„Wie kann man angesichts des Todes leben?“ – Der Rivarol-Forscher Karl Eugen Gass (1912-1944) und seine unveröffentlichten Kriegs-Notizen zu Ernst Jünger[1]

 

 

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Im Jahre 1956 erschien im Vittorio-Klostermann-Verlag Ernst Jüngers Übersetzung einer Auswahl der Maximen des französischen Moralisten Antoine de Rivarol (1753-1801)[2]. Im „Anhang“ zu dieser Auswahl faßt Jünger die bisherige Literatur zu Rivarol zusammen, die Quellen wie die Forschung. Dort heißt es über den Romanisten Karl Eugen Gass[3]: „Das gleiche Jahr [i.e.1938, d.Verf.] brachte die gründlichste Würdigung unseres Autors: Antoine de Rivarol und der Ausgang der französischen Aufklärung, eine umfangreiche Dissertation, die an Kenntnis der Einzelheiten und auch an geistiger Einfühlung selbst die schöne Arbeit von LeBreton[4] übertrifft. Sie bietet den wissenschaftlichen Schlüssel für jeden, der sich mit Rivarol und seinem Werke beschäftigen will. Ihr Verfasser ist Karl Eugen Gaß. Es ist mir ein Bedürfnis, hier dieses begabten Romanisten zu gedenken – nicht nur, weil es der Rahmen einer in Deutschland über Rivarol erscheinenden Schrift gebietet, sondern auch, weil er zu der Garbe reifender Talente zählte, die der Krieg einforderte“[5]. Jünger faßt im folgenden die Biographie Gass’ zusammen, würdigt seinen Einsatz für den französischen Dichter und zitiert einen Brief von Karl Eugen Gass, in dem der junge Wissenschaftler von seinem Plan spricht, eine Rivarol-Auswahl zu übersetzen und zu veröffentlichen[6].

Karl Eugen Gass war also eine wichtige Quelle Jüngers für die Arbeit am „Rivarol“. Mehr noch: Er war sogar für deren Textfundament verantwortlich. Denn ein Exemplar der seltenen Rivarol-Referenzausgabe von 1808[7], das Jünger seiner Arbeit zugrundelegte, hatte Gass im Winter 1933/34 in einem Pariser Antiquariat in der Rue de Seine gefunden[8] – in einer Straße, die bekanntlich auch in Jüngers Leben eine Rolle spielte. Jüngers Gespür für geistige Verwandtschaften, auch für die Bedeutung von Parallelen und Analogien, mag dafür verantwortlich sein, daß er die Erinnerung an Karl Eugen Gass im Anhang zu seinem „Rivarol“ in einem Ton enden läßt, der über das nüchterne Aufzeigen einer Quellenlage weit hinausgeht[9]: „Seit langem war sein heiterer Geist verdüstert gewesen; das Schicksal unseres Volkes hatte ihn mit tiefer Schwermut erfüllt. Aber als der Befehl zum Aufbruch ihn erreichte, kehrte die Heiterkeit zurück. Wie viele unserer Besten sah er, daß die vexierende Verstrebung von Macht und Recht ein Drittes bildet: das Tor des Opfers, das stets geöffnet ist“[10]. Gass fiel in seinem ersten Gefecht am 18. September 1944 bei Eindhoven, Jüngers Sohn am 29. November desselben Jahres – und diese Parallele hat Jünger möglicherweise zu den gerade in diesem Kontext bedeutungsschweren Sätzen motiviert, in denen die Erinnerung an Karl Eugen Gass aus- und die Reminiszenz an den eigenen Sohn mitklingt. Die hier vollzogene Herleitung des Opfergedankens überblendet das Schicksal Karl Eugen Gass’ mit dem Ernstel Jüngers. Die im finalen Präsens („stets geöffnet ist“) vollzogene Aktualisierung macht den Autor und seine Leser gleichsam zu Teilhabern an diesem Opfer und hebt auf diese subtile Weise die Einsamkeit der Toten auf, holt sie aus der Ferne, der Vergangenheit, heran in die Nähe, in die Gegenwart[11]. Die sprachliche Form wird durch eine stilistische Figur zu einem Raum des Andenkens überhöht. Das Vorwärtsstreben der Prosa kommt für einen Augenblick, gleichsam in einer stehenden Seins-Vokabel („ist“), zur Ruhe. Der rhythmisch pointierte Schlußsatz modelliert in der Architektur dieser Prosa das „Tor des Opfers“ nach, durch das Gass und Ernstel Jünger hindurchgeschritten sind und durch das nun auch der Leser in einem Akt der Vergegenwärtigung durchschreitet.

Doch die entscheidende Frage ist: Sind Karl Eugen Gass und Ernstel Jünger wirklich durch dieses Tor hindurchgeschritten? Haben Sie das „Opfer“, das sich nach Jünger durch die Verquickung von Macht und Recht als Handlungs-Möglichkeit abzeichnet, gesucht und angenommen? Haben sie sich für ein Opfer entschieden[12]? Oder war ihr Tod nicht eher Zufall und Schicksal? Zunächst ist festzuhalten, daß Jüngers Formulierung den Wert des Opfers nicht eindeutig faßt, ja vielleicht bewußt unklar läßt. In seiner Formulierung bleibt in der Schwebe, ob das Opfer ein Vexierbild, eine Täuschung und Irreführung ist, wenn ja, wer unter welchen Bedingungen dieser Täuschung zum Opfer fiel („[w]ie viele unserer Besten […]“) und ob die Wechselwirkung der Pole Macht und Recht nicht ganz allgemein Vexierspiele hervorbringt. Allerdings: Schon die Verwendung des Begriffs „Opfer“ zeugt von Jüngers Versuch, den Tod als Ende des Lebens zu überhöhen, ihn voluntaristisch aufzuladen, ihm einen Sinn zu geben.

