Anatomie einer Konversion. Zu Huysmans „En Route“

Huysmans 

In seinem 1895 erschienen autobiographischen Roman „En route“ („Unterwegs“) schildert der französische Schriftsteller Joris-Karl Huysmans seinen Weg zu Gott. Das heute so gut wie vergessene Buch ist eine faszinierend realistische wie poetische Skizze einer inneren Umkehr.

Kann eine Konversion wirklich Gegenstand eines Romans sein? Ist die Sprache des Dichters, und sei sie auch noch so genialisch, dazu in der Lage, den subtilen Bewegungen einer Seele, die sich nach langer Abwesenheit und aus weiter Ferne auf den Weg zu Gott macht, zu folgen? Kann sie ein solches überwirkliches Ereignis in die Wirklichkeit, in die Materialität eines Textes holen? Kann es katholische, mystische Literatur in diesem emphatischen Sinn geben? Und wenn ja, welche geistige und geistliche Kraft wohnt einem solchen Werk dann inne, zu was ist es in der Lage? Kann man durch seine Lektüre gar katholisch werden?

Diese grundsätzlichen Fragen stellen sich, wenn man sich der Lektüre des heute leider so gut wie vergessenen Romans „En Route“ von Joris-Karl Huysmans zuwendet. Das Buch wurde 1914 ins Deutsche übersetzt (vom katholischen Theologen Albert Sleumer, dem wir übrigens auch ein gutes „Kirchenlateinisches Wörterbuch“ zu verdanken haben) und bis 1926 dreimal neu aufgelegt. Seitdem allerdings nicht mehr. Heute ist es nur noch – und mit etwas Glück dazu – antiquarisch zu haben. Joris-Karl Huysmans ist den allermeisten Lesern französischer Literatur, wenn überhaupt, bekannt als Autor der sogenannten Décadence, als Vertreter einer Stilrichtung der Jahrhundertwende, die sich durch übersteigerten Sensualismus und gesuchte Amoralität auszeichnet. Seinen dekadenten Schlüsselroman „À rebours“ („Gegen den Strich“) liest man heute noch gerne an germanistischen Seminaren als ein Dokument der Kultur der Dekadenzepoche und des Symbolismus. Er hat auch deutsche Autoren dieser Zeit wie Hofmannsthal, Schnitzler und Thomas Mann stark beeinflusst. Seine Hauptfigur, der schwer neurotische des Esseintes, ist zu einer literarischen Kultfigur, zu einer Ikone der lebensmüden Literatur des Fin de Siècle geworden.

Nach „Gegen den Strich“ stieg Huysmans dann noch weiter hinab in den Untergrund der Amoral und der Verzweiflung und schrieb mit „Là-bas“ einen satanistischen Roman, für dessen Recherche er schwarzen Messen beiwohnte und Hostien schändete. Dieses Buch wurde, notabene, sein erster ökonomischer Erfolg. Die Lektüre dieser beiden Bücher veranlasste den katholischen Schriftsteller Barbey d’Aurevilly, dem wir übrigens die Konversion Léon Bloys zu verdanken haben, zu der Sentenz, Huysmans‘ freidenkerischer Weg würde entweder an der Mündung einer Pistole oder zu Füßen des Kreuzes enden. Auf jeden Fall traute Barbey Huysmans zu, die Konsequenzen seines Lebenswandels zu erkennen und zu tragen. Er konnte nur nicht vorhersagen, ob die Verzweiflung oder die Hoffnung siegen würde.

Es war, zum Glück, die Hoffnung. Im Mai 1891 begegnete Huysmans dem Abbé Mugnier, den man aufgrund seines mondänen Lebenswandels halb scherzhaft den „confesseur des duchesses“ nannte, den „Beichtvater der Herzoginnen“. Auch wenn polemische Geister wie Bloy wenig Positives über den Abbé Mugnier und sein mitunter kaum asketisches, eher lebemännisches Gebaren zu berichten haben (und auch mit Kritik an Huysmans Konversion später nicht sparen sollten, aber das steht auf einem anderen Blatt), ist doch nicht bestreitbar, daß der Abbé in den Salons der Pariser Belle Époque segensreich wirkte. Er war zwar selbst Teil der dekadenten Salonkultur, aber zugleich auch so etwas wie ein von Gott in dieses Milieu hinein geschleuderter Rettungsring, an dem man sich festhalten konnte, wenn die Sinnlichkeit und der Schein, die glänzende Oberfläche und die Eitelkeit einem die Kehle zuschnürten. Denn das Merkmal dieser verfallenen Welt war es ja gerade, sehenden Auges in ihren Untergang hinein zu trudeln, und zugleich an ihrem „dégoût“ zu ersticken.

