Léon Bloy, Die vierundzwanzig Ohren des Gueule-de-Bois

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Der Mann und die Frau verbrachten ein halbes Dutzend Nächte auf den Stühlen am Feuer, der sechsjährige Knabe wälzte sich zu ihren Füßen, eingewickelt in einen alten Mantel.

Drei oder vier Unteroffiziere schnarchten, von dieser schlaflosen Gruppe kaum durch ein altersschwaches Flechtwerk getrennt, in einem armseligen Ehebett; abseits davon andere Männer, die im Stroh, in Hobelspänen, auf Decken oder Lumpen dösten oder zu dösen versuchten, eben auf allem, von dem sie annehmen konnten, daß es sie gegen die schreckliche Kälte dieses langen Dezembers schützte, der mit erfrorenen Füßen durch Frankreich marschierte.

Gut zwanzig Mann vegetierten im Elend dieser Hütte eines Holzschuhmachers vor sich hin, in der, am Rand eines sehr verdächtigen Waldes, die Befehlshaber meinten, eine Art großen Vorposten plazieren zu müssen. Man witterte dort die Preußen, man glaubte sogar manchmal, sie vage zu hören, weit entfernt, hinter dem düsteren Hochwald, in der großen Stille der nächtlichen Stunden.

In regelmäßigen Abständen weckte ein entmutigter Gefreiter vier oder fünf Soldaten und half ihnen aus Barmherzigkeit mit einem Fußtritt auf die Beine: wildes Gähnen, flüchtige Anrufungen an irgendwelche Dämonen, ein Säbel- und Bajonett-Geklapper, schleifende Gewehrkolben und schwere Füße auf dem gestampften Erdboden, und dann verschwanden sie nach draußen in die Dunkelheit.

Nach einigen Minuten kommt, von der Kälte erschöpft, die abgelöste Wache angestampft, ihre Ausdünstungen lassen die dicken Scheiben beschlagen, die Finger lösen sich von der Knarre, die sie wütend hinwerfen, und die Männer fallen schwer auf die noch warmen Lager, die von den Kameraden verlassen wurden.

Es bedurfte der ganzen Autorität des wachhabenden Gefreiten, eines struppigen Wilddiebs aus dem Périgord, der zu einem sanften Hirten der lustigen Kompanien von Oran geworden war, um zu verhindern, daß die beklagenswerten Gastgeber auf brutale Art und Weise aus ihrem eigenen Wohnzimmer verdrängt wurden.

Dieser gutmütige Rohling, den man Gueule-de-Bois nannte und der alle Deutschen teuflisch haßte, hatte das Kind des Holzschuhmachers unter seine Fittiche genommen. Wenn er merkte, daß der Kleine, vor Kälte schlotternd, sich gegen seine Beine drückte, setzte er ihn auf seine Knie und nahm ihn in die Arme, um ihn aufzuwärmen.

Er konnte sich nicht an die Idee gewöhnen, daß die Unteroffiziere – und dazu gleich mehrere – sich des Bettes jener Unglücklichen bemächtigt hatten. Er riskierte sogar einige derbe Bemerkungen, allerdings ohne Erfolg. „Dreckskerle!“ preßte er zwischen seinen Zähnen hervor, voller Verachtung für die improvisierten Unteroffiziers-Streifen dieser Bürgersöhnchen, die nie gedient hatten und die eine völlig willkürliche Organisation zu seinen Vorgesetzten gemacht hatte.

Der Vater und die Mutter, einfache und ängstliche Leute, ertrugen mit Sanftmut die Kränkungen und Frechheiten, die er ihnen nicht ersparen konnte. Man hatte ihren ganzen Cidre ausgetrunken, und sie mußten mitanschauen, wie ihr gesamter Holzvorrat in weniger als vier Tagen verbrannt wurde. Die wertvollen Nußbaumblöcke, die zum Herstellen der Holzschuhe dienten, wurden ebensowenig ausgespart wie das Knüppelholz und das Reisig, und sie schätzten sich glücklich, daß man nicht auch noch ihre alten Möbel zerstörte.