Eine eindeutigere Haltung zum Gedanken des Opfers findet sich in Karl Eugen Gass’ „Kriegstagebuch“ aus dem Jahre 1942[13]. Am 23. September heißt es: „Über das Fallen der Neunzehn- und Zwanzigjährigen. Quälend, das der Reifeprozeß des Lebens, das nur in seiner Gänze vollständig ist, abgebrochen wird. Und doch gibt es auch die Überlegung, für die alle Zukunft nichtig ist und der nur die Gegenwart gilt. Die Gegenwart, die jederzeit mit dem Tode enden kann“[14]. Gass konstatiert hier, daß es fraglos eine Haltung gibt, die ganz aus dem Augenblick heraus lebt, für die sich das Leben im Moment realisiert und im gleichen Moment auch aufgehoben werden kann. Gass quält der Aspekt dieses Sterbens, weil für ihn Sinn nur in subjektiver Lebenserhaltung, in einer sich vollendenden Lebenslinie bestehen kann. Noch deutlicher nimmt er in seinem Kriegstagebuch am 26. Oktober zu Opfer und Opferbereitschaft Stellung: „Im übrigen an diesem letzten Tag, während des Packens, mit Gedanken herumgeschlagen, die mir ein Brief von H. über die ‚Opferbereitschaft’ und die Versetzung wecken. H. fordert eine innere Loslösung, die ständig zum ‚Opfer’ bereit ist und kaum mehr nach dem Anlaß fragt, trotz oder gerade wegen der Liebesbindung an den Nächsten. Ihn nicht verstanden. Der Begriff des ‚Opfers’ gar nicht notwendig, um das Soldatsein im Krieg zu begreifen. Vielmehr das Kämpfenkönnen eine Seite des männlichen Lebens und von starken Gefühlskräften – (…) – gespeist. Man zieht in den Krieg, um ihn zu bestehen. Der Tod ein Getroffenwerden, dessen Leiden nicht wegzuphilosophieren ist. Er bricht das Herz. Die Ruhe spendet allein die Liebe zur Welt des Friedens, die dem Krieg sein Maß gibt“[15]. Kein „Tor des Opfers“ wird hier also beschworen, sondern das Soldatsein ist eine akzeptierte Notwendigkeit, der man sich mit mehr oder weniger Talent und Durchhaltevermögen stellen muß. Sterben imaginiert Gass auch nicht als räumlichen Akt eines Hinübertretens oder gar eines sinnstiftenden, zeichenhaften Hinüberschreitens, sondern als negativsten möglichen Augenblick, als konzentrierten Punkt im Zeitkontinuum, der dem Arbeiten der Organe und der seelischen Harmonie ein Ende setzt („Er bricht das Herz“). Sinnstiftend ist daher nicht der Tod, sondern nur das Leben. Alle Anstrengungen, das mit dem Tod verbundene Leiden im Opfergedanken zu verkleinern und zu rationalisieren, sind leere Machinationen des Geistes („wegphilosophieren“). Kein prächtiges Portal führt vom Leben in den Tod, sondern dieser ist und bleibt „der Blitz, der niederfährt, die Natter, die aufzüngelt“, wie es, im Duktus nicht unbeeinflußt von Jünger, im „Kriegstagebuch“ am 27. April heißt: „Das Kasernentreiben läßt einen immer wieder vergessen, daß die Front auf einen wartet und vielleicht der Tod. Wie kann man angesichts des Todes leben? Seit dem Anblick der zerbrochenen Leichen bei Vezzini wächst in mir die Überzeugung: das Entsetzliche bleibt unbegreiflich, mit ihm ist kein Umgang möglich. Es gibt kein heroisches Sterben, in dem der Tod seiner Grausamkeit beraubt würde. Also soll man sich von ihm abkehren: er bleibt der Blitz, der niederfährt, die Natter, die aufzüngelt. Horaz, Mozart, Goethe.“ Und dann leitet Gass aus dieser Einsicht eine Handlungsmaxime ab, die für seine Deutung Jüngers bestimmend wird: „Das Wissen um den Tod darf nicht dazu führen, auf ihn hinzustieren, sondern muß bewirken, einen neuen Blick für die Macht des Lebens zu erwerben. Gerade weil es das Entsetzliche birgt, ist sein Ring unzerbrechlich. Freilich vermag nicht die bloße Vitalität den Tod zu besiegen, sie vermag ihn zu negieren, aber bleibt dafür stumpf und blind. Der wissende Blick auf das Gräßliche wendet sich gläubig dem Leben im Geiste zu: seine Kräfte sind Liebe und Schönheit“[16].

Karl Eugen Gass formuliert eine Bunker-Philosophie, die es ihm ermöglicht, „angesichts des Todes zu leben“. Der Geist kann den Tod nicht bannen oder transzendieren, der Anblick des Todes schwächt den Betrachter und verunsichert ihn. Es bleibt daher nur, sich vom Tod „abzukehren“, sich den Ordnungen des Lebendigen zuzuwenden, an das Leben zu glauben, um dadurch stark zu werden. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen: als „kultische Erhöhung des Lebensalltags“[17], als Sich-Überlassen an den „schöpferischen Geist“[18], als Feier einzelner Lebensmomente[19], als fortgesetztes Lieben[20], kurz: als Apotheose der Lebensfülle und als Übertragung von Lebensenergie. Das „Tor des Opfers“ stellt hiervon das Gegenteil dar, ist Energieverlust durch Sich-Überlassen an den Tod und seine Zeichenwelt, ist Erstarrung, ist der Glaube an den falschen Gott. Gass spricht die Sprache des Lebens, Jünger  zitiert im „Anhang“ zu „Rivarol“ die Sprache des Todes.