Dieser Überdruss am Überfluss führte auch Huysmans an einen Punkt der radikalen, der bedingungslosen Umkehr. Auch er empfand mehr und mehr Ekel vor dem, was er die „Kloake seines bisherigen Lebens“ nannte, und suchte – anfangs verzweifelt, irrend, ratlos, dann immer überzeugter, sicherer und hoffnungsvoller – einen Ausweg aus dem Chaos der Sinnlichkeit. Das Ergebnis dieser schmerzhaften, bohrenden, unnachgiebigen Suche ist sein Konversionsroman „Unterwegs“, der bewußt nicht „Angekommen“ heißt, und der eine letzte Phase im Schaffen Huysmans einläutete. Bloy persiflierte den Titel in seinem Tagebuch als „En panne“, was jedoch mehr mit der persönlichen Beziehung zwischen den beiden ehemaligen Freunden, die sich entzweit hatten, zu tun hat, als mit dem Inhalt und der Geste des Buches, die Bloy sicherlich beeindruckt haben.

Bis 1907, seinem Todesjahr, schreibt Huysmans noch 13 weitere katholische Bücher, alle mit autobiographischem Hintergrund. Die bekanntesten sind „Die Kathedrale“ (1898) und „L’Oblat“ (1903). Nach seiner Konversion wird Huysmans als Oblat an der Benediktinerabtei Saint-Martin de Ligugé akzeptiert, wo in dieser Zeit auch Paul Claudel und der Maler Jean-Louis Forain, der Huysmans schon 1878 portraitierte, ihren Weg zu Gott suchten. Und dann geschieht etwas Einzigartiges: Nachdem Huysmans in einem schönen Text Lidwina von Schiedam, einer von zahlreichen Übeln geplagten niederländischen Heiligen, die man auch die „Dulderin“ nennt und die zur Patronin der Leidenden und Kranken wurde, portraitiert hat (1901), wird bei ihm am Unterkiefer ein wuchernder Krebstumor diagnostiziert, der Huysmans in den folgenden Jahren schreckliche Qualen bereitet und ihn in wenigen Jahren dahinrafft. Was ist da passiert? Man kann nur staunen über diese nur scheinbare Koinzidenz, in der sich in Wirklichkeit ein tiefer, von Gott gewollter Zusammenhang ausspricht, ein Leiden als Weg der Heiligung, das Gott Huysmans erst auferlegt, nachdem er in seinem Text die Heilige Lydwina als seine Schutzpatronin angerufen und sich in ihre Nachfolge gestellt hat. Im französischen Renouveau Catholique finden sich immer wieder diese Interaktionen zwischen einem gewählten literarischen Sujet und dem göttlichem Willen, der sich daraufhin in der Biographie ihres Autors ausspricht. So werden literarische Werke zu erhörten Gebeten, zu geheiligten Texten. In diesem mystischen Kontext muß man also „En Route“ lesen.

Wie kam Huysmans an den Punkt der totalen Selbstaufgabe? Der Roman „Unterwegs“ läßt es uns in einer Detailliertheit, die an den Sekundenstil der Naturalisten erinnert, nachvollziehen. Huysmans sprach selbst von einem „spirituellen Naturalismus“, den er anstrebte. Er wollte jede Wendung der Gedanken seiner Hauptfigur, die mit dem Ruf Gottes ringt, aufzeichnen. Er wollte den Bewußtseinsstrom einer Konversion möglichst realistisch und psychologisch griffig einfangen, mit allen Vor und Zurück‘s, Hin und Her‘s, ja mit allen schmerzlichen und blasphemischen Konterattacken, die der Satan unternimmt, um Bekehrungen zu verhindern.

Die Hauptfigur von „En route“ ist Durtal, ein Mann fortgeschrittenen Alters, der von sich selbst sagt, alle Sünden der Welt begangen zu haben. Durtal ist das literarische alter ego Huysmans; sein Leben, das wie ein bleierne Last auf ihm liegt, ist das Leben seines Autors, das von Fleischeslust, Völlerei und zuletzt von Satanismus gezeichnet war. Wir begegnen Durtal gleich zu Beginn des Romans im nebligen Pariser November, in einem Seitenschiff der Pariser Kirche Saint Sulpice, mitten im Versuch, zu verstehen, was mit ihm passiert. Durtal fühlt sich wie magisch angezogen vom Katholizismus, er ist gesättigt von Kunst und Kultur, aber diese ästhetische Imprägnierung endet in sich selbst. Sie hält ihn gefangen in einer sensuellen Blase. Er bewundert alles: den Gregorianischen Gesang, die Schönheit der Altäre und Kirchen, er meditiert vor den Gemälden Grünewalds, er erquickt sich an den performativ-mystischen Texten der Überlieferung, liest Theresa von Avila, Ruysbroek, Angela von Folingo, Anna Katharina Emmerick, aber er bewundert das alles nur von außen, ohne in das Geheimnis Christi einzutreten. Er versucht zu beten, kann es aber nicht. Seine Seele räsoniert, statt zu lieben.