Allerdings teilten die Eindringlinge mit ihnen auch die verdorbenen Kekse und die wenigen Streifen Speck, die ihnen eine von Ungenauigkeit besessene Intendantur gewährte. Sicher, am hellichten Tag, wenn die blauen Kobolde der Polarnacht den Egoismus der Soldaten nicht anstachelten, hatte man ein wenig Mitleid mit den armen, entkräfteten Menschen, die von ihren Verteidigern ausgesaugt wurden und die der plötzlich erscheinende Feind dafür grausam bestrafen könnte, daß sie Partisanen Unterschlupf gewährten. Man hatte schreckliche Beispiele gesehen…

Eines schönen Morgens, kurz vor Sonnenaufgang, wurden sie abberufen, und sie schlichen davon wie die Wölfe.

Einige Tage später, drei Meilen entfernt im tiefsten Wald, erzählte ein Bauer, der als Führer diente und der ausnahmsweise kein Verräter war, Gueule-de-Bois davon, daß das Haus des Holzschuhmachers jetzt von Preußen besetzt sei und daß das Dutzend dort drinnen sich nicht zu langweilen schien.

Sie waren in der Überzahl, und es wäre ein Leichtes gewesen, sich mit dreißig oder vierzig Mann auf das Haus zu stürzen. Aber der Gefreite behielt die Sache für sich, weil er seine Vorgesetzten kannte und weil er wußte, wie zwecklos es gewesen wäre, den Befehlshaber anzusprechen, der es in seiner gewöhnlichen Tiefgründigkeit nicht versäumt hätte, sofort eine Falle zu vermuten. Gueule-de-Bois entschied ganz einfach, so zu handeln, wie es ihm beliebte.

Nachdem er seinen Plan entworfen hatte suchte er sich unter denen, die an diesem Tage frei hatten, zwei Männer aus, auf die er sich verlassen konnte. Der eine war ein robuster Gebirgler aus dem Sarladais namens Pierre Cipierre, Soldat bis in die Fingerspitzen, der seit den Tagen seiner Kindheit merkwürdigerweise „Derselbe“ genannt wurde, um, so dachte man, die unüberwindlichste Halsstarrigkeit auszudrücken. Der zweite war kein anderer als jener Marchenoir, ein schweigsamer Träumer mit beglaubigten Muskeln, den der brodelnde Schlamm und das schändliche Vitriol literarischer Feindschaften eines Tages bis zur Agonie auf die Probe stellen würden.

Nachdem er sich der Komplizenschaft dieser beiden Männer versichert hatte, die ihm für die Durchführung seines Vorhabens mehr als geeignet erschienen, kam man überein, das Lager sofort nach dem Auslöschen der letzten Lichter zu verlassen; dies war einfach zu bewerkstelligen und sogar durch und durch normal bei einem Korps von Freiwilligen, die das Standrecht nicht kannten und die oft den widersprüchlichen Phantastereien ihrer Befehlshaber ausgeliefert waren.

Man machte sich also in einer flimmernden, eisigen, mondlosen Nacht auf den Marsch durch die Wälder. Um den Lärm ihrer Schritte zu dämpfen, hatten die drei Männer ihre Schuhe sorgfältig mit Stroh umwickelt.

Es schien, als sei die ganze Natur vor Kälte zu Tode erstarrt. Die von Reif wie mit Spitzenwerk umkleideten Bäume strahlten das Schweigen und die Bewegungslosigkeit von Kristall aus. Die Luftwellen konnten sich ohne Hindernis unbegrenzt ausbreiten und trugen von weitem das kleinste Geräusch heran.

Der ehemalige Wilderer, der sich sehr genau des Weges erinnerte, den sie in umgekehrter Richtung gelaufen waren, verirrte sich kein einziges Mal, und trotz der peinlichen Vorsicht dieses Indianermarsches sahen sie das Haus, noch bevor die Uhus und Waldkäuze wie eine Turmuhr Mitternacht schlugen.

Die Waghalsigen hielten hinter einer Hecke rund hundert Meter vom Haus entfernt und berieten sich kurz im Flüsterton. Das einzige Fenster war hell erleuchtet und man vernahm, erstaunlich klar, deutsche Stimmen, die immer wieder über schwachen, schmerzerfüllten Klagelauten erschallten.

