Entweltlichte Kommunikation

 

Was ist entweltlichte Kommunikation? Oder anders ausgedrückt, aber das Gleiche meinend: was ist Entsprachlichung der Welt? Und was passiert in den sozialen Medien: Verweltlichung oder Entweltlichung? Auf diese Fragen versuche ich eine Antwort zu formulieren. Genauer: den Umriss einer Antwort. Warum nur den Umriss einer Antwort und nicht eine Antwort selbst? Ganz einfach deswegen, weil diese Entschiedenheit, mit der wir geschlossene Antworten formulieren, zum Problem gehört, um das es geht. Ich werde eine entweltlichte Antwort auf die Frage geben, was „entweltlichte Kommunikation“ sein soll.

Im Grund genommen geht es, wie immer in der Philosophie, um eine sehr einfache Grundfrage. Diese Frage lautet: Wie können wir in einer Welt, die durch einen Überfluss an Sprache gekennzeichnet ist, authentisch kommunizieren? Wieviel Sprache verträgt unsere Welt, und wieviel Sprache vertragen wir?

Man muß, um Verwirrung vorzubeugen, von vorne beginnen. Das heißt mit dem Begriff „Entweltlichung“. Es ist ein Wort, das um eine charakteristische Bedeutung des Begriffs „Welt“ herum aufgebaut ist. Ent-Weltlichung ist kein neuer Begriff. Er taucht bei verschiedenen Autoren auf, unter anderem bei Hans Jonas, bei Martin Heidegger und – Benedikt am nächsten stehend – beim evangelischen Theologen Rudolf Bultmann. Dort meint Entweltlichung eine Wegwendung des Menschen von sich selbst und von seiner Umgebung, von der Welt. Diese Welt versteht Bultmann nicht nur als die Gesamtheit des Gegebenen, sondern als ein utilitaristisches Gefüge aus Ursachen und Wirkungen, mit denen wir unser Leben auf der Erde organisieren. Dieses Gefüge aus Zwecken ist es, das uns nicht bestimmen darf, weil dann notwendigerweise alles relativ wird und wir die göttliche Liebe und das Gewissen aus den Augen und aus dem Sinn verlieren. Die Spannung zwischen dieser Form von Welt und Gott ist die wichtigste Gemeinsamkeit im Denken Bultmanns und Benedikts. Der Mensch, der sich nicht an Gott ausrichtet, sondern an den Strukturen der Welt, geht an der Welt zugrunde, weil er sein höheres Ich verliert.

Das ist eigentlich klar und verständlich. Und es ist vor allem im persönlichen Erleben eindeutig nachvollziehbar. Doch als der Begriff „Entweltlichung“ wieder im Diskurs auftauchte, sollte es anders kommen. Benedikt hat den Begriff der Entweltlichung in seiner Freiburger Rede während seines Deutschlandbesuchs 2011 reaktiviert. Er hat ihn auf die aktuelle Situation der Kirche in Deutschland und in der Welt angewandt. Verstanden hat ihn offensichtlich niemand. Oder keiner so wie der andere. Auf jeden Fall war die Verwirrung babylonisch: „Katholische Kirche rätselt über Papstrede“ war in einer Überschrift des Berliner Tagesspiegels zu lesen. Die Katholischen Akademien riefen Symposien zur Interpretationshilfe ein. Namhafte katholische Verlage publizierten Sammelbände mit Beiträgen namhafter Autoren. Die Dunkelheit des Wortes „Entweltlichung“ schien so gross, dass laut Bayrischem Rundfunk sogar die „Bischöfe rätseln: Was meint der Papst mit Entweltlichung?“.

