Sind Populisten die Idioten der Geschichte? Über ein Buch von Chantal Delsol

978-2268076430 chantal_delsol

„Populismus“ war das Unwort des Jahres 2014. Seiner propagandistischen Verwendung tat diese Stigmatisierung jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil. Die bekannte französische Philosophin Chantal Delsol hat nun ein notwendiges und schlaues Buch über diesen Begriff und seine Geschichte geschrieben, in dem sie die Freiheit des Denkens verteidigt – mit guten Argumenten, die auch für Deutschland gelten.

Will man heute jemanden mundtot machen, dann tituliert man ich nicht mehr, wie früher, als „Sozi“ oder „Nazi“, sondern man beschimpft ihn als „Populisten“. Damit sortiert man ihn aus dem politischen System aus. Denn einem Populisten wird nicht nur unterstellt, er nutze die Stimmungen im Volk und in der Masse aus, um an die Macht zu kommen. Er wird darüber hinaus als ein Mensch gebrandmarkt, dem es an grundlegendem Reflexionsvermögen und Intelligenz mangelt. Die Vokabel „Populist“ ist zu einem Kampfbegriff geworden, mit dem man seine politischen Gegner als Idioten und geistig Zurückgebliebene bloßstellen will – und zwar deshalb, weil sie sich nicht an bestimmte Grundannahmen halten und sich mit ihrem „Populismus“ außerhalb des demokratischen Terrains positionieren. „Populisten“ bewegen sich unter dem von „Demokraten“ definierten Niveau. Und damit sind ihre Argumente von vorneherein von jeder Diskursrelevanz ausgeschlossen.

Die französische Philosophin Chantal Delsol, deren großes Thema die Identität Europas ist, untersucht in ihrem eben in Frankreich erschienen und sehr lesenswerten Buch Populisme. Les demeurés de l’Histoire (Editions du Rocher, 267 Seiten, 17,90 €) Genese und Verwendung dieses Kampfbegriffs. Sie macht dabei zunächst auf einen wichtigen Umstand aufmerksam, der in der aktuellen Debatte um Populismus und die „populistischen“ Parteien Europas wie AfD, FPÖ oder FN überhaupt nicht beachtet wird. Sie zeigt, daß der Begriff von Idiotie, der für die Protagonisten wie die Unterstützer dieser Parteien verwendet wird, auf einer demagogischen Verzerrung dessen beruht, was die alten Griechen unter „Idioten“ verstanden haben. Im antiken Griechenland waren Idioten (ἰδιώτης) Menschen, die ganz in ihrer Privatwelt lebten und die keine öffentlichen Ämter beanspruchten oder gar bekleideten. Idioten waren Solipsisten, Menschen, die die Welt nur aus ihrer eigenen Perspektive betrachteten. Dem antiken Idioten fehlt es an universeller, staatsbürgerlicher Perspektive. Das Gemeinwohl interessierte ihn nicht. Er wollte sein Geld schützen und weigerte sich daher, Steuern zu zahlen. Er bestellte seinen Acker und drückte sich vor dem Kriegsdienst mit dem Argument, dafür gäbe es ja schließlich Söldner.

In der Antike schloß dieser Begriff keine Wertung ein. Er bezeichnete einen Sachverhalt in der Polis. Die subtile Strategie der Linken von heute besteht nun laut Delsol darin, jenes unbedingte Bestehen auf die Eigeninteressen, die das Wort „Idiot“ ursprünglich meint, mit seiner modernen, pejorativen Tonalität zu überblenden. Ein populistischer Idiot ist demnach ein Mensch, der seinen Egoismus auslebt, alles Fremde aggressiv zurückweist und damit einen eklatanten Mangel an politischer Bildung an den Tag legt. Die Wähler sogenannter „populistischer“ Parteien sind aber genau das nicht: Menschen, die ihre Privatinteressen gegen das Gemeinwohl verteidigen und einem rücksichtslosen Egoismus das Wort reden. Ihnen das zu unterstellen – darin besteht genau die Demagogie in der Verwendung des Begriffs „Populismus“. Diese Wähler votieren vielmehr für ihr Vaterland, für ihre Nation, sie hängen am Konkreten, an der Gegenwart, am Hier und Jetzt. Sie plädieren für Verwurzelung und versuchen sich mit dieser Wahl gegen die Herrschaft des Globalen, des Abstrakten und gegen die Diktatur einer angeblich besseren Zukunft zu wehren. Ihr Widerstand richtet sich nicht gegen das Fremde oder die Fremden, er richtet sich vielmehr gegen eine Ideologie des Universalen als politischem Programm.