„Die armen Teufel sind in den Händen dieser Dreckskerle“, flüsterte Gueule-de-Bois, „Ich wette meinen Arsch, daß wir drei es schaffen, sie fertigzumachen. Die Ganoven sind bestimmt halb besoffen und sie geben nicht acht. Aber es sind vier gegen einen, und wir müssen schlau vorgehen. Zuerst muß ich schauen, ob sie einen Wächter aufgestellt haben. Ich weiß, wie man das macht. Wartet hier auf mich, paßt auf meine Knarre auf, und folgt mir nur, wenn ihr mich schreien hört.“

Sogleich duckte er sich weg und verschwand geräuschlos zwei Schritte weiter, wie eine große Kröte.

Die folgenden Minuten kamen den beiden Knappen, die die Reserve dieser einzigartigen Angriffskolonne bildeten, sehr lang vor.

Marchenoir, der dieses Abenteuer viel später erzählen sollte, gestand, damals die grauenvollsten Momente seines Lebens durchlitten zu haben.

„In diesem Augenblick flauten die Lustbekundungen der Bestien ab, und es schien mir, als laste das Schweigen des ganzen Raumes auf meinem Herzen…“, schrieb er.

Ein entschlossener Stoß seines Kameraden riß ihn unwirsch aus seiner Agonie. Gueule-de-Bois baute sich vor ihnen auf. Folgendes hatte dieser Mann vollbracht:

Nachdem es ihm gelungen war, in der Finsternis so nah an das Haus heranzuschleichen, daß er es berühren konnte, fand er an der Schwelle tatsächlich einen deutschen Soldaten, unbeweglich und mit abgestellter Waffe. Er zog aus seiner Tasche eines jener großen Messer mit feststellbarer Klinge, wie sie in Nontron hergestellt werden, und dann – nachdem er dieses Messer vorsichtig hinter seinem Rücken geöffnet hatte, damit sich kein flüchtiger Lichtschein auf die Klinge verirrte – gelang es ihm, den richtigen Moment abzupassen und seinen Schwung so zu berechnen, daß die halbkreisförmige Bewegung, die die beiden Halsschlagadern mit einem Schnitt durchtrennte, sich im gleichen Augenblick vollzog wie der katzenartige Sprung, der ihn schattengleich auf den Fremden trug.

Das war ein prächtiger Schnitt, der eine große Erfahrung im Durchtrennen von Kehlen erkennen ließ. Die gräßliche Genauigkeit der Verwundung gestattete dem Preußen nicht das kleinste Röcheln, und die gleiche Bewegung, die den Leichnam abfing, hielt auch das Gewehr fest, so daß es nicht zu Boden fiel.

Weit davon entfernt, die Stille zu stören, schien dieser Mord sie noch verstärkt zu haben, und nachdem er seine lauwarme Beute möglichst weit von der Tür entfernt an die Mauer gelegt hatte, zog dieser Angehörige eines Strafbataillons sich schnell zurück.

„Bono!“ sagte er zu „Demselben“ und zu Marchenoir. „Die Kosaken werden jetzt von einer Leiche bewacht. Mut, Kinder, und laßt Euch nicht hängen. Ich glaube, das sind alles Trunkenbolde, und wir werden sie plattreten wie Mist.“

Als sie ankamen, fingen die Freudenschreie und die Klagelaute wieder an. Auf die Gefahr hin, entdeckt zu werden, näherte sich Gueule-de-Bois dem Fenster und blickte durch die Scheiben ohne Vorhang in das Haus. Man sah ihn nicht von innen, aber das, was er sah, ließ sein Antlitz erbleichen und seine Augen unter den Brauen wie zwei Feuer glühen. Unfähig zu sprechen, ging er mit gutem Beispiel voran und das, was nun folgte, war ein namenloser Alptraum.

Durch die wie von einem Wirbelsturm geöffnete Tür tauchten die drei Kerle auf, mit erhobenem Gewehrkolben, doch nicht, um sich zu ergeben, sondern um totzuschlagen. Einer der Preußen, der gerade dabei war, die an den vier Gliedmaßen gefesselte Frau zu vergewaltigen – zur Freude der anderen, die trinkend warteten, daß sie an die Reihe kämen – , war billigerweise der erste, den die sehr sichere Hand von Gueule-de-Bois traf. Der Hieb brach ihm auf der Stelle das Kreuz, wie einer Viper, und in der ersten Sekunde der Verblüffung, die dem Handgemenge vorausging, vernahm man diesen großartigen Schlag, der den Ganoven zu Boden warf, wo er sich krümmte und Schreie ausstieß, die man zwei Meilen weit hören konnte.