Warum gab es dieses Rätselraten um die „Entweltlichung“? Auf diese Frage gibt es mindestens zwei Antworten (mehr sind mir nicht eingefallen, aber ich nehme nach dem Vortrag gerne Anregungen entgegen). Die erste Antwort lautet: Wenn man etwas nicht hören will, dann tut man einfach so, als sei es unverständlich. Man weiss genau, was gemeint ist, und man weiss auch genau, dass man persönlich gemeint ist, aber man will dem Aufruf nicht folgen, und deshalb startet man eine Grundsatzdiskussion. So gewint man die Deutungshoheit über dem eigenen Stammtisch zurück. Denn das Interpretieren von Zusammenhängen und Begriffen, die diese Zusammenhänge beschreiben, ist ein Akt symbolischer Macht. Heute werden „Begriffe“ besetzt, und nicht mehr Häuser. Der Papst kam nach Deutschland, hat einen Begriff besetzt, und fast die ganze deutsche Kirche hat ihm diese Begriffs-Okkupation streitig zu machen versucht, weil sie einen Verlust an Lufthoheit über dem eigenen Begriffsstammtisch mit sich brachte.

Soweit die erste Antwort. Die zweite ergibt sich aus der ersten: Das instinkthafte Debattieren um die Bedeutung und Besetzung des Begriffs „Entweltlichung“ ist das Resultat einer selektiven Wahrnehmung. Diese selektive Wahrnehmung wiederum ist eine Fluchtbewegung vor einer anderen Kernvokabel der Freiburger Rede, die noch unangenehmer ist als „Entweltlichung“. Ich gehe so weit, diese andere Vokabel als geheimes Sinnzentrum dieser Rede zu bezeichnen, auf das die Vokabel „Entweltlichung“ hinführt. Diese Vokabel, vor der die Freiburger Zuhörer zurückschreckten, lautet Redlichkeit.

In einem zentralen Satz der Rede heißt es:

„Es geht hier nicht darum, eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdrängt, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht, eben dadurch, daß sie ihn ganz in der Nüchternheit des Heute lebt, ihn ganz zu sich selbst bringt, indem sie das von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheit ist“.

Der Papst spricht von „totaler Redlichkeit“. Das ist tautologisch formuliert. Denn entweder ist man redlich, oder man ist es nicht. Benedikt hat sich hier jedoch keineswegs eine sprachliche Schlampigkeit zu Schulden kommen lassen. Vielmehr legt er mit seiner subtilen Tautologie den Finger in die Wunde. Die Botschaft liegt zwischen den Zeilen. Denn „totale Redlichkeit“ zu fordern, setzt stillschweigend voraus, dass es eine „halbtotale“ oder „unvollständige“ Redlichkeit gibt, eine Redlichkeit, die nur so tut, als ob sie redlich wäre. Diese halbherzige, scheinhafte Redlichkeit wäre dann Vortäuschung von Redlichkeit – „bloße Taktik“, wie Benedikt sagt. Verweltlichung ist das Vortäuschen von Redlichkeit zum Zwecke taktischen Geländegewinns für die Organisation Kirche. Sie ist das Gegenteil von totaler Redlichkeit. Verweltlichung ist, persönlich gesehen, fast schon so etwas wie: Bigotterie.

Was der Papst seiner deutschen Kirche ins Stammbuch schreibt, ist also weniger ein Sich-Verlieren in den Strukturen dieser Welt, sondern ein berechnendes, doppelbödiges Verhalten, ein – wenn man so will – viel zu viel an bloß simuliertem Glaubensleben. Benedikt schwächt den Vorwurf zwar etwas ab, indem er diese taktische Redlichkeit auf „Konvention und Gewohnheit“ zurückführt. Es bleibt aber der konkrete Vorwurf bestehen, der ins Zentrum der Person und der personalen Verantwortung der Männer und Frauen der Kirche zielt. Von hier aus betrachtet ist es kein Wunder, dass die Amtskirche und die Laien sofort einen Diskurs über die Vokabel „Entweltlichung“ starteten. Es war der einzige Weg, um eine viel schmerzhaftere, tiefer gehende Diskussion um ihre eigene Redlichkeit zu vermeiden. Denn Entweltlichung ist kein argumentum ad personam, Redlichkeit sehr wohl!

