Das Nichts ist der Rand des Etwas. Wie Ernst Jüngers Denken Otto Weininger überwindet

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„Kirchhorst, 3. April 1939. Im neuen Haus zum ersten Mal gearbeitet. „Die Schlangenkönigin“ – vielleicht fällt mir ein besserer Titel ein, damit man uns nicht für Ophiten hält.“ So beginnen die Strahlungen. Ernst Jünger berichtet hier über die Entstehung der Marmorklippen, die noch den Titel Die Schlangenkönigin tragen. „Ophis“ ist griechisch und heißt „Schlange“. Die Ophiten waren gnostische Sekten des 2. bis 6. Jahrhunderts, die Schlangen als Mittler der Erkenntnis verehrten. Auch die Bewohner der Rautenklause, jener Behausung „am Rand der Marmorklippen“, verehren die Schlangen, die Lanzennattern, die den Schlangenpfad bevölkern, und vor allem, wie der Erzähler mitteilt, „das größte, schönste Tier, das Bruder Otho und ich die Greifin nannten“ – eben jene Schlangenkönigin. Sie scheint das lebendige weibliche Prinzip in der Rautenklause zu vertreten. Denn neben Otho, dem Erzähler und seinem natürlichen Sohn Erio gibt es hier nur noch die Haushälterin Lampusa. Die Frau des Hauses fehlt. Der Körper der Schlangenkönigin jedoch ist vom männlichen Sexualprinzip bestimmt: „Im Zorne konnte sie den Hals zum Schilde dehnen, der wie ein goldener Spiegel im Angriff funkelte“. Männliches und Weibliches überlagern sich, die Schlangenkönigin wird zu einer androgynen Erscheinung.

Wir sind im Territorium Otto Weiningers (1880-1903), der im ersten Kapitel seines Werkes Geschlecht und Charakter (1903) die von Jünger zitierten Ophiten mit der Androgynie in Verbindung bringt: „Die Ahnung dieser Bisexualität alles Lebenden (durch die nie ganz vollständige sexuelle Differenzierung) ist uralt. Vielleicht ist sie chinesischen Mythen nicht fremd gewesen; jedenfalls war sie im Griechentum äußerst lebendig. Hierfür zeugen die Personifikation des Hermaphroditos als einer mythischen Gestalt; die Erzählung des Aristophanes im platonischen Gastmahl; ja noch in später Zeit galt der gnostischen Sekte der Ophiten der Urmensch als mannweiblich.“

Otto Weininger war neben Friedrich Nietzsche der wirkungsträchtigste Denker zwischen der Jahrhundertwende und den zwanziger Jahren. Mit 23 Jahren, kurz nach Erscheinen von Geschlecht und Charakter, schoß er sich in der Wiener Schwarzspaniergasse, im Sterbezimmer Ludwig van Beethovens, eine Kugel durch den Kopf. Auch dadurch wurde er berühmt. Noch berühmter aber wurde Geschlecht und Charakter, das seinen Weg ohne den Autor antrat. Dieses Buch entwickelt das Verhältnis des Elementaren zum Geistigen. Als das Elementare erscheint die weiblich-mütterliche, als das Geistige die männlich-schöpferische Seite des Daseins. Dazwischen verläuft eine scharfe Trennungslinie. Auf der schuldbeladenen, seelen- und persönlichkeitslosen, nicht-transzendenten Seite des Lebens befindet sich neben dem Weib nach Weininger auch der Jude. Für den Juden, der Weininger war, wird das Leben damit selbst zur Schuld: „Das Gefühl für das Chaos wächst, je mehr Kosmos man sein will. Das Nichts ist der Rand des Etwas; und wird der Mensch alles, wird er Gott, so hat er keine Ränder und keine Furcht mehr. Aber wahrscheinlich hat er kurz vorher die letzte, größte Furcht zu besiegen.“