Vor diesem Hintergrund ist nun eine genaue Lektüre der bislang unveröffentlichten Jünger-Aufzeichnungen aus dem „Büchertagebuch“ von Karl Eugen Gass aus den Monaten Juni und August 1942, die zeitgleich mit den oben zitierten Tagebuchpassagen niedergeschrieben wurden, bedeutsam. Denn Gegenstand dieser Notizen ist Jüngers Kriegstagebuch „Gärten und Straßen“, in dem Gass zurecht die Beschreibung einer existentiell analogen Situation zu seinem Leben vermutet. Der geistige, kontemplative Mensch angesichts einer den Tod  herausfordernden vita activa: Dies ist die gemeinsame Ausgangssituation für Jüngers „Gärten und Straßen“ und für Gass im Sommer 1942 vor dem Fronteinsatz. Man darf zurecht annehmen, daß eine Lektüre der Kriegstagebücher Jüngers unter diesen Umständen nicht allein unter ästhetischen Gesichtspunkten geschieht. Vielmehr rückt die Haltung in den Vordergrund. Und aus diesem Grund sind die überlieferten Jünger-Aufzeichnungen des Karl Eugen Gass so aufschlußreich. Sie geben einen zeitgenössischen Kommentar zu Jüngers Seinsverständnis ab. Dieser Kommentar wurde in einer extremen Situation, in einer Situation der Entscheidung formuliert, in der sich Gass von Jünger vielleicht sogar Antworten auf seine drängendsten Fragen erwartet hat: wie und wo das Leben in den Landschaften des Todes zu finden sei. Weder findet er diese Antworten bei Jünger, noch wird er des Lebens ansichtig – und warum, das vermitteln die Notizen. Sie beleuchten, aus einer in extremis-Perspektive geschrieben, entschieden eine Seite Jüngers. Aus der Situation ihrer Entstehung heraus benennen sie die Todesnähe als Merkmal des Jüngerschen Denkens und Schreibens, die Gass mit einer Sprache des Lebens konfrontiert.

Zunächst zeigt Gass diese Todesnähe ganz unmittelbar auf, indem er die ständige Präsenz des Todes oder die Affinität Jüngers zu Zonen des Todes in den „Gärten und Straßen“ belegt. So notiert er als Frucht seiner Lektüre: „Den Anblick des Entsetzlichen aufgesucht und von ihm eine neue Tiefe der Lebenserfahrung empfangen“[21]. Oder er kommentiert Jüngers Aufzeichnungen folgendermaßen: „Thema des körperlichen Leidens in seinen grausamen und entsetzlichen Formen ein ständiger Prüfstein: die Echtheit der geistigen Lebensführung erweist sich erst, wenn sie jeder Bedrohung dieser Art gewachsen ist. Der Märtyrertod so ständig im Blickfeld“[22]. An anderer Stelle heißt es: „Ständiges Bewußtsein des Todes“[23]. Und auch das „Foyer des Todes“[24], wie Jünger es selbst nennt, wird gedeutet: „Blick für den Raum des Verbotenen, Dunklen, Zerfallenden am Rande der geordneten hellen Tageswelt. Nähe zu Kubin, bei dem das Unheimliche zu wuchern beginnt. Solche Stellen, an denen das Gefüge der Ordnung sich gelockert hat und das Unkraut Fuß gefaßt hat, aufgesucht. Ein Schritt weiter und wir befinden uns in der Gegenwelt, wo die Dämonen und Teufel herrschen, bei Hieronymus Bosch“[25]. Und schließlich: „Beobachtungen über die Schrecken des Weges zum Tode und den Tod selbst. Die Möglichkeit des entsetzlichen Umkommens fest einkalkuliert als zu allen Zeiten gegeben. Damit ein weiteres Stück bürgerlicher Sekurität abgeworfen“[26].

Dieses „Abwerfen bürgerlicher Sekurität“ – eine Handlung, die in der Tat für Jünger charakteristisch ist, obgleich ihm die kategorisierende Formulierung mißfallen hätte – verband Gass in den Kriegsjahren durchaus mit Jünger. Sein umfangreiches „Pisaner Tagebuch“ ist ebenso von diesem Duktus des Abwerfens geprägt, wobei der Abwurf jedoch mit einer anderen Geste als bei Jünger vollzogen wird. Gass, so gibt das „Pisaner Tagebuch“ preis, sucht die Idee eines ganzheitlichen, selbstbestimmten Lebens, das sich aus dem Ästhetischen definiert, dabei aber mit der historischen Dimension der eigenen Existenz in Konflikt gerät. Das Tagebuch ist lesbar als der Versuch, die vita activa mit der vita contemplativa, die Idee einer historisch begründbaren nationalen Aufgabe mit der Verantwortung für die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts aus dem Geist der Antike zusammenzuführen[27]. Ein solches Projekt ist natürlich nur außerhalb der engen Grenzen einer wie auch immer gearteten „bürgerlichen Sekurität“ möglich, weil die Geschichte des deutschen Bürgertums für genau jene Trennung verantwortlich ist, die hier aufgehoben werden soll.

Zunächst scheint dieses Projekt von Jüngers Konzept des Anarchen gar nicht so weit entfernt zu sein. Der Anarch ist prinzipiell ein Beobachter, der sich aber die Option des Handelns immer offenhält. Doch gibt es zentrale Differenzen – Differenzen, die in der persona des handelnden, beobachtenden, aufzeichnenden Subjekts und in den Kategorien, mit denen er „Welt“ wahrnimmt, begründet liegen. Eine wichtige Unterscheidung wurde in den Notaten zur Präsenz des Todes in den „Gärten und Straßen“ deutlich. Jünger sucht aktiv den Anblick, die Nähe und die Bilder des Todes[28], er begibt sich in seine Zone, um eine subjektive Sinnstiftung zu leisten („neue Tiefe der Lebenserfahrung empfangen“, „Echtheit der geistigen Lebensführung“). Richtet sich die Sinnstiftung nach außen und wird dadurch sichtbar, so kann sie zu einem sinnhaften oder sinnstiftenden Zeichen werden. Das „Wissen um den Tod“ bedarf bei Jünger der Bestätigung durch die Tat. Das Subjekt wird in der Begegnung mit dem Tod dann zum Märtyrer, zum Opfer. Karl Eugen Gass lehnt nicht nur den Gedanken des Opfers ab, ihn fordert schon Jüngers These von der prinzipiellen Sinnstiftung durch den Tod heraus. Er wehrt sich gegen das „Hinstieren“ auf den Tod als aktive Bestätigung kontemplativ erlangten Wissens, weil es die geistigen Ordnungen zersetzt („das Entsetzliche bleibt unbegreiflich“). Der wissende Blick muß sich vom Tod abwenden, um das Leben zu retten.