Was die Freiburger Rede von den Gläubigen fordert, ist totale Redlichkeit. Entweltlichung ist gelebte – volle, totale, uneingeschränkte – Redlichkeit. Diese „totale Redlichkeit“ hat nun fundamental mit Kommunikation zu tun. Redlichkeit ist etymologisch verwandt mit „reden“. Der Begriff „redlich“ kommt aus dem Mittelhochdeutschen, redelich, das bedeutet: über etwas Rechenschaft ablegen. Wer redlich lebt und sich verhält, muß damit rechnen, zur Rede gestellt zu werden. Kern der Redlichkeit ist eine Übereinstimmung der Rede einer Person mit dem, was diese Person tut oder unterlässt. Wer das tut, was er redet, der handelt redlich. Redlichkeit bedeutet, entweder das eigene Handeln dem anzupassen, was man sagt, oder aber umgekehrt nur das zu sagen, was man auch tatsächlich handelnd einzulösen in der Lage oder bereit ist.

Hier sind wir wieder bei den beiden eingangs erwähnten Bewegungen von Sprache und Welt, die jetzt vielleicht besser verständlich sind: Entweltlichung der Kommunikation ist ein Einlösen der Sprache durch das eigene Handeln. Entsprachlichung der Welt kann dagegen verstanden werden als eine Zurückhaltung des Zu-Sagenden. Beides sind Positionen der Redlichkeit – Positionen, die zugegebenermaßen nur schwer einzulösen sind. Das kann jeder aus eigener Erfahrung bestätigen. Denn wer ist schon davor gefeit, redselig zu sein, das heißt mehr zu sprechen, als angemessen und einzulösen ist? Wer ist davor gefeit, seine Taten mit Worten vorwegzunehmen, gute Absichten bloß kundzutun, ohne ihnen konkrete Handlungen folgen zu lassen?

Natürlich ist die Angemessenheit von Sprache und Welt ein anthropologisches Grundproblem. Sie betrifft die Menschen aller Kulturräume. Aber der Papst weist uns darauf hin, dass gerade in unserer Zeit und in unserem Kulturraum mehr denn je eine Nachjustierung des Spracheinsatzes von Nöten ist. Er kann darauf hinweisen, weil vor allem Christen unter dem Signum der Redlichkeit stehen. Das Wort hat im christlichen Abendland nicht nur die Aufgabe, den Glauben weiterzugeben. Es ist ursächlich mit der Substanz und dem Vollzug des Heiligen und des Glaubens verbunden. Der stumme Zacharias kann solange nicht sprechen, bis er an Gott glaubt. Die Anwesenheit des Messias wird unmittelbar zur Anwesenheit der Sprache, und umgekehrt. Sprache ist nicht anwesend als ein symbolisches Zeichengefüge, sondern als Wirklichkeit des Göttlichen.

Es ist also wichtig, den Begriff der „Redlichkeit“ aus der etwas betulichen, beschaulichen Bedeutung zu lösen, die wir von den früheren Generationen geerbt haben. „Üb immer Treu und Redlichkeit“ – diese erste Zeile aus dem Gedicht „Der alte Landmann an seinen Sohn“ von Ludwig Christoph Heinrich Hölty kannte früher jedes Kind, vielleicht nicht alle 64 Zeilen, aber zumindest die ersten vier. Redlichkeit ist aber mehr als eine Bürgertugend, mehr als ein guter Rat, den der Vater seinem Sohn gibt, der in die Welt hinaus zieht. Redlichkeit ist eine metaphysische Realität. Darauf weist uns Benedikt in seiner Rede hin. Redlichkeit ist nichts anderes als ins praktische Leben hinein übersetzte Inkarnation. Wir stehen unter dem metaphysischen Zeichen der Inkarnation und unter dem metaphysisch-praktischen Zeichen der Redlichkeit. Inkarnation ist insofern mit absoluter Redlichkeit gelichzusetzen, als sie die absolute Einheit von Wort und Handlung ist. Das Wort, das Fleisch wird, transformiert Sprache in eine höhere, verbindlichere und verlässlichere Form von Wirklichkeit. Es ver-bindet das bloße Sprechen mit dem Handeln, das von der caritas motiviert wird.

Entweltlichung der Sprache als totale Redlichkeit bedeutet mithin nichts weniger als Anschluss an die Inkarnation. Verweltlichung von Sprache als unvollständige Redlichkeit ist Entfernung von dem eingeborenen Wort.

