Rousseau unter Robben. Französische Intellektuelle entdecken das Leben

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2013 feierten wir mit unseren Nachbarn am Rhein 50 Jahre deutsch-französische Partnerschaft. Schön! Aber wirklich näher sind wir uns nicht gekommen. Denn Franzosen denken einfach anders. Als Meister der öffentlichen Debatte, des wilden Denkens und der geschliffenen Konversation waren sie uns Deutschen immer einen Schritt voraus. Und jetzt sind sie wieder einmal ein Stück weiter, wie das Beispiel dreier Autoren zeigt, die das Ende des Intellektuellen und die Wiederentdeckung des Lebens beschwören.

Wenn Frankreich sich heute auf das Jahr 410 besinnt, dann verheißt das wahrlich nichts Gutes. Denn 410 ist eine symbolische Zahl. Eine Zahl der Dekadenz. Damals ging die abendländische Kultur, die es noch gar nicht so lange gab, zum ersten Mal unter. Im Jahr 410 wurde Rom von Alarichs Westgoten überrannt, geplündert und geschleift. Eintausensechshundertzwei Jahre später, im Herbst 2012, erhält ein schmaler Roman, der diesen Untergang in die europäische Gegenwart transponiert, den begehrten Prix Goncourt, den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs. Ist das ein Symbol? Eine Aussage? Eine Provokation? Sieht man linksrheinisch schon so schwarz?

Le sermon sur la chute de Rome (Predigt auf den Untergang Roms, erscheint März 2013 auf Deutsch im Verlag Secession) ist das sechste Werk des 1968 geborenen Philosophielehrers Jérôme Ferrari, der bis dahin nur Eingeweihten bekannt war. Sein schmaler Roman ist kein süffiges Historienfresko, eher ein metaphernreicher, lyrischer Textwurm voller Symbole und Anspielungen auf die neuere Geschichte des Landes. Ferraris Rom liegt auf dem heutigen Korsika, die Vandalen tragen Goldkettchen ums Handgelenk, haben tätowierte Oberarme, fahren fette Pick-Ups und trinken viel zu viel Pastis. Dem korsischen Präkariat stellt der Autor zwei Philosophiestudenten gegenüber, die für sich entscheiden, nun endlich genug gedacht zu haben. Sie haben die Nase voll von den Pariser Intellektuellen, von abgehobenen Theorien über die Liebe und von endlosen Diskussionen über die beste aller möglichen Welten. Sie haben genug von der Kultur. Sie wollen die Dinge nicht nur denken, sondern tun. Sie wollen endlich dem Leben selbst die Hand schütteln und der Liebe in die glühenden Augen schauen.

Also übernehmen sie eine heruntergewirtschaftete Kneipe in einem korsischen Bergdorf. Das stellt sich als keine gute Idee heraus. Denn im Nirgendwo zwischen Corte und der Küste bröckelt die Zivilisation. Hier beginnt die décadence. Das erste, was die beiden lernen, ist, wie man Jungschweine bei lebendigem Leib kastriert, wie man die Hoden am Lagerfeuer grillt und sie dann, begleitet von rauhen Männerwitzen, genüsslich verspeist. Und die zweite Lektion ist auch nicht viel angenehmer: Trage immer eine großkalibrige Schusswaffe im Gürtel!

Die Bar wird schnell zum Mittelpunkt des Dorfes und der Region. Neues Leben hält Einzug. Es brodelt und kocht in der korsischen Hitze. Schon bald brechen alte Konflikte auf: Es geht um weibliche Körper, um männliche Hormone, um Vendetta, die französische Kolonialgeschichte, den Algerienkrieg, die Résistance, ja sogar noch um den ersten Weltkrieg. Die Bar wird zur Bühne. Die Weltgeschichte ergießt sich über den Tresen wie eine umgekippte Flasche Ricard.

