Großer Mann Im Regen

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Als ich das Lokal verließ, war die Straße menschenleer. Es war weit nach Mitternacht geworden, was ich voraus gesehen hatte. Wir hatten uns schon lange nicht mehr getroffen und ausführlich geplaudert, und so wurde dabei auch das eine oder andere Glas Wein geleert. Immerhin mußten zwanzig Jahre aufgearbeitet werden, zwanzig Jahre, in denen viel, und weiß Gott nicht nur Gutes, geschehen war, bei ihm wie bei mir. Allein das Abhaken aller gemeinsamen Bekannten und ihrer diversen Schicksale hatte zwei Stunden in Anspruch genommen. Sydney, Manila, Silicon Valley, Offenburg. Wir waren ganz schön herumgekommen. Einige der Freunde hatten wir beide aus den Augen verloren. Zwei waren in der Zwischenzeit gestorben, einer davon tragisch. Am Schluß konnten wir die Frage, wie wir eigentlich wieder in Kontakt gekommen waren, nicht lösen. Facebook? Stay-Friends? Oder ganz einfach ein vergilbter Zettel mit einer Telefonnummer drauf? War ja auch egal.

Mein Schulfreund war dann gegen eins aufgebrochen. Er war Arzt an einem großen Krankenhaus, morgen standen für ihn wieder einige Operationen auf dem Programm, diffizile Geschichten, für die er eine ruhige Hand brauchte. Verständlich. Sollte es mich einmal erwischen, wollte ich auch lieber unter ein ausgeschlafenes Skalpell geraten.

Ich hatte auf jeden Fall zu viel getrunken, um in mein Auto zu steigen. Deshalb ließ ich es vor der Kneipe stehen. Um diese Zeit eine U-Bahn zu bekommen, war aussichtslos . So hielt ich es für eine gute Idee, zu Fuß nach Hause zu gehen. Ich kannte diese Gegend nicht besonders gut, wußte aber ungefähr, in welche Richtung ich gehen mußte, um früher oder später wieder auf bekannte Routen zu gelangen. Es würde nicht mehr als eine gute halbe Stunde dauern, bis ich zu meiner Wohnung kam.

So ging ich die leere Straße hinab, an Häuserblöcken aus dem 19. Jahrhundert vorbei, und begegnete so gut wie niemandem. Das grüne, gelbe, rote Licht der einsamen Ampeln spiegelte sich im nassen Asphalt. Hin und wieder ein versprengtes Auto, auch ein Bus.

Die Fenster der Parterrewohnungen waren weitgehend schwarz. Gelegentlich erhaschte ich einen Blick in eine Studentenbude oder in eine neonbeleuchtete Küche. Man will sich den voyeuristischen Blick ja nicht wirklich zugestehen, wenn man nachts durch die Stadt streift, aber ich gehe jede Wette ein, daß jeder, aber auch wirklich jeder in ein beleuchtetes Haus hineinschaut und Ausschau hält nach etwas Überraschendem, ja nach etwas Verbotenem. Jede Bewegung hinter einem solchen nächtlichen Fenster ist schon allein deswegen interessant, weil sie sich unbeobachtet wähnt und jeden Moment in etwas Verwegenes umschlagen kann. Wenn man dieses Verwegene dann im Vorübergehen aus den Augenwinkeln wahrnimmt – und Augenwinkel können verdammt lang sein – steigt das angenehme, spießige Gefühl des Verbotenen im Erlaubten auf. Und das Gefühl der völligen Gefahrlosigkeit, weil Unsichtbarkeit, zumal. Ja, ich fühlte mich unsichtbar, ungreifbar, schwerelos.

Ich war unterdessen in eine Gegend mit flachen, eineinhalbstöckigen, bungalowähnlichen Häusern gekommen, die alle leicht erhöht lagen. Vor jedem Haus führte eine Rasenfläche zum Eingang empor. Alles sah gleich aus, regelmäßig und abgezirkelt. Architektenpräzision. Die Straße war alleeartig mit Bäumen gesäumt, in den Gärten standen in lockerer Verteilung Büsche, Hecken, Sträucher. Dieses viele Grün schluckte das ohnehin spärliche Licht der Straßenlaternen. Ich ging fünf Minuten diese Straße hinab – und dieses Hinabgehen war es, was mich stutzig machte. Meine Wohnung lag nicht unten am Fluß, sondern auf der entgegengesetzten Seite. Irgendwo mußte ich falsch abgebogen sein. Einen Stadtplan hatte ich nicht dabei, zum Zurückgehen hatte ich keine Lust. Ich zündete mir eine Zigarette an und startete das GPS auf meinem Blackberry. Nach dem letzten Zug hatte ich wieder Orientierung. Ich mußte nur die nächste Straße rechts abbiegen, ein paar Blocks weiter marschieren, und schon war ich wieder in meinem Kiez. Andiamo!

