Autorität und Autorschaft – Peter Trawny folgt den Spuren der politischen Theologie bei Ernst Jünger

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Ist Literatur Privatsache? Diese Frage scheint heute leicht beantwortbar zu sein: „Ja, natürlich ist sie das. Was denn sonst?“, kommt postwendend als Gegenfrage zurück. Wir haben uns sehr daran gewöhnt, den Dichter als brav bloggenden Biedermann und nicht als politischen Brandstifter zu sehen – gelegentliche Einlassungen ins Tagesgeschehen (Peter Handke) einmal ausgenommen. Die letzte greifbare Stufe einer Literatur, die nicht nur für sich entstand, sondern über sich hinaus wirken wollte, war jene sozial „engagierte“ Literatur im Windschatten der 68er-Jahre, die heute in den Antiquariaten der Universitätsstädte verrottet. Autoritativ waren diese Texte schon damals nicht, heute sind sie bestenfalls langweilig. Nun erschienen aber im letzten Jahr große bis monumentale Biografien zu Ernst Jünger und Stefan George – Dichter-Gestalten, die sich entschieden jenseits der Langeweile positionierten. Diese Bücher erinnern an Autoren, die dem heutigen Bewußtsein nicht ohne weiteres mehr zugänglich sein dürften, weil sie dem Verständnis von Dichtung als Privatsache nicht entsprechen. Das Aktuellwerden dieser Autoren ist von signalhafter Bedeutung, weil sich in ihm ein Ungenügen an der  Privatisierung des literarischen Betriebs ausspricht, ja vielleicht sogar eine Sehnsucht nach Autorität und Repräsentation in einer zunehmend unübersichtlicher und belangloser werdenden Textlandschaft.

Ernst Jünger und Stefan George sind Autoritäten, weil sie für das, was sie tun und dichten, eine überpersönliche Gültigkeit in Anspruch nehmen. Ihr Handeln war exemplarisch. Es bezeugte und repräsentierte Wahrheit. Damit aber wurde es politisch. Dies ist der Ausgangspunkt für Peter Trawny in seiner eben bei Matthes & Seitz Berlin erschienenen schmalen Studie, die mit das Beste darstellt, was man derzeit über Jünger lesen kann. Trawny konstatiert: „Politisch ist Jüngers Werk eben in jenem Sinne eines Autoritätsanspruchs, in welchem das im Text Repräsentierte als vorbildlich über das individuelle Leben hinaus erscheint“. Dieser erweiterte Politik-Begriff ist in der Auseinandersetzung mit Jüngers Werk eminent wichtig. Denn große Teile der Diskussion um Jünger gehen von einem viel zu engen Politik-Begriff aus und kommen zu ganz falschen Schlüssen. Auch wenn Jünger, wie Trawny zeigt, in den zwanziger Jahren durchaus Relevanz im politischen Raum erlangen wollte, so war er doch niemals nur engagiert, was bedeutet hätte, sich selbst in den Dienst einer Idee zu stellen und für diese Idee Lebenszeit zu opfern. Nein, Jünger (wie auch George oder Heidegger) verstand sich selbst als die Idee, um die es gehen sollte. Deshalb konnte er auf dem Höhepunkt seiner kämpferisch-nationalistischen Jahre auch ganz im Ernst schreiben: „Der deutsche Nationalismus, das bin ich“.

Trawnys Buch unternimmt es nun, uns die Hintergründe dieses Satzes zu erklären. Er geht dem Phänomen des Autors als Autorität in den zwanzig Jahren zwischen 1930 und 1950 nach. Es sind jene Jahre zwischen dem viel beachteten, aber wenig geliebten Großessay Der Arbeiter und dem öffentlichen Versinken Jüngers in der oberschwäbischen Provinz am Albrand. Trawny legt dabei einen doppelten Blickwinkel an. Zum einen untersucht er in einer minutiösen Rekonstruktion des unmittelbaren Entstehungsumfelds des Arbeiters das Selbstverständnis Jüngers als politischer Autor, dessen Legitimation in der Zeugenschaft besteht. Dazu analysiert Trawny die zum allergrößten Teil unveröffentlichten Briefwechsel Ernst Jüngers mit dem Journalisten Ludwig Alwens, dem Philosophen Hugo Fischer, seinem Bruder Friedrich Georg Jünger und mit Carl Schmitt. Außerdem nimmt Trawny die verschiedenen Manuskript-Fassungen des Arbeiters unter die Lupe, an denen man die kontinuierliche Ent-Nationalisierung des Textes ablesen kann. In einer weiteren Reflexion führt Trawny Stefans Georges mythisches Wort vom „geheimen Deutschland“ mit Ernst Jünger zusammen. Denn interessanter Weise findet sich in der Urfassung des Arbeiters der Satz: „Über dieses Siegel braucht nicht gesprochen zu werden, denn da es unmittelbar verliehen wird, so sind auch Zeichen darein geritzt die das geheime Deutschland unmittelbar zu lesen versteht“ – in der Druckfassung des Arbeiters heißt es dann nur noch: „…die ein stets bereiter Gehorsam unmittelbar zu lesen versteht“.

