Ernst Jünger und die Waldgängerin

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Wer viel mit Büchern zu tun hat, merkt schnell, wenn er etwas Besonderes zwischen die Finger bekommt. Das beginnt schon beim Gewicht. Selbst dicke Schmöker werden mittlerweile aus solch dünnem Material hergestellt, daß sie federleicht in der Hand liegen, bereit, vom nächsten Marketinghauch davon getragen zu werden. Bücher des Berliner Landt-Verlages verorten sich schon durch ihre physische Substanz. Sie werfen den Anker beim Leser, senken sich mit ihrem Gewicht in die Handwölbung hinein, schmiegen sich an und bitten zur Lektüre. Diese Bücher sind auch in jeder anderen Hinsicht – Satz, Ausstattung, Verarbeitung – ein Maßstab für Qualität. Kurz: Landt macht mit die schönsten Bücher im Land.

Bemerkenswert ist dabei vor allem auch, daß das 2005 gegründete Unternehmen Landt, das in langsamer Beharrlichkeit mittlerweile knapp 10 Titel vorgelegt hat, nicht in bibliophilem Solipsismus steckenbleibt, wie es bei so vielen gut gemeinten Druckerpressen und Edeleditionen der Fall ist. Deren Erzeugnisse nimmt man zwar auch gerne in die Hand, aber das Lesen ist dann nicht mehr so wichtig. Der Verleger Andreas Krause Landt versteht sich nicht als Erneuerer der Buchkunst, sondern als ein Mann der anspruchsvollen Inhalte. „Anspruch“ meint dabei zweierlei: zum einen die Festsetzung eines nicht unterschreitbaren Diskurs-Niveaus jenseits von postmodernem Wortgeplänkel und theorieverfallener Diskursitis, zum anderen das „An-Sprechen“ von verschütteten, aber unterirdisch wirksamen Themen, das Verfolgen von verborgenen Kontinuitäten, die unsere Gegenwart mit der Geschichte verklammern, das Anschneiden von Denkadern.

Margret Boveri ist auch so eine Denkader. Die Boveri war eine hochintellektuelle, einzelgängerische, widerständige Frau, ein Geistes-Vamp par excellence, eine Waldgängerin, wenn man so will. Sie begann ihre journalistische Karriere im außenpolitischen Ressort des Berliner Tageblatts und arbeitet von 1939 bis 1943 als Auslandskorrespondentin für die Frankfurter Zeitung in Stockholm und New York. Noch während des Krieges kehrt sie nach Europa zurück und schreibt später als freie Journalistin vor allem für die FAZ und den Merkur. Ihre Bücher aus den 50er- und 60er-Jahren kennen viele jüngere Leser aus der elterlichen Bibliothek: die Amerika-Fibel für erwachsene Deutsche (1946, im Landt Verlag 2006 wieder aufgelegt) oder den vierbändigen Verrat im zwanzigsten Jahrhundert (1956-1960). Boveris Weg zu Jünger war ein indirekter. Sie wuchs in einem liberalen Elternhaus auf. In einer konservativen Wende entdeckte sie dann ihr „Deutschsein“ (Carl Zuckmayer). Die Bücher Jüngers wurden interessant: Im US-amerikanischen Internierungslager auf Ellis Island, wo Boveri als Angehörige einer Feindnation festgehalten wurde, las sie Auf den Marmorklippen, dann in Portugal den Arbeiter, den sie als „eine ungeheuerliche, in Erfüllung gegangene Prophetie“ deutete.

Jünger wurde für sie zu einem „Prophet der Gebliebenen“, zu einer Leuchtfigur der Inneren Emigration. Auch sah sie in ihm einen Bündnisgenossen gegen die heraufziehende Massengesellschaft, die sie in Amerika beobachten konnte und die sie als Bedrohung der kulturellen Ausdifferenziertheit der abendländischen Tradition einstufte. Jünger wurde zu einem Fixpunkt ihres Denkens, weil es ihm gelungen war, dem Nazismus zu trotzen und dennoch einen patriotischen Posten zu besetzen. Daher war es nur natürlich, daß Margret Bovei nach dem Krieg, am 19. Juli 1946, mit Jünger brieflichen Kontakt aufnahm: „Sehr verehrter Herr Jünger! Seit vier Jahren, seitdem ich zum ersten Mal ein Buch von Ihnen las, habe ich in Gedanken viele Briefe an Sie geschrieben, Briefe der Auseinandersetzung und Fragen, aber vor allem der Bewunderung und des Danks“.