Ich schlug mir gerade den Mantelkragen hoch, um mich vor der Feuchtigkeit, die hier in den Büschen saß, zu schützen, da hörte ich einen ersten, gedämpften Schrei. Dumpf, wie unter Watte, weit weg. Erst dachte ich, ich wäre mit meinem Mantelkragen am Ohrstöpsel des I-Pods hängengeblieben. Aber kurz darauf war diese Stimme wieder zu vernehmen. Ihre Frequenz lag jetzt höher, ihr Rhythmus war punktiert, synkopiert. Wo sie herkam, war nicht auszumachen, völlig ausgeschlossen, ihr nachzugehen. Auf einmal fühlte ich mich so einsam wie noch nie in meinem Leben, da unten zwischen den nassen Rhododendronbüschen und den auf mich hinabblickenden Bungalows, aus denen auch nicht ein winziger Lichtstrahl drang. Ich riss mich zusammen und schlug den Weg ein, den mir mein Blackberry vorgeschlagen hatte – mein Blackberry, den ich in der Manteltasche umklammert hielt wie ein Sterbender die Hand eines Priesters.

Ich ging jetzt zügig weiter und versuchte möglichst leise aufzutreten. Dennoch hallten meine Schritte auf dem Asphalt wie Stiefel auf einem Kasernenhof. Da war die Abzweigung. Die Straße führte wieder nach oben. Ich beschleunigte meinen Gang, als wie aus dem Nichts ein gellender, sich überschlagender Schrei direkt vor mir aus der feuchten Vegetation schlug, gefolgt von dem Geräusch zerberstenden Glases. Ich hielt abrupt inne, als sei ich vor eine Wand gelaufen. Ein breiter, fetter Lichtteppich ergoss sich über die Rasenfläche zu meiner Linken und endete in einer breiten, völlig offenen Fensterfront, die Einblick gewährte in ein Wohnzimmer und eine sich daran anschließende Küche mit Herd in der Mitte, wie man das heute so gerne macht. Auch im oberen Stockwerk blickten die Fenster wie leuchtende Augen in die Nacht. Dahinter Möbel, Lampen, Bücher, abstrakte Kunst, Standboxen – einfach alles, offen wie in einem Puppenhaus. Und durch diesen Lichtkubus rannte eine Frau in einem roten Abendkleid, keine 20 Meter von mir entfernt, sie fegte wie ein roter nasser Pinselstrich durch diesen Lichtwürfel, holte mit ihrer rechten Hand aus und schleuderte einen Gegenstand nach dem anderen in den Raum hinein, von mir aus gesehen nach links. Und dort hinten im Eck sah ich einen Mann, der sich urplötzlich wegduckte, hinter einem Sessel verschwand, und dann hörte ich abermals, zeitversetzt, das Geräusch zerspringenden Glases und zerstörter abstrakter Kunst. Und dann einen Schrei in einer hohen, einer sehr hohen Frequenz.

Erst jetzt merkte ich, wie angespannt meine Muskeln waren – erst jetzt, als sie sich lösten. Instinktiv trat ich einen Schritt hinter den Busch zurück, der das Grundstück vom Trottoir trennte. Dann schaute ich wieder in das Haus. Unten war jetzt niemand mehr zu sehen, dafür huschten oben zwei Schatten an den Fenstern vorbei . Ein Ehestreit? Für die Rosenkriegshypothese sprach der schräg auf der Auffahrt geparkte Geländewagen, dessen Beifahrertür nicht ganz geschlossen war. Das rote Sicherheitslämpchen an der Innenseite der Tür ging in der Lichtflut, die aus dem Haus brach, fast unter.

Der einzige Muskelkrampf, der sich nicht löste, war der meiner Hand, die sich in meiner Manteltasche um den Blackberry klammerte. Daher merkte ich auch erst nach einer gewissen Zeit, daß das Gerät vibrierte. Ein Anruf. „Unbekannte Nummer“. Warum ich den Anruf annahm? Es war sicher ein Akt gegen die Einsamkeit.

