Katholische Dandies

01 02 05

Der französische Dichter Charles Baudelaire sagte einmal, ein Dandy müsse permanent vor einem Spiegel leben und schlafen. Und er hat Recht: Ein Dandy, ein echter zumindest, einer also, der sein Leben unter die Idee des Dandy-Seins stellt und sich nicht nur stutzerhaft gibt, darf die Welt gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Sie muß sich immer hinter dem Bild verbergen, das er von sich selbst hat. Dandys sind nicht nur Ich-besessen: Sie kennen nichts außer sich selbst. Ihr Leben kreist um ihre Person, ihr Aussehen. Dandys benötigen fünf Stunden zum Ankleiden und wienern ihre Stiefel mit Champagner – so zumindest erzählt man vom berühmtesten aller Dandys, George Bryan „Beau“ Brummell.

Der Dandy pflegt eine auratische Extravaganz. Er will strahlen und auffallen um jeden Preis. Dafür nimmt er sogar die Lächerlichkeit in Kauf. Die Normalität ist sein Hölle. Nochmals Baudelaire: „Ein Dandy kann niemals ein alltäglicher Mensch sein“. Dazu gehört auch, daß er sich die Hände keineswegs mit Arbeit schmutzig machen will. Dandys haben einen raffinierten Geschmack. Ihr ästhetisches Gespür ist bis aufs Äußerste verfeinert. Dandys leben mit allen Sinnen, sie existieren synästhetisch, in einer Welt vollendeter Schönheit. Hier hat der Schmutz der Straße, aber auch ihre Wahrheit, keinen Platz. Friedrich Kluges etymologisches Wörterbuch beschreibt einen Dandy als einen jungen Mann, der in „auffälliger Bekleidung Kirche oder Jahrmarkt besucht“ (1883). Auch die Gotteshäuser sind nur Kulisse, vor deren Hintergrund sich der Dandy abheben will. Die Welt ist dem Dandy nicht mehr als eine große Staffage für sein Ich. Sie ist sein Theater. Ein verspiegeltes Theater allerdings.

Der Dandy pflegt rücksichtslos den Ich-Kult – können Dandys überhaupt katholisch sein? Auf den ersten Blick wohl kaum. Ein Christ, der sich selbst zum Mittelpunkt des Universums macht, der alle Blicke auf sich lenkt und alle anderen Menschen konzentrisch um sich kreisen läßt, ist kein Christ. Auch Moral hat im Weltbild des Dandys keinen Platz, allerhöchstens als ein Stimulans für Verbotenes. „Alles ist erlaubt“ lautet seine Devise. Dandys kennen weder Nächstenliebe noch Verzicht, weder Selbst-Beherrschung noch Selbst-Losigkeit. Denn es ist ja genau dieses „Selbst“, auf das es ihnen so sehr ankommt.

Das Sujet dieser Überlegungen ist also ein arges Paradoxon. Was soll das sein, ein „katholischer Dandy“? Im besten Falle ist er ein gläubiger Christ, der der Auswahl seiner Anzüge und Krawatten viel mehr Beachtung schenkt, als es gerechtfertigt sein mag in einer Welt voller Risse und Katastrophen, die mehr denn je die volle, uneingeschränkte Aufmerksamkeit und Aktionsbereitschaft der Christen erfordert. Im schlimmsten Fall ist ein solcher katholischer Dandy ein Radikalästhet, der die Schönheiten der katholischen Kirche nur benutzt, um sich von der Masse abzugrenzen, einer, der sich katholisch gibt und inszeniert, ohne innerlich beteiligt zu sein und ohne die Bereitschaft mitzubringen, aufzubrechen. Ein Ästhet des Mysteriums also.

Doch ist das wirklich alles, was es über die Existenzform des katholischen Dandys zu sagen gibt? Wohl kaum. Eine solche Betrachtungsweise unterschätzt sowohl die Dynamik des Dandy-Seins, das ja immer unter dem Dilemma der Diskrepanz von Innen und Außen steht, als auch die formende und transformierende Kraft des christlichen Glaubens. Eine historische Spurensuche nach Existenzformen des katholischen Dandys offenbart Spielarten dieses Lebensentwurfs, der nicht umsonst immer wieder im Umfeld der katholischen Kirche auftaucht. Dafür gibt es gute Gründe: Sind doch Sinnenlust und Weltoffenheit, Ornamentik und Zeigefreudigkeit wichtige Merkmale unserer Kirche. Anders gesagt: Ein protestantischer Dandy ist schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit.