Irritation entsteht bei Gass also dadurch, daß für Jünger der Tod ein „Prüfstein“ für die „Echtheit der geistigen Lebensführung“ ist, während seine Konzeption eines „Lebens im Geiste“ zwar das Wissen um den Tod und auch die zufällige Begegnung mit ihm voraussetzt, sich aber wesentlich am Leben definiert. Diese Differenz zwischen einer den Tod immer wieder aufsuchenden, ja in der Begegnung mit dem Tod kulminierenden Subjektivität, in der Gass natürlich den Reflex Nietzsches[29] wahrnimmt, und einer Ich-Konzeption, die sich nicht am Tod bestätigt, sondern fundamental auf den anderen und damit auf „Welt“ ausgerichtet ist, suchen die Notizen zu „Gärten und Straßen“ zu erfassen. Die aphoristische Kürze der Notate läßt viele Fragen offen. Oftmals deuten die Überlegungen Zusammenhänge eher an als diese auszuführen. Dennoch gelingt Gass in Grundzügen die schwierige Ableitung und Fundierung der Jünger’schen Ich-Begründung aus den Grundzügen seiner Ästhetik.

Die Notizen zu „Gärten und Straßen“ leitet Gass mit einem Notat ein, das zeigt, wie genau man diese aphoristisch verkürzte, an Rivarol geschulte Sprache lesen muß, um diese Ableitung nachzuvollziehen: „Idee der Fülle des Lebens. Gern veranschaulicht an maritimen Dingen, Fischen, Muscheln und ihrem Glanz, der aus der Tiefe des Meeres aufsteigt“[30]. Gass spricht Jünger also eine prinzipielle Ausrichtung am Leben zu, für die das Meer als Gleichnis steht. Jünger geht es jedoch nach Gass weniger um die Einheit des Lebens, sondern um eine Nomenklatur, die „dem Reigen der Erscheinungen Namen gibt.[31]“ Jünger erlebt die Welt „nach Herrschafts- u. Einflußsphären“[32], er „[s]etzt gegenüber der Unübersichtlichkeit des Wirklichen den abgrenzenden klassifizierenden Blick des Betrachtenden durch“[33]. Dieser „klassifizierende Blick“ evoziert nicht die Anschauungs-Fülle des Lebens, sondern, wie es bei Gass heißt, ihre „Idee“. Das Einzelne und seine Evokationskraft stehen fürs Ganze, das nicht in seiner Gestalt, sondern in seinen signifikanten Elementen und in seiner Ordnung verfolgt wird. Gass liest den Jüngerschen Text mithin nicht als das Ergebnis eines lebendigen Sehens. Er gilt ihm vielmehr als ein Ordnungsvorgang, der das Gesehene und Erlebte in aussagekräftigen Teilen, die das Ganze des Beschriebenen enthalten und wieder freisetzen, erfaßt.

„Welt“ wird also in Sprache, in Symbole übersetzt. Denn nichts anderes als Symbole sind jene bedeutsamen Teile, die Totalität ordnen und benennen. Symbole aber sind Setzungen eines Subjekts, sind Manufakte des Künstlers: „Tagelang nur scharf gesehene Betrachtungen, die sich aber nicht häufen, als verlöre sich der Betrachter an sie, sondern sorgsam ausgewählt sind: obwohl der Aufzeichnende nicht reflektierend hinzutritt, sind sie alle Träger symbolischer Inhalte. In ihrer Aneinanderreihung, jede einzelne scharf im Umriß, plastisch hervorgehoben, erwecken sie den Eindruck einer Freskenwand, an der J. entlanggleitet, Tag u. Tag des Vormarsches“[34]. Die Reihung von Symbolen oder symbolhaften Einheiten, die zum Text führt, beschreibt Gass als „Kartenbild“, das heißt als maßstabs- und sinngetreues Abbild einer erlebten Wirklichkeit: „Längere Darstellungen stellen Bestandsaufnahmen dar: sie enstehen nicht aus einer einmaligen Eingebung, in der ihre Gestalt als Ganzes aufginge, sondern aufgrund einer Materialsammlung: die Erfahrungen eines Lebenssektors werden zusammengestellt und ergeben so eine Art Kartenbild, in das Signaturen eingetragen worden sind“. Die „Signatur“, die in das Kartenbild eingetragen wird, hat eine doppelte Bedeutung: Zum einen ist sie das konkrete kartographische Zeichen, zum anderen ist sie der Name oder das Zeichen des Künstlers auf seinem Werk. Im Bild der Karte faßt Gass also den ontologischen Charakter des Jünger’schen Werks zusammen, das als symbolträchtiges Abbild Welt enthält und widerspiegelt. Jüngers Text wird von Gass als Einheit zweiter Ordnung gedeutet – die Einheit erster Ordnung ist das „Einende“, „ist (…) die namenlose Tiefe, der Ozean des Seins, aus dem alle diese Schätze aufsteigen“[35].

Das Leben, die Welt wandern, so Gass, bei Jünger gleichsam durch die Sprache hindurch und konkretisieren sich in Ordnungen des Ich. Auch Sprache bewegt sich damit in den „Verstrebungen von Macht und Recht“, von denen Jünger spricht. Das Setzen von Symbolen des Erlebten wird von Gass damit als ein Akt der Stärke gegenüber der Welt, als ein Akt der Okkupation von Leben durch das ästhetische Subjekt gewertet. Und in der Tat beschreibt Jünger in den „Gärten und Straßen“ den Zusammenhang von der Selbstaufgabe des Ich und dem damit einhergehenden Verlust von Sprache: „Laon, 12. Juni 1940. (…). Nachträglich fiel mir auf, daß die Anwesenheit der siebenhundert Franzosen mich nicht im mindesten geniert hatte, obwohl nur ein einziger Posten, mehr symbolisch, neben mir stand. Um wieviel fürchterlicher war da doch der eine, der im Priesterwalde, 1917 im Morennebel, die Handgranate nach mir warf. Das war mir lehrreich und bestärkte mich in dem Entschluß, mich niemals zu ergeben, dem ich bereits im Weltkrieg treu geblieben bin. In jeder Waffenstreckung liegt auch ein unverbesserlicher Akt, von dem die Urkraft des Kämpfers betroffen wird. So bin ich überzeugt, daß auch die Sprache in Mitleidenschaft gerät. Man kann das besonders gut im Bürgerkriege sehen, in dem die Prosa der geschlagenen Fraktionen sogleich die Kraft verliert. Ich halte es da mit dem „Man lasse sich töten!“ Napoleons. (…)“[36].

