Innerer Kommunismus. Die vier Wahrheiten des Charles Péguy

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Der französischer Dichter und Aktivist Charles Péguy fiel am 5. September 1914 an der Marne. Seitdem wird er als katholischer Poet, als patriotischer Verehrer Jean d’Arcs, als Wallfahrer nach Chartres verehrt. Wird man ihm mit dieser Historisierung aber gerecht? Wohl kaum, denn Péguy steht für eine permanente Revolte des Ichs und der Gesellschaft aus dem Glauben.

„Charles Péguy hatte Glück gehabt. Er hatte das Glück gehabt, am 5. September 1914 durch eine Kugel in die Brust zu sterben. Er starb als ein echter Franzose. Er starb als ein echter Franzose, so wie sich Péguy einen echten Franzosen vorstellte, so wie sich Gott, nach Péguy, einen echten Franzosen vorstellte. (…) Péguy hat weder die Gräben des ersten Weltkriegs kennengelernt noch das Debakel von 1940, weder die Okkupation noch die Umwälzungen in Frankreich und in der Welt seither, und er kannte auch nicht die moralische Krise, die unser Land heute durchläuft und die einem das Herz zerbricht“.

Mit diesen Sätzen beginnt Dominique Ponnau sein neues Buch „France, réponds à ma triste querelle“ (der Titel entstammt einem wunderbaren Gedicht von Joachim du Bellay). Ponnau ist einer der bekantesten Kunsthistoriker und Denkmalschützer Frankreichs. Zwischen 1982 und 2002 war er Direktor der L’École du Louvre. Geschrieben hat er über Caravaggio, über die Kunst der Klöster, über Themen der christlichen Ikonographie. Nun schreibt er ein trauriges Buch über die traurige Gegenwart Frankreichs. Er schreibt dieses Buch nicht als Akademiker, sondern als Mensch, als Franzose, wie Péguy einer war. Er schreibt nicht mehr für, sondern gegen etwas: gegen den moralischen, sozialen und intellektuellen Untergang Frankreichs, gegen die Welle der Dummheit und der Vulgarität, gegen die  Verschleuderung des Patrimoine.

Péguy steht für ihn wie kein anderer für dieses Frankreich von gestern, für dieses alte, tiefe, sanfte Frankreich, für dieses Land, das definiert hat, was europäische Kultur ist, für dieses Land, in dem die Muttergottes sich dreimal offenbarte (Lourdes, Rue du Bac, La Salette). Es war also gut, so Ponnau, daß Charles Péguy am 5. September 1914 in Villeroy, nahe der Bischofsstadt Meaux, von einer deutschen Kugel niedergestreckt wurde. Dieser Tod ersparte ihm vieles. Es war gut, weil er den wirtschaftlichen und kulturellen Untergang seines Frankreichs nicht mehr miterleben mußte. Und es war gut, weil Péguy durch diesen frühen, sein Werk unvollendet lassenden Tod in die Gestalt des alten Frankreich einwachsen und selbst zu einem Teil des Patrimoine werden konnte.

Aber ist Péguy an jenem 5. September 1914 wirklich gestorben? Beklagt Dominique Ponnau nicht vielmehr nur den Tod eines jener vielen Bilder von Péguy? Péguy ist ein Poet der tausend Masken, die seine Leser ihm aufsetzten. Das ist das Schicksal eines offenen Lebensweges: erst von der Nachwelt zu Ende gedacht und vereinnahmt zu werden. Als Péguy starb, war er 41 Jahre. 10 Jahre arbeitete er als sozialistischer Aktivist, Publizist und Vordenker einer kommunitären Gesellschaft. Dann fand er im September 1908 zum Glauben zurück. Es entstehen die bekannten Texte (Le Mystère de la charité de Jeanne d’Arc, Notre Jeunesse, L’Argent). Und dann fällt, mitten hinein in jene Spannung aus revolutionärer Geste und metaphysischer Heilsgewissheit, der fatale deutsche Schuß. Zurück bleibt jene halbfertige Figur „Péguy“, die jeder zu seinem Mythos machen will. Es gibt einen linken Péguy und einen rechten, einen patriotischen und einen internationalen, einen atheistischen und einen christlichen, einen Péguy der Kollaboration und einen Péguy der 68er-Generation. Charles Péguy gibt es also nicht. Und deswegen kann er auch nicht für tot erklärt werden.

