Was schmort denn eigentlich in Berlin? – Zum Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Friedrich Hielscher

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Ab und an trifft der Suchende in Antiquariaten auf einen schwärzlichen, meist abgewetzten Leinenband, auf dessen Rücken in Fraktura der Titel „Fünfzig Jahre unter Deutschen“ prangt. Das Werk mit dem ethnologischen Titel und dem anachronistischen Auftritt ist die Autobiographie Friedrich Hielschers, einem der wichtigeren Protagonisten der an Personal so reichen Konservativen Revolution. Hielschers Autobiographie erschien nicht, obwohl sie so aussieht, in den Dreißigern, sondern 1954 im Rowohlt-Verlag. In einem Brief an Hielscher vom 9.8.1954 faßt Ernst Jünger seine Eindrücke nach der Lektüre dieses Buches zusammen: „Die Zeit zwischen den beiden Kriegen und der Berliner Kreis, der 1933 zerstreut wurde, haben ja schon viele Chronisten gefunden, und man sieht sich bei der Lektüre von all dem Gedruckten in die Rolle eines Widerkäuers versetzt, der Blumen, Gras und Disteln der abgelebten Zeiten mit mehr oder minderem Behagen noch einmal schlucken muß. Ihr Buch wird am längsten dauern, weil es ein Salz enthält, das der Zerstörung widersteht“.

Dieser Brief ist jetzt nachzulesen in dem von Ina Schmidt und Stefan Breuer herausgegebenen Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Friedrich Hielscher, der soeben im Klett-Cotta Verlag erschienen ist. Er umfaßt insgesamt 260 Briefe, darunter auch einige von Gretha Jünger an Hielscher sowie Briefe Jüngers und Hielschers an Dritte, die mit der eigenen Korrespondenz in Zusammenhang stehen. 100 Briefe stammen aus der Zeit zwischen 1927 und 1931, die Jahre zwischen 1933 und 1945 sind mit 80 Briefen vertreten, weitere 80 Briefe entfallen auf die Nachkriegszeit. Nach den Briefwechseln mit Rudolf Schlichter (1997), Carl Schmitt (1999) und Gerhard Nebel (2003) – und vor denen mit Heidegger und seinem Bruder Friedrich Georg – ist dies der vierte Band in der Klett-Cotta’schen Edition von Jüngers Korrespondenz. Der Hielscher-Briefwechsel nimmt dabei eine Sonderstellung ein. Er zeichnet sich dadurch aus, daß er Jüngers nationalrevolutionäre Zeit dokumentiert. Andere wichtige Korrespondenzen jener Zeit wurden entweder von Jünger vernichtet, wie diejenige mit Ernst Niekisch und Werner Laß, oder sind nur noch in Abschriften vorhanden, wie diejenige mit Ludwig Alwens. Der Briefwechsel Jünger-Hielscher führt also mitten hinein in das Berlin der Konservativen Revolution.

Wer nun war Friedrich Hielscher? Schlägt man bei Mohler nach, so findet man ihn unter dem Stichwort „Systembauer im Umkreis der Nationalrevolutionäre“. Jünger-Leser kennen ihn als „Bodo“ oder „Bogo“ der Tagebücher – ein Deckname, der sich von Hielschers eigenem Pseudonym „Bogumil“ ableitet. Friedrich Hielscher, 1902 in der Niederlausitz geboren, trat 1919 einem Freikorps bei, studierte dann Jura in Berlin und Jena, war aber nur kurz als Jurist am Berliner Kammergericht tätig. Seit Ende 1927 arbeitet Hielscher als politischer Autor. Vornehmlich in Artikeln, die unter anderem im Morgen, im Vormarsch und im Arminius erscheinen, dann aber auch in seiner eigenen Zeitschrift Das Reich, in der neben den Brüdern Jünger auch Ernst von Salomon veröffentlicht, entwickelt er sein System – eine Theologie des Reiches, in der nationale Größenvorstellung, mystische Innerlichkeit und eine chiliastische Erwartungshaltung eine nur schwer zu durchdringende Synthese eingehen. Dieses System findet seine endgültige Formulierung in Hielschers Hauptwerk Das Reich, das 1931 erscheint und auf ein geteiltes Urteil stößt. Den Weg der Theologie setzt Hielscher fort: Aus seinem Kreis entsteht eine neuheidnische Sekte, die „Unabhängige Freikirche UFK“, für die Hielscher bis zu seinem Tod dogmatische und liturgische Entwürfe anfertigt, die er, so zeigt der Briefwechsel, Jünger regelmäßig übersendet. Hielscher ging schon früh auf Distanz zu den Nationalsozialisten. So verhalfen er und sein Kreis in der Zeit zwischen 1933 und 1945 zahlreichen Verfolgten zur Flucht – unter anderem Alfred Kantorowicz. Nach dem Krieg lebt Hielscher als Einsiedler auf einem Hof im Südschwarzwald – bis zu seinem Tod im Jahre 1990. „Fünfzig Jahren unter Deutschen“ aus dem Jahre 1954 blieb seine dritte und letzte Buchveröffentlichung.