Ferrari hat nicht umsonst Philosophie studiert. Seine Schilderung der Zeitenwende greift auf große philosophische Ideen zurück. Er schreibt sich in den Untergang des französischen Abendlands auf einem prominenten Umweg ein: über keinen Geringeren als den Heiligen Augustinus. Dieser war im Jahr 410 Bischof von Hippo im heutigen Algerien. Aus dieser Zeit sind Tausende von Predigten erhalten. Und eben auch eine aus dem Dezember des Jahres 410, in der er seine Gemeinde angesichts der Katastrophe im fernen Rom an die Zeitlichkeit des Irdischen gemahnt. Der Untergang Roms dient ihm als Symbol für die Vergänglichkeit der Welt.

Ferrari benutzt den Augustinischen Subtext geschickt, um vom Untergang der großen und der kleinen Welt zu erzählen. Er ist im Mikrokosmos der Macchia ebenso zuhause wie im Makrokosmos der Historie. Den sechs ersten Kapiteln stellt Ferrari Zitate aus der Untergangspredigt des Kirchenvaters voran. Im siebten und letzten Kapitel gipfelt das Buch in einer epischen Vergegenwärtigung der Augustinischen Predigt über den Untergang Roms und verdichtet sich schließlich auf der letzten Seite in dem Moment, als Augustinus von der Welt Abschied nimmt, ohne das Rätsel des Lebens, jenes undurchdringliche, schmerzhaft-glücklichmachende Mysterium, gelöst zu haben:

„Die Welten vergehen in Wahrheit eine nach der anderen, von Finsternis zu Finsternis, und gut möglich, daß ihre Abfolge nichts bedeutet. Diese unerträgliche Hypothese brennt Augustinus in der Seele, und er stößt, Ruhender im Kreis seiner Brüder, einen Seufzer aus, und er strengt sich an, zum Herrn zu blicken, sieht aber nur das merkwürdig tränenfeuchte Lächeln, das ihm einst die Arglosigkeit einer unbekannten jungen Frau geschenkt hatte, um vor ihm das Ende zu bezeugen, und zugleich die Ursprünge, denn dies ist eine einzige und sich gleichbleibende Bezeugung.“ (Übersetzung Christian Ruzicska, Secession Verlag)

Ferraris Tonfall ist nicht zornig, eher elegisch-distanziert. Wie Augustinus über das ferne Rom, so predigt Ferrari, der auf Korsika, in Algerien und zur Zeit in den arabischen Emiraten unterrichtet, aus räumlicher Distanz über den kulturellen Untergang seiner grande nation: über ihre Zivilisationsmüdigkeit, ihren Verlust an Orientierung, ihre Verrohung, über die Vergänglichkeit der großen französischen Leitmotive – das Glück, die Liebe und das Leben. Ferarris Text bezieht politisch keine Position. Fingerzeige auf reale gesellschaftliche Konflikte wie Immigration und Islamismus sucht man vergebens. Wer die modernen Goten wirklich sind, die Frankreich belagern, das verschweigt der Autor vorsichtshalber. Wer weiß, vielleicht hätte er sonst nicht den Prix Goncourt bekommen?

Beim Prix Medicis-gekrönten Globetrotter-Philosophen Sylvain Tesson schaut das ganz anders aus. Hier herrscht Klartext. Tesson, das enfant terrible der französischen Reiseschriftseller, ist der Sohn eines der bekanntesten Pariser Journalisten: Sein Vater Philippe Tesson gründete 1974 den Quotidien de Paris und war die graue Eminenz der französischen Theaterkritik. Seinem Sohn wurde das Pariser Intellektuellen-Milieu schnell viel zu eng. Aus den verrauchten Cafes des Boulevard Saint-Germain suchte er das Weite. Nach dem Besuch einer Privatschule umrundete er mit dem Vélo die Welt, marschierte 5000 Kilometer durch das Himalaya-Massiv und wenig später nochmal soviel durch die zentralasiatische Steppe. Und seitdem zieht er schreibend, trinkend und lesend durch die Welt.