Chantal Delsol zeigt in ihrem Buch präzise die historischen Ursprünge dieser Ideologie des Universalen auf. Sie entwickelt Schritt für Schritt, wie dieses Universale  aus dem Christentum geboren wurde, aber erst in der europäischen Aufklärung zu jenem Programm der Weltverbesserung wurde, als das wir es heute kennen. Denn in Antike und Christentum war das Universale kein Programm, sondern vielmehr ein Versprechen, eine Aussicht. Es war so etwas wie ein Horizont, auf den man sich kontinuierlich zu bewegte, den man aber in diesem Leben nicht erreichen konnte.  Es war keine ausformulierte, pragmatische Handlungsvorschrift, sondern eine transzendente Wirklichkeit. Gerechtigkeit zum Beispiel war nur im Jenseits zu erwarten. Im Diesseits sollte jeder sich darum bemühen, gerecht zu sein, aber dies war dem Menschen immer nur als eine Annäherung an ein Ideal möglich.

Die Denker der Aufklärung waren es, die das Transzendente ins Immanente holten. Sie idealisierten das Universale als Fortschrittsutopie und begannen damit, es zu ideologisieren.  Der Maßstab für die Verwirklichung des Allgemeinen im Konkreten war ab sofort der Fortschritt. Alles, was sich nicht diesem „Fortschritt“ verschrieb, was nicht diesem Fortschritt diente, wurde fortan als undemokratisch, ja als nicht normal stigmatisiert. Wer an Familie, Vaterland oder Religion hing, galt als retardiert, als nicht zurechnungsfähig. Im 19. Jahrhundert, das heißt vor der Entstehung der Massengesellschaft, nannte man die Kritiker des Fortschritts „Reaktionäre“. Heute heißen sie „Populisten“.

Damit wurde eine Meinungsdiktatur in Gang gesetzt, die man durchaus als eine Form des geistigen Terrorismus brandmarken kann. Delsol spricht in diesem Zusammenhang von einem „schleichenden Terrorismus“, einer Einschüchterung, die heute nicht offen auftritt, die sich nicht bekennt, die aber nach und nach alle Stimmen durch Einschüchterung zum Schweigen bringt, die sich nicht in die Ideologie des vermeintlichen „Fortschritts“ eingliedern. Sie beschreibt diese Zusammenhänge für Frankreich, es fällt aber nicht schwer, sie auf Deutschland oder andere europäische Länder zu übertragen. Dieser geistige Terrorismus weigert sich, die Argumente der Gegner überhaupt als Argumente gelten zu lassen. Darin besteht seine eigentliche Diktatur. Populistische Scheinargumente sind für ihn alle jene Argumente, die eine Begrenzung der Emanzipation, eine Einschränkung der Globalisierung, eine stärkere Verwurzelung der menschlichen Existenz, eine Limitation der individuellen Freiheit fordern.

