Ernst Jünger und Drieu la Rochelle – ein Interview mit Julien Hervier

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Ein kurzer Auszug aus meinem langen Interview mit dem Jünger-Freund, -Übersetzer und Pléiade-Herausgeber Julien Hervier über Jünger und Frankreich, das sich in unserem gemeinsamen Buch Eine gefährliche Begegnung? Ernst Jünger und Frankreich findet.

Es ist im Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen und hier erhältlich:

http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/juenger-und-frankreich-eine-gefaehrliche-begegnung.html

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Alexander Pschera: Der Arbeiter ist, so schreibt Jünger, ein Überlebender der Geschichte. Das gilt ja auch für Jünger selbst, oder?

Julien Hervier: Jünger ist aufgrund seiner großen Produktivität bis ins hohe Alter hinein ein Sonderfall. Er schrieb weiter, als alle seine Zeitgenossen schon tot waren oder nicht mehr schrieben – aus Altersschwäche oder aus Lebensmüdigkeit. Er ist also im wahrsten Sinne des Wortes ein Überlebender seiner Generation, wie er ein Überlebender unter den jungen Stoßtruppoffizieren nach dem Ersten Weltkrieg gewesen ist. Es ist also nicht verwunderlich, daß er sich für die neueste Literatur wenig interessierte, deren Themen sich von den seinen so grundsätzlich unterschieden. Jedoch dachte ich, dass die Sicht des Nazismus und des Kriegsdeutschlands ihn interessieren könnten; also versuchte ich, seine Meinung über Günter Grass zu hören, dessen Blechtrommel ich sehr schätze. Er sagte mir aber, daß er die Lektüre des Buches nach einigen Seiten aufgab, nachdem eine widerliche Szene ihn abgestoßen hatte. Das Parfüm von Patrick Süskind hat ihn dagegen, wie ich freudig überrascht feststellte, interessiert. Das ist übrigens leicht zu erklären, insofern als Jünger nicht nur ein Mann des Blickes war: seine Liebe für die „Früchte der Erde“[1] und für den Wein machen ihn auch zu einem Mann der Gerüche und des Schmeckens. Während unsere Zeit von industriellen Lebensmitteln und synthetischen Düften beherrscht wird, bewundert er bei Süskind die „Witterung von Düften bis in ihre feinste Verteilung“[2]. Er vergleicht Das Parfüm mit dem Werk eines seiner Lieblingsautoren der Dekadenz, Joris-Karl Huysmans. In dem Roman A rebours erfindet die Hauptperson des Esseintes eine Parfümorgel nach dem Vorbild der musikalischen Orgel der Kathedralen.

Muß ein Autor, wenn er unsterblich sein will, nicht seine eigene Geschichte überleben?

Gegenfrage: Wollte Jünger wirklich unsterblich werden? Das ist nicht so sicher! Auf jeden Fall ist er in seiner kosmischen Weltwahrnehmung für die Tatsache empfänglich, daß unsere Sonne schließlich einmal erlöschen und damit die Menschheit aussterben wird. Die „Unsterblichkeit“ der berühmtesten Männer findet hier zwangsweise ihre Grenze. Andererseits war es Jünger sicherlich wichtig, welches Bild er der Nachwelt hinterließ – und aus diesem Grund wurde ihm mancherorts vorgeworfen, sein eigenes literarisches Standbild bereits zu Lebzeiten zu errichten, sowie er es mit Zufriedenheit sah, wie sich Büsten von ihm buchstäblich vervielfältigten, zum Beispiel von Arno Brecker oder Serge Mangin.

Literarische Unsterblichkeit beruht auf einem kontinuierlichen Interesse eines interessierten Publikums an den großen klassischen Autoren über Jahrhunderte hinweg. Das Verhältnis des Autors zu seiner Leserschaft ist aber nicht das, was Jünger beim Schreiben am meisten interessierte, wie es zum Beispiel bei seiner ersten Begegnung mit Picasso klar wird, die Sie wahrscheinlich noch in Erinnerung haben. Jünger war von einer Äußerung des Künstlers offensichtlich sehr beeindruckt, die lautet: „Meine Bilder würden die gleiche Wirkung haben, wenn ich sie nach ihrer Vollendung, ohne sie zu zeigen, einhüllte und versiegelte. Es handelt sich dabei um Manifestationen unmittelbarer Art“[3]. Jüngers Haltung ist damit vergleichbar, und beide erinnern an das Verhältnis des mittelalterlichen Künstlers zu seiner Schöpfung. Dieser kann mit der gleichen Liebe und Sorgfalt einen Wasserspeier in die verwinkelteste Turmecke einer Kathedrale meißeln, den niemand je sehen wird, oder aber die Christusfigur am Tympanon der Fassade gestalten. Sein schöpferischer Akt setzt ihn in Verbindung mit Gott, mit einem Absoluten, das außerhalb der menschlichen Relation des Künstlers mit seinem Publikum besteht.