Dies war der Auftakt zu einem der teuflischsten aller Tänze. Die Deutschen, in der Mehrzahl unbewaffnet, wurden schlagartig nüchtern. Für einen Augenblick standen sie noch zehn gegen drei, aber dieser Moment dauerte nicht einmal so lange, um diese Tatsache zu bemerken. Die Keulen hoben und senkten sich mit unwiderstehlicher Kraft, und von nun an konnte man im Wutgeschrei und Zersplittern der Möbel nur noch eine Stimme deutlich vernehmen – die schrecklich rauhe Stimme von Gueule-de-Bois, der ununterbrochen Preußen zermalmte und nur ein Wort wiederholte: „Schweine! Schweine!“ – dieses eine Wort, das aus ihm hervorzuquellen schien wie kotige Brühe aus einem Kanal.

Kaum wahrnehmbar war der Moment, in dem der sichere Sieg in ein Gemetzel überging. Nur Marchenoir war einmal kurz ernsthaft in Gefahr. Einem riesenhaften Menschen gelang es, sich seiner Waffe zu bemächtigen, die ihm der zukünftige Pamphletist trotz seiner ganzen Kraft nicht mehr entreißen konnte. In dieser Situation wäre das Auftauchen eines zweiten, wenn auch verwundeten Feindes eine tödliche Gefahr gewesen. Plötzlich sah er eine Flasche in Reichweite seiner rechten Hand. Dieser habhaft zu werden, den Flaschenboden an der Wand zu zerschmettern und die Scherben auf bestialische Weise im Gesicht seines Gegners einzupflanzen, dessen Augen hervorspritzten, war alles Teil einer Bewegung.

„Derselbe“ seinerseits schuftete zum Entzücken der Engel. Marchenoir erinnerte sich daran, ihn in dieser Nacht des Schreckens flüchtig erblickt zu haben, wie er den Kopf eines Mannes mit schweren Mühlsteinschlägen auf einem Tisch zertrümmerte.

Merkwürdige und sehr unheimliche Besonderheit: Es gab nicht eine abgeschossene Patrone. Das alles ging so schnell, daß hierfür vielleicht die Zeit fehlte. Und dann ist der Tod auch viel schöner, wenn man ihn auf andere Weise erteilt! Der schreckliche Gueule-de-Bois, trunken und toll nach Auslöschung, hatte sein Chassepot-Gewehr in die Ecke geworfen. Jetzt durchwühlte er Deutschland mit Messerstichen, als wolle er dessen Herz essen.

Schließen wir ab. Die Mutter starb während des Gemetzels. Den Vater fand man im Nachbarzimmer an sein Cidre-Faß gefesselt, er war wahnsinnig geworden und blickte mit einem irren Lachen auf den Leichnam des armen Kleinen, der an einem Dachbalken über ihm hing…

Die Abenteurer kehrten im frostigen Morgengrauen ins Lager zurück, buchstäblich mit Blutrinnsalen überzogen, wie die Metzger, die aus dem Schlachthaus kommen. Der Gefreite Gueule-de-Bois allerdings schleppte ein seltsames Gepäck mit sich, das er seelenruhig, ohne ein einziges Wort zu sagen und ohne daß sich ein einziger Muskel in seinem traurigen und gewaltigen Wildschweinantlitz rührte, dem erstaunten Befehlshaber vor die Füße stellte. Es waren zwölf Pickelhauben und ein Paar Ohren in jeder von ihnen.

Eine von Bloys 30 Kriegserzählungen aus Blutschweiß, erstmals in Deutsche übersetzt und kommentiert von Alexander Pschera (2011):

http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/blutschweiss.html

Dazu zwei schöne Rezensionen:

http://www.zeit.de/2011/24/L-B-Leon-Bloy

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/leon-bloy-blutschweiss-gott-ist-frankreich-16375.html

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