Simple twist of fate

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Man kann es schon so machen: Sich einfach neben das Leben hinstellen oder fast schon hinlümmeln und so tun, als sei es nicht da oder vielmehr immer nur dann, wenn man es gerade braucht und dann eben nur und ausschließlich so, wie es einem in die Situation paßt. Dann fließt, blubbert, zischt, wirbelt, kluckert, plätschert, sickert oder strömt es an einem vorbei, das Leben, je nachdem. Ab und an hängt man seine Angel rein und zieht sich einen Fisch. Bei Hochwasser krabbelt man die Böschung rauf, bei Trockenheit sammelt man im Flußbett Brennholz, bei Regen ist es eh egal, und bei Hitze steckt man die Haxen ins Kühle. Wenn es einem langweilig ist, spricht auch überhaupt nichts dagegen, leichten Seins einen flachen Stein flippen zu lassen auf dem glatten Rücken des Lebens.

Das haben sich schon viele gedacht, auch jene zwei fast gleichalten Männer dieser kleinen Geschichte. Der eine lebte auf der Südseite des Flußes, der andere hauste an dessen nördlichem Ufer, meist im Schatten. Der eine stand immer ganz früh auf, marschierte nackt mit Sonnenbrille, Bluetooth und Einstecktüchlein durch die Landschaft, sportelte erst, werkelte dann, schwitzte, klopfte, telefonierte, rechnete, machte und ackerte und tat. Der andere steckte den lieben langen Tag den Kopf, die Schultern, den Rücken und den Unterleib in die Büsche und sonnte sich die Fußsohlen. Ab und an ließ er einen deftigen Furz in die Brennesseln und Weidenbüsche abgehen, worauf diese sich sacht im Winde bewegten. Was ihn inspirierte.

Einmal im Jahr, meist in einem der Sommermonate, geschah folgendes: Der Südufler schnürte fein säuberlich sein Gepäck, ritzte eine Abwesenheitsnotiz ins Schwemmholz und schwamm zügig auf die andere Seite. Der Nordufler kratzte sich gähnend die bleichen Pobacken, schlug die Weidenbüsche und Brennesselstauden auseinander und ließ sich, unrasiert, gemächlich auf dem Rücken ans Südufer treiben. In der Mitte des Flußes hätten sie sich eines Blickes würdigen können, taten es aber nicht, weil der eine auf dem Rücken, der andere auf dem Bauch daherkam. Der Südufler blieb eine Woche im Schatten. Er schnitt sich gleich am ersten Tag ein präzises Rechteck in die Brennesseln, kappte ein paar Weidenäste und stellte 13 strategisch postierte Angeln für die Versorgung mit Fisch auf. Der Schattler blieb eine Woche am Südufer. Man sah ihn meistens herumliegen, manchmal kletterte er aber auch auf einen Baum oder warf Lasso, was er aber nicht gut konnte.

Nachdem die Woche vorüber war, verschnürte der Südufler wieder sein Gepäck, verwischte die Spuren, machte alle Türen hinter sich zu, säte neue Brennesseln und sprang, mit Anlauf, in den Fluß. Nach ein paar markigen Kraulzügen drehte er sich auf den Rücken. Das machte die Entspannung. Auf der Südseite stieg der Bleichpo vom Baum, rollte sein Lasso auf wie einen Stacheldraht, pinkelte ins Schwemmholz und schwamm los. Auch auf dem Rücken.

Diesmal begegneten sie sich Kopf an Kopf – genau in der Mitte des Flusses, also, um im Bild zu bleiben, sozusagen in einer Midlife-Crisis. Diese sind ja meist transitorischen Charakters. Man muß durch sie hindurch, erkennt aber erst später, daß man in einer war. Diese Chance hatten die beiden Ufler nicht. Denn vom Zusammenstoß betäubt, schluckten beide das Wasser des Flusses, der an diesem Tage gar nicht einmal so schnell dahinfloß, und versanken, beide, in den Fluten bis auf den Grund.

Um den einen war es nicht schade. Der andere hatte vorher wenigstens noch Brennesseln gesät. (2005)

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