Zunächst gilt es darauf hinzuweisen, daß die Daseinsform des Dandys eine zutiefst kathartische sein kann, eine, die die Umkehr in sich trägt wie eine graue Miesmuschel eine samtweiche Perle. Die wahre Schönheit des Dandys ist nicht sein sterbliche Hülle, an deren Glanz und Pracht er so intensiv arbeitet, sondern seine unsterbliche Seele, die in dieser Hülle lebt. Ein Leben, das sich bis zum Überdruß dem Materialismus ergibt, um sich selbst zu reinigen – das ist die Heilskurve, die der Dandy durchlaufen kann. Dafür gibt es ein berühmtes Beispiel. Literarischer Inbegriff des dekadenten Dandys ist Jean Floressas Des Esseintes aus Joris-Karl Huysmans 1884 erschienenem Roman À rebours – Gegen den Strich. In einer Jesuitenschule erzogen, gibt sich des Esseintes rückhaltlos dem wollüstigen Ästhetenleben hin. Der Roman erzählt in byzantinischen Bildkaskaden und wollüstigem Sprachglitzer von seinen Bizarrerien. Des Esseintes trinkt den Kelch des künstlichen Lebens bis zum letzten Tropfen aus – und hat am Ende gerade noch die Kraft, Gott für seine verfehlte Existenz um Verzeihung zu bitten. Der letzte Satz von À rebours lautet: „Herr, habe Erbarmen mit einem Christen, der zweifelt, mit einem Ungläubigen, der glauben will, einem Gefangenen des Lebens, der allein in der Nacht aufbricht, unter einem Firmament, das nicht mehr von den Schiffslaternen der alten Hoffnung erleuchtet wird!“ Das Leben des Dandies wird hier am Ende sichtbar als ein Leben in tiefer Hoffnungslosigkeit, als eine materialistische Existenz, deren hilflose Geste nichts anderes ist, als der armselige Versuch, die großartige und tiefe Schönheit Gottes nachzuahmen.

Der Dandy ist also der Gefangene seines eigenen Lebens, aus dessen buntem Käfig er nicht ausbrechen kann – es sei denn, er geht diesen Weg bis ans bittere Ende. Der Dandy ist ein Mensch, der Gott sein will, es aber nicht kann, und der an dieser Einsicht seine Katharsis erlebt. Huysmans, der dandyhafte Autor von À rebours, hat sich nach diesem Buch zum Katholizimsus bekehrt und Bücher geschrieben, die weiterhin sensualistisch glühen, die aber jetzt das christliche Mysterium ins Zentrum stellen (La Cathédrale, L’oblat, Les foules de Lourdes). In En route (Auf dem Weg) aus dem Jahre 1895 hat Huysmans den Weg seiner eigenen Bekehrung beschrieben. Für seinen ehemaligen Weggefährten Léon Bloy, der sicherlich kein katholischer Dandy war, sondern der Gattung des « mystischen Bettlers » zuzurechnen ist, war diese Umkehr nicht glaubwürdig. Er persiflierte sie als en panne und zweifelte an der Aufrichtigkeit dieser Bekehrung.

Doch muß man dieser polemischen Einschätzung nicht folgen – wie denn auch vieles von dem, was Bloy über seine einstigen Freunde Huysmans und Villiers de L’Isle Adam, mit denen er das « Konzil der Bettler » gründete, sagt, cum grano salis zu lesen ist. Ein anderer großer katholischer Dandy, ja vielleicht seine Urform, Jules Barbey d’Aurevilly, dessen Sekretär Léon Bloy war und dem er seine eigene Konversion zu verdanken hat, legte in einer Rezension von À rebours ganz unpolemisch den Finger in die Wunde des Dandys Huysman’schen Zuschnitts: „Nach einem solchen Buch bleibt dem Verfasser nur noch die Wahl zwischen der Mündung einer Pistole und den Füßen des Kreuzes“. Der Dandyismus führt, zu Ende gelebt, an den Abgrund der Entscheidung, wem man folgen will: der Welt oder Jesus. Die Figur des dekadenten Dandys gelangt früher oder später an diesen Abgrund.

Barbey d’Aurevilly selbst vertritt eine andere Form des katholischen Dandys. Er ist niemals in die Dekadenz abgeglitten, sondern hat immer die Form gewahrt und die Grenzen beachtet, die vom Dandytum in den Nihilismus hinabführen. Er vertritt den Typus des idealistischen Dandys. Barbey d’Aurevilly war der erste Autor, der sich theoretisch mit dem Phänomen des Dandytums auseinandergesetzt hat (Du dandysme et de George Brumell, 1845) – viele Jahre vor Baudelaire (Le peintre de la vie moderne, 1863). Dandys zeichnen sich in Barbeys Analyse eher durch intellektuell-taktile, denn durch ornamental-textile Überlegenheit aus. Der Dandyismus ist, so Barbey, eine Lebensform, die alles zu nuancieren imstande ist und die einen beständigen Kampf führt gegen die Schwerkräfte des Seins: gegen die Bequemlichkeit und gegen die Langeweile, gegen den Trübsinn und die Dummheit. „Der Dandy ist ein nichtiger Souverän in einer nichtigen Welt“, so faßte es Barbey zusammen. Diese Souveränität in der Nichtigkeit ist per se schon katholisch, faßt sie doch die conditio humana selbstbewußt und bescheiden zugleich zusammen, so eben, wie es einem Katholiken gemäß ist. Sie wurde bei Barbey in den Folgejahren eine genuin katholische, nachdem er, 38jährig, im Jahre 1846 zum katholischen Glauben seiner Kindheit und Jugend bewußt zurückkehrte. Seine elegante Toilette und sein extravagantes Auftreten legte er aber keineswegs ab. Im Gegenteil. Beredtes Zeugnis hierfür ist die Erzählung „Barbey d’Aurevilly als deutscher Spion“, die sich in Léon Bloys Sammlung Blutschweiß findet. Hier erzählt Bloy, wie Barbey beinahe vom Pariser Mob des Jahres 1871 gelyncht wird, weil er erhobenen Hauptes und mit feinen Lederhandschuhen in den Vororten des von den Deutschen belagerten Paris herumstolzierte.

