Im Schwrm

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Das deutsche Alphabet hat nur fünf Vokale, aber 21 Konsonanten. Sie können nachzählen, es stimmt. Hinter dieser eindeutig verifizierbaren Tatsache verbirgt sich eine unsichtbare Tragödie: Fünf abgehärtete Vokale stemmen sich tagtäglich gegen eine erdrückende Übermacht. 5 mal 1 gegen 4, das gibt 20, und der letzte Konsonant, das Y, darf, weil es sich immer gleich ergibt und die Arme hebt, den Schiedsrichter machen.

Unter den Vokalen gibt es ein ungeschriebenes Gesetz (zum Aufschreiben bräuchten sie nämlich die Konsonanten, deswegen lassen sie es bleiben): Jeder der Vokale muß in der Kindheit mit eigenen Händen einen Wolf erwürgen, um mitkämpfen zu dürfen. Er geht dafür in einen dunklen Wald, setzt sich, charakterabhängig, auf einen Stein oder auf einen Baumstumpf, und ruft: Walf, Welf, Wilf, Wolf oder Wulf. Je nachdem. Die Wölfe verstehen das schon, denn sie haben immer Hunger (nie Hanger, Hinger, Honger oder Henger). Aber ausnahmslos immer sind sie nachher tot. Der kleine Vokal setzt sich, so schreibt das ungeschriebene Gesetz vor, danach noch einmal nieder, um das Geschehene mit übereinandergeschlagenen Beinchen, wie weiland Walter von der Vogelweide, weise zu überdenken, erhebt sich dann von seinem Stein oder Baumstumpf und geht zurück, um seine vier Konsonanten zu übernehmen. Denen ergeht es dann respektive.

Es ist ein extrem fieser und schneller Kampf, der sich unter unseren Augen abspielt. Daß wir von ihm nichts sehen, läßt sich wissenschaftlich nahezu lückenlos begründen: Im Laufe der Evolution hat der Mensch – aus überlebenstechnischen Gründen – gelernt, Informationen schnell aufzunehmen, zu interpretieren und in Handlungen umzusetzen. Die für Dekodierung und pragmatische Konfluenz zuständige Hirnhälfte hat sich überproportional entwickelt, während die anderen beiden Hirnhälften, verantwortlich für theoretische Affluenz und spielerische Kontingenz, höchstens bei Frauen und Asiaten noch halbwegs funktionieren. Daher kommt es, daß wir die extrem schnellen Bewegungen, mit denen Vokale und Konsonanten matrixmäßig durch den Raum wirbeln, gar nicht mehr sehen. Wir sehen nur noch den rasenden Stillstand „Text“. Im Grunde sind das aber nur Momentaufnahmen, Standbilder eines hyperschnellen Gemetzels. Die einzigen, die noch in der Lage sind, dem Kampf in Echtzeit zuzuschauen, sind die Legastheniker. Die sind, sozusagen, immer im Kino.

Das sollte man wissen, um folgende kleine Geschichte besser goutieren zu können:

Mit der Erde ist es ja so: Wir wissen halbwegs, worauf wir stehen. Wir wissen nicht, wieweit der Himmel geht. Und wir wissen nur ungefähr, wie tief die Meere sind und was da unten alles sich windet und wendet.

Er muß aus großen Tiefen gekommen sein und sehr viel durchgemacht haben, der Schwrm. Manche sagen, er kam aus dem Mariannengraben. Man sah ihm die Erschöpfung förmlich an. Irgendwas war schiefgegangen. Denn als er anfangs der 47. KW am Ende der Liste ankam, wirkte er leer und hohl, dünn und matt. Entschwrmt eben. Es fehlten ihm Dichte, Wucht, Würze.

Kaum angekommen, wäre er daher fast wieder herabgerutscht und im anonymen Dunkeln verschwunden, der Kleine. Aber auch wenn er nur von Verlierertypen besiedelt war, hat er es irgendwie geschafft, sich mit seinen kalten Händchen am Rand festzukrallen. Aber es war knapp: die Knöchel wurden ganz weiß, die Fingerspitzen rutschten ab, seine mageren, ausgezehrten Beinchen ruderten haltlos im Leeren. Dann aber ein letzter, entschiedener Klimmzug – und er war tatsächlich drinnen.

Drinnen heißt aber noch lange nicht droben. Jetzt begann für den Schwrm, diesen Auswurf der Unterwelt, der Aufstieg, Klippe für Klippe. Im zähen Kampf bahnte er sich seinen Weg. Zwischendurch schien es, als hätte er es geschafft, der Schwurm. Aber erst als der Erstgeborene der Lichtwelt das Kommando übernahm, wurde was draus.

Oben angekommen, spuckte er daher erstmal die Klippen hinab. Und er blieb so lange oben, bis seine Spucke fett, aber ohne Echo am Grund des Mariannengrabens aufklatschte.

Und das, obwohl es ihn eigentlich weder gab, noch gibt noch jemals geben wird.

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