Karl Eugen Gass, der im Sommer 1942 in Jüngers „Gärten und Straßen“ die Apotheose des Lebens sucht, findet, so zeigen seine Aufzeichnungen, nicht das, wonach er Ausschau hielt. Jüngers Sprache ist ihm ein „Tor“, in dem das Lebendige der Konstituierung von Subjektivität und Kunst „geopfert“ wird. So wie Gass den realen Gedanken des Opfers ablehnt, weil er seinen sinnstiftenden Akt nicht erkennen kann, so distanziert er sich von der symbolischen Opferung der Gestalt der Welt in der Sprache des Einzelnen. Diese Distanzierung, die bei aller Faszination für Jünger im „Büchertagebuch“ deutlich wird, ist aus der Lebenssituation des Karl Eugen Gass nachvollziehbar: Ihm erscheint diese Sprache in letzter Konsequenz als eine Sprache des Todes, weil sie eine scharfe Trennungslinie zieht zwischen ihrem Subjekt und der Welt und solchermaßen den Dialog mit dem Lebendigen aufhebt. Gass hingegen geht es wesentlich um die Überwindung dieser Distanz und um die Intensivierung dieses Dialogs. Dies soll ihm helfen, im „Foyer des Todes“ zu überleben. Allerdings: Jünger ist diesem Foyer entkommen, Karl Eugen Gass nicht. Jüngers Sprache des Todes hat zum Leben geführt, Gass’ Sprache des Lebens zum Tod.

Auszüge aus Karl Eugen Gass, Notizen aus dem Büchertagebuch im Kriege, Bergen op Zoom – Rotterdam, Juli – August 1942, Ernst Jünger, „Gärten und Straßen“, Typoskript[37]

Idee der Fülle des Lebens. Gern veranschaulicht an maritimen Dingen, Fischen, Muscheln und ihrem Glanz, der aus der Tiefe des Meeres aufsteigt.

Kraft des Namengebens. Interesse an Nomenklaturen, der Individualität der Insektennamen z.B.

Zu S.126: Bemerkung über die Reformation. Das Gleichnis ist geistreich, aber dem komplexen Gebilde gegenüber, an dem wir alle teilhaben, doch nur ganz obenaufliegend. Sprachlich glänzende Formulierung eines vereinzelten Gedankens.

Zugang zu den gesteigerten Handwerken: vor allem Alchimisten und ihrer Art Spekulation und Redeweise. (Sich Aneignen von Idiomen, um den Wortschatz zu erweitern.) vgl. auch S.203

Urformen des Menschlichen aufgesucht.

Entgegensetzen des Ursprünglichen und des Geistgeformten

Sich das Gefühl für die Vernichtung bewahrt. Und zwar echtes Grauen. (vgl. S.137 über die eigene Entwicklung.)

Erlebnis der Welt nach Zonen, Sphären / Herrschafts- u. Einflußsphären.

Die germanischen Ahnen lebendig: beim Anblick der Niedersachsenhöfe oder S.135 über das Trinken.

Tagelang nur scharf gesehene Betrachtungen, die sich aber nicht häufen, als verlöre sich der Betrachtende an sie, sondern sorgsam asugewählt sind: obwohl der Aufzeichnende nicht reflektierend hinzutritt, sind sie alle Träger symbolischer Inhalte. In ihrer Aneinanderreihung, jede Einzelne scharf im Umriß, plastisch hervorgehoben, erwecken sie den Eindruck einer Freskenwand, an der J. entlanggleitet, Tag u. Tag des Vormarsches.

Beobachtungen über die Schrecken des Weges zum Tode und den Tod selbst. Die Möglichkeit des entsetzlichen Umkommens fest einkalkuliert als zu allen Zeiten gegeben. Damit ein weiteres Stücke bürgerlicher Sekurität abgeworfen.

Entdeckung der Tradition, und zwar der mittelalterlichen, im Dom von Laon (S.152). Damit die Scheu vor dem „Musealen“ in ein Positivum gewandelt. Bisher J.’s natürliche Welt die griechisch-antike, und zwar nicht die religiös-geschichtliche, sondern die mittelmeerisch-natürliche (vgl.S.24).

Nach der Lektüre einiger Seiten kann es geschehen, daß man irgendwie unbefriedigt ins Stocken kommt und feststellt, daß es an der Sprache liegt, die selbst in diesem Tagebuch derart überwacht ist, daß keine unmittelbaren affektgeborenen Töne Eingang finden. Sie entbehrt aller Naivität. In dieser seelischen Kargheit an Nietzsche erinnernd, obwohl dessen Stil viel melodiöser und leichtflüssiger. Bei aller Treffsicherheit und Kraft des einzelnen Wortes hat das Ganze nie Fülle.

Zur geschichtlichen Perspektive: Ausgangspunkt bei J. ein höchst intensives Erleben und Durchdenken der Gegenwart, wie sie sich im Weltkrieg und seinen Folgen darbot. Von hieraus zurückgegangen: das 19. Jh. denkerisch angepackt, aber noch nicht durchdrungen. Verhältnis zu den Franzosen des 18. Jh. Nietzsche – Spengler – Jünger

Den Anblick des Ensetzlichen aufgesucht und von ihm eine neue Tiefe der Lebenserfahrung empfangen.

Die Welt als Buch, das es zu lesen gilt

Märchenmotive lebendig

Häufig ein heiteres, gewinnendes Darüberstehen, das sich in eine männliche Selbstironie kleidet, der jede Schärfe fehlt.

Lust am Reisen. Andeutungen über Erlebnisse „in allen möglichen Ländern der Welt“. Dieser Ton des Weltbefahrenen eigentlich dem so sehr Konzentrierten schlecht anstehend.

Die Tatsache, daß soviel Manuskripte und Sammlungen in den Schränken liegen und nur so weniges Gestalt gewinnt, auch aus dem Tagebuch, nicht zu erklären. Bei aller geistigen Rastlosigkeit J. vielleicht doch ein Erzträumer und Tagedieb.

