Jünger – ein Komet hinter den Dächern

Unbenannt3

Manche hatten sich irgendwann damit abgefunden: Dieser Mann wollte partout nicht sterben. Er wurde 80, er wurde 90, ja er wurde sogar 100. Es schien kein Ende zu Ende nehmen mit ihm. Alle fünf oder zehn Jahre grüßte sein Silberhaupt von den Titelseiten der Feuilletons herab und erinnerte daran, daß es ihn ja auch noch gab. Dazwischen wurde es dann immer sehr still. Auch das ist eine der vielen Merkwürdigkeiten unserer Auseinandersetzung mit Jünger. Er lebte als ein zweiter Goethe unter uns, und wir taten alles, um ihn öffentlich zu ignorieren oder gar zu diskreditieren, was außerhalb der Zone verordneten und damit unumgänglichen Gedenkens – Kohl und Mitterand auf Stippvisite beim Orakel von Wilflingen – auch gut gelang. Die Franzosen konnten das nie so wirklich begreifen. Bei ihnen steht Jünger umstandslos neben Thomas Mann und Bertolt Brecht im Bücherregal. Aber Jünger lebte trotzdem weiter, und zu guter Letzt wuchs er, fugen- und falten- und irgendwie auch widerstandslos, schon zu Lebzeiten in seine eigene Marmorbüste hinein, was ihn vielen Zeitgenossen nur noch verdächtiger machte, weil sie zu Unrecht annahmen, diese Marmorgestalt sei Jünger immer schon gewesen.

Jünger hatte es aber nie darauf angelegt, ein Mann aus Marmor zu werden. Auch ein biblisches Alter gehörte nicht zu seinen Lebenszielen. Im Gegenteil: Mit abenteuerlichem Herzen suchte Jünger die Gefahr nicht aus prinzipieller Liebe zum Risiko, sondern als eine Möglichkeit der Ausweitung des Erfahrbaren. Und er suchte sie in Permanenz: Er suchte sie in der Fremdenlegion (Afrikanische Spiele), im ersten Weltkrieg (In Stahlgewittern), im zweiten Weltkrieg (Strahlungen), auch im 20.Juli-Kreis um Stauffenberg (Der Friede), schließlich in LSD-Trips (Annäherungen. Drogen und Rausch). Im Februar 1998 starb er dann doch, im Alter von 102 Jahren. Ein richtiger Klassiker ist er bis heute nicht geworden. Vielleicht zum Glück. Denn jetzt erst, mit zehnjährigem Abstand, wird der Marmor rissig und es kommen darunter die Konturen eines Autors zum Vorschein, der neben Kafka und Borges zu den ganz großen Einzelnen der Moderne zählt und dessen Werk immer noch, gerade von den gutmeinenden Kennern und Liebhabern, unterschätzt wird.

Jünger hatte in seinen letzten 50 Lebensjahren im Abseits gelebt, in einem der menschenleersten und rauhesten Territorien der dicht besiedelten Republik: im oberschwäbischen Weiler Wilflingen in der Nähe von Sigmaringen, unweit von Heideggers Geburtsort Meßkirch. Der gebürtige Heidelberger, der am Steinhuder Meer aufgewachsen war, zog sich in der Mitte seines Lebens in die Wälder der süddeutschen Provinzen zurück, um von dort seine Rauchsignale auszusenden – und um ausgiebig zu reisen. Davon geben in fünf Bänden die späten Tagebücher Siebzig verweht Zeugnis. Auf den Reisen bleibt Jünger seinem Ruf treu, eine Figur des 19. Jahrhunderts zu sein, die ins 20. Jahrhundert hineingeboren wurde. Er sammelt Käfer, klaubt Muscheln, Fossilien und Steine auf und drapiert sie daheim, im barocken Försterhaus, auf schönen Porzellantellern, die er ins winterliche Sonnenlicht stellt, das weich durch die hohen Fenster fällt. Auf dem Nachbarsims rieselt feiner Staub durch eine schlanke Sanduhr aus Ebenholz. Derweil picken die Buchfinken und Erlenzeisige auf dem Fensterbrett Sonnenblumenkerne. Die Zeit steht still und rundet sich zum Bild. Wer Jünger nicht kennt und durch die Wilflinger Kartause streicht, der könnte den Eindruck bekommen, der Capitano sei ein Biedermeier-Kauz gewesen, der der Zeit, seiner alten Kumpanin, ein Schnippchen geschlagen hat.

