Bloy und Nietzsche – Doppelblick auf die Moderne

                                     Leon_Bloy th70PHC0HH

Léon Bloy (1846-1917) und der fast gleichaltrige Friedrich Nietzsche (1844-1900) werden nur selten gemeinsam in den Blick genommen. Der oberflächliche Grund hierfür ist sicherlich ihre radikal unterschiedliche Haltung gegenüber dem Christentum: hier der traditionalistische Katholik, dort der Verkünder des „Todes Gottes“, was auch immer man darunter im Einzelfall versteht. Zunächst ist nichts als der bloße Gegensatz sichtbar. Doch Bloy und Nietzsche, stereoskopisch erfaßt, geben auch Gemeinsamkeiten preis. Für diese Gemeinsamkeiten gibt es ein äußeres, signalhaftes Indiz. So steht Nietzsches Sentenz „Gott ist tot“ eine von Ernst Jünger zitierte Formulierung Léon Bloys gegenüber, die wie eine bewußt formulierte Antwort erscheint. Bloy sage, so zitiert Jünger mehrfach, nicht „Dieu est mort“, sondern er sagt: „Dieu se retire“, „Gott zieht sich zurück“. Nun läßt sich dieses Zitat in dieser griffigen Formulierung bei Bloy nicht nachweisen[i]. Tatsächlich spricht Bloy jedoch immer wieder von der Abwesenheit Gottes[ii], von der Nicht-Präsenz des Absoluten und von der immensen Leere, die sich dadurch auftut. Gott ist keinesfalls tot, er ist allerdings auch nicht lebendig: Er ist „absent“. Nietzsche wird in Bloys Tagebüchern nur ein einziges Mal – und dort eher kursorisch – erwähnt[iii]. Es ist nicht nachgewiesen und auch nicht wahrscheinlich, daß Bloy Nietzsche ernsthaft rezipiert hat. Der direkte Konnex entsteht erst durch den stereoskopischen Zugriff Jüngers, der in einer gelungenen, wenn auch wahrscheinlich irrigen Zitatzuschreibung eine Sinnlinie nachzeichnet. Dieser Sinnlinie soll zunächst gefolgt werden, weil sie Grundlegendes zum Ausdruck bringt.

„Gott ist tot“ – „Gott zieht sich zurück“. Beiden Sätzen ist eines gemeinsam: Sie beziehen sich auf eine Situation, in der das Göttliche für den Menschen nicht mehr sichtbar oder nicht mehr relevant ist. Sie beschreiben eine Epoche als fundamental beziehungsweise temporär gottlos. Beide Aussagen haben darüber hinaus einen Feststellungscharakter. Nietzsche fordert nicht, wie oft fälschlicherweise interpretiert, den Tod Gottes, sondern sein Satz konstatiert eine Tatsache. Er formuliert das Ergebnis der menschlichen Geschichte: das Ende des allmächtigen Schöpfergottes und der von ihm eingesetzten Moral. Auch Bloy beschreibt einen Zustand. Er stellt die Nicht-Sichtbarkeit des Göttlichen fest und sieht sie als Resultat einer göttlichen Handlung, eines – in Jüngers Deutung – aktiven Rückzugs. Die Tatsache der Absenz des Göttlichen wird unterschiedlich bewertet – einmal als Sieg der menschlichen Autonomie über Metaphysik und Moral, das andere Mal als Reaktion des Schöpfers auf die Verfallenheit seiner Welt. Doch in beiden Fällen ist Gott noch der Angelpunkt des Denkens, ex negativo wie ex positivo.

Nietzsche wie Bloy nehmen Weltdeutung in Relation auf das Göttliche vor. Das verweist auf die Notwendigkeit einer fundamentalen Seinsinterpretation. Beide Autoren umschreiben eine Schwellensituation, eine Endzeit, in der das Verlangen nach einer umfassenden Sinngebung noch virulent ist, in der aber auch der Moment gekommen ist, brüchig gewordene Ordnungen endgültig zu zerschlagen oder sie aus sich heraus zu erneuern. Beide Autoren fordern, wenn auch aus unterschiedlicher Perspektive, einen „neuen Menschen“. Ein äußeres Zeichen dieser Schwellensituation ist ein revolutionäres, gewalttätiges Element. Das Paris Léon Bloys ist auch das Paris der Commune und der Anarchisten, der Barrikaden, der Bombenattentate und der revolutionären und gewaltapologetischen Schriften eines Georges Sorel[iv]. Auch das Denken Bloys und Nietzsches ist von diesem Moment der Gewalt gekennzeichnet. Nietzsche formuliert die Notwendigkeit eines Denkens, das falsche Wahrheiten zerschlägt. Dieses Denken geht keine Kompromisse mit dem Zeitgeist ein, es ist eine, wie es im Vorwort zur „Götzen-Dämmerung“ heißt, „grosse Kriegserklärung“[v] – ein Titel, der auch über Bloys Werk stehen könnte. Nietzsches Denken reißt ein, um aufzubauen. Nietzsche nannte dies ein „Philosophieren mit dem Hammer“. Mit diesem Bild wird eine Philosophie umrissen, die sich, um konstruktiv zu sein, destruktiv gebärdet. Auffallend ist auch, daß die Götzen, die Nietzsche in jener Schrift aus dem Jahre 1888 zerschlägt, jenen Gemeinplätzen, jenen „lieux communs“ ähneln, die Bloy in seiner Exégèse des Lieux communs (1902) zertrümmert.