Huysmans schildert dieses kreisende Suchen im ersten Teil des Romans mit großer Präzision. Jeder – vor allem jeder Intellektuelle – wird sich und seine Schwächen in den Verdrehungen und Wendungen der Seele Durtals wiedererkennen, der, anstatt sich schlicht und ergreifend Gott hinzugeben, die Kontrolle behalten will, der Herr über sein eigenes Leben bleiben will, der das Betrachten an die Stelle des Einsseins setzt. Diese Gefahr, aus dem Glauben ein ästhetisches Ereignis zu machen, ist ja heute immer noch akut. Huysmans geht der seelischen Dissonanz, die eine solche Haltung erzeugt, schonungslos auf den Grund – und der Leser tut gut daran, ihm dabei zu folgen und den Text als Spiegel seines eigenen Glaubens zu verwenden.

Durtal will sich Gott nähern, muss aber immer wieder über sich selbst lachen, weil er sich von außen betrachtet und sich fragt: „Was tue ich eigentlich hier?“. Das ist ein Reflex, den viele Konversionen im Frühstadium begleitet. Durtal hat Angst, sein Leben zu verlieren. Er nimmt sich immer wieder vor, bald anzufangen mit dem Beichten, ganz bald, nur jetzt noch nicht. Er irrt von Kapelle zu Kapelle und sucht den Frieden im Schauen. Er schaut vor allem den anderen beim Beten zu und versetzt sich hinein in diese Beter und sagt sich: „Unmöglich, so wie diese einfache Frau bin ich doch nicht! Ich, der große Autor. Es muss noch einen anderen Weg geben“. Und weiter irrt er zur nächsten Kirche.

Dann schämt er sich, niederzuknien. Er hat Angst, dass die anderen seine Gedanken lesen können und ihn als Eindringling ausmachen, als jemand, der nur schauspielert und der innerlich noch weit entfernt ist. Er kommt sich lächerlich und hilflos zugleich vor. Er versucht zu verstehen, statt zu fühlen. Aber immer stärker zieht ihn Christus an sich, ohne dass Durtal wüsste, wie die letzte, tiefste Kluft zu überwinden sei. Der Text berichtet minutiös und manchmal quälend ausführlich von diesem ständigen Kräftemessen zwischen dem Guten und dem Bösen, dessen Schlachtfeld die Seele Durtals ist. Vor allem die Sakramente, die Beichte und die Kommunion, stehen wie unüberwindbare Mauern vor ihm. Durtal leidet in diesem Zwischenreich des Nicht-Mehr und des Noch-Nicht. Da begegnet er einem alten Priester, der ihn in langen Gesprächen behutsam auf die richtige Bahn führt und ihn davon überzeugt, eine Woche in einem Trappistenkloster – im Buch heißt es Notre-Dame-de-l’Atre, in Wirklichkeit ist es das bis heute bestehende Kloster Notre-Dame-d’Igny in der Marne – zu verbringen und dort sein Leben von Grund auf neu und radikal auszurichten.

Der zweite Teil des Romans schildert den Aufenthalt in diesem Kloster als ein beständiges Knotenlösen, als eine fortschreitende Entkrampfung der Seele Durtals. Auch literarisch nimmt das Buch einen Aufschwung. Mit Durtal tauchen wir in die Dunkelheit, die Kälte und den tiefen Frieden eines Trappistenklosters der Jahrhundertwende ein. Der Text reiht hier Bilder von großer Schönheit und Wahrheit zugleich aneinander. Der zweite Teil von „Unterwegs“ mutet an wie eine literarische Vorwegnahme des Kartäuserfilms „Die große Stille“ – mit dem großen Unterschied, dass der Leser in Huysmans Roman einen unmittelbaren Nutzen aus der dem Leben der Asketen ziehen kann. Denn er sieht, was die Erlebnisse Durtals – vor allem die meisterhaft geschilderte Beichte, sicher eines der besten und zugleich der schmerzhaftesten Stücke katholischer Literatur des Abendlands – in der Seele des Protagonisten bewirken. Die Läuterung des Helden greift immer weiter auf den Leser über.

Am Ende kehrt Durtal ins glänzende, laute Paris zurück. Aber er wünscht sich nur noch eines: im Schatten der Gebete des einfachen Simeon zu leben. Und wir?

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