Doch die Dinge liegen anders. Jünger war weder auf der Flucht vor der noch vor seiner Zeit. Er zeichnet auf seinen Reisen in entlegene (Malaysia, Brasilien) und auch weniger entlegene (Sardinien, Rhodos) Archipele die schleichende Ausbreitung der Globalisierung auf, das Mäandern der Moderne, das Um-Sich-Greifen der technischen Konstruktionen und der schrankenlosen touristischen Selbstverwirklichung. Das Dickicht und die Naturzonen, die Jünger mit Kescher und Schmetterlingsnetz durchstreift, fallen Rohdungen zum Opfer, für die auch Jünger verantwortlich war. Denn seine Reisen führten ihn durch ein Portal mit der Aufschrift: Gnothi seautónErkenne Dich selbst. Er beginnt zu ahnen und dann immer genauer zu erkennen, in welchen ausweglos dialektischen Widerspruch sich derjenige verstrickt, der zivilsationskritische Beobachtungen machen will und dafür just auf jene technischen Hilfsmittel angewiesen ist, die die globale kulturelle Einebnung in Gang setzen. Diese schmerzhafte Entdeckung der eigenen Modernität und Destruktivität schrieb sich in Jüngers Texte der mittleren und späten Jahre als fundamentaler Skeptizismus und Relativismus ein. Seine Staatsromane in gut barocker Tradition (Heliopolis, Eumeswil), die von der Kritik – wahrscheinlich zurecht – bis heute eher negativ beurteilt werden, versuchen sich an einer Zusammenfassung politischer Handlungsoptionen im Zeitalter postmoderner Desillusionierung und kommen zu keinem wirklich aufmunternden Ergebnis, obgleich sie ein gewisses Urvertrauen in ordnungspolitische Kräfte ahnen lassen. Jüngers scheeler Blick auf das allenthalben anzutreffende Übervertrauen, moderne Massengesellschaften an jedem Ort der Welt mit dem Allheilmittel „Demokratie“ kurieren zu wollen, wurde ihm so richtig übelgenommen –  vor allem von den Grünen, die im Rahmen der Frankfurter Goethepreisverleihung von 1982 die Straße gegen den Alten aus Wilflingen mobilisierten, obwohl ihr Chef, Joschka Fischer, sich als Jünger-Leser zu erkennen gab.

Jünger ließ das alles kalt. Sein Alltag blieb sein Kino. Seine scharfen Beobachtungen vertraute er Tagebüchern an, in denen sich Oberfläche und Subtext in einer Weise durchdringen, die immer wieder an das Kursorische und Zufällige von Pop-Literatur denken läßt. Doch Jüngers Tagebücher sind weit mehr als autobiographische Dokumente, die die Heilszeichen im Alltäglichen suchen. Das Moment der Überarbeitung, der Modifikation, der Drapierung des Wirklichen wird derzeit von der Jünger-Philologie stark herausgearbeitet (Paradigma: Burgunderszene), aber das Moment der Konstruktion spielt in den Tagebüchern wohl eine noch größere Rolle. Jüngers Tagebücher sind, wenn man so will, keine „Tagebücher“, sondern es sind Fiktionen im Stile eines Jorge Luis Borges: Fiktionen, in denen das eigene Ich zum Prisma wird, in dem sich das Licht der Wirklichkeit bricht. Es handelt sich weniger um autobiographische Texte, eher um spektrale Artefakte, die ihr Material aus den Einflutungen des Lebens filtern. Die autobiographische Gestalt dieser Texte stellt die beste Tarnung für ihren Kunst-Charakter dar. Jüngers Tagebücher sind Fiktionen, die sich als Tagebücher verkleiden. Im Wesentlichen sind sie Spiel und Kulisse. In ihnen wimmelt es nur so von Täuschungen, Spiegelungen und Verzweigungen. Es sind Labyrinthe mit vielfachen Brechungen des Wirklichen, in denen das Ich sich ständig neu erfindet und wieder auflöst.