Wer Péguy dazu beglückwünscht, den Wandel der französischen Gesellschaft, die unter dem Druck der Moderne langsam zu zerfallen und zu zerbröseln droht, nicht mehr miterleben zu müssen, der verkennt den revolutionären, furchtlosen Impetus seiner Gedanken. Péguy wär nicht ins Museum gegangen und er hätte sich auch nicht mit allen Bach-Kantaten im Wohnzimmer vergraben, um die Gegenwart nicht sehen zu müssen und sie zu vergessen. Er nicht geschwiegen. Sondern er hätte Antworten parat gehabt auf das, was mit der Gesellschaft und mit der Kirche heute geschieht – in Frankreich und anderswo. Und diese Antworten wären sicher nicht schmeichelhaft gewesen für diese Gesellschaft und für die Kirche von heute, also für uns alle. Péguy hätte kein Blatt vor den Mund genommen. Und er hätte nicht nur gesprochen, sondern auch gehandelt. Péguy war immer in Bewegung, beseelt, ja besessen von der Idee, die Wahrheit ins Wort zu bringen und diesen Worten dann Taten folgen zu lassen: „Die Wahrheit sagen, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit, ganz platt die platte Wahrheit aussprechen, langweilig die langweilige Wahrheit, traurig die traurige Wahrheit: das ist unser Ziel (…), und nicht allein aus Gründen der Doktrin und der Methode, sondern auch und vor allem für die Aktion“, schrieb Péguy seiner Zeitschrift, den legendären Cahiers de la Quinzaine, ins Stammbuch.

Die erste Wahrheit, die ein Charles Péguy uns heute ans Kirchentor nageln würde, wäre die Wahrheit der Armut. Eine furchtlose Wahrheit: „Nur ein genialer Reicher kann sich die Armut vorstellen“, schrieb er einmal. Aber geniale Reiche kann es, so Péguy weiter, nicht geben. Denn Geist und Geld sind unvereinbar. Péguys pathetische Ablehnung des Geldes und des Reichtums wäre heute von aller größter Aktualität, in einer Zeit, in der der schrankenlose Kapitalismus Gesellschaften brutaler, weil fundamentaler zerstört, als es dem Sozialismus je gelungen ist und indem Business Schools und Akademiker die Mittel der finanziellen Optimierung für wenige immer weiter verfeinern, ohne auch nur eine Vorlesung an eine Theorie des Gemeinwohls zu verschwenden. Und auch in einer Zeit, in der die Kirche und kirchliche Bewegungen Finanzen horten und personalintensiv über ihre Zinserträge nachdenken, anstatt dieses Geld in Bewegung zu bringen, es loszulassen und es zu investieren. Nur losgelassenes, freies Geld ist gutes Geld. Und wo mehr Geld vorhanden ist als nötig, da fehlt sowieso der Glaube an die Vorsehung Gottes. Für Péguy, der darin Tocqueville folgte,  war die Geldaristokratie die schlechteste aller Herrschaftsformen, weil Geld und Geist eine radikale Antithese darstellen. Und eine reiche Kirche ist nach Péguy eine Kirche ohne Geist. Womit wir mitten im Deutschland von 2014 angekommen wären. Péguys Revolte wäre aber eine Revolte nicht gegen eine solche Kirche, sondern aus dem Zentrum dieser Kirche heraus. Und er wäre der erste gewesen, der sich der Idee der Kollektivität des Geldes unterworfen hätte, so wie er als Gründer der Cahiers sich erst ein (bescheidenes) Gehalt auszahlte, nachdem alle anderen Mitarbeiter versorgt waren.

Die zweite Wahrheit, mit der uns Péguy heute konfrontierten, wäre der Geist des Gemeinwohls, den er dem schrankenlosen Egoismus einer von Zinsdenken und Hedonismus entstellten Welt gegenüberstellen würde. Wahrscheinlich würde er uns an die „kommunistische“ Sozialordnung des Mittelalters erinnern, in der, jenseits der Hierarchien, alle Mitglieder der Gesellschaft das gleiche Wertesystem teilten, in der sie in einer homogenen Struktur lebten und für einander eintraten: „ein Blut belebte diesen riesigen Körper; ein Gedanke, ein Herz schlug in ihm; eine vollendete Kommunität, ja ich würde sagen ein perfekter Kommunismus; (…) nicht wie der moderne Kommunismus, der ein Kommunismus der Kollektivität ist; sondern im Gegenteil ein innerer Kommunismus, der einzig wahre“. Er würde uns zeigen, dass der König von Frankreich seinem untersten Untertanen näher gewesen wäre als heute ein Bürger dem anderen steht. Die Demokratie, so Péguy, hat dagegen durch die inkonsistente Masse an Menschen, die sie bewegt, ein demagogisches System erzeugt – „schlammig, schleimig, pampig“ -, ohne Ideen, ohne Geist, ohne Energie, in der ein fürchterliches Spiel gespielt wird: „Jeder verkauft seinen Anteil an gerechter Freiheit für einen ungerechten Anteil an Autorität, den er ausübt“. Das ist der Ungeist der Geld-Demokratie. In ihr wird das größte Gut des Menschen, die Freiheit, zu einer Ware, der Modus des alltäglichen Lebens, in dem sich diese Freiheit als eine Freiheit des Gestaltens ausdrückt, die Arbeit nämlich, wird zur Prostitution und zur Selbstzerstörung durch Unterwerfung unter inhumane Bedingungen.