„Ja?“, versuchte ich sicher und vorsichtig zugleich zu sagen, auf jeden fall leise, als könnte mich das Paar hören.

„Ich bin’s, hast Du einen Moment für mich Zeit oder liegst Du schon im Bett?“

Wieder dieses Gefühl der Verlorenheit.

„Nein, nein“, flüsterte ich, jetzt noch leiser, während meine Augen dem Mann folgten, der jetzt langsam, sehr langsam an der oberen Fensterfront entlangschritt und auf die Auffahrt hinabzuschauen schien. Ich drückte mich noch enger in den Schatten des nassen Rhododendrons

„Nein, ich schlafe noch nicht“.

„OK, ich habe vorhin noch etwas vergessen, etwas, was mir wichtig ist und was ich dir unbedingt sagen wollte. Ich war müde und dachte nur an die Operation. Ich hoffe, Du bist jetzt nicht sauer auf mich“.

Der Mann war jetzt wieder im Wohnzimmer aufgetaucht, ich konnte es nicht genau erkennen, aber er schien sich das Gesicht mit einem Taschentuch oder einem Handtuch abzuwischen.

Ich wußte jetzt nicht, was ich sagen sollte.

„Hörst Du?“–

„Ja, ich höre. Schieß los.“

„Es geht um Dich – und es könnte wichtig sein“.

Es gab überhaupt keinen Grund, Angst zu bekommen. Aber was war das jetzt?

„Wieso um mich? Um diese Zeit? Hör mal, es reicht, ich muß jetzt ins Bett. Gute Nacht!“ Wieder diese abgründige Leere, dieser nasse Busch.

Ein dumpfes, unangenehmens Geräusch war aus dem hinteren Teil des Hauses, aus der Küche, oder noch weiter hinten, zu vernehmen. Ein Schaben, als würde man einen gigantischen Schrank verschieben.

„Ja, um Dich. Ich glaube, Du hast ein Problem. Ich habe mir nicht getraut, es Dir zu sagen. Es hätte irgendwie unsere gute Stimmung kaputt gemacht.“

Aus dem Rhododendron tropfte das Wasser eiskalt in meinen Nacken.

„Red endlich, was ist los?“

„Der Fleck unter Deiner Nase, mein Lieber, der schaut gar nicht gut aus. Das ist kein Muttermal, das würde ich unbedingt mal checken lassen. Mein Bruder hatte auch so etwas. Ich bin zwar kein Hautarzt, aber ich kenn mich schon ein bißchen aus. Du weißt ja, Ärzte haben ein Blick für solche Sachen“.

Ich wußte nicht, ob sich meine Organe wegen dieser Ferndiagnose oder wegen des langgezogenen, langsam erstickenden Schreis zusammenzogen, der sich mit dem Kunstlicht jetzt zu einer spitzen, harten Figur vereinigte, die durch das Gebüsch und die Sträucher hindurchstieß wie kalter Stahl.

„Was redest Du da? Was für ein Fleck denn?“

„Wo bist Du, was war das für ein Schrei, stimmt was nicht?…Was ist los, bist Du in Schwierigkeiten?“

Ich kauerte jetzt schon an der Wurzel des Busches und konnte durch das Geäst nicht mehr so gut erkenne, was im Haus vor sich ging. Ich sah nur noch, wie der rote Pinselstrich plötzlich über die weiße Leinwand fuhr und sich mit einem braunen Körper verband und wieder von ihm trennte. Nachbarn schien es hier keine zu geben.

„Ich weiß nicht… nein, nein, keine Probleme. Nur die Nachbarn.“

….

„Peter, stimmt was nicht?“

Ich klemmte meinen Blackberry unter’s Kinn, um mit den Händen die Äste beiseite schieben zu können.

„Nee, alles ok, echt“, ich zwang meine Stimme dazu, ruhig zu klingen, entspannt.

„Und danke für deine ärztliche Fürsorge, ich habe mich in den letzten Wochen auch schon über das Ding gewundert. Werde es abklären lassen. Schlaf gut, bis bald!“

„Peter?“

„Ja? Was denn noch?“

„Das war nicht alles. Ich  muß dir noch was gestehen“.

Still war es jetzt. Keine Bewegung mehr. Das Wasser drang durch die Sohlen meiner Schuhe, die Feuchtigkeit breitete sich in den Socken aus.