Wer in Jüngers Tagebüchern daher einen Abdruck des Lebens sucht, ist auf einer falschen Spur. Jünger war niemals nur Realist. Sein Augenmerk richtete sich immer auf das, was hinter oder in der Wirklichkeit zu ahnen ist, ohne dabei das Sichtbare zu entwerten, weil es, nach Newton und Darwin, den einzigen Zugang zum Überwirklichen darstellt. Der Weg zur Metaphysik führt bei Jünger immer über die Physik. Und der Weg zum Glauben führt über die Vernunft. Diese Überzeugtheit von – und später: dieser Glaube an – das unsichtbar Vorhandene, das er vom unsichtbar Nicht-Vorhandenen unterscheidet, leitete ihn, am Ende aller bloßen Annäherungen, zum katholischen Glauben, zu dem Jünger am 26. September 1996 konvertiert. Er war endlich angekommen.

Und wir bleiben zurück und fragen uns: Was bleibt? Zunächst einmal bleibt, schlicht und ergreifend, die Erinnerung an einen „Großen Deutschen“, wie die Bild-Zeitung, ausnahmsweise völlig zu Recht, in 30-Punkt-Schrift ausrief: „Ein großer Deutscher liegt im Sterben“ lautete damals die Schlagzeile, die versuchte, mit 100 Jahren Aneignungsproblematik auf dem kürzest möglichen Weg Schluß zu machen. Was aber heißt das? Man zuckt beispielsweise mit keiner Faser, sieht man Jüngers Konterfei in der Galerie „Loriot – Beckenbauer – Gottschalk – Grass – Heino“ hängen. Er schließt in dieser Reihe sogar eine offensichtliche Lücke. Doch auf den zweiten Blick stutzt man doch. Jünger läßt sich zwar als Exponat des deutschen Geistes ausstellen, doch werden wir dabei nicht nur wieder Opfer einer jener täuschende Oberflächen, die uns die Diarien Jüngers so gekonnt ausbreiten? Denn denkt man sich in diese Reihe hinein, so zeigt sich, daß Jüngers Portrait aus eben jenem Rahmen fällt, in den wir ihn gerade hineingehängt haben. Denn Jünger ist, im Unterschied zu all den anderen Köpfen dieser Galerie, keine Maske des Nationalstolzes, keine Funktion des Zeitgeistes, der sich, um auf Jüngers verpöntes Heldentum anzuspielen, daran erkennen läßt, daß die Musik von Wir sind Helden aus allen Radios tönt. Der pluralistische Anspruch des Heroischen wird dabei von Hörer zu Hörer ins Unendliche multipliziert und damit aufgelöst. Der Held als Inkarnation des Einzelnen ist zwar weiter ein Pol der Sehnsucht, doch hat er nur noch in der Kollektivform Existenzberechtigung. Damit hebt sich der Held selbst auf. Und der große Einzelne erlebt umgekehrt seine Legitimation nur noch in einem grammatikalisch unmöglichen Pluralstil à la „Wir sind Papst“. Dies ist eine genaue Umkehrung des pluralis majestatis, deren Widersprüchlichkeit wir tagtäglich aushalten – wobei dieses Aushalten mehr über unsere Verfaßtheit aussagt als das bloße, nachvollziehbare Bedürfnis, auch einmal ein Held sein zu wollen.