Ständiges Bewußtsein des Todes

Das Wort als Hauptaufgabe: „die Wirkung, die ich mit dem Worte erzielen muß“. Höher gestellt als „Alchemie, den unsichtbaren Einfluß auf Kräfte und Dinge durch Zaubersprüche, durch Zauberbann“, die ihm noch vor Jahresfrist als höchstes galt. S.203

Dem Schamverletzenden der Selbstdarbietung selbst J. nicht ganz entgangen: z.B. die Mitteilung, er schlafe bei offenen Türen,-wie Lafcadio bei Gide-, irgendwie zur Schau gestellt und eitel.

Lust und Schmerz des Lebens

Starkes Vorherrschen der kleinen Beobachtungen, die deutlich bemerkt für alle umfänglichen eintreten können, und noch dazu den Reiz des Einmaligen, Unverwechselbaren besitzen.

Das Verhältnis zu allem Körperlichen sehr stark distanziert. Hang zu freiwilliger Askese. Körper ein gefügiges Werkzeug,-wenn auch nicht in so masochistischer Übertreibung wie bei Lawrence.

Thema des körperlichen Leidens in seinen grausamen und entsetzlichen Formen ein ständiger Prüfstein: die Echtheit der geistigen Lebensführung erweist sich erst, wenn sie jeder Bedrohung dieser Art gewachsen ist. Der Märtyrertod so ständig im Blickfeld.

Blick für den Raum des Verbotenen, Dunklen, Zerfallenden am Rande der geordneten hellen Tageswelt. Nähe zu Kubin, bei dem das Unheimliche zu wuchern beginnt. Solche Stellen, an denen das Gefüge der Ordnung sich gelockert hat und das Unkraut Fuß gefaßt hat, aufgesucht. Ein Schritt weiter und wir befinden uns in der Gegenwelt, wo die Dämonen und Teufel herrschen, bei Hieronymus Bosch

Gibt es bei J. einen Hang zum Feinverästelten, Zierlichen und Ausgeklügelten? Verhältnis zum Rokoko S.19.

J. ein lebhafter, wendiger, subtiler Kopf, der Geistern von Tiefe und großer Mächtigkeit unterlegen sein würde, selbst wenn er sie übersehen sollte.

In J. das Gefühl der eigenen dämonischen Lebendigkeit und adligen Rasse so stark, daß er sich in die Maske des Subtilen kleidet.

Bedürfnis nach Träumerwinkeln

Die starke Gegenwärtigkeit Nietzsches selbst in diesem Stadium der J.’schen Entwicklung schwer begreiflich.

Zur Methode: das Festhaften einer geistigen Erfahrung durch eine sinnliche Korrespondenz: z.B. S.33. Gespräch mit dem Bruder, bei dem eine Turteltaube auffliegt. Vgl. S.114

Züge des Hauswesens erinnern unvermutet an den Lebensstil unserer „Stillen im Lande“, der „Lebensreformer“ aller Arten, und ihrem sinnig-herzlichen Treiben.

Häufig wiederkehrende Erfahrung: Einblick in einen Zustand, der anatomisch erlebt wird: eine deutlich gespürte Kraft bewegt gleichmäßig alle Teile. Die plötzlich eintretende Veränderung, z.B. eine Katastrophe, als Folge eines Spannungsausgleichs durch Kontakt angesehen. Kommt aus den Traumbeobachtungen.

Bei J. tritt mit zunehmendem Alter ein geschmäcklerischer Zug hervor: er bedarf des Extremen, des Exzentrischen, um des Reizes willen. Läßt sich aber nie hinreißen, weil seinem klaren Kopf die lichte Ordnung des ständig Wachen und Notierenden über alles geht.

Stärke des J.’schen Geistes und Treffsicherheit seiner Vergleiche beruht vor allem in dem sicheren Besitz eines Wissens um verschiedene Gesetzmäßigkeiten.

Zur Methode: eine Einsicht gewinnen und nun Phänomene zusammengestellt, die der gleichen Gesetzmäßigkeit unterliegen. Darauf zu achten, daß die Analogien wirklich einleuchten. z.B. S. 48: zunehmende Monotonie alles Technischen.

Das knappe Gleichnis bei J. einen Anhauch des Prophetischen.

Zur Methode: Fachworte der Naturwissenschaften, etwa der Botanik, auf geschichtliche oder sittliche Zusammenhänge angewandt. Z.B. S.55 „Bestand“ auf eine Kulturlandschaft wie der Harz. Setzt gegenüber der Unübersichtlichkeit des Wirklichen den abgrenzenden klassifizierenden Blick des Betrachtenden durch.

Beobachtungen über die Auswirkung der gesteigerten oder herabgeminderten Lebensenergie. Glauben an einen erreichbaren Zustand der Unverletzlichkeit.

Immer wieder voll Sehnsucht nach dem Elementarischen Ausschau gehalten.

Plötzlich und sehr überraschend ein Ton tiefster Melancholie: die Welt als Galeere.

Kein Verhältnis zum Osten

J. in einem labilen Verhältnis zu Glauben und Kirche. Bei solcher Empfänglichkeit notwendig, daß ihn zu gewissen Zeiten die religiösen Erfahrungen und Gedankengänge in ihren Kreis zogen. Aber er hat auch ein unmittelbares Bedürfnis: S.73

J.’s Humor der eines Menschen, der unter hohem Druck steht. Er wagt sich nur selten und beiläufig hervor, als werde einen Augenblick das Visier gelüftet, und setzt das Einverständnis eines Kreises erprobter Genossen voraus.

Längere Darstellungen stellen Bestandsaufnahmen dar: sie entstehen nicht aus einer einmaligen Eingebung, in der ihre Gestalt als Ganzes aufginge, sondern aufgrund einer Materialsammlung: die Erfahrungen eines Lebenssektors werden zusammengestellt und ergeben so eine Art Kartenbild, in das Signaturen eingetragen worden sind.

Die Meditationen J.’s über den Schmerz ein wichtiges Stück seiner Kritik der bürgerlichen Welt. Denn ein Hauptziel aller westlichen Zivilisationen ist die Ausschaltung des Schmerzes.

Über die Spielregeln des Beobachtens und des Gewahrwerdens. Gedanken eines Sammlers und Jägers von Lebewesen. Das Wichtigste ist die gerichtete Aufmerksamkeit, die überhaupt erst etwas auffallen und bemerken läßt. Eine ununterschiedene und gleichgültige Realität gliedert und stuft sich plötzlich in Beobachtungsfeldern, wird reich und bunt, und vor allem ist nicht abzusehen, was sie noch verborgen hält.

