Stereoskopische Lektüren. EJ & FGJ

Dioskuren

Ernst Jünger wird immer wieder als ein „scharfer Beobachter“ apostrophiert. Die Schärfe seines Blicks verdankt sich allerdings weniger der Konturierung, der Fokussierung und damit der Weglassung. Jüngers Blick ist nicht scharf im Zentrum und unscharf am Rand. Dieser Blick abstrahiert nicht von der lebendigen Fülle des Gesehenen. Im Gegenteil: Die spezifisch Jünger’sche Optik, die man die „stereoskopische“ nennt, gelangt durch eine erweiterte Wahrnehmung zu mehrdimensionalen, plastischen Bildern. Das Auge ist dabei nur eines der beteiligten Sinnesorgane. Die stereoskopischen Bilder gehen gerade deswegen über das rein optisch Erfaßbare hinaus, weil sie das Ergebnis einer synästhetischen Wahrnehmung sind. Dabei wird – die schönsten Beispiele hierfür finden sich im Abenteuerlichen Herzen – nicht selten Disparates, Entgegengesetztes, ja logisch nicht Korreliertes in eine sprachliche Gestalt gebracht. Dies hat unter anderem dazu geführt, Jünger als einen surrealistischen Autor einzuordnen.

Jünger war nun nicht nur ein scharfer Beobachter, er war bekanntlich auch ein genauer Leser. Die Ergebnisse seiner Lektüre sind, zu Bildern und Bezügen verdichtet, wichtiger Teil seines Werks. Lesen ist aber nichts anderes als eine Form der Beobachtung: Der Leser beobachtet die Welt, die der Text vor ihm ausbreitet. Der Gedanke drängt sich also auf, daß auch hier ein stereoskopischer Blick, eine dialektische Optik am Werk ist. Wenn Jünger so liest, wie er beobachtet, dann liest er sozusagen nicht nur mit einem Auge, nicht nur mit einem Sinn.

Der Begriff des „stereoskopischen Lesens“ kann einige von Jüngers Lektürebewegungen aufschließen. Stereoskopisch lesen heißt unter anderem: komplementär lesen. Die stereoskopische Lektüre betrachtet, gleichsam simultan und damit ebenso schwindelerregend wie der stereoskopische Blick, beide Seiten der Medaille. Sie integriert die dialektischen Gegensätze und formt aus ihnen eine Einheit: nicht im Sinne der Hegelschen Dialektik, die ein progressives Fortschreiten impliziert, sondern vielmehr im Sinne des Erfassens eines umfassend in der Welt und im Kosmos bereits Vorhandenen. Hamann und Kant, Goethe und Newton, Vico und Cartesius sind entgegengesetzte Autoren, die in der stereoskopischen Lektüre sich zu einem Ganzen fügen: Offenbarung und Erkenntnis, Sprache und Logik finden für den stereoskopisch Lesenden wieder zusammen. Der stereoskopische Blick synthetisiert, was durch die Entwicklungsgeschichte des Menschen isoliert wurde. Er gibt den Phänomen ihre integrale Gestalt zurück. Die stereoskopische Lektüre setzt zusammen, was die Geschichte des Geistes trennte. Sie führt damit zurück zu einer ursprünglichen Einheit.

Diese wiedererlangte Einheit ist notwendigerweise frei von subjektiven Blickwinkeln. Deshalb bezeichnet Jünger sie im Zusammenhang mit der Lektüre der Texte seines Bruders Friedrich Georg, die man „stereoskopisch“ nennen könnte, als eine „neue Objektivität“. Er entwickelt diesen Gedanken am Verhältnis des Arbeiters zu dem Buch seines Bruders, das zunächst Illusionen der Technik hieß und später in Die Perfektion der Technik umbenannt werden sollte: „Mein ‚Arbeiter’ und Friedrich Georgs ‚Illusion der Technik’ gleichen dem Positiv und dem Negativ eines Lichtbildes – die Gleichzeitigkeit der Verfahren deutet auf eine neue Objektivität, während der enge Geist nur den Widerspruch darin erblicken wird“ (Strahlungen, 11.3.1943). Die dialektische Optik des stereoskopischen Blicks auf den Text hebt seine Vereinzelung auf. Die beiden Werke, die oberflächlich als zwei widersprüchliche Ausprägungen eines Ausgangszustandes, als divergierende Thesen, erscheinen, offenbaren sich dem doppelten Auge als im Wesen identisch. In der vor-begrifflichen Seinsweise, „im Geiste“, wie Jünger sagt, sind beide „ungetrennt: „Zum ‚Arbeiter’. Die Zeichnung ist genau, doch gleicht er einer scharfgestochenen Medaille, der die Rückseite fehlt. Es wäre in einem zweiten Teil zu schildern die Unterstellung der beschriebenen dynamischen Prinzipien unter eine ruhende Ordnung von höherem Rang. Wenn das Haus eingerichtet ist, gehen die Mechaniker und die Elektrotechniker hinaus. Wer aber wird Hausherr sein? Wer weiß, ob sich für mich noch einmal die Zeit, hier wieder anzuspinnen, finden wird? Doch glücket Friedrich Georg in dieser Richtung mit seinen ‚Illusionen der Technik’ ein bedeutender Schritt. Das zeigt, daß wir doch wahre Brüder sind. Im Geist noch ungetrennt“ (17.3.1943).