Jünger schrieb aber immer auch im Angesicht der Geschichte. Ist er da immer seiner Verantwortung gerecht geworden?

Sie sprechen hier einen Punkt an, der Gegenstand einer freundschaftlichen Auseinandersetzung zwischen mir und Peter Trawny nach Erscheinen seines bemerkenswerten Buches über Jünger war[4]. Trawny meint, daß Jünger seine Rolle als Akteur und Zeuge des ersten Weltkrieges exemplarisch gespielt hat, und die Stahlgewitter geben aufgrund ihrer Brutalität eine mustergültige Vision desselben. Während des Zweiten Weltkrieges wiederum hätte Jünger, so Trawny weiter, in seiner Aufgabe als historischer Zeuge versagt, insbesondere, was die Judenvernichtung betrifft, als er sich an der russischen Front weigerte, ein Vernichtungslager zu besichtigen. Als er Dezember 1942 in Maikop ist, fragt er sich: „Ob es nicht vielleicht doch gut wäre, die Schreckensstätten aufzusuchen, als Zeuge, um zu sehen und festzuhalten, welcher Art die Täter und die Opfer sind? Wie ungeheuer hat Dostojewski durch seine Berichte aus dem Totenhaus gewirkt. Aber er war nicht freiwillig dort, sondern als Gefangener. Auch der Schau sind Grenzen gesetzt. Sonst müßte man zu solchem Zutritt höhere Weihen empfangen haben, als sie die Zeit verleiht“[5]. Man darf mit Jünger nicht einverstanden sein, aber seine Argumentation ist solide und basiert auf zwei Punkten. Die Kraft seiner Berichterstattung über den ersten Weltkrieg bestand darin, daß er aufgrund seiner Stellung als Stoßtruppführer selber ein Akteur an vorderster Front war, der sein Leben dabei riskierte und nur wie durch ein Wunder überlebte. Wenn er sich ein Konzentrationslager angeschaut hätte, wäre er dagegen bloßer Zuschauer gewesen, mit der Gefahr des Voyeurismus, die damit einhergeht. Und solange das Land sich unter dem Joch von Hitler befand, hätte seine Berichterstattung nicht die geringste Aussicht gehabt, das Los der Gefangenen zu verbessern. Im Falle des Berichts von Tschechow über die zaristischen Straflager von Sachalin[6] ist es anders: Tschechow wollte damit eine Milderung der Lebensbedingungen der Sträflinge erreichen. Darüber hinaus stellen die Vernichtungslager der Nazis, genauso wie der Gulag in der Sowjetunion, ein Ausmaß an Grausamkeit dar, das früher noch unbekannt war und eine Art heiligen Schrecken hervorrufen musste. Um das legitime Recht zu besitzen, sich ein solches Schauspiel anzusehen, müßte man, schreibt Jünger „zu solchem Zutritt höhere Weihen empfangen, als sie die Zeit verleiht“: Es gibt an dieser Stelle eine Art Tabu, das letztlich religiöser Natur ist. Diese Initiation außerhalb der Zeit kann nur eine heilige Dimension haben, man müsste, um sie zu erlangen, zur Kategorie der Heiligen oder der Propheten gehören, und Jünger fühlt sich hier nicht zugehörig oder berufen. Er hat selbst immer wieder betont, daß er sich nie als Widerständler gegen Hitler betrachtet hat, sondern nur als jemand, der aus seiner abweichenden Meinung nie einen Hehl machte und der versuchte, sich innerhalb seines kleinen Einflusskreises dezent zu verhalten.

Ich würde hier gerne über Drieu und Jünger sprechen. Sie haben in ihrer Dissertation die These vom „Individuum gegen die Geschichte“ aufgestellt. Was heißt das?