„Die Flaschen spritzen in Scherben in die Tiefe, und die Kanister sinken langsam und zögernd ab“. Ein typischer Satz J.’s, der bei aller Kargheit im Syntaktischen durch eine höchst überlegte Auswahl der Vokale eine verblüffende Plastik gewinnt.

Verwalter der verschiedensten Zauberreiche, die nur in der Phantasie bestehen,-im Geiste Ariosts.

„Lebenstraum“ als Bezeichnung für das Ganzheitsgefühl, das J.’s Anschauung zu Grunde liegt. Der Tod wäre also ein Erwachen.

Bei J. der Anschauungsfülle gegenüber kein genetisches Gesetz gesucht, das wie bei Goethe die Einheit aus der göttlichen Anlage herleitete, sondern nur eine nomenklatorische Ordnung, die dem Reigen der Erscheinungen Namen gibt. Das Einende ist nur die namenlose Tiefe, der Ozean des Seins, aus dem alle diese Schätze aufsteigen. Vielgötterei.

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[1] Die unveröffentlichten Zitate dieses Textes basieren auf einer maschinenschriftlichen Transkription eines Textes von Karl Eugen Gass („Notizen aus dem Büchertagebuch im Kriege“, Bergen op Zoom-Rotterdam, Juli-August 1942, im folgenden zitiert als „Büchertagebuch“-Typoskript). Diese Transkriptionen wurden von Karl Eugens Ehefrau Ilse Gass (1914-2004) in den fünfziger und sechziger Jahren angefertigt. Für die Erlaubnis zum Abdruck dieser Notizen sei Karl Eugen Gass’ Tochter Bettina Finckh ganz herzlich gedankt. Paul Egon Hübinger hat in seiner Ausgabe des „Pisaner Tagebuchs“ bereits fünf Jünger-Notizen aus diesem Manuskript veröffentlicht (Karl Eugen Gass, Pisaner Tagebuch. Aufzeichnungen/Briefe. Aus dem Nachlaß eines Frühvollendeten. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Paul Egon Hübinger, Heidelberg, zweite Auflage 1962, S.205-207, im folgenden zitiert als „Pisaner Tagebuch“). Bei der Zitation aus den Typoskripten wurden alle offensichtlichen orthographischen Fehler stillschweigend berichtigt.

[2] Ernst Jünger, Rivarol, Frankfurt a.M. 1956

[3] Geboren 1912 in Kassel, Studium der  Romanistik, Germanistik und Philosophie in Heidelberg, München, Bonn und Paris, 1935 Promotion bei Ernst Robert Curtius über Rivarol; ab 1937 an der Scuola Normale Superiore in Pisa, ab 1938 Assistent an der Bibliotheca Hertziana in Rom, ab 1942 Soldat, gefallen am 18.9.1944 bei Eindhoven.

[4] A. LeBreton, Rivarol, sa vie, ses idées, son talent d’après des documents nouveaux. Thèse, Paris 1895.

[5] Zitiert nach: Ernst Jünger, Sämtliche Werke, Stuttgart 1978ff., Bd. 14, S.316 (im folgenden zitiert als SW).

[6] Diese „Rivarol-Auswahl“ von Karl Eugen Gass entstand in den Jahren seines römischen Aufenthalts zwischen Herbst 1938 und Frühjahr 1942. Sie war verschollen, tauchte im Winter 1966/67 wieder auf und wurde von seiner Witwe Ilse Gass transkribiert. Das Original schenkte Frau Gass Ernst Jünger zu seinem 72.Geburtstag. Diese „Rivarol“-Auswahl, die vor derjenigen Ernst Jüngers entstand, umfaßt 30 Typoskript-Seiten. Es existiert ein Faksimile des Manuskripts. Ein Vergleich mit der Auswahl und dem Übersetzungsstil Jüngers wäre lohnend.

[7] Oeuvres complètes de Rivarol, précédées d’une notice sur sa vie; ornées du portrait de l’auteur. Seconde édition, fünf Bände, Paris (chez Léopold Collin), 1808.

[8] Sie wurde Jünger von der Familie Gass zur Verfügung gestellt. So heißt es in einem unveröffentlichten Brief Jüngers an den Bruder Karl Eugens, Hans Gass, vom 10.1.1955: „Sehr geehrter Herr Gass, Soeben las ich die Briefwechsel mit Ihnen und Ihrem gefallenen Bruder durch. Ich schreibe an die Adresse Ihres letzten Briefes und hoffe, daß diese Karte Ihnen nachgesandt werden wird, falls Sie inzwischen verzogen sind. Der Grund meines Schreibens ist, daß ich inzwischen die Rivarol-Übersetzung beendete. Sie wissen wohl, daß das ein Wunsch Ihres Bruders war, an dem er leider durch seinen Tod verhindert worden ist. Ich werde seiner gedenken, wenn es zur Publikation kommen sollte, was ziemlich sicher ist. Ich sollte vorher die Ausgabe von 1808 einsehen. Wie ich im Briefe Ihres Bruders vom 13.Mai 1939 aus Rom erwähnt finde, gelang ihm in Paris der Erwerb dieser Ausgabe. Falls sie noch vorhanden, wäre ich Ihnen verbunden für leihweise Überlassung auf einige Zeit. Hoffentlich erlitt Sie nicht das Schicksal meiner Bücher, von denen Sie schrieben, daß sie im Keller durch Nässe verdorben sind. Mit herzlichem Gruß Ihr [handschriftlich] Ernst Jünger“. Original maschinenschriftliche Karte im Besitz des Autors. Bereits am 18.10.1947 schrieb Ernst Jünger per „Correspondance des prisonniers de guerre“ an Hans Gass im Kriegsgefangenenlager La Roche sur Yon (Vendée) folgende Zeilen: „Sehr geehrter Herr Gass, Die Nachricht vom Todes Ihres Bruders hat mich betrübt. Ich schätze seine Arbeit über Rivarol sehr, habe sie auch in jenen Tagen, in denen ich mich mit der Übersetzung zerstreute, oft benutzt. Auch erinnere ich mich noch an die Korrespondenz, die ich mit ihm darüber hatte – ich glaube, er schrieb damals aus Rom. An solchen Nachrichten wird der Verlust an wertvollstem Leben deutlich, der uns betraf. (…)“, maschinenschriftlicher Lettre-Réponse / Rückantwortbrief im Besitz des Autors. Für die Genehmigung zur Veröffentlichung der beiden Briefe sei Frau Liselotte Jünger ganz herzlich gedankt.