Und daher wäre die dritte Wahrheit Péguys der Geist der guten Arbeit, des gelungenen Werks. Ein großer Teil des Oeuvres Charles Péguys läßt sich als eine Philosophie der Produktion lesen. Der Mensch ist auf der Welt, um Werte zu erzeugen, und er ist auf der Welt, um diese Werte – und seien sie auch auf den ersten Blick noch so marginal – gut zu erzeugen. Schlampige Arbeit an der Werkbank kritisierte Péguy ebenso wie spekulatives Denken, das nur auf die Vermehrung von Buch- und Finanzwerten ausgerichtet war. Beides sah er als Perversionen, die der Struktur einer liberalen Gesellschaftsordnung inhärent waren.  Gute Arbeit ist ein spirituelles Ereignis. Sie verbindet den schöpfenden Menschen mit seinem Schöpfer. Sie macht die Existenz konkret. Sie ist plastisches Leben. Was ist das Paradigma des Ungeists der Arbeit nach Péguy? Es ist die Gründung eines Unternehmens, in das Hunderte von Menschen ihre Ideen und ihre Lebensenergie investieren, um es nach fünf Jahren zu entäußern, mit dem Ergebnis, das drei Menschen zu Multimillionären werden. Das ist, würde Péguy sagen, die Hölle auf Erden. Und es ist viel weniger „wert“ als die Arbeit eines einfachen Schusters, der beharrlich einen Absatz nach dem anderen annagelt und eine Leiste nach der anderen näht. Aber auch viel weniger wert als die Arbeit eines Journalisten oder eines Dichters, der, direkt oder indirekt, einen sichtbaren Wert erzeugt, in dem er auf eine Veränderung der Gesellschaft als Ganzes abzielt – und nicht nur auf die Veränderung des Kontostands eines Unternehmers.

Die vierte Wahrheit Péguys wäre der Gedanke der Verwurzelung, des enracinements. Von wegen sozialistische Internationale! „Ich bin ein einfacher Bauer von der Loire“, sagte Péguy von sich, und: Haltet mich nicht für einen großartigen Intellektuellen und Wörterschmied, sondern betrachtet mich lieber als einen „Bauernknecht“ oder als einen „Arbeiter“, der im Schweiß seines Angesichts den Weinberg bearbeitet. Diese Selbsteinschätzung ist Reflex der Liebe zum Konkreten, zum Wirklichen. Authentisch zu leben, heißt nach Péguy, sich zu einem Ort und zu einem Posten zu bekennen, den man nicht verlassen darf. Die Neugierde muß sich nach innen wenden, um fruchtbar zu werden. Sie darf sich nicht verlieren in Reisen nach Neuseeland und Sri Lanka, die ohnehin nichts anderes sind als hilflose Manifestationen der Suche nach sich selbst. Und sie darf sich auch nicht verlieren in modischen Arbeitskonzepten. Mit scharfer Feder hätte Péguy „Work smart not hard“-Einstellungen und den grassierenden Internationalismus unserer Arbeitswelt gegeißelt, jene Kultur der „Expatriates“ und der Germanwings-Handlungsreisenden, diese Unkultur der „Entwurzelung“, die ein Diktat der Macht und des Geldes ist und die die Flamme der Freiheit zum Erlöschen bringt.

Ein gutes Werk entsteht an einem konkreten Ort unter Absehung von Entlohnung und für eine Gemeinschaft. Dann ist es gottgefällig. Alles andere – von der protestantischen Arbeitsethik bis hinüber zum katholischen Bäderprunk – ist Zeichen für den Zerfall des Glaubens, der sich an den Strukturen der Welt ausrichtet und an sonst gar nichts. Péguy lebt also noch. Und mit ihm die Idee eines Christentums als innerer Kommunismus, der seine Quelle im Römerbrief hat. Denn dort ruft Paulus den Römern, die niemand anderes als wir sind, zu: Nolite confirmari huic saeculo.

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