Hans Blumenberg fragte nach – auch bei Ernst Jünger

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„In der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts ist kaum eine überraschendere Konstellation denkbar als die zwischen Hans Blumenberg und Ernst Jünger“. Vielleicht sollte man es tatsächlich vermeiden, Klappentexte zu lesen, vor allem dann, wenn sie ein Buch einleiten, das vom genauen Schreiben und vom genauen Lesen handelt und das zudem präzisen editorischen Prinzipien gehorcht. Aber aufschlußreich ist ein solcher Klappentext allemal, weil sich in einem solchen Satz wieder einmal die Haltung des eingeölten Ressentiments ausspricht, aus der heraus man sich hierzulande immer noch Jünger zu nähern müssen glaubt. Denn abgesehen davon, daß – wenn auch marginal eingegrenzte – superlativische Aussagen über intellektuelle „Konstellationen“ eines beliebigen Jahrhunderts von sich aus fragwürdig sind, ist die Einschätzung der Konstellation „Blumenberg-Jünger“ als ultimative Gegenüberstellung schon mehr als kurios und läßt unverhohlen die Auseinandersetzung Blumenbergs mit Jünger als einen mutigen Tabubruch erscheinen, als ein überraschendes, großzügiges, ja schulterklopfendes Hineinnehmen Jüngers, dessen Werke, so wieder der Klappentext, „zwischen Nationalbolschewismus und Postmoderne oszillieren“, in den Kreis der Unbedenklichkeit, um nicht zu sagen: in die streng überwachte und bestens gehütete Zone der Korrektheit.

Zum einen unterschätzt eine solche Aussage, der man das gesträubte, aber gleich wieder glattgebügelte Nackenhaar bei der bloßen Nennung des Namens „Jünger“ förmlich ansieht, die Bedeutung Ernst Jüngers, der nach dem Krieg und bis in die sechziger Jahre hinein eben doch ein Fixpunkt der Intelligenz war, mit dem man sich auseinanderzusetzen hatte. Und zweitens liegt es auf der Hand, daß ein Philosoph wie Hans Blumenberg, dessen Hauptthema das Verhältnis von „Welt“ und „Bild der Welt“ war, auf einen Autor wie Ernst Jünger zurückkommen mußte, dessen Leben als Versuch erklärbar ist, die Welt eben gerade nicht „erklärbar“, sondern beobachtbar, lesbar und beschreibbar zu machen. Wer, wie Blumenberg, das Werk von Goethe, Fontane, Hebel, Schnitzler, Thomas Mann, Benn und Valéry nach der Beschreibbarkeit der Welt befragte, der mußte, früher oder später, seine Fragen auch an Jünger richten.

Hans Blumenberg, der Jünger übrigens niemals persönlich begegnet ist und mit ihm auch nicht in Korrespondenz stand, hat das getan, wie nun ein Band von Texten aus dem Nachlaß des Philosophen zeigt (Hans Blumenberg, Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger. Herausgegeben von Alexander Schmitz und Marcel Lepper, Suhrkamp Verlag, 186 Seiten, 19,80 €). Sowohl der Titel des Buches als auch die Zusammenstellung und Anordnung der Texte in neun Themengruppen sind ein Werk der Herausgeber. Man darf also nicht auf eine zusammenhängende Reflexion spekulieren. Die Texte Blumenbergs wurden unterschiedlichen Nachlaßschichten und Manuskriptmappen entnommen und entstammen dem Zeitraum zwischen 1949 und 1995. Es finden sich darunter Vortragstyposkripte, Zeitungsartikel und ausführlichere Notizzettel. Es ist also ein disparates Konvolut, das hier aufbereitet wurde, das allerdings auch von einer kontinuierlichen Beschäftigung mit Jünger zeugt.

Am Anfang dieser Beschäftigung steht schlicht und ergreifend die Faszination, die die Lektüre Jüngers ausübt. Blumenberg spart hier nicht an Superlativen. So gilt ihm Jünger als „der wichtigste Tagebuchschreiber des 20. Jahrunderts“. Vor allem das späte fünfbändige Diarium Siebzig verweht hat es ihm angetan: Jünger habe „in den Tagebüchern aus seinem achten Jahrzehnt mehr Zutrauen zu seinen Funden, seinen Einblicken und Durchblicken, seiner Beute an Bedeutsamkeit eintreiben können als mit allem Früheren. (…). Die späten Reisenotizen gehören zum Kostbarsten der Gattung. Auch der Sketipker gegen alles Jüngerische wird da hereingezogen und mitgerissen“ (S.87). Dem Arbeiter – für viele schon fast mehr „Problem“ als „Buch“ – spricht Blumenberg die gleiche expressionistische Intensität zu wie Heideggers „Sein und Zeit“ (S.33). Und selbst das erzählerische Werk Jüngers weiß Blumenberg partiell zu schätzen: Auf den Marmorklippen sei Jüngers „bedeutendstes Werk, fast eine vollendete Dichtung“ (S.22) – wenn Blumenberg auch Heliopolis für „auf geradezu peinliche Weise mißlungen“ (S.23) hält, weil Jünger ein „phantasiearmer Autor“ sei, der „Zutaten“ benötige (S.123).