Trawny weist schlüssig und bei aller exakten text- und quellenkritischen Arbeit immer spannend lesbar nach, dass Jünger mit dem Arbeiter keinen philosophischen, sondern einen politischen Text geschrieben hat. Von diesem Ergebnis aus verfolgt Trawny nun aber noch einen zweiten Gedankengang. Betrachtet man die Figur Stefan Georges, so springt einem die erste Voraussetzung für Autorität unmittelbar ins Auge: Geschlossenheit. Georges Leben und Werk sind von größtmöglicher Kontinuität. Aus dieser Kontinuität leitet sich der repräsentative Charakter Georges ab. Anders bei Jünger. Zwischen dem Arbeiter (1932) und dem Roman Auf den Marmorklippen (1939) vollzieht Jünger das, was als „theologische Wende“ bekannt wurde. Trawny reformuliert die Bewegung von den kämpferischen hin zu den humanitären Texten, zu denen auch die Friedensschrift zählt, als einen Übergang von der Feindschaft zur Liebe, oder, um das Wort des Apostels Paulus aus dem Galather-Brief zu zitieren, „von der Knechtschaft zur Freiheit“. Jünger selbst sprach von seinem Werk bis zum Arbeiter als von seinem Alten Testament, dem die späteren Texte gleichsam als Neues Testament gegenüber stünden. Der Angelpunkt dieser Wende ist die Schrift Über den Schmerz aus der Sammlung Blätter und Steine (1934). Jünger beginnt nun mit der Lektüre der Kirchenväter, er liest Léon Bloy und – später – die Bibel. Man geht wahrscheinlich nicht zu weit, hier einen der wichtigen Schübe für Jüngers Konversion sechzig Jahre später zu sehen.

Trawny verfolgt diesen katholischen Weg nicht en detail, sondern zeigt, wie dieses argumentative Manöver Jüngers Werk vor einem Zerbrechen in zwei Teile bewahren sollte. Er weist auf, wie Jünger geradezu besessen die Idee der Kontinuität und der Einheit seines Werkes über offensichtliche Brüche und Verwerfungen hinüber retten wollte, wie er es unternahm, den Arbeiter und den dort postulierten totalen Arbeitscharakter mit der humanistischen Opposition der Marmorklippen zu vereinbaren. Die gegensätzliche Komplementarität des Alten und Neuen Testaments war dabei nur eine Form des Versuchs einer Einheitsstiftung, in deren Zentrum ganz offensichtlich die Erkenntnis des Schmerzes als eine Voraussetzung für caritas et pax (Marmorklippen und Friedensschrift) steht. Die zahlreichen Umarbeitungen seiner Texte waren ein weiteres Mittel, das geschlossene Werk zu realisieren, das allein repräsentatives Sprechen und damit politische Bedeutung zu verbürgen schien.

Doch diese Ansätze mußten scheitern, wie Trawny in seinem abschließenden Kapiel „Autoritätsverlust“ zu zeigen versteht: „Während Jünger als ungebrochene Gestalt betrachtet wird, die auf überragende Weise das Jahrhundert dokumentiert, möchte ich ihn als einen Autor charakterisieren, der nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund eines spezifischen Bruchs seine Autorität verloren hat, sogar verlieren mußte“. Dieser Bruch wird in Trawnys Buch nicht nur abstrakt behauptet, sondern an jener Stelle aus Jüngers Tagebuch veranschaulicht, in der Jünger Zeuge der Öffnung des Konzentrationslagers von Bergen-Belsen wird. Hier zeigt sich bei aller Erschütterung, die Jüngers Feder aufzeichnet („Der Zug erschütterte mich; er war wie ein Fenster, duch das ich in die Tiefe der Beraubung sah“), das zumindest seine Sprache dem, was er sieht und was er dahinter als planetarische Tragödie zu ahnen beginnt, nicht gewachsen ist, auch wenn sie es versucht. Im Kern besteht das Problem darin, daß Jünger den Schmerz ins Typologische überhöht und damit einkapselt. Daß Jünger jedoch überhaupt versucht, authentisch und autoritativ über diesen Schmerz zu sprechen, mit dem er konfrontiert wird, und daß er nicht, wie sein Bruder Friedrich Georg und Carl Schmitt, so weiter denkt und schreibt, als sei nichts gewesen, macht Jüngers Größe aus.

Und von hier aus wäre auch zu bedenken, ob nicht gerade dieser offen diagnostizierte Bruch, den Jünger in seinem Bestreben nach Kontinuität zu überbrücken versucht, der aber in seinem Werk stets sichtbar bleibt, nicht gerade jene Authentizität begründet, die nach Auschwitz erst autoritatives, politisches Sprechen ermöglicht. Mit diesem nicht explizit ausgesprochenen, aber zwischen den Zeilen mitschwingenden Gedanken entläßt Peter Trawny seinen Leser – hoffentlich setzt die weitere Diskussion um Jünger als Figur des politischen Raumes an genau dieser Stelle an. (2009)

Bibliographische Angabe: Peter Trawny, Die Autorität des Zeugen. Ernst Jüngers politisches Werk, Matthes & Seitz Berlin 2009, ISBN 978-3-88221-643-1, € 22,80

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