Kugeln, die sich im Raume treffen: Jünger und Kafka

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Die Pfade, die von  Jüngers Lesen zu seinem Schreiben führen, liegen nicht offen zu Tage. Zwar gibt es Autoren, deren Bedeutung für Jüngers Denken evident ist. In erster Linie handelt es sich hierbei um Autoren, die die Geschichte der Ideen entscheidend geprägt haben und deren Spuren sich in Jüngers Auseinandersetzung mit diesen Ideen wiederfinden: Nihilismus, Demokratie, Subjektivität, Natur werden in Rückbezug auf und in Auseinandersetzung mit Nietzsche, Dostojewski, Tocqueville, Hamann und Linné erörtert, um nur einige zu nennen. Diese Ebene der Texte, man könnte sie die Autor-Ebene nennen, bestimmt seit langem die Auseinandersetzung mit Jünger und mit seinem Werk. Das hat natürlich seinen Ursprung in der starken persona Jüngers und im Erlebnischarakter vieler seiner Werke. Jüngers furchtloses Zugehen auf die Wirklichkeit läßt sich fraglos deuten als die Überwindung eines bloßen, unverbindlichen Literatentums. Das, was Heidegger treffend Jüngers „Spähkraft und Wendigkeit“ nannte, hebt ihn grundsätzlich ab vom Literaturbetrieb des letzten Jahrhunderts.

Doch hat diese Sichtweise auch zu einer ganz erheblichen Verkürzung der Perspektive auf Jünger geführt. Sie hat, abgesehen vom vielzitierten „Stil“ Jüngers, die sprachliche und poetische Dimension fast vollständig ausgeblendet – diejenige Dimension, die dem Text sein Eigenleben und seine Tiefenschichtung gibt. Schon Heidegger bemerkte, daß Jüngers Sprache, die das Wirkliche nicht bloß abbildet, sondern Teil dieses Wirklichen ist, einen ähnlichen Charakter wie seine eigene Sprache hat, die Ursprünglichkeit durch etymologische Rückführung zu erreichen sucht.  Wie wenig Jünger selbst den Text seiner Tagebücher auf eine biographische Funktion reduziert, zeigt ein Eintrag in den „Strahlungen“ vom 17. September 1943: „Als Autor muß man auch bei den Malern in die Schule gehen – vor allem im ‚Drüberarbeiten’, in der Kunst immer neuer und feinerer Auftragungen auf den groben Text“. Was aber sind diese „feineren Auftragungen“? Sie lassen sich allzu leicht als „Stil“, als Handwerk und damit als unwesentlich von der Substanz des Textes abziehen. Nur: So ist der Vergleich nicht gemeint. Denn was bliebe von einem Gemälde übrig, wenn man nur den ersten Farbauftrag stehen ließe? Was allein zählt, ist die letzte Schicht und die Interaktion mit denen, die ihr vorausgingen – sofern der Text so gut ist, daß sie noch hindurchscheinen. Was zählt, ist die Gestalt des Textes, und nicht nur sein dokumentarischer Wert. Autorschaft beweist sich nicht nur in der Anverwandlung von Realität, sondern auch – und ganz entschieden – in der Gestaltung eines Raumes aus Bildern und Sprache, der nicht nur eine abbildende Funktion hat.

Zurück zum Text also: Die Gestalt des Textes der „Strahlungen“ wird, wie sich hier andeutungsweise zeigen läßt, vom Einfluß von Autoren geprägt, die Jünger beschäftigen. Solche Autoren gruppiert Jünger immer wieder nach bestimmten Themen, so auch im Tagebucheintrag vom 21.12.1943, der mit einem Lektürenotat zu Horst Langes Erzählung „Das Irrlicht“ (1943) beginnt (zu Horst Lange vgl. Götz Kubitscheks lesenswertes Portrait in „Sezession“ 7): „Er zählt zu dem sinistren Bukett von östlichen Autoren, das man vielleicht dereinst als Schule sehen wird – ich denke dabei an Namen wie Barlach, Kubin, Trakl, Kafka und andere. Diese östlichen Schilderer des Verfalls sind tiefer als die westlichen; sie dringen über dessen soziale Erscheinung in elementare Zusammenhänge und bis zu apokalyptischen Visionen vor. So ist Trakl in den dunklen Geheimnissen der Verwesung, Kubin in Staub- und Moderwelten und Kafka in traumhaften Dämonenreichen erfahren wie Lange in den Sümpfen, in denen die Kräfte des Unterganges am stärksten leben, ja in denen Fruchtbarkeit von ihnen entfaltet wird“. Diese Autoren des Ostens erfassen die Wahrheit des historischen Moments in seiner Tiefe und ahnen bereits das voraus, was Jüngers spätere metahistorische Wende ausmachen wird. So betrachtet, sind sie ihm Zeugen für den prophezeiten Gang über die Linie. Das Bild vom Sumpf, der Untergang und Wiedergeburt zugleich ist, löst sich nun von dem zitierten Autor und wird zu einem Motiv des Jünger’schen Textes selbst. So heißt es, in ähnlichem Zusammenhang, über Léon Bloy: „Bloy gleicht einem Baume, der, in den Sümpfen wurzelnd, erhabene Blüten in der Krone trägt“ (28.10.1944). Dieses Motiv ließe sich in den „Strahlungen“ weiterverfolgen. Doch hier soll es um einen anderen Autoren gehen, dessen Evokation im obigen Zitat eine verstecktere Wirkung hat und an dem sich ein Moment der eigentümlichen Gestalt der „Strahlungen“ – ihr feinerer Auftrag – zeigen läßt: um Franz Kafka.