Irgendwann schwor er sich, vor seinem 40. Geburtstag als Einsiedler in Sibirien zu leben. Und so bezog er für sechs Monate die winzige Hütte eines Wetterbeobachters am Baikalsee, reichlich munitioniert mit Vodka, Zigarillos und einer Angel. Aus dem anachoretischen Selbstversuch ist ein wunderbares und zurecht preisgekröntes Buch geworden: Dans les Forêts de Sibérie (In den Wäldern Sibiriens, auf Deutsch im Frühjahr im Knaus-Verlag; bei Matthes & Seitz Berlin ergänzend Tessons Kleiner Traktat über die Unermesslichkeit der Welt).

Sylvain Tesson ist der frierende Bruder Jerôme Ferraris. Sein Korsika liegt mitten in Sibirien. Dort, wo sich jeder leise Anflug von Kultur gegen die unerbittliche Macht des Wirklichen durchsetzen muss: „Nach der bitteren Kälte ruft das „Plopp“ eines aus der Vodkaflasche springenden Korkens neben einem Ofen unendlich mehr Genuß hervor als ein herrschaftlicher Tag in einem Palazzo am Canale Grande“.

In einem solchen Moment verpuffen zweitausend Jahre abendländischer Kulturgeschichte im eisigen Nebel der Taiga. Solche Momente gibt es bei Tesson mehr als genug. Das ist keine intellektuelle Attitüde, kein Pariser Renegatentum pour choquer le bourgeois. Tesson weiß, wovon er spricht. Er hat sich das alles nicht in einer Mansarde in Montmartre ausgedacht, sondern am eigenen Leib erlebt. Er beneidet sie wirklich, jene einfachen Russen, deren Blick auf die konkreten Dinge durch keine Lektüre, durch keinen Gedanken, durch keine große Idee verstellt ist. Sechs Monate am Baikalsee werden so zu einer Zeitreise, an deren Ende die Erkenntnis steht, „dass das Leben nur dass sein sollte: die Hommage des Erwachsenen an seine Kindheitsträume“. Wer wollte ihm da widersprechen?

Tesson nimmt das wilde Denken, das in Frankreich seit Claude Lévi-Strauss Tradition hat, wörtlich. Er möchte wisssen, was passiert, wenn ein Intellektueller, der zugleich die physische Statur und die Haartracht eines russischen Trappers hat, ein halbes Jahr im Niemandsland lebt und sich geistige Nahrung von jenen Autoren holt, die immer wieder den Rückzug in die Natur besungen haben. Er erprobt eine ganze Bibliothek, die er in einer Kiste in die Einöde geschleppt hat, an der harten sibirischen Wirklichkeit. Sein Frage lautet: Hält das Denken und Schreiben eines Rousseau, eines Diderot, eines Conrad, eines Jünger, eines Thoreau der totalen Einsamkeit, arktischen Temperaturen von minus 40 Grad und teuflischen Mückenschwärmen stand? Oder zerbröselt es wie morsches Holz unter dem Fußabdruck der Wirklichkeit?

Das ist die Versuchsanordnung. Ihr Ergebnis: Über die Einsamkeit des Waldgangs zu schreiben, ist eine Sache. Den Rückzug in den Wald zu leben, eine ganz andere. Welches Buch Tesson auch zur Hand nimmt (am Ende werden es 70 sein): seine Lektüreeindrücke werden von der Kraft der Natur sofort eingeholt, überlagert, absorbiert. Das Singen und Krachen der Eisplatten spaltet die subtilsten Gedanken. Ätherische Wolkenbilder dämpfen die schärfsten Antithesen ein. Die Poesie des Unterholzes überschreibt den betörendsten Sprachzauber. Und zuletzt lacht eine Robbe, die ihr melancholisches Antlitz aus einem Eisloch steckt, über die ganze Eitelkeit der idealistischen Welt.

In der Dreyfus-Affaire hat Frankreich – genauer: George Clemenceau – die Figur des „Intellektuellen“ erfunden, der gesellschaftliche Vorgänge analysiert und diskursiv beeinflusst. 100 Jahre haben Intellektuelle von Zola über Sarte bis Bernard-Henry Lévy die Wirklichkeit ihren Ideen untergeordnet und damit nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die französische Politik genommen. Jetzt scheint es, als kehrten die ersten französischen Intellektuellen langsam wieder ins Leben zurück. Ferraris preisgekrönter korsischer Canto ist hierfür ebenso Signal wie Tessons sibirische Aphoristik. Wenn es bei Tessson am Ende heisst: „L’homme ne se refait pas – Der Mensch ändert sich nicht“, dann ist das französische Raisonnement tatsächlich wieder vor der Aufklärung angekommen.

