Die Leichen warten im Fels – Zu Warlam Schalamov

schalamow

 

Zahlen können zu Menetekeln werden, zu düsteren Symbolen von Unrecht und Unterdrückung. Die Zahl „58“ ist ein solches finsteres Symbol. Denn mit dem Artikel 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR, der „Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik“, wurden zwischen 1930 und 1953 rund zwanzig Millionen Menschen in die Lager des Gulag gebracht. 20 Millionen – auch eine düstere Zahl. Und sie wird noch dunkler, wenn man bedenkt, daß sie nicht im Gedächtnis der Menschheit verankert ist.

Wer nach dem Artikel 58 verurteilt wurde, war ein sogenannter „politischer Häftling“. Ihm wurden „konterrevolutionäre Verbrechen“ wie Sabotage, Vaterlandsverrat, die „Unterstützung der internationalen Bourgeoisie“, Spionage oder „illegale Gruppenbildung“ vorgeworfen. Das Vokabular war beliebig erweiterbar, die Sache war jedoch immer die gleiche. Viele Urteile kamen ohne ordentliche Gerichtsverfahren zustande und trafen nur allzu oft diejenigen, die eben noch Hunderte in die Taiga geschickt hatten. Oft ereilte das Urteil Menschen aus heiterem Himmel. Und danach öffneten sich die Pforten der Hölle.

In den Lagern wurde gearbeitet: Es wurden Kanäle gebaut, es wurde nach Gold gegraben. Doch ging es nicht um die Arbeitskraft. Denn die Sterberate in den Lagern lag bei bis zu 50 Prozent. In der Regel dauerte es nur wenige Wochen, bis ein gesundes, kräftiges Individuum bei minus 40 Grad und übermenschlich harter Arbeit in Steinbrüchen oder Bergwerken buchstäblich zu Staub zerfiel. Der Tod durch Arbeit war einkalkuliert – die Kolyma-Region in Ostsibirien hieß nicht umsonst „Auschwitz ohne Öfen“. Die letzten Lage in dieser Region wurden übrigens erst 1987 geschlossen.

Einige überlebten. Sie lebten weiter. Als Schatten ihrer vormaligen Existenz. Als Menschenhüllen. Und einige unter ihnen schrieben auf, was sie erlebt hatten: um Zeugnis abzulegen, um die Schrecken dem Vergessen zu entreißen, um sich selbst nicht aufzugeben. So entstand die Lager-Literatur, die mittlerweile einen eigenen Forschungszweig der Literaturwissenschaft darstellt.

Der Kanon der Lager-Literatur ist zweigeteilt. Auf der einen Seite stehen die KZ-Zeugnisse von Primo Levi („Ist das ein Mensch?“), Jorge Semprun und Imre Kertész („Roman eines Schicksalslosen“). Auf der anderen Seite stehen die Arbeiten des kürzlich verstorbenen Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyns – vom „Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ bis zum gewaltigen, mehrbändigen „Archipel Gulag“.

Seit kurzem kann und muß nun auch hier in Deutschland endlich der Name Warlam Schalamov genannt werden, wenn es um den Gulag in der Literatur geht. Denn 2007 erschien im Verlag Matthes & Seitz Berlin der erste Band der berühmten, in Rußland als Referenztexte gehandelten „Erzählungen aus Kolyma“. Damit startete der Verlag eine mehrbändige Werkausgabe jenes Dichters, der unter extremsten Bedingungen 14 Jahre Lagerhaft verbüßte. In diesem Herbst erscheint nun unter dem Titel „Linkes Ufer“ der zweite Band dieser Edition, wieder vorbildlich übersetzt von Gabriele Leupold und herausgegeben von Franziska Thun-Hohenstein.

Wer aber war nun dieser Warlam Schalamov? Warlam Schalamov wurde 1907 in Wologda als Priestersohn geboren. 1923 zieht die Familie nach Moskau. Schalamov studiert die Rechte an der Moskauer Universität und schließt sich einer avantgardistischen Dichtergruppe an. Er engagiert sich in der Opposition gegen Stalin. 1929 wird er zum ersten Mal verhaftet, weil er das sogenannte „Lenin“-Testament verbreitet – den „Brief an den XII. Parteitag“ von 1922/1923, in dem Lenin vor Stalin warnt und ihm Trotzki gegenüberstellt: „Genosse Stalin hat dadurch, daß er Generalsekretär geworden ist, eine unermeßliche Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin nicht überzeugt, daß er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen. Stalin ist zu grob, und dieser Fehler, der in unserer Mitte und im Verkehr zwischen uns Kommunisten erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte, und jemand anderen an diese Stelle zu setzen, der sich in jeder Hinsicht von dem Genossen Stalin nur durch einen Vorzug unterscheidet, nämlich dadurch, daß er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft usw. ist“.