Ich hatte meiner Arbeit absichtlich einen etwas provokanten Titel gegeben, ich war zu dieser Zeit noch jung: ich war keine dreißig, als ich das Thema definierte, und beendete die Niederschrift 1973, bevor ich die Doktorarbeit 1974 vorstellte. Für einen noch unbekannten Professor war es damals, als es die Erleichterungen durch die Informatik noch nicht gab, schwierig und kostspielig, eine so umfangreiche Arbeit zu veröffentlichen. Ich habe Zeit gebraucht, bis ich einen wissenschaftlichen Verleger gefunden habe, der bereit war, dieses Risiko auf sich zu nehmen, so daß die Arbeit erst 1978 erscheinen konnte. Ich erzähle übrigens dieses verlegerische Abenteuer in dem Nachwort, das ich für eine Wiederauflage der Arbeit bei Eurédit geschrieben habe[7]. Im damaligen Frankreich war die intellektuelle Szene vorwiegend von einer hegelianisch-marxistischen Geschichtsinterpretation geprägt, die Geschichte als kontinuierlichen Fortschritt sah. Meine beiden Autoren hatten durch den Nietzsche-Einfluß eine radikal andere Geschichtswahrnehmung, so schien mir. Darüber hinaus war ich von ihrer Fähigkeit beeindruckt, die erschreckendste Form, die die Geschichte für den Einzelnen annehmen kann – der globale Krieg, der erbarmungslos jedes Streben nach Autonomie unterdrückt – zu überstehen. Ihr Mißtrauen gegen die Fortschrittsgläubigkeit und gegen die Herrschaft der Technik, die zu einem zentralen Problem der heutigen Welt geworden sind, schien mir ebenso bemerkenswert. In Bezug auf Jünger muß man auch die Ablehnung des Totalitarismus hinzufügen, von dem es 1933 so aussah, als würde er nun endgültig über den schwachen Widerstand der Demokratie siegen.

Dabei muß man betonen, daß Jünger nie versucht hat, das Individuum zu verteidigen, das seiner Meinung nach untergehen würde, um der Gestalt des Arbeiters den Vortritt zu lassen. Das Individuum, das er bevorzugt, ist der Einzelne, derjenige, der sich gegen den Leviathan erhebt und später zum Anarch wird.

Haben denn nicht Drieu und Jünger durch ihren Dandyismus der Geschichte nicht eher den Rücken zugewandt?

Ihr Dandytum kann in der Tat als eine Auflehnung gegen den Kurs der Geschichte interpretiert werden, gegen die Richtung, die die Geschichte zu dieser Zeit einzuschlagen schien. Sie wissen, dass das Dandytum von den Literaturhistorikern soziologisch untersucht wurde, die dieses historische Phänomen, dessen Name und Form in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auftaucht, als eine Reaktion gegen die Dekadenz der aristokratischen Werte seit der französischen Revolution deuten. Dies ist bei Brummel der Fall, dem berühmtesten Dandy, demjenigen, der den Typus definiert hat, aber auch bei Baudelaire oder bei Villiers de l’Isle-Adam.

Wer von beiden – Drieu oder Jünger – war der politischere Autor? Wer erwartete sich mehr von der Politik?

Drieu ist der politischere Autor von beiden, und es handelt sich hierbei nicht um meine subjektive Meinung. Wir haben konkrete Belege dafür. Nachdem er lang gezögert hatte, sich politisch zu engagieren, wurde Drieu gegen Ende seines Lebens zu einem prominenten Mitglied der Parti Populaire Francais, der faschistischen Partei von Jacques Doriot, während Jünger nie Mitglied irgendeiner Partei war, auch nicht in der Zeit der politischen Publizistik. Darüber hinaus ist die Zeitspanne, in der Jünger politisch engagierte Artikel schrieb, sehr kurz: zwischen 1923 und 1933, vor allem zwischen 1925 und 1930[8]. Drieu dagegen hat sein Leben lang eine Tätigkeit als politischer Essayist und Journalist gehabt, außer natürlich im letzten Jahr seines Lebens, als er gezwungen war, sich zu verstecken, da er angeklagt wurde, als ehemaliger Leiter der Nouvelle Revue Française mit den Deutschen kollaboriert zu haben. Er hat mehrere hundert politische Artikel geschrieben, von denen einige, von ihm selbst zusammengestellt, auch als Buch erschienen.