Barbey schrieb – Georges Bernanos vielleicht ausgenommen – die einzigen Romane, die wirklich als das durchgehen können, was Martin Mosebach in einem lesenswerten Aufsatz als „katholische Literatur“ einzugrenzen und einzufangen suchte. Barbeys Theorie des katholischen Romans ist denn auch das wichtigste Ergebnis seines idealistischen katholischen Dandytums. Diese Theorie spricht dem katholischen Dichter die Aufgabe zu, die Sünde und die Verführung in ihrer ganzen Grellheit zu schildern. Der katholische Dichter soll nicht verklären, sondern er soll hinschauen. Er soll keine katholischen Kitsch produzieren, sondern sich an der Sündhaftigkeit der Welt abarbeiten. Die Moralität des Dichters ist gerade dort zu suchen, wo er das Böse ästhetisch behandelt und damit vernichtet (Les Diaboliques, Un prêtre marié). Katholische Literatur offenbart sich also in einer bestimmten Art und Weise, wie sie die literarische oder künstlerische Form einsetzt, um das Böse zu begrenzen, dessen äußere Gestalt die Häßlichkeit ist. Und weil der katholische Dandy keinen Unterschied macht zwischen seinem Leben und seinem Denken respektive Dichten, werden bei ihm auch die sorgfältig ausgewählte Kleidung und sein Auftreten zu „katholischer Literatur“. Er ist ein wandelnder Gedanke, dessen Garderobe ihn über die Plattheiten des common sense erhebt.

Barbey erweist sich so auf überraschende Weise als ein Verfechter jener These von der „Häresie der Formlosigkeit“, mit der Martin Mosebach im Jahre 2002 den Verfall der katholischen Liturgie anklagte und damit eine dritte und vorläufig letzte Form des katholischen Dandytums ausrief. Ich möchte diese Form den symbolischen Dandy nennen, oder den „Dandy nach dem Dandytum“. Martin Mosebach ist seine bekannteste Verkörperung. Der symbolische Dandy schreibt sich und sein Selbst nicht mehr so offensiv und grell in die Öffentlichkeit ein, wie das ein Barbey noch getan hat – und tun konnte. Denn heute, im Zeitalter der totalen Verfügbarkeit der Moden und Stile, ist Extravaganz nicht mehr eine Sache des Geschmacks, sondern nur noch des Geldbeutels. Wer feine Lederhandschuhe in unterschiedlichen Farben trägt, zeigt nur, dass er gute Bezugsquellen im Internet kennt. Einem höheren Ideal gibt er dadurch sicher keinen Ausdruck mehr. Der katholische Dandy muß sich, will er nicht im Mainstream der Mode verdampfen, gezwungener Maßen auf die Verteidigung von Bastionen mit hohem symbolischem Wert zurückziehen. Die Integrität der Liturgie ist ein solches genuin „dandyistisches“ Thema, und Martin Mosebach hat es zur bislang letzten Festung des katholischen Dandytums ausgebaut. Er hat sich dabei freilich auch dem Vorwurf des Ästhetizismus respektive der Oberflächlichkeit ausgesetzt. Was freilich barer Unsinn ist, liest man erstens seine Texte und denkt man zweitens über die metaphysische Dimension des Dandytums nach, wie sie hier, wenn auch auch nur oberflächlich, beschrieben wurde.

Was kommt danach? Kann es nach dem Post-Dandy Mosebach überhaupt noch katholische Dandys geben? Was ist ein entweltlichter Dandy? Ist nicht vielleicht die neue Bescheidenheit, die Papst Franziskus anmahnt, eine neue Form des Anders-Seins und der produktiven Extravaganz, und damit eine Metamorphose jenes Gedankens vom großen, vorbildlichen Einzelnen, wie ihn der Dandy verkörpert? Möglicherweise ist aber alles auch viel einfacher, viel katholischer. Von Chesterton, auch einem Dandy par excellence, stammt der schöne Satz: „In Catholicism, the pint, the pipe and the cross can all fit together”. Vielleicht ist das ja das Geheimnis des katholischen Dandytums. (2014)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s