Zu klären gilt es also im nächsten Schritt drei Dinge: Erstens die Frage, in welcher generellen Sprachsituation wir heute stehen und welches die konkreten Bedingungen und Schwierigkeiten sind für eine solche Erfüllung des Gebots totaler Redlichkeit.

Zweitens die konkreten Konsequenzen, die sich daraus für eine Sprache des Glaubens ergeben, die den Anforderungen totaler Redlichkeit gerecht werden soll.

Und schließlich drittens die Rolle, die die sozialen Medien als Kommunikationsrealität der Zukunft in diesem Zusammenhang spielen.

Zunächst zur ersten Frage: Was steht in der heutigen Verfassung der Sprache dieser totalen Redlichkeit am meisten entgegen? Es ist ein Vorgang, der sich als „Versprachlichung von Welt“ beschreiben läßt. Versprachlichung darf dabei nicht verwechselt werden mit einem Zur-Sprache-bringen. Zur-Sprache-Bringen, Aussprechen, ist Hinüberführung eines dunklen Problems in einen Zustand der Helligkeit, in dem dieses Problem erkennbar und diskutierbar, also lösbar ist. Sprache ist dabei ein Instrument der Erkenntnis, der Ausleuchtung. Sprache dient diesem Erkennen. Sie folgt den Regeln der Vernunft. Was sich dagegen heute beobachten läßt, ist eine Verselbständigung der Sprache. Sprache wird entnormt. Sprache wird gestaltlos. Sprache zerfällt in eine Vielzahl von Privatsprachen. Sprache ist nicht mehr gemeinsames Medium einer gemeinsamen Erkenntnis, sondern Medium individueller Sinnsuche und Selbstverwirklichung.

Diese große Entwicklung, die sich in der Sprache ereignet, läßt sich als eine Verwandlung des Sprachraums von einem Erkenntnis- zu einem Erlebnisraum beschreiben. Soziologen haben die These aufgestellt, dass wir in einer sogenannten Erlebnis-Gesellschaft leben, die durch „innenorientierte Lebensauffassungen“ (Gerhard Schulze) gekennzeichnet ist. Diese erlebnisorientierte Gesellschaft ist geprägt von einer Ausrichtung auf den eigenen gewählten Lebensstil, der zu einem Maximum an Erfüllung – Glück, Zufriedenheit, Gesundheit, Wohlstand und so weiter – führen soll. Sprache kann sich dieser hedonistischen Umstrukturierung des gesellschaftlichen Raumes nicht entziehen. Ganz vereinfacht gesagt, ist Sprache in nicht-subjektorientierten Gesellschaften Medium sozialer Prozesse. Sie sichert und organisiert Zusammenhalt, sie ist Träger von Macht und so weiter. Sprache ist dort verbindlich, und weil sie verbindlich ist, ist sie auch verbindend. Natürlich ist sie das in unserer sogenannten „Erlebnisgesellschaft“ immer noch, sonst könnten wir uns heute abend nicht verständigen. Aber es ist doch zu beobachten, wie Sprache mehr und mehr aus diesem funktionalen Zusammenhang, aus diesem Erkenntniszusammenhang heraustritt und eine Selbstbezüglichkeit gewinnt. Man kann das als Verrohung und als Qualitätsverlust beschreiben, aber mir geht es hier weniger um qualitative Urteile, als um eine genaue Beschreibung des Phänomens der Versprachlichung.

Ein einfaches Beispiel mitten aus der Welt der Erlebnisgesellschaft soll das verdeutlichen. Sprache als Erlebnisraum hat das strukturelle Defizit, dass Begriffe nicht mehr als verbindlich gedacht werden können. Es kommt zu begrifflichen Prägungen, die nur noch als Kodierung von individuellen Erlebnissen und Gefühlen zu verstehen sind. Nehmen wird das Wort „Fahrgefühl“. Das Wort und sein Korrelat sind Produkte der Erlebnisgesellschaft: Für den einen ist das Fahrgefühl in einem BMW gut und komfortabel, für den anderen nicht. Was „Fahrgefühl“ an und für sich ist, läßt sich nicht ermitteln. Es ist auch gar nicht relevant. Das Wort ist, objektiv betrachtet, „rätselhaft“, weil es mit einer Emotion korreliert, die notwendigerweise subjektiv und erlebnisfundiert ist.