Diese Sätze zitiert Friedrich Georg Jünger in seinem Aufsatz über Otto Weininger, der 1972 in den Scheidewegen erschien. Dieser Aufsatz, der zu dem Schluß kommt, daß Weininger diese letzte Furcht nicht besiegt hat, ist aufschlußreich. Er ist zum einen spätes Zeugnis der Weininger-Rezeption, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts so außerordentlich intensiv war: Ernst Mach, Henri Bergson, Arnold Schönberg, Karl Kraus, August Strindberg, Georg Simmel, Ludwig Wittgenstein, Elias Canetti – sie alle wurden von Weiningers Gedanken und vor allem von seiner Unangepaßtheit, von seiner „verschrobenen Großartigkeit“ (Wittgenstein) beeinflußt. Zum anderen ist der Aufsatz bemerkenswert, weil er am Beispiel der Weininger-Rezeption zeigt, wie unterschiedlich, ja diametral entgegengesetzt die beiden Jünger-Brüder Gelesenes verarbeiten. Ob nicht auch Friedrich Georg Jüngers literarische Frauengestalten von Weiningers Geschlechts-Thesen beeinflußt sind, sei hier dahingestellt, ist aber sicherlich ein lohnender Untersuchungsgegenstand. Im Scheidewege-Aufsatz wird Weiningers Denken zu einem Objekt der Reflexion. Friedrich Georg Jünger erklärt Weininger aus der Philosophie Kants und ordnet ihn ein in die Geschichte der Erkenntnistheorie. Dadurch bringt Jünger den Komplex „Weininger“ auf Distanz.

Typisch ist dies für Friedrich Georg insofern, als hier durch gedankliche Zergliederung Zusammenhänge, die dem Autor nahegehen, objektiviert und dadurch beherrschbar werden. Dieses Prinzip läßt sich in vielen Büchern Friedrich Georg Jüngers beobachten, am prominentesten in der Perfektion der Technik. Ernst Jüngers Denken geht andere Wege. Die Weininger-Rezeption vollzieht sich bei ihm nicht auf der Ebene gedanklicher Ducharbeitung und essayistischer Darstellung, sondern in Bild und Mythos. Das läßt sich beispielhaft an den Marmorklippen zeigen. Die – freilich gegenüber den gnostischen Quellen umgedeutete – Androgynie der Schlangenkönigin aus den Marmorklippen erscheint in einem gleichsam gebrochenen Licht. In der hellen Sonne der Marina werden Geheimnisse der menschlichen Natur offen ausgesprochen, indem sie als mythische Figuren gezeichnet werden. Die klar geordnete Welt der Rautenklause ist ein Produkt der Geschichte. Im Mythos tritt die beunruhigende Natur des Hermaphroditen, der aller sexuellen Differenzierung und damit auch aller Geschichte vorausgeht, gezähmt auf. Den Weininger-Schock, den eine ganze Generation erlebte, übersetzt Jünger in Bilder überzeitlicher Gültigkeit. Weiningers Gedanken werden nicht intellektuell abgeleitet und damit abgeschwächt, sondern vielmehr in ihrer verstörenden Wahrheit imaginativ fortgeschrieben. Das Dunkel, das für Weininger das unerklärliche, irrationale Leben darstellt, findet im Licht einer antiken Sonne seine – instabile und vorläufige – Klärung und Bannung.

Licht und Dunkel: Dieser Gegensatz zog Weininger an. So plante er ein Studium der Tiefseefauna des Mittelmeeres an der von Anton Dohrn gegründeten zoologischen Station in Neapel – dort, wo Jünger dann tatsächlich von Februar bis April 1925 studierte. Weininger, der bis kurz vor seinem Freitod an einer Symbolik der Tierwelt arbeitete, suchte in den Lebewesen der Tiefsee ein symbolisches Analogon zum menschlichen Verbrechen. Weil die Tiefe keinen Anteil an der Welt des Lichts hat, sah er in ihren Gestalten, in den medusenhaften Geschöpfen der Abgründe, Inkarnationen der Mordwut.

