Dezentraler Krieg – Dezentraler Frieden?

thL1W4Y76Q

Inter pacem et bellum nihil medium. So schrieb Cicero in seiner Philippica. Frieden wäre demnach die Abwesenheit von Krieg. Und Krieg die Absenz von Frieden. Wo die Waffen schweigen, da wäre Frieden. Frieden gedacht als eine Form des Waffenstillstands. Entweder es ist Frieden, oder es ist Krieg. Dazwischen nichts.

Diese Form des Friedens hat Voraussetzungen, die heute nicht mehr gegeben sind (und die wahrscheinlich auch nie gegeben waren): die unumstrittene Verbindlichkeit von völkerrechtlichen Beschlüssen, die Durchsetzbarkeit von internationalen Friedensabkommen, das staatliche Gewaltmonopol. Der eindeutige Friede ist keine erlebbare Realität, heute schon gar nicht mehr, aber auch nicht die klare, eindeutige Form des Krieges. Kriege haben sich geändert, und mit ihnen ändert sich der Friede. Kriege sind dezentral geworden. Sie sind nicht mehr das Vorrecht von Nationen, Herrschern oder Armeen. Sie sind nicht mal mehr demokratisch monopolisierbar, weil jeder Einsatz, jede Operation von schwankenden Mehrheiten abhängig ist. Kriege haben sich von Mehrheitsbeschlüssen ebenso losgelöst wie von langfristigen Strategien. Kriege geschehen einfach. Sie können „ohne weiteres“ ausbrechen. Überall. Sie müssen nicht mehr erklärt werden und sie folgen keinen Regeln mehr.

Heute sind wir an einem historischen Tiefpunkt angekommen. Frieden ist mehr denn je ein zerbrechlicher Zustand, der immer wieder vom Einbruch der Gewalt und der Zerstörung gekennzeichnet ist. Der Zustand des Krieges und der des Friedens werden zunehmend ununterscheidbar. Der Glaube an den Frieden geht dadurch ebenso verloren wie der Glaube an den Krieg als ein legitimes politisches Mittel. Wir wissen gar nicht mehr, was Frieden ist, was Frieden sein kann. Denn zum einen haben wir über die Medien an allen kriegerischen Konflikten der Welt Anteil, so dass der Eindruck einer prinzipiell unfriedlichen, unbefriedeten Welt entsteht. Und zum anderen erleben wir auch innerhalb unserer westlichen, scheinbar befriedeten Gesellschaft eine Erosion des Friedlichen. Diese Erosion ereignet sich nicht im Innern der sozialen Formationen. Sie lässt sich als eine Form des inneren Kriegs beschreiben.

Gesellschaften und Organisationen, Milieus und Gruppen, Cliquen und Familien – viele soziale Gebilde sind heute einem Veränderungsdruck unterworfen, der Frieden nicht zur Wirklichkeit kommen lässt. Diese Formen menschlicher Kollektivität kennen Frieden nur noch als einen Zustand der Transition, als einen Modus des Übergangs von einem Konflikt in den nächsten. Hart ausgedrückt: Der innere Friede eines Unternehmens ist das Quartal zwischen zwei Kündigungs- oder Umstrukturierungswellen. Der innere Friede einer Partie ist die Zeit zwischen zwei Wahlen. Der innere Friede einer Familie ist die Zeit bis zum nächsten Treuebruch.

Diese Gewalt, der soziale Formationen ausgesetzt sind, ist eine Gewalt der Veränderung. Wo vieles möglich geworden ist – materiell oder moralisch –, was früher nicht möglich war, da wird die Möglichkeit zur Veränderung zu einer Form der Realität. Diese Veränderung ist das Resultat globaler Orientierungslosigkeit, die entsteht, wenn das christliche Fundament unserer Gesellschaft gesprengt wird.  Der Unfriede, der daraus resultiert, ist kein Krieg, der offen ausgetragen wird, sondern es ist ein dezentraler Konflikt, der sich auf vielen Schauplätzen ereignet: an der Front des Lebensschutzes, an der Front der Soziallehre, an der Front der Freundschaften, ja selbst an der Front dessen, was durch die Sakramente ein für alle Mal befriedet wurde.

Vor allem das Feld der Arbeit ist eine Front des inneren Krieges. Kontinuierliche Veränderung wird von Mitarbeitern als eine Form des Unfriedens empfunden. Sie macht es unmöglich, sich sicher zu fühlen und zur Ruhe zu kommen – und das alleine wäre eine Form des Friedens. Der innere Friede vieler Unternehmen wird bedroht durch nicht gelöste, vertagte Konflikte. In Organisationen, die keine Zeit haben, zwischenmenschliche Konflikte zu erkennen, einzugrenzen und abzubauen, verwandelt sich der Zustand ständiger Umwälzung in ein Grundrauschen latenter Gewalt. Innerer Frieden ist auf Konstanz, auf verläßliche Rahmenbedingungen, auf berechenbare Koordinaten angewiesen. Kein Unternehmen kann heute so langfristig planen, dass sich ein belastbarer innerer Friede einstellt. Die globalen Märkte und die rasant fortschreitende Technologie verändern permanent das Raster, in dem produziert und gearbeitet wird. Mitarbeiter müssen sich immer wieder auf neue Herausforderungen einstellen, auf neue Erwartungen, auf neue Kollegen, auf neue soziale Formationen. Ihre Kenntnisse altern schneller als sie selbst. Lebenslanges Lernen mag als Aufruf zu geistiger Wachheit wünschenswert sein. Es kann aber auch zu einer Form der erzwungenen Selbstmutation werden, die die innere Mitte zerstört und aushöhlt. Wer sich immer wieder neu erfinden oder positionieren muss, um sein materielles Überleben zu sichern, der kommt mit sich selbst nicht ins Reine. Und er sieht im Andern einen potentiellen Wettbewerber, den es zu überholen und zu übertrumpfen gilt. Er sieht im Anderen einen Gegner im inneren Krieg der Gesellschaft.