[9] Bei Ernst Robert Curtius heißt es im Dante-Kapitel seines Buches „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“ (Bern und München, zehnte Auflage 1984, Anmerkung 2, S.354) mit Bezug auf Rivarols Dante-Übersetzung dagegen ganz nüchtern: „Ich verweise auf die Darstellung meines Schülers Karl Eugen Gass, Antoine de Rivarol und der Ausgang der französischen Aufklärung, Diss.Bonn 1938.

[10] Zitiert nach SW, Bd.14, S.317.

[11] Vgl. „Siebzig verweht 1“: „Wilflingen, 29.November 1965: (…) Warum gehen die Söhne so unerreichbar fort, viel weiter als die Eltern, von denen wir oft träumen, und öfter, als wir wissen; sie sind immer dabei“, zitiert nach SW, Bd. 4, S.226.

[12] Vgl. zum sogenannten „Dezisionismus“ bei Jünger Christian Graf von Krockow, Die Entscheidung. Eine Untersuchung über Ernst Jünger, Carl Schmitt, Martin Heidegger, Frankfurt a.M. 1990

[13] Karl Augen Gass wurde im Frühjahr 1942 einberufen. Seine Ausbildung findet in Gnesen statt. Im Juni desselben Jahres wird er als Teil eines A.V.T. (Artillerie-Vermessungs-Trupp) nach Holland kommandiert, im Oktober zur Infanterie versetzt.

[14] Zitiert nach: „Pisaner Tagebuch“, S.259.

[15] Zitiert nach: „Pisaner Tagebuch“, S.264.

[16] Zitiert nach: „Pisaner Tagebuch“, S.242.

[17] Zitiert nach: „Pisaner Tagebuch“, S.263.

[18] Zitiert nach: „Pisaner Tagebuch“, S.247.

[19] „23.September: Ich liebe die Stunde Stehen am Geschütz, während die andern in der kleinen Hütte um das grelle Licht der Karbidlampe sitzen“, zitiert nach: „Pisaner Tagebuch“, S.259.

[20] „(…): (…) lieben und immer neu lieben. Aller Lebensreichtum entspricht der Liebeskraft“, zitiert nach: „Pisaner Tagebuch“, S.263.

[21] „Büchertagebuch“-Typoskript, S.3. Vgl. hierzu zum Beispiel Jüngers Eintragungen in den „Gärten und Straßen“ „Auwaldhütte, 29.März 1940“, „Boulzicourt, 27.Mai 1940“ und „Laon, 14.Juni 1940“.

[22] „Büchertagebuch“-Typoskript, S.4. Beispielsweise „Romilly-sur-Seine, 20.Juni 1940: „Gesicht und Hände dieser Toten waren bereits gedunsen und geschwärzt und dann vom Straßenstaub mit feinem Mehl bestreut. Der Anblick war sehr düster, wie aus den nächtlichen Gedanken eines Geistes von ungemeiner Kraft“, Zitiert nach: SW, Bd.2, S.183.

[23] „Büchertagebuch“-Typoskript, S.3.

[24] „Boulzicourt, 27.Mai 1940“, zitiert nach SW, Bd.2, S. 147.

[25] „Büchertagebuch“-Typoskript, S.4.

[26] „Büchertagebuch“-Typoskript, S.2.

[27] Siehe hierzu vom Verfasser: „Das Geheimnis der Wirklichkeit. Zwischen Ernst Robert Curtius und Ernst Jünger: Karl Eugen Gass, das „Pisaner Tagebuch und die alte Frage nach dem richtigen Leben“, in: Junge Freiheit. Wochenzeitung für Politik und Kultur, Nr.4/04, 16. Januar 2004.

[28] Zwei von vielen möglichen Textstellen: Jüngers Übersetzung von Paul Léautauds „In memoriam“ beginnt bezeichnender Weise mit dem Satz „Wieder einmal habe ich den Tod von nahem gesehen“ (zitiert nach Ernst Jünger, Paul Léautaud, In memoriam, Zürich, Stuttgart 1980); und in den „Letzten Gesprächen mit Ernst Jünger 1996/97“, die Björn Cederberg geführt hat, führt Jünger aus: „Ich schreibe jetzt ein Buch über den Tod, ein sehr gutes Thema. Ein Gefühl, daß alles klarer wird in der Nähe des Todes. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Im ersten Weltkrieg stand ich einmal vor meiner Kompanie. Da gab es Vertiefungen gegen die Panzer. Ich stand da oben, und wir wurden dicht beschossen. Die Granaten schlugen überall ein. Die ganze Zeit sah ich, wie die Stahlhelme sich senkten und wieder hoben. Es war Vollmond und eine fast feierliche Stimmung. Die Bedeutung des Todes wurde rein optisch dargestellt“ (Sinn und Form, 5/2004, S.659).

[29] „Die starke Gegenwärtigkeit Nietzsches selbst in diesem Stadium der J.’schen Entwicklung schwer begreiflich“, „Büchertagebuch“-Typoskript, S.5.

[30] „Büchertagebuch“-Typoskript, S.1.

[31] „Büchertagebuch“-Typoskript, S.11.

[32] „Büchertagebuch“-Typoskript, S.1.

[33] „Büchertagebuch“-Typoskript, S.7.

[34] „Büchertagebuch“-Typoskript, S.1-2.

[35] „Büchertagebuch“-Typoskript, S.11.

[36]  SW, Bd. 2, S.167.

[37] Typoskript im Besitz des Verfassers. Die Notizen entsprechen der Reihenfolge des Typoskripts, es sind jedoch nicht alle Notizen wiedergegeben. Ausgelassene Notizen werden nicht angezeigt. Alle Fehler wurden stillschweigend berichtigt.

(2005)

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