„Ich bin kein Arzt. Ich bin kein Arzt mehr“.

„Sondern?“ flüsterte ich, da sich jetzt wieder etwas hinter der Scheibe im Erdgeschoß bewegte, und zwar so, daß ich spürte, es würde mich früher oder später in seine Bewegung einbeziehen.

„Na ja, ich bin schon noch Arzt, aber ich kann nicht mehr als Arzt arbeiten. Ich habe auch morgen früh keine Operation. Ich werde, ehrlich gesagt, nie mehr operieren“.

„Hör mal, was redest Du denn da für nen Scheiß? Du hast mir doch den ganzen Abend von Deinen OPs  erzählt, von der ruhigen Hand, von der Konzentration und so weiter?“

Das Licht im Erdgeschoß des Puppenhauses verlosch. Die Rhododendronfinsternis war jetzt überall.

„Ja, ja, ja, werd’ jetzt nicht sauer, das stimmte ja auch alles. Ich habe eine ganze Menge Leute operiert, bevor diese Sache passierte.“

Jemand verließ jetzt das Haus. Ich konnte nicht mehr weg, ohne gesehen zu werden. Das Ende der Unsichtbarkeit kam näher.

„Und?“ Mehr konnte ich nicht sagen, er oder sie würde mich sonst hören.

„Ok, ich lass es jetzt raus, ich sitz’ im Knast, seit 15 Jahren, ich hatte heute Freigang und war schon spät dran. Draußen wartete der Wagen auf mich. Ich wollte es Dir sagen, aber es ging einfach nicht. Du warst mein bester Freund, und es tat mir so leid“.

Der Raum, der mir zur Verfügung stand, war auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Ein Quadratmeter nasser, fetter Erde. Der Durchlaß: eine Mobilfunkleitung.

„Oh Mann, was erzählst Du da, das gibt’s doch nicht. Du verarschst mich doch“.

„Kannst Du etwas lauter reden, ich versteh Dich kaum“.

Jemand kam jetzt die Auffahrt hinab, langsam, schwerfällig, schlurfend, mit dem Rücken zu mir.

Wieso ging er rückwärts?

„Nein, die…die Verbindung ist schlecht“.

„Ok, ok, ich versteh’ Deine Reaktion, ich bin jetzt auch gleich im Knast und muß aufhören. Nur eines noch: Du willst sicher noch wissen, warum einer so lange im Gefängnis sitzt, oder?“

„Ja“.

„Ich mach’s kurz und schmerzlos. Ich hab meine Frau umgebracht. So, jetzt weißt Du’s“.

Er war jetzt fast am Wagen angelangt. Ich sah seinen Rücken, seinen vornübergebeugten Rücken. Er beugte sich nach vorne, bewegte eine Last.

…..

„Bist Du noch da?“

„Ja. Ja. Sicher. Wann kommst Du raus?“ Ich war selbst überrascht, daß ich zu dieser Frage fähig war, deren Beantwortung überhaupt keine Bedeutung hatte.

„Gar nicht mehr. Denn es war ein Doppelmord.“

Die vordere rechte Tür des Jeeps war weit geöffnet. Er stemmte das Paket mühsam auf sein Knie und beförderte es mit einem Ächzen ins Wageninnere.

Dann drehte er sich plötzlich um, ansatzlos.

Ein großer Mann im Regen.

„Ein alter Freund hatte den Mord gesehen, ganz zufällig, Du glaubst es nicht, wenn ich es Dir erzähle. Beim Nachhausegehen. Ach ja, das ist schon so lange her, es ist fast wie aus einem anderen Leben“.

Eine Wiese, eine Frühlingswiese, der erste warme Tag. Der Spätschnee schmolz im Schatten der Bäume. Wir hatten gespielt, meine Schwestern und ich. Verstecken. Sie hatten lange gesucht und mich nicht gefunden. Das Spiel wurde ihnen irgendwann unheimlich, dann langweilig. Sie gingen ins Haus zurück. Ich sah, wie sie Hand in Hand durch die Krokusse und Glockenblumen davon spazierten, wie sie immer kleiner wurden und schließlich hinter einer Hecke verschwanden, hinter einer Hecke, die noch ganz braun war vom Winter. Ich wagte nicht, mich zu bewegen. Ich hielt den Atem an und betrachtete die Steinchen und Gräser vor mir und den ersten Laufkäfer des Jahres. (2009)

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