Der Versuch eines „Wir sind Jünger“ endet also in einem autodestruktiven Selbstwiderspruch. Eine abgeschwächte Vereinnahmungsfloskel ist jedoch allenthalben zu hören: „Unser Jünger“. Es scheint nun endlich so weit zu sein, daß Jünger nicht mehr als das schlechthin Andere gesehen wird. Über Jahrzehnte hinweg war er so etwas wie ein Totem, mit dem die Phantome der deutschen Intellektuellengeschichte gebannt wurden. Jünger war nicht irgendein zu kommentierender Störfall der Literaturgeschichte wie der Bertolt Brecht der Maßnahme oder der Günter Grass der Waffen-SS – Störfälle, die argumentativ abgeschwächt werden konnten und von denen sich zeigen ließ, „daß es doch gar nicht so schlimm gewesen ist“. Bei Jünger war es eben doch immer so „schlimm“. Eine Zwiebel gab es bei Jünger nicht zu häuten, weil die Härte seines Andersseins gleichsam hautlos schien. Selbst die RAF ließ sich häuten: Wenn heute eine Marke wie „Prada Meinhoff“ in den Shopping Malls die Revolution käuflich macht und Andreas Baaders Konterfei zum T-Shirt-Motiv absinkt, dann ist daran erkennbar, in wie viele abziehbare und umdeutbare Schichten das Phänomen RAF eingewickelt war, aus wie vielen dünnen, lichtdurchlässigen, substanzlosen Einhüllungen es bestand. Und hat man mit dem Häuten erst einmal begonnen, dann ist nicht klar, wann man aufhören soll. Man häutet dann solange weiter, bis man vor lauter Tränen nichts mehr sieht und bis tatsächlich nichts mehr da ist außer einem kleinen glitschigen Rest, den man getrost in die Tonne werfen kann. Dekonstruktion als Häutung ist so immer Auflösung eines Auflösbaren. Dekonstruktion als Häutung ist immer auch Sichtbarmachung von Dünnhäutigkeit. Für unabhängige Geister war das immer das Schöne an Jüngers Werk: jene Kompaktheit und Schichtenlosigkeit, die sich jedem Versuch eines Abtragens widersetzte.

Doch jetzt steht „Unser Jünger“ endlich in jenen Taxonomie-Gewittern, die jedem Autor, der ernst genommen wird, früher oder später blühen. Die Kanonisierung Jüngers geschieht allerdings mit erheblichem Pomp and Circumstance. Sie trägt die Signatur des Überlebensgroßen. Man will sie sich nicht entgehen lassen, jene letzte große, ja majestätische Chance zur Deutung des vergangenen Jahrhunderts. Wir erwarten nun von Jüngers Werk nichts weniger als die Preisgabe von Sinn in seiner höchsten Verdichtungsstufe. Wir erwarten die Preisgabe der Weltformel. Der Zeitgeist, der sich endlich dazu bequemt, diplomatische Beziehungen zu Jünger aufzunehmen, knüpft dabei an das an, was die Renegaten, die Jünger auch im kalten Krieg lasen, immer behaupteten: daß Jünger der letzte große Seher sei. Jetzt will man es wissen und geht mit Gründlichkeit zu Werke. Es gilt, diese Vision zu konservieren und den Mythos Jünger zu finalisieren. Dabei wird das sympathisch Unsystematische seines Werks notwendigerweise systematisiert. Das Unzusammenhängende wird in einen Zusammenhang gebracht. Das Kursorische wird geordnet. Das Nicht-Erklärbare wird erklärbar gemacht. Das Abenteuerliche wird gezähmt. Das Bilderdickicht wird gerodet.

Dieser Prozeß ist weder gut noch schlecht. Er ist, ganz einfach, notwendig. Nur gibt er höchstwahrscheinlich eine ernüchternde, weil vorhesehbare Antwort auf die Frage „Was bleibt?“. Er tut dies, weil er „Was bleibt?“ als Frage stellt, die eine Antwort erfordert. Er setzt eine voluntaristische Aktion in Gang. Doch was wäre, wenn man ganz einfach das Fragezeichen wegließe und ein gelassenes „Was bleibt“ in den Raum schriebe?

Dann spräche Jüngers Werk endlich selbst und würde antworten: Was bleibt, ist „bunter Staub“.

(2008)

Dieser Text ist die Einleitung zu dem Essayband „Bunter Staub. Ernst Jünger im Gegenlicht“, der bei Matthes & Seitz Berlin lieferbar ist:

http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/bunter-staub.-ernst-juenger-im-gegenlicht.html

 

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