Für beide Autoren trifft aber auch zu, daß die politische Ebene unterhalb der metaphysischen und der religiösen anzusiedeln ist, auch wenn sie in ihrer Jugend an die Notwendigkeit der politischen Aktion geglaubt haben. Drieu, der sich gegen Ende seines Lebens mit dem Studium der östlichen Religionen, besonders des Hinduismus, beschäftigte, hat es dann bedauert, so viel Zeit mit Politik verschwendet zu haben. Als er sein letztes und sehr schönes, unvollendetes Buch, die Mémoires de Dirk Raspe, schrieb, notiert Drieu am 15. Oktober 1944, nach seinem ersten Selbstmordversuch also, in sein Tagebuch: „Hat diese Erfahrung denn nichts verändert? Ich nehme die Routine wieder auf: das Tagebuch, ein Roman. Wenn es so weitergeht, werde ich wieder über Politik schreiben! Oh nein, das nicht! Wieviel Zeit habe ich damit verloren“[9]. Selbst wenn er sicher von der Politik mehr erwartet hat als Jünger, hat sie ihn nur enttäuscht. 1939 schrieb er der Frau, die er in der Intimität „Beloukia“ nannte: „Ich verstehe nichts mehr von der Politik. Ich habe davon nie etwas verstanden, weil ich immer glaube, daß die Leute großartige Dinge realisieren werden“. In der Tat ist die Wirklichkeit der politischen Aktion sehr häufig enttäuschend.

Man könnte hinzufügen, daß Jünger, obwohl Drieu sich länger und intensiver engagiert hat, dennoch den sichereren politischen Instinkt besaß. Nach der kurzen Zeitspanne, in der er dachte, die nationalsozialistische Partei wäre ein Verbündeter wie jede andere im Kampf gegen den Versailler Vertrag und die Weimarer Republik, hat er sehr schnell die kriminelle Mittelmäßigkeit dieser Partei durchschaut. Die Tatsache, daß er einen der Hauptverantwortlichen der Partei, Joseph Goebbels, sehr gut kannte, hat ihm dabei vielleicht geholfen; so konnte er in ihm die Gefahr, die die Bewegung darstellte, sehr gut einschätzen. Drieu hat sich dagegen in der Persönlichkeit von Doriot getäuscht und war schon sehr tief in die P.P.F. verwickelt, als er es letztendlich erkannt hatte. Aus Treue zu sich selbst und zu dem, an den er geglaubt hatte, ist er auf seinem irrigen Weg geblieben, obwohl er ihn intellektuell schon verlassen hatte.

1962 erschien im Klett-Verlag Robert Brasillachs Vergil-Buch[10]. Wissen Sie, ob das auf Betreiben Jüngers zustande kam? Wie stand Jünger zu den Autoren der Kollaboration?

Ich kann Ihnen leider nicht sagen, ob Jünger bei dieser Veröffentlichung eine Rolle gespielt hat. Tatsache ist, daß – abgesehen von einigen germanophilen Persönlichkeiten wie Jouhandeau oder Léautaud, die er bei Florence Gould traf – Jünger wenig Sympathie für die Schriftsteller der Kollaboration hatte. Zu einem Abend im Institut allemand erwähnt er zuerst die Anwesenheit von Drieu und fügt dann hinzu: „Dazu dann gekaufte Federn, Subjekte, die man nicht mit der Feuerzange anfassen mag. Das alles schmort in einer Mischung aus Interesse, Haß und Furcht zusammen, und manche tragen das Stigma des grausigen Todes auf der Stirn. Ich trete jetzt in ein Stadium ein, in dem der Anblick der Nihilisten mir körperlich unerträglich wird“[11]. Zu dieser Kategorie der Nihilisten zählte er, wie wir heute wissen, auch Louis-Ferdinand Céline.

Verbindet nicht auch die Virilität Jünger und Drieu?

Es ist offensichtlich, daß beide physischen Mut und besonders militärische Tapferkeit sehr bewunderten. Als sie sich in Paris während der Besatzung begegnet sind, hat die gegenseitige Sympathie zu Gesprächen über Malraux geführt, einen Freund von Drieu, auch ein mutiger Mann, den Jünger sehr achtete. Als 1960 die neue Übersetzung der Stahlgewitter von Henri Plard erschien, schrieb Maréchal Juin auf Wunsch von Jünger das Vorwort. Wäre es von einem Schriftsteller geschrieben worden, so hätte sich Jünger Malraux gewünscht, und niemanden sonst[12]. Drieu und Jünger unterhielten sich auch mit Vergnügen über ihre militärische Vergangenheit als Kämpfer im kleinen Dorf Le Godat, wo beide auf ihrer Seite der Front gewesen waren, wenn auch nicht zu gleicher Zeit. Sie erinnerten sich beide sehr genau an die Glocke, die die Stunden läutete. Nach ihrer Unterhaltung über Malraux ließ Jünger Drieu am 29. Oktober 1941 ein Widmungsexemplar der Stahlgewitter in deutscher Fassung zukommen. In diesem Zusammenhang muss man auch daran erinnern, dass Malraux immer den physischen Mut von Drieu betont hat.

