Die Optik des Spähers – Martin Heideggers Aufzeichnungen zu Ernst Jünger

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Kaum jemand hat wohl Ernst Jünger so genau gelesen wie Martin Heidegger. In den dreißiger Jahren gräbt sich der Philosoph aus Meßkirch förmlich durch die Texte, mit denen Jünger zum Denker eines, wie Heidegger es nannte „planetarischen Nihilismus“ wurde: durch den „Arbeiter“, durch die „Totale Mobilmachung“, durch die Schrift „Über den Schmerz“. Später, Mitte der fünfziger Jahre, ist es Jüngers – den Nihilismus zu überwinden bestrebte – Denkfigur der Linie, die Heidegger beschäftigt und zu einer Replik herausfordert. Er nennt diese Replik „Über ‚Die Linie’“. Dort zitiert Heidegger aus einem „Erläuterungsversuch“ des „Arbeiters“, den er im Winter 1939/40 im Kollegenkreis vornahm. Diese „Aussprache über Ernst Jünger“ ist nun das Herzstück des 90. Bandes („Zu Ernst Jünger“) der Martin Heidegger-Gesamtausgabe, der von Peter Trawny vorbildlich betreut wurde. Der Band enthält auf 470 Seiten neben den ausformulierten Manuskripten jener „Aussprache“ die Wiedergabe der 319 Notizblätter, die Heidegger in den Jahren 1932 bis 1940 zu Ernst Jünger anlegte und auf denen sich mal mehr, mal weniger ausgearbeitete Interpretationen und Gedanken vor allem zum „Arbeiter“ finden. Außerdem findet sich in dem Band die Edition des notizenhaften Manuskripts „Gestalt“ aus dem Jahre 1954, das von einer abermaligen Auseinandersetzung mit dem „Arbeiter“ zur Zeit der „Linie“ zeugt, sowie eine sorgfältige Transkription aller Randbemerkungen Heideggers in seinen Handexemplaren des „Arbeiters“, der „Blätter und Steine“ und der Schrift „Über die Linie“. Eine faksimilierte Seite des „Arbeiters“ zeigt die Konzentration, mit der Heidegger Jünger liest: Fast kein Satz ist hier unkommentiert, die Seite ist bis an den Rand mit Notizen gefüllt.

Was also sah Ernst Jünger? Worin liegt seine Bedeutung für Heideggers Denken und Fragen?
Jüngers zentrale Leistung besteht darin, die Wirklichkeit der sich vollendenden Neuzeit zugänglich gemacht zu haben. Jüngers Werk ist keine Abschilderung eines schon bekannten Wirklichen, sondern sie eröffnet die Wirklichkeit als Wille zur Macht. Dies geschieht in einer Haltung des „Standhaltens“ dem Wirklichen gegenüber, die Jünger „heroischen Realismus“ nennt, in einer Seh-Bewegung, die den Charakter dieses Wirklichen als Mannigfaches aufnimmt, und in einer Sprache, deren „kalte Beschreibung“ und „Präzision“ ebenso Teil dieses Wirklichen ist – Heidegger nennt diese Sprache „substanziell“ und „dynamisch“. In Jünger enthüllt sich also das Wirkliche in der Wahrheit des geschichtlichen Augenblicks, und zwar insofern Nietzsches „Wille zur Macht“ als „Arbeit“ und Nietzsches „Übermensch“ als „Arbeiter“ zur Erscheinung kommen. Möglich wurde Jünger die Aufschließung dieser neuen Wirklichkeit durch die elementare Erfahrung des Wirklichen als Wille zur Macht im Ersten Weltkrieg.

