„What you need is a gramme of soma“: Ernst Jünger und Aldous Huxley

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Im Jahr 1932 erscheint Ernst Jüngers Untersuchung Der Arbeiter – ein Versuch, die sichtbaren Geschichtskräfte in einer Schwellensituation zu beschreiben, zu analysieren und fortzudenken. Jünger selbst schrieb 1963 im Vorwort zur Neuausgabe des Arbeiters, das „Erscheinen des Buches kurz vor einer der großen Wenden (sei) nicht zufällig“ – und zwar deswegen, weil zu diesem Zeitpunkt „an der Unhaltbarkeit des Alten und der Heraufkunft neuer Kräfte kein Zweifel mehr bestand“. Der Arbeiter stellt nach Jünger den Versuch dar, „einen Punkt (zu) gewinnen, von dem aus die Ereignisse in ihrer Vielfalt und Gegensätzlichkeit nicht nur zu begreifen, sondern, obwohl gefährlich, auch zu begrüßen sind“. Die Ereignisse, von denen Jünger hier spricht, sind „jenseits der Parteiungen“ zu verstehen: Es sind die Strukturen der modernen, technisierten, mobilisierten Gesellschaft und ihre vielfältigen Erscheinungsformen, die Jünger erfasst, ordnet und weiterdenkt – wobei die mobile, vernetzte, automatisierte Gesellschaft unserer Tage durchaus als Resultat jener „Mobilisierung“ der Welt durch Technik und damit als Verifizierung einer zentralen These des Arbeiters gesehen werden kann.

Eine solche Erfassung und Ordnung moderner Strukturen leistet auch Aldous Huxleys Roman Brave New World, der im selben Jahr wie der Arbeiter publiziert wird und der diesem Datum ein weiteres Stück von seiner Zufälligkeit nimmt. Daß dieser Roman, obgleich in der Zukunft spielend, von der Gegenwart handelt, notiert Jünger am 29. Juli 1943 im Zweiten Pariser Tagebuch: „An diesem Buche sieht man, daß alle Utopien im Grunde die eigene Zeit des Autors schildern – sie sind Spielarten unseres Wesens und zeichnen dessen Konsequenzen in einem Raum von bedeutender Schärfe, der sich Zukunft nennt. Die Utopien sind im allgemeinen optimistisch, da Zukunft und Hoffnung sich wesentlich verknüpfen; hier aber handelt es sich um eine pessimistische Utopie“. Die Bücher verfolgen unterschiedliche Strategien: Huxleys scharf gezeichneter Roman wirft sein Licht aus einer imaginierten Zukunft zurück auf die Gegenwart. Jüngers extrem überbelichtet dargestellte Wirklichkeit leuchtet, wenngleich noch unscharf, Teile der Zukunft aus, indem der Arbeiter erkennen läßt, was sich konturhaft jenseits der Schwelle, nach dem Übergang und der Ablösung, abzeichnet. Überspitzt  könnte man formulieren: Huxley schreibt eine Dystopie der Zukunft, Jünger eine Utopie der Gegenwart.

In beiden Entwürfen spielt dabei das Konzept der Individualität und des Individuums eine zentrale Rolle. Bei Huxley wird dieses Konzept zum Kristallisationspunkt seines Pessimismus. In Brave New World gibt es keine Ausprägung von Individualität mehr. Ein System von Konditionierung und Manipulation definiert Bedürfnisse, ein technokratisch-oligarchischer Staat sorgt für deren Befriedigung. „Schicksal“ ist ein ebenso synthetisches Produkt wie „Liebe“ und „Glück“. Planung bedeutet Keimfreiheit: „Civilization is sterilisation“ lautet einer der Leitsprüche dieser Welt. Die Differenzen zwischen Ich und Du werden aufgehoben („For I am you and you am I“), ebenso der Wille des Einzelnen und seine aus diesem Willen entspringende historische Perspektive („Was and will make me ill“). Das Konzept der Individualität hat ausgedient – scheinbar. Denn auch in dieser gläsernen, durchorganisierten Welt bleibt ein unauflösbarer Rest von Melancholie. Wie ein Echo aus fernen Tagen schwingt in den Menschen ein letzter Impuls ihres Menschseins nach. Und um auch diesen Rest zu überwinden, verabreicht diese Welt ihren Bewohnern Drogen: „You need a gramme of soma“, ist ein geflügeltes Wort in Brave New World, oder: „I take a gramme and only am“.