Jüngers Blick hinab war freilich, wie bereits derjenige Goethes, ein anderer: „Wie schön ist ein Lebendes, wie wahr, wie einfach, wie in sich vollendet“ – so klang es in der Klassik.

Doch auch Jünger zog es immer wieder hinauf, um immer wieder hinab zu schauen. So in Taormina am 14. September 1977: „Nachmittags auf den Ätna, zunächst mit dem Autobus bis an die Baumgrenze, dann mit Landrovern unter den Krater, endlich zu Fuß über zackige Lava und durch schweflige Dämpfe bis an den Rand. Wir hatten auf den berühmten Sonnenuntergang gehofft, doch das Wetter war ungünstig. So bot sich eher Weiningers Aspekt“. An entscheidender, signifikanter Stelle, am Rand des Vulkans, taucht wieder Weininger auf. Sein „Aspekt“, das ist der Blick hinab in den Abgrund und in das, was er preisgibt. Dieser Blick entsetzte Weininger, weil er ihn mit dem Innern des Lebens und mit der Unordnung einer chaotischen, vor-gedanklichen Welt konfrontierte. Im Vulkankrater materialisierte sich für ihn das Prinzip der Weiblichkeit. Es bedroht in seiner eruptiven Gewalt das mühsam aufrechterhaltene Selbst. Weininger sah durch diese Urtiefen das principium individuationis herausgefordert.

Dem Blick in diese Untiefen entzieht sich auch Jünger nicht. Doch bei ihm reicht dieser Blick tiefer. Und er findet einen positiven Ruhepunkt: Der Krater führt hinab zu den Müttern, zu Gäa, der Mutter Erde. Geologische Exkurse in den Tagebüchern sind immer auch so zu lesen, daß sie Begegnungen mit den Manifestationen der Erde als mythischer Kraft darstellen. Denn Jüngers mythisches Denken beruht auf der Grundannahme einer Wiederkehr der Götter und auf der Erwartung einer Versöhnung der titanischen Kräfte unseres Zeitalters mit der Erde jenseits der Zeitmauer. Bis dahin gilt es, Zeichen zu sammeln und diese zu deuten. Jünger setzt also auf Wiederkehr – und genau jene Wiederkehr, jenes Wiedererkennen, das Identität voraussetzt, war es, an dem Weininger zerbrach. Friedrich Georg Jünger: „Wenn das Denken die Wiederkehr ablehnt, wird ihr Vollzug gestört. Wenn sie es radikal verneint, wird das Leben, das auf ihr beruht, unerträglich. Dort, wo jede Wiederkehr verneint wird, ist der Selbstmord unabwendbar. Daß nichts wiederkehren soll, ist der Wunsch dessen, der Hand an sich legt.“ Der Freitod als Denkfigur ist auch in Jüngers Texten vordergründig (Weininger, Drieu La Rochelle) oder hintergründig präsent – das wurde bislang noch zu wenig gesehen.

So zeigt sich ansatzweise, wie Ernst Jüngers mythisches Denken nicht nur als Überwindung Friedrich Nietzsches, sondern auch als Überwindung Otto Weiningers gelesen werden kann: als Überwindung der Gegebenheit der zweigeschlechtlichen Natur des Menschen, als Überwindung von Dunkelheit, Schuld und Depression, als Überwindung der zerstörerischen, das Selbst auflösenden Macht der Urweiblichkeit und schließlich als Überwindung der Möglichkeit des Freitods. (2005)

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Ein Gedanke zu “Das Nichts ist der Rand des Etwas. Wie Ernst Jüngers Denken Otto Weininger überwindet

  1. Wo es Weininger schaudert, da staunt Ernst Jünger. Staunen können – das ist die Grundvoraussetzung von Heiterkeit. Allein schon deshalb ist die Lektüre Jüngers zu empfehlen: Erziehung zur Heiterkeit.

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