Léon Bloy – Schrapnelle gegen den Zeitgeist

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Wie oft ist es mir nicht aufgefallen, daß die bei Tagesgrauen oder Sonnenaufgang zelebrierten, das Herz so sanft ergreifenden Frühmessen der Hauptsache nach für die Dienstboten gelesen werden! Die „Herrschaften“ dieser Bediensteten stehen so früh nicht auf.

Mitternachtsglocken zum Totenfest. Glocken, die so lange tönen ob ihres Verwandtseins mit dem Heiligen Geist, der ja alle Toten auferwecken soll…Könnte man nicht das Paradies beschreiben als jenen Ort, an welchem die Glocken läuten immerfort?

Wir wandeln dermaßen in der Finsternis – sagt meine Frau -, daß schon das Ahnen eines Geheimnisses für uns Licht bedeutet.

Doch wie ferne liegen uns die frühen Zeiten der Menschheit und wie ungeheuer vernünftig und weise sind wir doch geworden seit den Tagen, wo man aufhörte, vor Liebe zu weinen unter einem Himmel, der all seinen Himmelsglanz verlor, als man damit begann, ihn uns physikalisch zu erklären.

Der Heilige Text ist nicht dunkel, er ist nur voller Geheimnisse. Das GEHEIMNIS ist lichtvoll, doch nicht zu durchdringen. Die DUNKELHEIT ist ihrer Substanz nach zu durchdringen, denn der Mensch kann von ihr verschlungen werden.

Wenn ich unsere entsetzliche Lage überdenke, so ist alles, was ich zu tun vermag, nicht mit meinen Lippen zu sündigen und Worte der Auflehnung zu sprechen. In solchen seit vielen, vielen Jahren leider so häufigen Stunden muß mein Herz dem mit Galle und Essig getränkten Schwamme gleichen, mit dem die Juden den Durst des sterbenden Heilands zu löschen vermeinten.

An den Toren der Friedhöfe sollten überall Bettler stehen! Bettler mit Feuerkleidern!

Echte Frömmigkeit ist allein das Erbarmen mit Jesus, das heißt das Mitleiden Marias.

Marienamt und Totenmette. Unendliche Wolke der Wonne, in der es wetterleuchtet, als balle sich eine Gewitterwand des Lichtes zusammen.

Mitten in der Nacht aus dem Schlaf erwacht durch das Läuten der Himmelsdome…

Es ist schon etwas daran, den Schatten der Hand Gottes zu erkennen!

Erst an dem Tage, an dem ich endgültig und festentschlossen jedes Vergnügen gegen die FREUDE eingetauscht haben werde, werde ich ganz glücklich, werde ich in Wahrheit ein Seliger sein.

Ein Wort meiner lieben Jeanne: -„Man hört oft sagen, Menschen ohne Gott im Herzen leiden mehr als andere. Das klingt mir sehr nach einem Gemeinplatz. Ich glaube ganz im Gegenteil, daß wirklich tiefes Leid allein Gottes Freunde empfinden können.“

Gespräch mit Jeanne. Wir spötteln über Wissenschaft, Kunst, Ehre, Unehre, Gesetze und Konventionen jeglicher Art. Alles, was nicht unbedingt Liebe zu Gott ist, scheint sich uns kaum über die Stufe ordinären Kehrichts zu erheben.

Um einer mit Recht gefürchteten Nervenkrise zu entgehen, studieren wir die drei ersten Kapitel der Apostelgeschichte. Die erwartete Erleichterung tritt sogleich ein. Wieder einmal habe ich das wunderbare Gefühl, die unsichtbare kraftvolle Speise zu verzehren, von welcher Raphael im Buch Tobias spricht.

Auf allen Seiten umhüllen uns zwei Arten von Mysterien: die Mysterien des Lichts und die Mysterien der Finsternis.

Was für eine Monographie ließe sich schreiben über die in den Eingeweiden des Bürgers festsitzenden Residuen des Evangeliums!

Um nicht in den Verdacht des Fanatismus zu geraten, haben sich die modernen Prediger etwas ausgedacht, was sie mit Bescheidenheit das Wort Gottes nennen. Es besteht darin, stundenlang zu salbadern und sich mit vollendeter Geschicklichkeit um das Ja und Nein herumzudrücken.

Man tut, was man kann. Geistvolle Menschen bieten Gott ihren Geist, Dummköpfe ihre Dummheit. Es ist somit alles in bester Ordnung.

Die Weltmenschen, die ihre religiösen Pflichten damit erfüllen, daß sie bestimmte unerläßliche Gesten vollführen, ohne auch nur eine Minute daran zu denken, daß Heiligkeit von ihnen verlangt wird, von welchen Insekten werden sie am Tage des Gerichts nicht verurteilt und verdammt werden?

Jeder Mensch ist auf Erden, um etwas zu bedeuten, was er nicht kennt, und auf diese Weise eine Parzelle oder einen Berg von unsichtbaren Materialien zu schaffen, aus denen die Stadt Gottes gebaut wird.

(Übersetzung: Alexander Pschera, 2007)

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