Der Verhaftung folgt eine vierjährige Verbannung auf die Solovki-Inseln im Weißen Meer. 1932 ist Schalamov wieder in Moskau, er arbeitet als Journalist und Autor. 1937 wird er abermals verhaftet und zu fünf Jahren Lagerhaft im Kolyma-Gebiet verurteilt – wegen trotzkistischer, konterrrevolutionärer Tätigkeit. Schalamovs Rettung ist, daß er in der Kolyma, jener Region, in der die Temperaturen im Winter minus 60 Grad erreichen können, als Sanitäter arbeiten kann und damit der Zwangsarbeit im Bergwerk – den sogenannten „allgemeinen Arbeiten“, wie es im euphemistischen Lagerjargon heißt – enthoben ist. 1943 wird erneut eine Haftstrafe ausgesprochen, die bis 1951 dauert. Daran schließt sich eine zweijährige Verbannung in Jakutien. Seine Rehabilitierung erfährt Schalamov erst 1954. Von jetzt an bis 1973 arbeitet er am Kolyma-Zyklus. 1966 protestiert Schalamov noch gegen die Verurteilung Sinjawski, der wegen illegaler „Bücherherstellung“ in einem Schauprozess zu sieben Jahren Lagerhaft verurteilt wird. Aber 1972 legt Schalamov ein Bekenntnis zur Sowjetunion ab, das Alexander Solschenizyn, der seinen „Archipel Gulag“ zunächst gemeinsam mit Schalamov schreiben wollte, mit dem Ausspruch kommentiert: „Schalamov ist gestorben“. Schalamov stirbt aber tatsächlich erst 10 Jahre später in einer psychiatrischen Klinik

Während Solschenizyns Vermessung des Archipels Gulag bei uns zum Allgemeinwissen gehört, fristete Schalamov bisher ein Dasein bestenfalls als Geheimtip. Warum ist das so? Zum einen wurde Schalamov trotz seiner Lagererfahrung nicht zum Dissidenten. Das verhinderte seine Rezeption in einem vom Kalten Krieg geprägten Europa. Er gehörte weiterhin zu jenem System, das sein Leben zerstört hatte.

Zum zweiten entwickelte Schalamov eine Ästhetik der Reduktion, einen Stil der Kargheit, den man als Leser erst einmal regelrecht überwinden muß. Er verweigert sich jeder Ästhetisierung des Lagersystems, den Solschenizyn ja noch als „Versuch einer ästhetischen Untersuchung“ – so der Untertitel des „Archipels Gulag“ – unternahm. Schalamovs knappe Prosatexte sind wie in Stein gemeißelt. Sie kennen keine Höhepunkte, keine Spannungskurven, nichts, was Dynamik erzeugen würde. Personen tauchen auf, sterben oder leben weiter, und verschwinden wieder – in einem Grab, in der nächsten Baracke, auf einem Pritschenwagen, in einer Staubfahne. Verkrüppelte Gliedmaßen rücken ins Bild, ausgezehrte Gesichter. Dann wieder Stille, Leere. Ein Schuß, Schritte im Schnee. Eisiger Wind.

Es sind schrecklich blasse, totenfahle, aschgrau beleuchtete Momente eines auf eine absurde Logik aufgebauten Universums. Schalamovs Prosa, die er selbst als „Nicht-Literatur“ bezeichnete, ist eine der Antworten auf die Frage, welche Art von Gedichten nach Auschwitz noch möglich ist. Mit ihr unternahm er den Versuch, das Nicht-Leben der Kolyma, das aber auch kein Tod war, in eine sprachliche Form zu bringen – in eine Form, die sich dem moralischen Urteil und jeder metaphysischen Hoffnung verweigert, um härter und haltbarer zu sein.

Diese Form bewahrt die Figuren des Schmerzes so auf, wie der Fels und das Eis der Kolyma die Leichen ihrer Opfer aufbewahren: „An der Kolyma übergibt man die Körper nicht der Erde, sondern dem Stein. Der Stein bewahrt und enthüllt Geheimnisse. Stein ist verläßlicher als Erde. Der Dauerfrostboden bewahrt und enthüllt Geheimnisse. Jeder unserer Nächsten, der an der Kolyma gestorben ist, jeder Erschossene, Totgeschlagene, von Hunger Ausgezehrte läßt sich noch identifizieren, selbst nach Dutzenden Jahren. An der Kolyma gab es keine Gasöfen. Die Leichen warten im Fels, im ewigen Eis“.

Warlam Schalamov, Linkes Ufer. Erzählungen aus Kolyma 2. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold, herausgegeben von Franziska Thun-Hohenstein, Matthes & Seitz Berlin, 2008, ISBN 3882216018, 22,80 €

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