Jünger ist für Heidegger der einzige legitime Nachfolger Nietzsches, in dem wiederum die abendländische Metaphysik gipfelt. Und doch unterscheidet Heidegger klar zwischen dem, was Jünger sieht und dem, was er nicht sieht, weil es nicht sehbar ist: „Jüngers Beschreibungen (und Auslegungen) leisten dieses Eine: durch Sehenlassen des Seienden (im Charakter des Willens zur Macht) auf das Sein hinzuweisen, ohne doch nach ihm zu fragen“. Heideggers Kritik am Jünger des „Arbeiters“ zielt im Kern darauf ab, den – wenn auch neue Seinsbereiche aufschließenden – Beschreibungscharakter der Texte abzuleiten von einem Nicht-Erkennen der eigenen historischen Seins-Situation. Weil Jünger eben nur „sieht“ und – in Heideggers Begrifflichkeit – nicht „fragt“ oder „denkt“, ist ihm nur das Wirkliche, aber nicht die Wirklichkeit dieses Wirklichen zugänglich. Jünger verfällt, so Heidegger in einer bemerkenswerten Formulierung, einer „Blendung durch die Scheinhelle des Wirklichen“. Damit geht einher, daß Jünger nicht den finalen Charakter der von ihm beschriebenen Situation erkennt, sondern sie, so unterstellt Heidegger, für den Beginn einer neuen Zeit, den Anbruch einer neuen Ära hält. Jünger ist Teil der alten Metaphysik, der überholten Subjektivität, weil er noch an die Errichtung neuer „Werte“ glaubt. Damit verfällt auch Jünger der „Seinsvergessenheit“ und ist eben nicht Teil dessen, was Heidegger den „Bereich der metaphysischen Entscheidungen“ nennt.

Heidegger zeigt in diesen Aufzeichnungen aus den dreißiger Jahren deutlich, zum Teil überdeutlich auf, wo er die Grenzen Jüngers sieht. Doch es fällt auf: Je fertiger, zu Ende gedachter und ausformulierter die Texte, desto ausgewogener und abwägender die Darstellung. In den Randbemerkungen kann es schon mal heißen: „Herr Jünger scheint auf seinen Landsitzen doch nicht recht zu wissen, was vor sich geht“. Im Manuskript der „Aussprache über Ernst Jünger“ überwiegen dann Hinweise darauf, was der Autor Jünger verdankt. Liest man ganz genau, so ist auch die Aburteilung Jüngers als „seinsvergessen“ nicht eindeutig. Ein Beispiel: „Nur Ernst Jünger hat hier etwas Wesentliches begriffen; ob er dabei schon den Bereich der metaphysischen Entscheidungen betreten und d.h. immer auch überhaupt erst entfaltet hat und gemäß seiner Denkweise jemals entfalten kann, bleibt eine Frage für sich“ (Hervorhebungen vom Verf.). Jüngers Beschreiben ist also doch „Denken“? Zumindest gilt es diese „Frage“ zu klären. An anderer Stelle sagt Heidegger ausdrücklich, daß zwei Wege zu einem „wesentlichen Verhältnis zu Nietzsche“ und damit notwendigerweise auch zur Einsicht in die Seins-Situation der Gegenwart führen: eine „Grunderfahrung des Wirklichen als Wille zur Macht“ wie Jünger sie im Krieg machte oder aber ein „ursprüngliches Erfragen des Willens zur Macht als einer Wirklichkeit“ wie es Heidegger auszeichnet.

Der Aufschluß des Wirklichen bleibt Jüngers Leistung der dreißiger Jahre, dies unterstreichen die Aufzeichnungen Heideggers. Und Jüngers dem Wirklichen bis zur Identität angenäherte Sprache konvergiert mit Heideggers Bemühen, Sprache, Denken und Sein zu einer Einheit zu bringen, Abstraktionen zu vermeiden und das Wirkliche und seine Wirklichkeit in die Sprache zu heben. Dem genauen und übergreifenden Lesen offenbaren sich also ein Aufeinander-Angewiesen-Sein von Beobachten (Aufschließen) und Fragen (Erschließen) des Wirklichen – eine Zusammengehörigkeit von Sehen und Denken, die Heidegger später, im „Linien“-Essay, selbst betonte. Wer jedoch ungenau und voreingenommen liest, kann zu Ergebnissen kommen wie Stephan Schlack in der SZ vom 23.Februar 2005. Hier wird Jüngers Bild der Werkstättenlandschaft auf eine Vorwegnahme des Dritten Reichs, die „totale Mobilmachung“ (ein Begriff, den übrigens Lenin einführte) auf „Rüstung“ verkürzt. Von dieser Darstellung hebt sich sich Heideggers Kritik an Jüngers Nihilismus dann elegant ab. Quod est demonstrandum: So hat man wenigstens einen von beiden „in Sicherheit gebracht“. Die Wahrheit jedoch liegt tiefer, unzugänglich für derart knöchern-manipulative Manöver: Sie liegt im Seins-nahen Charakter der Sprache, die Heidegger und Jünger verbindet.(2005)

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