Die angebliche „Rätselhaftigkeit“ der Vokabel „Entweltlichung“ wird von hier aus deutbar als ein Produkt des subjektivierten Sprachverständisses der Erlebnis-Gesellschaft. Zunächst gilt es festzuhalten, dass die Verselbständigung der sprachlichen Realität unserer Gesellschaft ablesbar ist an verschiedenen Phänomen. Zentrales Phänomen ist die Institutionalisierung der Sprache als eines eigenen, autonomen Herrschaftsbereichs. Zur Institutionalisierung gehört der Entwurf einer eigenen Disziplin. Diese Disziplin hat einen Namen. Sie heißt Kommunikation. Kommunikation ist zur Kernkompetenz unserer Zeit geworden. Wir sind vom Informationszeitalter in das Erlebnis- und Kommunikationszeitalter eingetreten. Und schon sehr lange leben wir nicht mehr im Zeitalter der Poesie.

Poesie – Information – Kommunikation: So könnte man die Epochen der Sprachmetamorphose nennen. Im poetischen Zeitalter verwies Sprache auf etwas Höheres, manchmal sogar auf etwas Transzendentes. Im Informationszeitalter verwies Sprache auf die Objekte und Tatsachen der Außenwelt, die sie via Symbolik in Botschaften umwandelte. Schon damals war es manchen zu viel des Guten: Man sprach vom Infomation Overkill.  Heute, im Zeitalter der Kommunikation, verweist Sprache nur noch auf sich selbst, genauer: auf den Akt des Kommunizierens, zu dessen Erfüllungsorganen die Menschen als Sprachsubjekte geworden sind. Es scheint so, als würde die Versprachlichung der Welt eine Subjektivierung bedeuten, in Wirklichkeit macht die Sprache uns aber zu ihren Sklaven, indem sie uns in einen unendlichen und unabschließbaren Kommunikationsprozess einbindet. Sprache im Kommunikationszeitalter ist endlos und gestaltlos. Oder anders ausgedrückt: der Mensch ist nicht mehr das Ziel und das Ende der Sprache, sondern die Kommunikation ist das Ziel und das Ende des Menschen.

Hier ist vor allem der direkte Vergleich mit dem poetischen Zeitalter lehrreich und für sensible Gemüter vielleicht auch ein bisschen erschütternd. Jünglinge und heranwachsende Mädchen schrieben früher Gedichte, mitunter sogar Liebesgedichte. Sie verständigten sich indirekt oder symbolisch. Ihre Seelen standen miteiander in Verbindung über das, was sie in Sprache und Literatur gemeinsam aufgenommen haben.

Wir traten an’s Fenster, es donnerte abseitwärts und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquikkendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihrem Ellenbogen gestützt und ihr Blik durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge thränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte – Klopstock! Ich versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Loosung über mich ausgoß. Ich ertrugs nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollesten Thränen. Und sah nach ihrem Auge wieder – Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehn, und ich möcht nun deinen so oft entweihten Nahmen nie wieder nennen hören.

So die bekannte Stelle aus Goethes Werther, in der der Dichtername „Klopstock“ zu einer „Loosung“ wird, die einen Strom von Empfindungen auslöst. Es ist dies vielleicht die signifikanteste Textstelle des poetischen Zeitalters. Ein einziger, zweisilbriger Name wird zum Schlüssel für ganze Innenräume, die ihrerseits durch Sprache – durch die Lektüre der Gedichte Klopstocks – evoziert wurden.

Sprache wird so zu einem Medium der Freiheit – der Freiheit des Denken, Fühlens und Empfindens -, und diese Freiheit trägt dann tatsächlich göttliche Züge, auch wenn die „Vergötterung in ihrem Blick“, wie es im Werther heißt, natürlich eine profane Angelegenheit ist. Aber immerhin: auch hinter ihr steht die Liebe als agapé als treibende Kraft.