Ein breites, wirkungsmächtiges Werk hinterließ Hielscher also nicht. Neben dem Reich und Fünfzig Jahre unter Deutschen publizierte er nur noch seine Dissertation Die Selbstherrlichkeit. Doch die Strahlkraft seiner Person muß erheblich gewesen sein. Friedrich Hielscher zog Menschen in seinen Bann. Ernst von Salomon bekannte, er sei „lange Zeit im sprudelnden Kielwasser der Bogumilschen Philosophie geschwommen“. Auch Jünger war, das ist vielfach bezeugt, von Hielscher fasziniert. Er sah in ihm einen eigenwilligen, wenn auch rabulistischen Kopf, einen freien Geist, mit dem es sich lohnte, die geistige Klinge zu kreuzen. Die Briefe aus den zwanziger Jahren zeigen deutlich, daß Hielscher für Jünger einer der wenigen Kampfgenossen war, der ihm auf Augenhöhe entgegentrat. Und das will viel heißen bei einem Mann, der im April 1927 über sich an Hielscher schrieb: „Ich kenne die in Deutschland vorhandenen Kräfte; ich weiss, dass vorläufig ich allein imstande bin, der Sache die richtige Wendung zu geben“.

Dort, wo Jünger und Hielscher stehen, verläuft eine gemeinsame Frontlinie. Doch darf man von dieser Korrespondenz nicht zu viel erwarten: Sie vermittelt zwar eine Ahnung von der Energie, von der Spannung, von dem Leben, dem sich diese Briefe verdanken. Hierzu tragen auch die Personenkommentare der Herausgeber bei, die viele Anspielungen erst verständlich machen. Nationalrevolutionäre Inhalte hingegen tauschen Jünger und Hielscher in ihren Briefen so gut wie nicht aus. Nur einmal kommt, auf Jüngers Anregung, beinahe ein Briefwechsel zustande, „dessen Gegenstand der moderne Nationalismus ist“ (Jünger an Hielscher, 23.11.29). Hielschers Antwort und erste enthusiastische Lieferung vom 28.11.1929 ist allerdings argumentativ derart verdichtet, um nicht zu sagen: dogmatisch verdrechselt, daß Jünger am 14.12. in der für ihn typischen Höflichkeit antwortet: „Außerdem aber ist ihr Brief nicht leicht zu entziffern. Sie sind in beachtlicher Weise gleich aufs Ganze gegangen und haben die Diskussion dadurch so fixiert, daß es mir schwerfällt, anzufassen.“ Jünger versucht dann noch, den Faden wieder aufzunehmen und befragt Hielscher nach seinem Verständnis des Verhältnisses von Erlebnis und Bekenntnis. Doch dessen Antwort vom 12.1.1930 treibt den diskursiven Keil noch tiefer ein. Man ahnt: Nur das gesprochene Wort hätte hier einen Ausweg geboten.