Pessimismus und Optimismus sind keine tragenden Kategorien für Jüngers Arbeiter: „Noch einmal wollen wir uns hier erinnern, daß unsere Aufgabe im Sehen, nicht aber in der Wertung besteht“, heißt es im 39. Kapitel. Jünger „sieht“ also die Ablösung des bürgerlichen Individuums durch den Typus des Arbeiters, er bewertet sie nicht. Er liest die Transformation von Individualität ab an Eigenschaften, die auch Huxleys Romanwelt charakterisieren. Jünger registriert die Gleichförmigkeit der Individuen, die „maskenhafte Starrheit des Gesichtes“. Er notiert die Uniformierung der Kleiderwelt, die die Herausbildung des Typus unterstützt und die bei Huxley als Allgegenwart der Reißverschlußanzüge, der „Zippers“, erscheint. Auch Haltung und Gestik der Menschen fallen aus der hergebrachten Ordnung, werden zusammenhanglos, unharmonisch, zwielichtig. Das Theater und seine ständisch geprägte Harmonie, so zeichnet Jünger auf, der klassische Roman und das einmalige Erlebnis, das er verbürgt, treten hinter die Allgegenwart und Allgemeinheit des Lichtspiels zurück, in dem der Filmschauspieler einen Typus verkörpert. Bei Huxley sind es nicht mehr die „Movies“, sondern die „Feelies“, die die Massen anziehen und sie mit fremden, künstlichen Gefühlen versorgen. In allen Bereichen von Gesellschaft und Staat werden die Räume des Individuums eingeschmolzen, seine gesellschaftlichen Setzungen, wie sie sich in Ständen und Zünften ausprägen, die sich wiederum in äußeren Zeichen als solche zu erkennen geben, werden abgeschliffen. Was bleibt, ist eine uniforme Masse, die in immer mächtigeren Strömen an immer dieselben Orte und Plätze drängt, dabei aber eine ungeahnte Energie entwickelt.

Jüngers Blick, der auf die Wirklichkeit gerichtet ist und in ihr den Kulminationspunkt einer historischen Entwicklung sieht, sucht im Arbeiter nichts von den Werten des Individualismus zu retten. Im Gegenteil: Der Entfaltung jener Energie der Arbeitswelt, der „Erprobung und Härtung der Planlandschaften“, die dem „Eintritt in den imperialen Raum vorausgehen“, sieht er äußerst fasziniert zu. Über Huxleys entgegengesetzte, moralisch fundierte Haltung notiert Jünger am 15. September 1943 während der Lektüre des Romans „Point Counter Point“: „Es handelt sich bei ihm um einen Anarchisten mit konservativen Erinnerungen, der gegen den Nihilismus in Stellung geht“ – und damit auch gegen den Kern des Arbeiters, auf den Brave New World kontrapunktisch bezogen ist

Dieser Dialog zwischen den beiden Autoren, die im Jahr 1932 aus unterschiedlichen Perspektiven das gleiche Geschehen in den Blick nehmen, setzt sich nun Jahrzehnte später auf überraschende Weise fort – und zwar in den beiden Drogen-Büchern Doors of Perception (1954) und Annäherungen. Drogen und Rausch (1970). Von Brave New World führt ein direkter Weg zu den „Pforten der Wahrnehmung“: Huxley deutet in diesem Essay an, daß die psycho-soziale Konditionierung, der wir unterworfen sind, die Wahrnehmung dessen, was „ist“, stark reduziert und einengt. Wir leben mitten in der „schönen neuen Welt“ und sind nicht mehr in der Lage, einen Gegenstand als solchen wahrzunehmen, sondern nur noch seine Abstraktion, seine Funktion, seinen Nutzen. In der Wahrnehmung Trennen wir das Nützliche vom Unnützen und versetzen uns dadurch in die Lage, schnell zu handeln, Entscheidungen zu treffen, zu überleben. Die Entfernung vom Realen, von dem, was Meister Eckart „Istigkeit“ nennt, wird immer größer. Die Droge, das Meskalin in diesem Fall, hebt diese Konditionierung zeitweise auf und läßt uns die Dinge so sehen, wie sie an sich sind: klar, absichtslos, schön. Kunst ist ein Zustand, wie Huxley in seiner Reflexion über die Unendlichkeit der Gewandfalten bei alten Meistern zeigt, der der Öffnung der Pforten nahekommt, sie aber nicht erreicht. Die Rettung der vollen mystischen Erfahrung und damit die Rettung der ganzen Mögklichkeiten des Individuums in der Moderne ist nur über die geregelte Einnahme von Meskalin möglich – so Huxleys These, die er als reale, gesellschaftliche Forderung verstanden wissen will: „Take a gramme of soma“ – dieser Satz aus Brave New World klingt hier auf verstörende Weise nach. So läßt sich Huxleys Essay deuten als Rechtfertigung genau jener Schließung der Melancholie-Lücke im gläsernen Gewebe der Welt aus dem utopischen Roman von 1932. Die Brave New World hat ihren Autor eingeholt.