Jetzt ist im Landt Verlag der gesamte Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Margret Boveri erschienen. Es sind 78 Briefe, davon allerdings nur 25 von Jünger verfaßte, von denen wiederum ein guter Teil Geburtstagsgrüße und knappe Mitteilungen darstellen. Nun kann man sich fragen, ob es die Menschheit wirklich weiter bringt, wenn jeder Briefwechsel Jüngers zur Veröffentlichung gelangt – zudem dies meist mit einem byzantinischen Kommentierungsaufwand geschieht, der die Briefwechsel zu regelrechten Backsteinen von Büchern auftreibt. Doch dieser Briefwechsel ist eine Premiere. Es ist der erste veröffentlichte Briefwechsel Jüngers mit einer Frau – und dieses Thema verdient Beachtung.

Jünger und die klugen Frauen – das ist mehr als ein weites Feld. Jünger fühlte sich fraglos angezogen von intellektuellen Frauen, tat sich aber zugleich auch schwer mit ihnen. Ein Beispiel ist die Pariser Freundin Banine, ein noch ausgeprägteres Exempel ist der intellektuelle Vamp Boveri. Jünger hielt sich nicht zurück, wenn er das Auftauchen dieses Typs ansprach: „Immer häufiger begegnet man jetzt unheimlich klugen Frauen – das ist auch ein Zeichen für die rapide Veränderung, in der wir begriffen sind – ob aber ein günstiges?“ (7. März 1954 an Boveri). Jünger schreibt „unheimlich“ – und meint das ganz und gar nicht im Sinne von „außerordentlich“. „Unheimlich“ bezeichnet hier den Gegenpol zum Vertrauten, Gewohnten. Diese Unheimlichkeit mußte Jünger am eigenen Leib erfahren, als Margret Boveri ihn Anfang 1950 in Ravensburg besuchte – es sollte der einzige persönliche Kontakt bleiben. Über diesen Besuch verfaßte sie einen „Rundbrief“, den sie im Freundeskreis verschickte, obgleich Armin Mohler – damals Sekretär Jüngers – aufgrund der zahlreichen Indiskretionen des Berichts dringendst von einer Publikation abriet – was Boveri nicht daran hinderte, ihn zu veröffentlichen und damit eine nachhaltige Verstimmung des Ehepaares Jüngers in Kauf nahm.

In diesem Rundbrief zeigt Boveris „unheimlich kluger“ – aber auch etwas bösartiger, das Negative suchende – Blick einen kleinbürgerlich und besserwisserisch in einer „Arbeitersiedlung“ hausenden Jünger, dessen Frau „mit einer überlauten norddeutschen Stimme“ die Tür öffnet; man serviert zum Kaffee tatsächlich „Mohrenköpfe und Schillerlocken“ und Jünger fällt vor allem durch seinen „Hang zum lehrhaft-Katalogisierenden“ auf und durch das „Fehlen irgendeiner Substanz, einer füllenden, ausgleichenden, so wie Salzheringe oder Sardellenpaste“. Der Mythos „Jünger“ verblaßt, was bleibt, ist „lexikographische Trockenheit“. Jünger wußte schon, warum er die klugen Frauen auf Augenhöhe nicht zu nahe an sich heran ließ!

Aber auch Margret Boveri war sich der Distanz bewußt, die zwischen ihr und Jünger lag. Sie ahnte, daß das abenteuerliche Herz ein männliches war und daß es ihr verwehrt bleiben sollte, in den innersten Bezirk Jünger’schen Dichtens einzudringen. So schreibt sie Jünger am 24. Februar 1973, warum Sie seinen Jugendroman Die Zwille nicht für den Merkur rezensieren wolle: „Paeschke wollte, daß ich das Buch bespreche; er hatte mir die Fahnen geschickt. Aber obwohl ich noch nie bisher vor einem ‚männlichen’ Thema zurück geschreckt bin – dieses Mal glaube ich, daß ich ihm nicht gewachsen wäre“.

So bleibt es bei Annäherungen. Der Waldgänger und die Waldgängerin streifen durch denselben Wald, aber jeder auf seinem Weg. (2008)

Bibliographische Notiz

Margret Boveri und Ernst Jünger, Briefwechsel aus den Jahren 1946 bis 1973. Herausgegeben, mit einem Vorwort versehen und kommentiert von Roland Herbig, Tobias Bock und Walter Kühn, Landt Verlag Berlin, 34,90.- Euro

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