Dieser geistige Terrorismus wurzelt, so Delsol,  in der Arroganz der politischen Technokraten der Linken. Diese meinen, besser zu wissen, was für das Volk gut ist, als es das Volk jemals wissen kann. Als Beispiel für jene jakobinische Überheblichkeit zitiert sie jene „réforme de civilisation“, die der französische Präsident Hollande und seine JustizministerinTaubira wie einen Schrein vor sich her tragen und in deren Namen die französische Gesellschaft von Grund auf umgekrempelt werden soll. Das beginnt mit der Zerstörung der traditionellen Familie und reicht bis zur Demontage des Bildungswesens. Hier vollzieht sich eine systematische und planmäßige Zerstörung abendländischer Werte, eine Untergrabung der Fundamente unserer westlichen Gesellschaft. Die Arroganz, ja die Verachtung, mit denen dieses Programm von den französischen Politikern vorgebracht wird, zeugt ebenso deutlich von der Abspaltung der selbsternannten Elite vom Volk wie jene „populistische“ Manif pour tous genannte Massenbewegung. Das Volk glaubt nicht mehr an seine demokratisch gewählten Vertreter, und so sucht es sich neue Anführer, die ihm, seinem Denken und Fühlen, ähnlicher sind. „Populismus“, so Delsol, nennt man das Ergebnis eben dieses Bruchs, der eine große Bedrohung für die Demokratie nicht deswegen darstellt, weil „rechtes“ Gedankengut mehrheitsfähig zu werden beginnt, sondern allein deswegen, weil eine technokratische Oligarchie die Meinungsfreiheit massiv sabotiert, um ihre eigene Macht zu stabilisieren.

Gilt diese Analyse auch für Deutschland? Natürlich, obgleich die politischen Rahmenbedingungen andere sind. Sie gilt sogar für den gesamten europäischen Raum. Europa, so Delsols These, hat sich von einer „Ideologie der Emanzipation“ versklaven lassen, die sich als eine Fortsetzung des Kommunismus mit anderen Mitteln und Inhalten erweist. Europa verfolgt ein Dogma der absoluten Emanzipation für alles und jeden, und zwar ein Dogma, das nicht nur ein Ideal ist, sondern ein Programm. Indem sie alle Grenzen verwirft, werden die europäischen Gesellschaften immer verletzbarer, zum Beispiel für den Islamismus und andere Formen der archaischen Autorität.

Deutschland mag das Glück haben, von der Arroganz einer selbstherrlichen Linken verschont geblieben zu sein, die gerade dabei ist, Frankreich zu ruinieren. Unseren deutschen Linken fehlt es, Gott sei Dank, an einem entsprechenden Selbstbewußtsein und an dem dazugehörigen Größenwahn, um an so etwas wie eine „Zivilisationsreform“, mit der es der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Werten an den Kragen  geht, auch nur im Ansatz zu denken. Die Grünen, denen ein solches Unterfangen noch am ehesten zuzutrauen wäre, sind zu stark in die Aufklärung ihrer eigenen schmutzigen Vergangenheit verstrickt.  Andererseits ist aber die Gender-Agenda schon tief in den deutschen Alltag vorgedrungen, zum Beispiel in Baden-Württemberg. Hier besteht die Gefahr, daß die Umwertung der Werte mit deutscher Gründlichkeit erfolgt, wo sie in Frankreich am organisationalen Impressionismus der politischen Akteure scheitert.

Man darf sich hierzulande also nicht in Sicherheit wiegen. Sobald die Gesetze zur sexuellen Umerziehung im frühkindlichen Alter, zur Homo-Ehe, zur Euthanasie beschlossen sind, ist es zu spät. Manch einer versucht sich damit zu trösten, daß die Grünen und andere Linke mit der gleichen Verbissenheit für die Homo-Ehe kämpfen, mit der sie weiland für das Dosenpfand ins Gefecht zogen. Das scheint darauf zu deuten, daß es weniger um Inhalte, als um Machtspiele geht. Und das ist ja auch richtig: Die Homo-Ehe ist tatsächlich das neue Dosenpfand. Es geht letztlich nicht um die Sache, sondern um Geländegewinn auf dem Kontinent des Zeitgeistes. Aber klar ist auch, daß ein Adoptionsrecht für Homo-Paare fundamental in die Struktur des Menschseins eingreifen kann, während das Dosenrecycling eine winzige Fußnote der Wirtschaftsgeschichte darstellt.