Wer innehält, der verliert den Anschluss. Was aber ist Frieden anderes als Innehalten, als Vertrauen auf den Moment? Den Druck der ökonomischen Verschiebungen können Unternehmen durch Change Management-Methoden nur bedingt abbauen – genausowenig wie Nationen den Druck, der durch politische Grenzverschiebungen entsteht, mit diplomatischen Mitteln abfangen können. Diese Methoden und Mittel kanalisieren die innere und die äußere Gewalt. Sie sind jedoch nicht in der Lage, einen Zustand der Befriedung herzustellen. Sie frieden keinen Bezirk ein, der ein Raum des Friedens wird. Management ist ebensowenig friedensstiftend wie Diplomatie.

Je dezentrale Kriege werden, desto mehr gewinnen die eigentlichen Akte der Friedensstiftung an Bedeutung. Denn in Wahrheit entstehen auch dezentrale Kriege nicht aus dem Nichts. Sie werden angezettelt. Es muss jemand da sein, der mit dem Feuer spielt, damit ein Konflikt ausbricht. Ein dezentraler Friede ist auch nicht einfach da, sondern er wird gestiftet. Frieden zu stiften – das aber ist ein dezentraler Akt, eine konkrete Handlung der Caritas. Frieden zu stiften hat eine zutiefst christliche Dimension. Daran muß unbedingt erinnert werden in einer Zeit, in der Religionen nicht mehr als Bewahrer, sondern im Gegenteil als Bedroher des Weltfriedenes gesehen werden. Denn mehr und mehr wird es zu einer Mode der Friedensforschung, die Weltreligionen als Friedensgefährder zu sehen und sie für die Ausweitung des Kriegszustandes verantwortlich zu machen. Religion ist für viele Menschen kein Garant für Stabilität mehr, sondern ein Aggressionspotential.

Dies widerspricht, natürlich, dem Kern aller Weltreligionen. Das christliche Abendland ist geprägt von der neunten Seligpreisung: „Selig sind die, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden“. Vor allem an diese unmittelbare Dimension des Friedensstiftens muß heute wieder erinnert werden. Es muss wieder darum gehen, jenseits der Friedenspreise und der Friedens-Roadmaps vor der eigenen Haustür zu kehren: in der Familie, im Unternehmen, in der Partei, im Verband. Überall dort, wo der innere Krieg immer wieder auszubrechen droht, weil Menschen nicht mehr den Raum haben, zur Ruhe zu kommen.

Was aber bedeutet das genau: Frieden stiften? Ein Akt des Stiftens ist ein Akt des Begründens. Wer Frieden stiftet, der bringt etwas in die Wirklichkeit, das vorher noch nicht da war. Er erzeugt vor allem einen Raum, in dem der Friede gilt. Frieden braucht Räume, um erfharbar zu sein. Die altdeutsche Bedeutung des „Einfriedens“ kann hier als Metapher dienen. Wer einen Akt des Friedens stiftet, der friedet einen Bezirk ein, der vor Hausfriedensbruch geschützt ist. In diesem Raum herrscht Frieden. Dieser Raum kann der Raum zwischen zwischen zwei Menschen sein wie auch derjenige, dem sich 1000 oder 10.000 Mitarbeiter zugehörig und verpflichtet fühlen. Es kann aber auch den Raum in sich selbst meinen, den Raum der eigenen Psyche. Denn zuallererst muss es darum gehen, mit sich selbst zur Übereinstimmung zu kommen, sich selbst zu befrieden, selbst friedlich zu werden. Nur wer sich zu dieser Übereinstimmung mit sich erzieht, die eine Überinstimmung mit dem göttlichen Willen ist, der ist friedfertig – fertig für den Frieden, das heißt: bereit dafür, Frieden zu stiften.

Ein dezentraler Friede lenkt unseren Blick auf das zurück, was Frieden eigentlich ist: „Friede besteht nicht einfach darin, daß kein Krieg ist; er läßt sich nicht bloß durch das Gleichgewicht der feindlichen Kräfte sichern. Friede auf Erden herrscht nur dann, wenn die persönlichen Güter gesichert sind, die Menschen frei miteinander verkehren können, die Würde der Personen und der Völker geachtet und die Brüderlichkeit unter den Menschen gepflegt wird“ (KKK 2304). Es ist für viele Menschen schwer, an diese Form des dezentralen Friedens zu glauben und auf sie zu vertrauen. Sie klingt utopisch. Sie hat kein Zentrum – kein Abkommen, keinen Kontrakt. Ihr fehlt die juristische oder politische Mitte. Ein dezentralisierter Friede scheint nicht verbindlich. Aber eben das ist die Idee des christlichen Friedens. Für ihn tragen wir immer selbst die Verantwortung.

Es wird Zeit, nicht mehr so viel über den Frieden zu sprechen, sondern Brüderlichkeit zu üben. Denn hier beginnt das, was in großen Lettern in der Tagespresse beschworen wird. Der Friede unserer Welt steckt in einer Professionalisierungsfalle. Wir verlassen uns darauf, dass es die Friedenstruppen und Friedensrichter und Friedenspreisträger schon irgendwie richten werden. Das ist ein fataler Irrtum. Denn Frieden ist, wie Papst Benedikt in seiner Ansprache zur Feier des Weltfriedenstages am 1. Januar 2012 sagte, nicht nur ein Geschenk Gottes, „das man empfängt, sondern auch ein Werk, das man aufbauen muß“.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s