Inhaltlich also entäuscht der Briefwechsel. Vielfach geht es um Jüngers intensiv diskutierte Wohnungssuche („4 Zimmer mit Zubehör, Bad, elektrisch, Fernsprecher, Gegend gleichgültig“), um Terminabsprachen („Am 2., 3., 9., 10., 11. und 12. November bin ich nicht hier, sondern unterwegs“) oder um Abkanzlungen abwesender Dritter in feinstem Deutsch („Es tut mir leid, daß Ihnen aus der Andermannschen Spießerhaftigkeit so viel Mühwaltung erwächst“). Einen breiten Raum nehmen auch taktische Erwägungen darüber ein, wer warum womit welche Zeitschrift unterstützt. Auch die Diskussion organisatorischer Fragestellungen innerhalb der Rechten inklusive der Finanzierungsaspekte kommt nicht zu kurz. Das Entscheidende ereignete sich offensichtlich nicht im Briefeschreiben. Die Briefe sind nur der Schatten der Aktion.

In der Kriegszeit wird das Sprechen der beiden dann knapper und metaphorisch. Jünger nannte diesen Duktus einmal den „leicht verschlüsselten Stil dieser Jahre“ (Anhang zu Rivarol). Man will deutlich sein, ohne sich und den anderen zu gefährden. Es wäre interessant und sicherlich der Mühe wert, Jüngers Briefstil jener Jahre einmal mit dem Modus der Marmorklippen und anderer Texte dieser Zeit zu vergleichen. Der Hielscher-Briefwechsel gäbe hierfür gutes Anschauungsmaterial ab. Nach dem Krieg schließlich beschränkt sich die Korrespondenz auf das gegenseitige Aussenden von Lebenszeichen. Auch das Schicksal gemeinsamer Bekannter oder Weggefährten wie Franz Schauwecker und Wolfram Sievers wird verfolgt. Über Jahre hinweg sucht Hielscher Ernst Jünger zu einem Besuch zu bewegen, doch es bleibt bei dem einen Treffen 1949 in Ravensburg. Die „Verschiedenheit des Denkens“, die Jünger am 22.10.1939 konstatiert, wurde mit den Jahren nicht geringer. Ähnlich äußert sich auch Hielscher in seiner Autobiographie: „Ein Jeder suchte im Anderen, was dieser nicht sein konnte: Jünger den Magisch Mitschwingenden und ich den mystisch Mitdenkenden. Aber Jünger denkt nicht, sondern er sieht; und ich sehe nicht, sondern begreife“.

Noch ein Wort zur Edition durch Ina Schmidt, die mit einer Arbeit über Friedrich Hielscher promoviert wurde, und Stefan Breuer, einen ausgewiesenen Kenner der Konservativen Revolution. Der Kommentar kann im ganzen als gelungen gelten, auch wenn er sich zu sehr auf die Aufhellung der erwähnten Personen und ihre Vernetzung konzentriert. Der Anspruch der Herausgeber, „den Kommentar nicht mit Nachweisen zu überfrachten“ ist – man erinnere sich an die Kommentierungsorgie des Nebel-Briefwechsels – gutzuheißen. Doch hätte man sich kürzere Personenbiographien und den Kommentar der einen oder anderen werkimmanenten Anspielung gewünscht (Stichwort: Frigga-Hühnchen). Daß der Briefwechsel von Soziologen der Konservativen Revolution und nicht von Jünger-Philologen herausgegeben wurde, beweist auch das umfangreiche Nachwort. So wird hier Jüngers Entwicklung von der „Gewaltpropaganda“ (S.482) zur „Literatur“ (S.504) immer wieder stark vereinfacht und schematisiert dargestellt, als gäbe es derart leicht zu identifizierende Wendepunkte. Auch die aktuelle Forschung wurde nicht vollständig verarbeitet. So fehlt, um nur ein Beispiel zu nennen, in Anmerkung 140 (Friedensschrift) der Verweis auf die maßgebliche Arbeit von Piet Tommissen („Ernst Jüngers Friedensschrift. Versuch einer Rekonstruktion ihrer Geschichte und ihres Schicksals“).  (2005)

Bibliographische Notiz:

Ernst Jünger, Friedrich Hielscher, Briefe 1927-1985. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Ina Schmidt und Stefan Breuer, 556 Seiten, Stuttgart, Klett-Cotta 2005

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