Festzuhalten ist aber auch, daß das deutsche Pendant zur Manif pour tous, die Pegida-Bewegung, von den Medien viel schneller als faschistoid verortet wurde. Das mag auch daran gelegen haben, daß die Manif schlauer auftrat, daß sie sich zum Beispiel von vorneherein ein familienfreundliches, waches, sympathisches Image gab, während Pegida verbissen-kleinbürgerlich auftrat. Schon der Name „Demonstration für alle“ ist unter politischen Marketinggesichtspunkten um Längen besser als „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlands“. Die Stoßrichtung beider Bewegungen ist aber die gleiche: Sie markiert jene partielle Ablösung des Volkes von seiner demokratisch-legitimierten Führung, die das Kennzeichen des post-demokratischen Zeitalters des Populismus ist.

Gibt es einen Ausweg aus dem populistischen Dilemma? Michel Houellebecq hat in seinem Roman „Unterwerfung“ beschrieben, wohin die Zeichen der Zeit seiner Meinung nach deuten. In seinem Buch wird Frankreich zu einem moslemischen Staat, weil die Menschen eine Präsidentin Marine Le Pen um jeden Preis, selbst um den der totalen abendländischen Selbstaufgabe, verhindern wollen: Sie wählen einen Moslem zum Präsidenten. Delsol sieht aber durchaus Alternativen zu diesem Horrorszenario. Zum einen glaubt sie daran, daß sich der Front National durch geschicktes politisches Agieren zu einer neuen, wählbaren Mitte läutern kann, die vor allem in der französischen Provinz Fahrt aufnimmt.

Zum anderen empfiehlt sie Europa eine „Amerikanisierung der Sitten“. Denn die Geschichte der angelsächsischen Länder kannte eine andere Aufklärung: Delsol bezeichnet sie als „biblico-révolutionnaire“, während sie die europäische Aufklärung als „terroristisch“ apostrophiert. Die amerikanische Aufklärung hat immer am Gedanken einer Transzendenz festgehalten, die dem menschlichen Emanzipationsstreben erst einen Sinn verleiht. Die jakobinische Tradition, in der die herrschenden Linke stehen, hat die Transzendenz in die Immanenz hinein genommen, indem sie aus dem universellen Fortschritt ein pragmatisches Programm machte. Sie verlangt Emanzipation ohne Transzendenz, und damit liefert sie sich der Richtungslosigkeit aus. Es ist eine Emanzipation der Desorientierung, die wir erleben.  Demgegenüber steht die amerikanische (puritanische) Tradition, die im Hier und Jetzt verwurzelt ist, die sich zu einer klaren Identität bekennt und die sich unter den Leitstern der Transzendenz und des christlichen Menschenbildes stellt.

Man könnte neben der angelsächsischen Tradition durchaus auch an eine Ost-Orientierung der europäischen Werteoptik denken. Auch sie wäre ein Ausweg aus der Sackgasse der europäischen Aufklärung. Aber jedenfalls hält Delsol fest: Der Populismus ist ein typisch europäisches Phänomen, ein Symptom für das Zerbröseln der demokratischen Substanz. Es verdankt sich der Weichenstellung der Aufklärung, die in der Forderung nach totaler Permissivität zu ihrem Höhepunkt, aber zugleich zu ihrem Endpunkt kommt. Nicht die Populisten sind die Bösen, sondern diejenigen, die diesen Begriff verwenden, um ihre Agenda durchzusetzen. Das gilt für Frankreich wie auch für Deutschland. Daher ist diesem Buch eine schnelle Übersetzung zu wünschen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Sind Populisten die Idioten der Geschichte? Über ein Buch von Chantal Delsol

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s