Diese „Zutaten“ findet Jünger im „Universum seiner „Aufzeichnungen“ (S.124). Jüngers Texte sind für Blumenberg mithin weniger Erdachtes und Erschriebenes, also: Finalisiertes, als vielmehr „Durchblicke“, die für den Philosophen ihr Ende naturgemäß nicht in sich tragen, sondern durchlässig sind auf ein Dahinter. Diese Texte liegen wie eine transparente, aber strukturierte Schicht über dem Seienden, das Jünger, im Gegensatz zum heimatverwurzelten Heidegger, umgetrieben habe (Blumenberg: „Das Sein beruhigt, das Seiende treibt um“, S. 37). Blumenberg wandelt bei seiner Jünger-Lektüre gleichsam über einen zugefrorenen See, durch dessen Eisschicht – Jüngers Optik –  er hinabschaut. Es ist also eine Beobachtung der Beobachtung, die sich hier abspielt.

Beispiel „Marathon“: Hier beobachtet Blumenberg Jünger genüßlich und gleich in mehreren Fassungen dabei, wie er (in Siebzig verweht) in einem Pariser Bistro einen Flipper-Spieler beobachtet, der sein Spiel mit einem „Marathon“ vergleicht, was Jünger wiederum zu einem Gedanken über den in der Technik von Anfang an verborgenen Sinn antreibt, der darin bestünde, Arbeit und Spiel ununterscheidbar zu machen. Blumenberg beschreibt diese Szene zunächst von höchster Warte als Beispiel für eine „Begegnung alter Leute mit technischem Gerät“ (S.69), deren Evolution sie nicht mitbekommen haben und dem sie ebenso großäugig gegenüberstehen wie ein Buschmann einem Auto. Dann aber bewundert er, gleichsam eine Warte tiefer, die „Dezenz, mit der Jünger sich die kleine Szene gönnt, in der er derjenige ist, der recht behalten hat“ (S.70), weil er ebendieses Sich-Enthüllen des verborgenen Sinns der Technik schon ein halbes Jahrhundert vorher im Arbeiter analysierte. Jetzt ist Jünger derjenige, der den Übergang herstellt und Kontinuität verbürgt. Blumenberg kommt dann aber wieder auf seine erste Prämisse zurück, indem er feststellt, daß Jüngers Ableitung „eine zu dürftige Vorstellung von den Möglichkeiten“ (S.70) der Technik enthalte, die nämlich, so Blumenbergs Denkansatz, über jene bloße Identität von Arbeit und Spiel, die Jünger 1932 entwickelte, hinausginge und in der Simulation der Wirklichkeit und des Erlebnisses durch die Technik gipfeln würde, was nun seinerseits Blumenbergs finale These zum Wirklichkeitsbegriff repräsentiert.

Diese hermeneutische Bewegung des Blumenbergschen Textes ist bezeichnend. Denn so wie hier spüren viele seiner Jünger-Glossen dem Nicht-Finalen, Nicht-Zuende-Gedachten oder nicht zuende Denkbaren in Jüngers Beobachtungen nach, auch wenn Jünger sie final gemeint und als zu Ende gedacht eingeschätzt haben sollte. Blumenberg kann die dabei sich ergebende „Verschmelzung durch Kompression“ und den Einfall der Abstraktion in die Deskription (S.124) gelassen als Stilmerkmale Jüngers anerkennen und bewundern, auch wenn er Jünger bescheinigen muß, die Probe einer „realen, einer ins Politische eingreifenden Verbindlichkeit“ und damit die Legitimation einer echten Aussage (S.27) nicht zu bestehen. Und er kann das deshalb, weil er die prinzipielle Offenheit dieser Texte auf seiner Seite weiß.

Heidegger hat dies in seinen Jünger-Papieren knapper formuliert: Jünger sei ein Beobachter, aber eben kein Denker. Blumenberg ist da vorsichtiger – und gerechter. Denn, so weiß er genau, ohne die Voraussetzung des Beobachtens bleibt Denken wirklichkeitslos. (2008)

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