Kafka begegnet dem Jünger-Leser wieder am 24. September 1978, in „Siebzig verweht II“ (in der Gesamtausgabe auch „Strahlungen IV“ genannt). In diesem Eintrag zitiert Jünger aus einem Brief an einen amerikanischen Forscher, der über Jünger und den französischen Schriftsteller Drieu La Rochelle arbeitet: „Hinreichendes Material dürften Sie in einem Werk von Julien Hervier finden, das soeben in Frankreich erschienen ist: ‚Deux Individus contre L’Histoire. Drieu La Rochelle / Ernst Jünger. Das Opus ist an fünfhundert Seiten stark und enthält ein umfangreiches Register. Sein Motto: ‚Il n’y a de décisif que l’individu qui se bat a contre-courant’“. Schlägt man in dem genannten Werk nach, so findet sich unter dem Motto eine Autorenzeile: Franz Kafka. Warum unterläßt Jünger in diesem Kontext, in dem es übrigens zwei Absätze weiter wieder um den Osten, hier um den „russischen Pilgersmann“ und sein „unablässiges Gebet“ geht, die Nennung Kafkas? Und ist es nicht ein sehr „feiner Auftrag“, daß eines der wichtigsten Bücher von Drieu La Rochelle den Titel „Le feu follet“ trägt – zu Deutsch: „Das Irrlicht“, wie der Roman Langes, den Jünger am 21. 12.1943 bespricht – das Irrlicht, das über den Sümpfen tanzt?

Weitere Fragen tun sich auf. 27. Juli 1979: „In diesem Heft der ‚Revue des Deux Mondes’ auch ein Aufsatz von Pierre de Boisdeffre über Deutsche und Juden auf dem Hintergrund der ‚Endlösung’. (…). Ferner ein mir unbekanntes Zitat nach Kafka: „Juifs et Allemands sont des exclus. Das wird an den Juden offenbar, doch weniger deutlich an den Deutschen, weil ihr Tempel noch nicht zerstört worden ist. Doch das wird kommen (1920)’“. Warum verfremdet Jünger das Zitat Kafkas, indem er es nur teilweise übersetzt? Und warum betont er die Tatsache, daß dieses Zitat ihm bisher unbekannt war? Die Antwort auf diese Fragen kann ein Jünger-Zitat geben: „Wenn zwei Schützen, die nichts voneinander wissen, zu gleicher Zeit dasselbe Wild erlegen, ist das selten, doch kann es vorkommen. Sollten sich ihre Kugeln im Raume treffen, würde es unheimlich“.

Wie die zwei Kugeln, so überschneiden sich auch die Flugbahnen der Kafka-Motive in Jüngers Tagebüchern, über Jahrzehnte und Hunderte von Seiten hinweg – ob „bewußt“ oder „unbewußt“, ist eine Frage für Kleingeister. Sie formen „Webmuster des Außerordentlichen“ , „seltsame, fast unerklärliche Begegnungen“ (18. Januar 1982). Das Außerordentliche ist dabei alles andere als außerordentlich: „Es schlummert nicht unter der Decke, die fortgezogen wird, sondern es ist in die Decke verwebt“ (ebd.). Diese Begegnungen sind mithin Fenster im Alltäglichen, Brüche im Kontinuum der Wahrnehmung. Sie lassen uns eine höhere Wirklichkeit vermuten, die wir allerdings nicht benennen können. Dieses Unnennbare und unbenannt Bleibende beherrscht die Werke Kafkas. Ja es ist sozusagen das in ihnen waltende Prinzip. Indem Jünger nun durch Auslassungen, Verweise, Parallelen und Andeutungen die Kafka-Motive in seinen Tagebüchern „verwebt“, gibt er diesem Unnennbaren Gestalt: Der Text wird gleichsam selbst „unheimlich“, weil der Leser in ihm außerordentliche Erlebnisse hat. Die „Strahlungen“ führen also, läßt man sich von ihrem Webmuster, von ihrer Textur verführen, gerade aus dem heraus, was wir als „Realität“ anzusprechen gewohnt sind. Sie entrücken unseren Blick und geben neue Perspektiven frei – auf die andere Seite, die Alfred Kubin literarisch gestaltet hat.

Jünger zitiert am 18. Januar 1982 Görres „Mystik“: Vielleicht ist die Lektüre der „Strahlungen“ tatsächlich eine mystische Erfahrung – so wie die Lektüre der „Fiktionen“ von Jorge Louis Borges, in denen die ewige Wiederkehr des Gleichen sich in traumhafter, nicht eigentlich fassbarer Weise und in bis zum Schluß geheimnisvoll bleibenden Analogien vollzieht. Das Medium dafür ist der Text – der vielschichtige, kunstvoll gewobene Sprachteppich. (2005)

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