Diese Bemerkung über Männlichkeit führt mich zu einem anderen Thema, das in Bezug auf Jünger selten angesprochen wird, vermutlich aufgrund von Jüngers großer Zurückhaltung in Sachen Sexualität. Ich war überrascht, daß er in einer Zeit, in der Homosexualität generell verpönt war und in Deutschland sogar gesetzlich verfolgt wurde, keinerlei Vorurteile gegen Homosexuelle zu haben schien, weder in seinem veröffentlichten Werk, noch in seiner Korrespondanz. Die Homosexualität ist etwas, was bei ihm gar keine Rolle spielt, es ist eine Eigenschaft, die für ein Urteil, das man über ein Menschenleben fällt, bedeutungslos ist. Er erwähnt sie nie, obwohl einige seiner Freunde, wie Friedrich Hielscher, sich offen zur Homosexualität bekannten. Es handelt sich dabei auch nicht um eine Negierung im psychoanalytischen Sinn, denn er behandelt diese Frage dann doch in der Zwille, in der ein Junge von seinem Lehrer sexuell mißhandelt wird und sich umbringt. Was Jünger dabei schockiert, ist der Machtmißbrauch einem Kinde gegenüber, für das man Verantwortung trägt, etwas, das in der Welt der Internate gar nicht so selten ist, woran uns eine Serie von Skandalen, die kürzlich ans Tageslicht kamen, erinnern. Aber für Jünger wäre das Problem genauso schwerwiegend gewesen, hätte es sich um ein kleines Mädchen gehandelt. Die Homosexualität hat andererseits nichts mit dem moralischen Problem zu tun, das sich hier stellt: Er schien sie sogar für ein Phänomen zu halten, das in der Welt der Internate eher banal war, und das es nicht wert war, das man sich darüber empörte: „Ein Schuss von Päderastie gehörte zum Gymnasium, zum Eros des Lehrens und Lernens überhaupt“.[13] Er war in diesem Bereich sehr tolerant.

Bei Drieu ist das anders. In seiner Jugend war er in diesem Zusammenhang genauso offen. Es gibt von ihm aus dem Jahr 1926 Antworten auf einen Fragebogen über die Homosexualität, der an zahlreiche Schriftsteller geschickt wurde[14]. Er ist einer derjenigen, die sich hier am tolerantesten und am vorurteilsfreisten zeigen, wo andere sich penibel-moralisch geben, was umso störender ist, als dadurch einige unter ihnen nur ihre eigene Homosexualität zu verstecken versuchen. Erst gegen Ende seines Lebens werden seine Angriffe gegen Homosexuelle aggressiv, als ob die männliche Homosexualität ein zusätzliches Symptom der Dekadenz Frankreichs und des Abendlandes sei – wobei er die Rolle, die sie in sehr großen Kulturen, die er übrigens bewundert, wie dem antiken Griechenland und dem Italien der Renaissance, vollkommen außer acht läßt. Es ist daher umso verwunderlicher, dass er von weiblicher Homosexualität immer fasziniert war. Sie ist Bestandteil der Anziehung, die Beloukia, eine sehr anziehende weibliche Gestalt, auf Hassib ausübt. Beloukia ist das Pseudonym einer von Drieu besonders geliebten Mätresse, der ihr ein Roman gewidmet hat[15]: so wie ein sehr verliebter Liebhaber, der sich verstecken muss[16], es gerne tut, huldigt er ihr hier öffentlich, aber nur sie kann es zu ihrem geheimen Vergnügen verstehen.

Drieu schrieb in sein Tagebuch: „Ich weiß genau, dass von mir nichts bleiben wird. Das weniger Schlechte wird vom Schlechten davongetragen werden“. Woher nahm Jünger die Gewißheit, dass er bleiben, dass er die Geschichte überleben würde?

