haben ein Arbeitsethos gekannt, das genau jenem glich, das im Mittelalter Herz und Hand regierte. Es war das gleiche, vollständig erhalten. Wir haben diese bis zur Perfektion vorangetriebene Sorgfalt gekannt, die sich auf das Ganze wie auch auf das kleinste Detail bezog. Wir haben diesen Kult des gut gemachten Werks gekannt, der bis zum äußersten Anspruch vorangetrieben und aufrecht erhalten wurde. Meine ganze Kindheit lang habe ich gesehen, wie Stühle in demselben Geist, aus demselben Herzen und mit derselben Hand mit Stroh bespannt wurden, mit denen dieses Volk den Stein seiner Kathedralen behauen hatte.

Was ist von alledem übriggeblieben? Wie konnte aus dem tüchtigsten Volk der Erde, ja vielleicht dem einzigen tüchtigen Volk der Erde, dem einzigen Volk vielleicht, das die Arbeit um der Arbeit, um der Ehre, um des Arbeitens willen liebte, ein Volk aus Saboteuren werden, wie konnte daraus nur jenes Volk werden, das auf einer Baustelle alles daran setzt, keinen Hammerschlag zu tun. In der Geschichte wird dies der größte und zweifelsohne einzige Sieg der bürgerlich-intellektuellen Demagogie sein. Aber man muß zugestehen, daß er zählt. Dieser Sieg.

Es gab die christliche Revolution. Und es gab die moderne Revolution. Das sind die zwei, die man aufzählen muß. Ein Handwerker meiner Zeit war ein Handwerker jeder beliebigen christlichen Epoche. Und zweifelsohne auch der jeder beliebigen antiken Epoche. Ein Handwerker von heute ist kein Handwerker mehr.

In diesem schönen Berufsethos verbanden sich die schönsten, die edelsten Gefühle. Würde. Stolz. Niemals irgendetwas von jemandem verlangen, sagten sie zu sich. Das sind die Ideen, in denen wir erzogen wurden. Denn um Arbeit bitten, bedeutete nicht, zu bitten. Es war das Selbstverständlichste von der Welt, die natürlichste Forderung, es war nicht einmal eine Forderung. Es bedeutete, sich in einer Werkstatt an seinen Platz zu setzen. Es bedeutete, sich in einer arbeitssamen Stadt ruhig an den Arbeitsplatz zu setzen, der einen erwartete. Ein Arbeiter von damals wußte nicht, was das war: „um etwas betteln“. Die Bourgeoisie bettelt. Es ist die Bourgeoisie, die, aus ihnen Bourgeoise machend, ihnen das Betteln beigebracht hat. Selbst in jener Frechheit von heute, in jener Brutalität, in jener Art von Ungereimtheit, die sie in ihre Forderungen hineinlegen, ist es sehr leicht, noch diese stumme Scham zu spüren, die darin besteht, gezwungen zu sein, etwas zu verlangen, vom Gang der Wirtschaftsgeschichte dazu gebracht worden zu sein, zu betteln. Ah ja, heute bitten sie um etwas bei jemandem. Sie bitten sogar um alles bei allen. Einfordern bedeutet immer noch bitten. Es bedeutet immer noch dienen.

Diese Arbeiter dienten nicht. Sie arbeiteten. Sie hatten eine Ehre, die absolut war, wie es der Ehre zu eigen ist. Ein Stuhlbein mußte gut gemacht sein. Das war selbstverständlich. Das hatte Vorrang. Es mußte nicht gut gemacht sein für das Gehalt oder um das Gehalt zu rechtfertigen. Es mußte nicht gut gemacht sein für den Chef oder für Kenner oder für die Kunden des Chefs. Es mußte aus sich selbst gut gemacht sein, in sich selbst, für sich selbst, in seinem Wesen selbst. Eine hergebrachte, aus dem Tiefsten der Gattung kommende Tradition, eine Geschichte, ein Absolutes, eine Ehre wollten, daß dieses Stuhlbein gut gemacht sei. Alle Teile des Stuhls, auch die, die man nicht sah, waren genauso perfekt gemacht wie das, was man sah. Es war das gleiche Prinzip der Kathedralen.

Und dabei bin ich derjenige, der so lange nachforschen muß, ich, der Degenerierte. Für sie, bei ihnen gab es nicht den Schatten eines Gedankens. Die Arbeit war da. Man arbeitete gut.

Es handelte sich nicht darum, gesehen oder nicht gesehen zu werden. Es war das Wesen der Arbeit selbst, die gut gemacht sein wollte.

Und ein unglaublich tiefes Gefühl darüber, was wir heute „Sportsgeist“ nennen, was aber damals überall verbreitet war. Nicht nur die Idee, das Beste zu erreichen, sondern die Idee, aus dem Besten, aus dem Guten noch mehr zu heraus zu holen. Es ging nicht nur darum, wer etwas am besten konnte, sondern darum, wer noch mehr konnte, es war zu jeder Stunde ein schöner, beständiger Wettkampf, von dem das Leben selbst durchdrungen war. Durchwoben. Ein abgrundtiefer Ekel für das schlechte Werk. Eine überlegene Verachtung für denjenigen, der schlecht arbeitete. Aber diese Idee kam ihnen nicht einmal in den Sinn.

Alle Ehren liefen in dieser einen Ehre zusammen. Anstand und Feinheit der Sprache. Respekt vor dem Heim. Gespür für Respekt, Respekt für alles, vor dem Respekt selbst. Eine sozusagen beständige Zeremonie. Außerdem vermischte sich das Heim noch sehr oft mit der Werkstatt, und die Ehre des Heims und die Ehre der Werkstatt waren die gleiche Ehre. Es war die Ehre des gleichen Ortes. Es war die Ehre des gleichen Feuers. Was ist aus alledem geworden. Vom Aufstehen an war alles Rhythmus und Ritus und Zeremonie. Alles war ein Ereignis; geheiligt. Alles war Tradition, Unterrichtung, alles war ererbt, alles war heiligste Gewohnheit. Alles war Erhebung, eine innere, und Gebet, den ganzen Tag, der Schlaf und das Wachen, die Arbeit und die seltene Ruhe, das Bett und der Tisch, die Suppe und das Rind, das Haus und der Garten, die Tür und die Straße, der Hof und die Türschwelle, und die Teller auf dem Tisch.

Lachend – und um die Pfarrer zu ärgern – sagten sie, Arbeiten sei Beten, und sie wußten gar nicht, wie recht sie damit hatten.

So sehr war ihre Arbeit ein Gebet. Und die Werkstatt eine Kapelle.

[i] O soldats de l’an deux! ô guerres! épopées! (.. .) – Ils chantaient, ils allaient, l‘âme sans épouvante – Et les pieds sans souliers! Aus: Les Châtiments (1853), A l’obéissance passive, II,7

 

Dieser Text ist ein kurzer Auszug aus Charles Peguy, Das Geld (1913), dessen erste vollständige deutsche Übersetzung ich unternommen habe. Sie erscheint Anfang 2016 im Verlag Matthes & Seitz Berlin.

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