Ernst liest die Texte seines Bruders Friedrich Georg also als das, was die seinen selbst nicht sind. Sein Werk ist nur die eine Seite der Medaille – oder das Positiv des Lichtbildes. Es bedarf der Ergänzung durch das Werk des Bruders. Die stereoskopische Lektüre der zwei Texte ist ein Verweis auf die komplementäre Ästhetik der Brüder Jünger. Ernst Jünger vetraut offensichtlich darauf, daß das Werk seines Bruders als Ergänzung und Korrektiv seines eigenen Schreibens entsteht – und das gilt nicht nur für den Arbeiter. Setzt man die stereoskopische Perspektive an das opus integrum der beiden Brüder an, so werden eine Vielzahl von Enstprechungen sichtbar, die tief hinab bis in die Kategorien des Seins reichen. So erfassen Ernst Jüngers Tagebücher die erlebte Zeit aus der Perspektive der Gegenwart. Der Augenblick, das Jetzt bestimmt ihren Duktus. Friedrich Georg hat keine Tagebücher veröffentlicht, er hat vielmehr zwei Erinnerungsbücher vorgelegt (Grüne Zweige und Spiegel der Jahre), in denen die vergangene Zeit im Rückblick und nicht ohne Sentimentalität gestaltet wird.

Raum tritt bei Ernst Jünger stets als eine geordnete Kategorie auf, die der immer wieder offenen Zeit des Tagebuchaugenblicks gegenübergestellt wird. Von der verräumlichten, organisch-organisierten Zeit der Sanduhr über die topographisch wohl gegliederten fiktionalen Landschaften der Marmorklippen oder von Heliopolis bis hin zu Raumbildern der Sicherheit selbst noch in den Stahlgewittern, in denen der Unterstand zu einem Refugium der Behaglichkeit werden kann, läßt sich diese Konsolidierung des Raumes gegenüber der Zeit verfolgen. In Friedrich Georgs Erzählungen hingegen öffnet sich der Raum immer wieder in die Unordnung, in die Wildnis, ins Unterholz, in eine Zone des Fremden. Dieses Fremde kann sich dann auch, beispielsweise in Gestalt der Laura in der gleichnamigen Erzählung, personifizieren oder sich in Orten der Unbehaustheit wie Ziegeleien, Steinbrüchen und Windmühlen verdichten. Der dichterische Blick sucht nicht, die Erscheinungen in eine Ordnung und in ein System zu bringen, im Gegenteil: er verliert sich bereitwillig und ausdauernd in den Unschärfen des Dickichts, weil dieses dazu angetan ist, seine Phantasie anzuregen. Die Unordnung wird bei Ernst Jünger selten zu einem solchen Antrieb für Imagination. Sein Erzählen tendiert folgerichtig zur Allegorie. Für Friedrich Georg ist diese Unordnung real, präsent, herausfordernd. Sie verleitet ihn demnach zur Offenheit des Erfindens, zur Suche, zur Fiktion.

Die stereoskopische Lektüre des Jünger’schen Zwillingswerks, auf deren Notwendigkeit Ernst Jünger selbst hinweist, öffnet den Blick für eine Vielzahl von Spiegelungen und Verzahnungen. Immer wieder trifft der Leser in den Tagebüchern auf Einträge, in denen Ernst Jünger aktuelles Erleben nicht ausformuliert, sondern auf die literarische Gestaltung, ja auf das „Vorerleben“ durch den Bruder verweist, so beispielsweise am 4.9.1965 (Siebzig verweht I): „Wir gleiten an der Küste von Sumatra entlang, an Inseln und Orten, die wie aus vorgelebten Zeiten in der Erinnerung anklingen. ‚Palembang’ hieß eines der Jugendgedichte Friedrich Georgs“. Am 22.6.1972 notiert Ernst Jünger: „Im übrigen: solus cum sole. Als ich im grünen Wasser des Taurus schwamm, gedachte ich des Obersten von Oppen, der hier 1918 kurz vor Ende des Krieges an der asiatischen Cholera gestorben ist. Er liegt in diesen Bergen begraben – was bleibt von unseren Schicksalen? Am längsten vielleicht das Gedicht, das Friedrich Georg ihm gewidmet hat“.

Der Verweis nimmt das Werk des Bruders ins eigene auf. Er öffnet außerdem, zumal im wörtlichen Zitat, den Raum des lyrischen Sprechens. Gerade hierin erweist sich die Komplementarität der beiden dichterischen Stimmen. Denn Jünger hat sicher auch deswegen keine Gedichte geschrieben, weil er wußte, daß sein Bruder das für ihn tat. An exponierten Stellen des Tagebuchs, an denen lyrische Emphase angebracht ist, wechselt Ernst Jünger denn auch sinnfällig ins dichterische Sprechen. Dann leiht ihm sein Bruder eine Sprache, die die eigenen Beobachtungen und Notate ins Zeitlose überhöht, die aber auch die Funktion hat, ein verdecktes, getarntes Sprechen in schwieriger Zeit zu ermöglichen. Lektüre und Schreiben greifen dann nahtlos ineinander. Das eine ist die Voraussetzung des anderen – und umgekehrt: „Am Namen ‚Litzmannstadt’ wird deutlich, welche Ehrungen Kniébolo zu spenden vermag. Er hat den Namen dieses Generals, den Schlachtensiege zierten, auf alle Zeiten mit einer Schinderhütte verknüpft. Das war mir doch von Anfang an deutlich, daß seine Auszeichnungen am meisten zu fürchten seien, und ich sagte mit Friedrich Georg: Ruhm nicht bringt es, eure Schlachten / Mitzuschlagen. / Eure Siege sind verächtlich / Wie die Niederlagen“. (2005)

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