Der 1971 geborene Publizist Fabrice Hadjadj würde dieser Aussage allerdings entschieden widersprechen. Hadjadj bezeichnet sich selbst als „Juden mit arabischem Namen und katholischer Konfession“. Früher kollaborierte er mit Houellebecq, schrieb nihilistische Traktate, verehrte Nietzsche und Céline. Dann erkrankte sein Vater, und Hadjadj hatte in der Pariser Kirche Saint-Séverin ein Bekehrungserlebnis. Er konvertierte zum Katholizismus. Heute arbeitet er als viel beachteter Publizist und Philosoph, der vom Papst zu Vorträgen nach Rom eingeladen wird. Bekannt wurde er mit einem luziden, preisgekrönten Langessay über die Kunst des Sterbens (Réussir sa mort, 2005). Hadjadj, zu dessen Förderern Alain Finkielkraut gehört, leitet seit 2012 das renommierte philosophische Institut Philanthropos im schweizerischen Fribourg.

Interessant ist, wie Hadjadj die Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Idealismus umkehrt. Er versucht nicht, das Wirkliche durch die Brille des Denkens zu sehen, sondern er betrachtet das Denken durch das Binokular der Realität. Dabei kommt es immer wieder zu überraschenden Gedankensprüngen. Denn die Wirklichkeit ist eben paradox. Hadjadj fragt: Wie müssen wir unsere Gedanken sprachlich formen, damit uns die Menschen noch verstehen können? Wie muß eine Idee ausschauen, damit sie bis zur Realität durchdringen kann? Wie muss man argumentieren, damit man noch verstanden wird in einer immer oberflächlicheren Welt?

Diese Frage ist links- wie rechtsrheinisch aktuell. Daher ist Hadjadj‘ letztem Buch, dem höchst amüsanten und geistreichen Essay Comment parler de Dieu aujourd’hui?(Wie kann man heute über Gott reden?) eine baldige deutsche Übersetzung zu wünschen. In diesem einfachen Text über ein schwieriges Thema findet Hadjadj eine Sprache, die dem Leben abgeschaut ist und die dennoch immer wieder über dieses Leben hinausweist. Seine Rhetorik ist irgendwo zwischen den kruden Absurditäten eines Groucho Marx und den messerscharfen Thesen eines Robert Spaemann verortet.

Dieser schelmische Ansatz zeigt sich schon daran, dass Hadjadj seinem Buch den ironischen Untertitel Anti-manuel d’évangelisation (Anti-Handbuch des Apostolats) gibt. Hadjadj verlässt sich nicht auf felsenfeste Prämissen, die gebetsmühlenartig wiederholt werden. Ihm geht es nicht um Apodiktik und Strategie. Er wechselt permanent den Standpunkt, um das, was er über Gott und Religion zu sagen, wetterfest und straßentauglich zu machen. Er ist der Typus des nervösen Intellektuellen, der nah dran sein will am pulsierenden Leben. Man muß nicht unbedingt Christ sein, um Hadjadjs Ausführungen mit Erkenntnisgewinn zu lesen – obgleich es natürlich nicht schaden kann. Durch eine multikulturelle Kombination von Humor und Scharfsinn gelingt es ihm jedenfalls, wieder glaubwürdig über das Göttliche und andere erhabene Ideen zu sprechen.

Realitätsgesättigt, wendig, konkret: Schaut so der intellektuelle Diskurs von morgen aus? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls zeigt Hadjadj, wie man in einem Atenzug über den letzten Sieg von Real Madrid, die betörende Schönheit von Monica Bellucci und die Erhabenheit Gottes reden kann, ohne sich dabei lächerlich zu machen. Und das ist immerhin ein Etappensieg auf dem Weg der Intellektuellen zurück ins Leben. (zuerst in: CICERO, 2013)

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