Jüngers Annäherungen hingegen stellen den äußersten Gegenpol zum Arbeiter dar. Sie sind ein Report aus dem Reservat, das die Moderne dem Individualismus zugewiesen hat, und halten eindeutig fest, daß sich aus individuellen „Annäherungen“ keine gesellschaftliche Handlungsmaxime ableiten läßt. Jünger bewahrt die Freiheit individuellen Handelns vor ihrer ideologischen Inanspruchnahme. Er erkennt, daß Freiheit sich nicht postulierend, sondern nur handelnd verwirklichen läßt. Der Dialog der Autoren formt so eine beziehungsreiche Figur: Jünger zieht die Konsequenzen aus der Brave New World, während Huxleys Versuch, das individuelle Erleben typifizierend zu überhöhen, die Prognose einlöst, die der Arbeiter 1932 formulierte. (2005)

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Ein Gedanke zu “„What you need is a gramme of soma“: Ernst Jünger und Aldous Huxley

  1. Eine Anmerkung zum Thema Fortschritt/Mobiliserung durch Technik. Wer Sloterdijks „Schreckliche Kinder der Neuzeit“ gelesen hat, wird Parallelen zu Jüngers „Arbeiter“ nicht übersehen. Beider Überlegungen sind absolut „heillos“. Eschatologische Horizonte? Fehlanzeige. Wer Jüngers „Arbeiter“ liest, wird das Gefühl nicht los, hier solle konservativem Denken die letzten Illusionen bzw. Sentimentalitäten ausgetrieben werden. Die Moderne ist kein unvollendetes Projekt. Sie ist der vollendete Bruch mit der Vergangenheit, „totale Mobilmachung“ von Einebnungsforderungen und Leistungsprinzipien.

    Sloterdijks Bild vom Fortschritt als Drift ins Bodenlose – die Steigerung der Technik bei gleichzeitigem Ausschluß ehedem als Voraussetzung gedachter und gemachter kultureller, genealogischer Übereinkünfte – erinnert an Jüngers „totale Mobilmachung“. Der als „zivilisatorische Humanität“ (Jünger) maskierte Fortschrittsglaube ist die psychopolitische Rahmung des antitraditionalistischen, abräumenden Wesens der Technik. Ihr „naiver Kultus“ (Jünger) setzt „zu Vorstößen an, die man bisher für undenkbar gehalten hatte.“ (Jünger). Ein entscheidender Punkt in Jüngers Schrift ist die Vermutung, Deutschland habe den Ersten Weltkrieg verloren, weil es ihn „für Kaiser, Gott und Vaterland“ geführt und damit an traditionalen Filiationen festgehalten habe, während der westlichen Allianz die totale Mobilmachung im Namen universalistischer, also anti-genealogischer Werte gelungen sei.

    Am universalistischen Wertehorizont taucht für Jünger bereits die Gestalt des Arbeiters auf. Der Arbeiter ist die von der Technik selber geschmiedete Gestalt, die neue Ordnungen nicht qua Gesellschaftsvertrag oder Verfassung installiert, sondern als „typenbildende Macht“ , als ein die „Wirklichkeit organisierendes und alles durchdringendes Prinzip“ setzt (Heimo Schwilk). Es ist der anti-genealogisch inspirierte, aller Besitz- und Komfortaspirationen ledige Wille zur Macht. Totale Mobilmachung als totale, weil permanente Ruhelosigkeit. Jünger taucht in Sloterdijks Schrift zwar in keiner Fußnote auf, der Verfasser scheint ihn aber gründlich gelesen zu haben. Wenn er schreibt „Faschismus ist die Zustimmung zur Unmöglichkeit der Demobilisierung“, liest sich das wie die Paraphrase Jüngerscher Gedanken. Noch verblüffender die Korrespondenzen zu Jüngers Überlegungen zum Stil der Moderne in „Minima Maxima“. Die darin als Korrektur seiner im Arbeiter-Essay eingenommenen Perspektive zu verstehenden Anmerkungen zur damals „gegenwärtigen Lage“ nehmen Sloterdijks Gedanken vom Abbruch der Filiation vorweg.

    „Bewährte Typen…können sich nicht mehr glaubwürdig durchsetzen. Der allgemeine Schwund betrifft die Paternität, im weiteren Sinne sogar die Autorität…Hierher der Trieb nach Mitteln von immer größerer Kraft, Geschwindigkeit und Reichweite.“ – wobei sich die „instinktive Sicherheit in der Ablehnung der Vorbilder…mit der naiven Dürftigkeit der eigen Vorweisungen“ – ihre reine Immanenz – vereint. (Minima Maxima , S.21 u. 22). Das könnte so auch bei Sloterdijk stehen. Es überrascht dann nicht, daß auch Sloterdijks Bild der Welt als Delta im Schlußkapitel schon einmal von Jünger skizziert worden war: „Dennoch ist die Welt erfüllt von immer größeren Zusammenschlüssen, immer stärkeren Entfaltungen. Ihre Systeme gleichen Strömen (sic!), die, aus verschiedenen Quellen entspringend und durch immer reichere Zuflüsse genährt, an Macht und Lastbarkeit gewinnen, bis schließlich das Auge kaum noch die Ufer zu erkennen vermag.. Freilich werden, wie jede Bildung ins Ungesonderte (sic!) zurückkehrt, auch sie endlich ins Meer münden. Zuweilen geht dem eine Teilung, eine Deltabildung (sic!) im aufgeschwemmten Grund voraus. (Minima Maxima, S. 70)

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