Drieu litt dramatisch unter Minderwertigkeitskomplexen, die ihn permanent zu Selbstverleugnungen verleiteten. Er war von den religiösen Theorien eines Calvin oder Jansenius fasziniert, nach denen einige zur Verdammnis prädestiniert sind, weil Gott ihnen am Anfang seine Gnade verweigert hat. Er dachte, zu dieser Kategorie der Verstoßenen zu gehören. Außerdem war er davon überzeugt, daß es nach der biblischen Formel viele Berufene, aber sehr wenige Auserwählte gibt. Jünger, der im Laufe des Ersten Weltkrieges mehrmals wie durch ein Wunder dem Tod entronnen war, glaubte dagegen fest an seinen Glück, an seinen guten Stern. Darüber hinaus war er in Bezug auf Erlösung und Verdamnis auch fest davon überzeugt, daß die göttliche Güte die ewige Verdamnis des Sünders nicht zulassen würde. So würden sogar die schlimmsten Kriminellen, sogar Hitler, letzendlich gerettet werden.

Beide glaubten an eine willkürliche, übernatürliche Weltordnung; Drieu glaubte aber, daß diese Ordnung ihn ablehnte, während Jünger sich als einer ihrer Günstlinge sah, dank eines Glücks, das zwar nicht unverdient, aber auch nicht der Notwendigkeit zuzuordnen ist.

Ich möchte hinzufügen, daß es durchaus erlaubt ist, mit dem strengen Urteil, das Drieu über seine eigenen Bücher fällt, nicht einverstanden zu sein, selbst wenn sein Werk, im Ganzen gesehen, sich nicht auf der gleichen Ebene wie dasjenige Jüngers befindet. Es gibt aber unter diesen Texten einige wirkliche Meisterwerke, insbesondere eine Sammlung von Erzählungen, La comédie de Charleroi, die von seinen Kriegserfahrungen inspiriert ist und die einige der besten Texten enthält, die in französischer Sprache über den Krieg von 1914 geschrieben wurden. Empfehlenswert sind auch Drieus Romane Le Feu follet, eine brillante Studie über die Gefahr der Drogen und die Orientierungslosigkeit der französischen Intellektuellen zwischen den beiden Weltkriegen, sowie der Roman Mémoires de Dirk Raspe, in dem er in einer fiktiven Van Gogh- Biographie über sich selbst und über das Problem der künstlerischen Schöpfung nachdenkt. Eine Auswahl seiner besten Texte wird übrigens 2012 in der Bibliothèque de la Pléiade erscheinen. Dann steht Drieu dort neben Jünger.

[1] So der deutsche Titel eines bekannten Werkes von André Gide (1899).

[2] Siebzig verweht III, 17. Juni 1985, Sämtliche Werke, Band 20, S.517. In diesem Abschnitt bringt Jünger auch sein Interesse für Umberto Ecos Name der Rose zum Ausdruck.

[3] Erstes Pariser Tagebuch, 22. Juli 1942, Sämtliche Werke, Band 2, S.351.

[4] Peter Trawny, Die Autorität des Zeugen. Ernst Jüngers politisches Werk, Matthes & Seitz, Berlin, 2009.

[5] Kaukasische Aufzeichnungen, 12. Dezember 1942, Sämtliche Werke, Band 2, S. 442.

[6] Die Insel Sachalin, 1893.

[7]Julien Hervier, Deux individus contre l’histoire : Drieu La Rochelle et Ernst Jünger, Klincksieck, Paris, 1978 (Nouvelle édition revue, corrigée et augmentée d’une postface, Eurédit, Paris, 2010).

[8]Siehe hierzu unten Brief 29 : „Die „activité politique*“ sehe ich als wichtigen, doch abgeschlossenen Teil meiner Entwicklung an. Dem entspricht ein Generationsproblem insofern, als in der Jugend der Wille, im Alter die Anschauung überwiegt“.

[9] Pierre Drieu la Rochelle, Journal 1939-1945. Présenté et annoté par Julien Hervier, Paris 1992, S.421

[10] Gegenwärtiger Vergil, Stuttgart 1962.

[11] Zweites Pariser Tagebuch, 16. November 1943, Sämtliche Werke, Band 3, S. 190.

[12] Brief von Jünger an Henri Plard vom 20. Oktober 1959 (Deutsches Literaturarchiv Marbach a.N.).

[13] Sämtliche Werke, Band 18, S. 102.

[14] Untersuchung von Fernand Vandérem über L’homosexualité en Littérature, in: Marges, 15. April 1926.

[15] Beloukia (1936).

[16] Es handelt sich hier um Christiane Renault, die Gattin des französischen Großindustriellen. Auch Jünger konnte der Versuchung nicht widerstehen, seine zahlreichen Begegnungen und Unterhaltungen mit Sophie Ravoux in den Strahlungen zu erwähnen, obgleich sie unter verschiedenen Pseudonymen auftaucht.

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