In Bloys Worten findet Nietzsches Philosophie mit dem Hammer ihre Entsprechung. Die fiktive Berufsbezeichnung „Entrepreneur de démolitions – Abbruchunternehmer“, die sich Bloy im Jahre 1884 gab, ist eine polemische Geste, die eine Lust am Zerstören und eine Fundamentalopposition gegenüber der eigenen Zeit anzeigt[vi]. Auch sagt Bloy von sich, daß er, wäre die Commune zwei Jahre früher gekommen, ohne Zweifel Priester erschossen und Häuser in Brand gesteckt hätte[vii]. Doch ist diese nihilistische Grundhaltung Bloys von derjenigen Nietzsches unterschieden[viii] – und sie ist vor allem nicht von Dauer. Bloy behält nach seiner Bekehrung zum Katholizismus den Hammer zwar in der Hand, aber nur, um das zu zerschlagen, dessen irdische Zeit gekommen ist. Gegenstand dieser Zerschlagung sind jetzt die morschen Fundamente von Gesellschaft und Religion. Der Schriftsteller hat als Werkzeug Gottes die Aufgabe, diese Mißstände mit der Sprache bloßzulegen. Ein Neuanfang auf der Basis eines Kompromisses ist nicht möglich.

Bloy und Nietzsche sind von der Notwendigkeit eines gewalttätigen Eingriffs überzeugt. Denn auf den Fundamenten der alten Welt lassen sich keine Denkgebäude mehr errichten, die diese Welt erklären können. Der Verfall ist mit Lösungsansätzen, die der tradierten Ordnung entspringen, nicht aufzuhalten. Weder Nietzsche noch Bloy denken Geschichte daher linear fort als eine Geschichte menschlichen Problemlösens. Keiner von beiden glaubt an den wissenschaftlichen, technischen oder gesellschaftlichen Fortschritt, auch und gerade nicht an die Denkmodelle der positivistisch motivierten Humanität, die im Auftrag jenes Fortschritts handelt. Die Fortschrittseuphorie der Epoche des Positivismus ist ihnen fremd, ja sie wird zu einem Teil des beschriebenen Problems. Die Gegenwart ist nicht deswegen dem Untergang geweiht, weil sie ihre Probleme nicht in den Griff bekommt, sondern weil sie immer noch daran glaubt, über die Mittel zu verfügen, diese Probleme zu lösen. Sie hat nicht erkannt, daß sie am Ende ihrer eigenen Möglichkeiten angekommen ist.

Doch die Standpunkte, von denen aus Bloy und Nietzsche diese dem Untergang geweihte Gegenwart beschreiben, sind grundverschieden. Und sie sind nicht nur grundverschieden, sondern geradezu antithetisch. Es sind zwei mögliche Deutungen der Welt und ihres Schicksals, die uns in Bloy und Nietzsche entgegentreten. Dieser fundamentale Ansatz der beiden Autoren läßt sich auch daran ablesen, daß die fundamentalen Kategorien „Raum“ und „Zeit“ in ihren Denkgebäuden eine entscheidende Rolle spielen. Dabei ist auffallend, wie die Zeit- und Raumkonzeptionen und damit die Kategoriensysteme Bloys und Nietzsches polar entgegengesetzt sind. Greifbar wird dies in den Bildern, mit denen Zeit und Raum dargestellt werden. Nietzsches Konzept der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ und seinem Bild einer zyklischen, kreisförmigen Zeit steht Bloys eschatologisches Zeitverständnis gegenüber, dem eine Verräumlichung und damit Aufhebung von Zeit eingeschrieben ist. Und auf Nietzsches Metaphern der Höhe, der Abhebung, des Übermenschen antwortet Bloy mit einer Bildwelt des Abgrunds, einer Schmerz-Philosophie und einer Mythologie des „Untermenschentums“.

In diesen Dimensionen des Seins und des Erkennens, aber auch im Verständnis der dichterisch-denkenden Existenz und in der Kritik der Sprache lassen sich die Parallel-Universen Bloys und Nietzsches kontrastiv vergleichen. Jünger legte beide Weltdeutungen gleichsam übereinander und gelangte dadurch zu einer neuen, „objektiven“ Weltsicht.

[i] Jünger zitiert diesen Satz mehrfach, angefangen in einem in späteren Ausgaben gestrichenen Passus in Jahre der Okkupation, dann in An der Zeitmauer, zuletzt in Der Schere, SW 19, S.548. Tobias Wimbauer hat den Verfasser dankenswerter Weise auf eine Widmung Jüngers in einer Ausgabe von An der Zeitmauer hingewiesen, in der die Zuweisung dieses Satzes an Bloy von Jünger mit einem Fragezeichen versehen wird. Dies deutet stark darauf hin, daß Jünger selbst daran zweifelte, ob diese Formulierung wirklich ein reales Bloy-Zitat darstellt.

[ii] Zum Beispiel Le Mendiant ingrat, 5.6.1894

[iii] Au Seuil de l’Apocalypse, 13.7.1915

[iv] Réflexions sur la violence, 1908 erstmals in Buchform.

[v] Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Herausgegeben von Girgio Colli und Mazzino Montinari, Bd. 6, S.58

[vi] Diese Fundamentalopposition äußert sich bei Bloy zunächst in einer Begeisterung für Theodor Herzen und den Nihilismus, vgl. hierzu Maurice Bardèche, Léon Bloy, Paris 1989, S.35-38.

[vii] Brief an Dom Guéranger, zitiert bei Bardèche, S.25.

[viii] Hierzu Jüngers Tagebucheintrag vom 17.5.1944.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s