Heute würden Lotte und Werther Kommunikationswissenschaften studieren. Das ist leider nicht so lustig, wie es sich anhört. Es impliziert einen Verlust an symbolischer Kommunikation und damit einen Verlust an Freiheit des Subjekts, zu der auch die Freiheit der Ironie und die Ambivalenz der Heiterkeit gehören. Die Verschiebung von der Poesie ins bloße Kommunizieren ist ein Akt der Technokratie. Er impliziert ein völlig anderes Verständnis von Sprache und Sprachwirklichkeit, auf den einzugehen ist.

Ein Gedicht ist durchaus auch eine eigene sprachliche Wirklichkeit, es bezieht sich aber nicht auf sich selbst. Es trägt meine Gedanken und Empfindungen, die ich in es hineinlege, hinaus in die Welt. Ein Gedicht ist Annäherung an eine Idee, der ich eine subjektive Gestalt gebe. Sprache übersetzt im Gedicht das Unsichtbare ins Sichtbare, das beim Hörer und Empfänger wieder zu einem Unsichtbaren wird. Sprache im Gedicht ist vorläufig, sie ist ephemer, sie ist zerbrechlich, sie ist mehr Ahnung als Gegenwart.

Ein Kommunikationsprozess dagegen ist eine pragmatische, abstrakte, robuste Struktur. Weder verdankt er sich dem Unsichtbaren, noch leitet er in das Unsichtbare hinein. Er schreibt dem Sprecher eine Rolle vor, oder er gibt zumindest Empfehlungen, wie ein solcher Prozess optimiert werden könnte. Er lässt keine Freiheit, weil er Sprache „engineert“, wie man heute sagt.

Paul Celan betitelte einen Gedichtband mit Lichtzwang. Unsere Gesellschaft zwingt vieles ans Licht. Transparenz ist bekanntlich zu einem neuen Paradigma geworden. Doch vor aller Transparenz zwingt sie vieles zur Aussprache. Der Aussprechzwang ist ein wesentliches Merkmal der Versprachlichung der Welt. Er führt paradoxerweise nicht zu einem Mehr an Transparenz, sondern er macht die Welt immer dichter und undurchsichtiger. Die Idee, sich von etwas zu befreien, nicht indem man es für sich behält, sondern in dem man es schonungslos ausspricht, geht auf Psychoanalyse und Psychotherapie zurück, die – so gesehen – mit zu den Totengräbern unserer Freiheit zählen. Heute schützt keine Scham- oder Distanzgrenze mehr davor, sein Gegenüber in der U-Bahn oder im Büro auf etwas hinzuweisen, was für ihn unangenehm ist und was ihn bloßstellt – zum Beispiel, dass die Frisur nicht sitzt, dass er vergessen hat, sich zu rasieren, dass Zahnpastareste in den Mundwinkeln kleben oder das sein Hosenschlitz offen steht. Das sind Phänomene, die in Gesellschaften des Abstands und der Distanz ungesagt blieben.

Heute kann man sich vor nichts mehr sicher sein. Sprache drängt selbst in Sphären ein, in denen man bislang geschützt zu sein glaubte. Sprachliche Zeichen okkupieren Räume, die sich bislang selbst überlassen wurden: leere Fabrikmauern, leere Hautflächen, schilderfreie Zonen. Graffitis, Tätowierungen, Icons und andere Kommunikationssysmbole füllen leere Flächen – Flächen, die früher Flächen der Imagination und damit auch der Freiheit waren. Die Versprachlichung der Welt ist eine Form der radikalen Sichtbarmachung. Logischerweise ändert Sprache dadurch ihre Erscheinungsform. Sie nimmt eine andere phänomenale Gestalt an. Die antike Rhetorik kannte schier unendlich viele Sprachfiguren, die, miteinander kombiniert und verzahnt, eine figurative, eine geschmückte Rede ergaben. Diese figurative Rede hat sich heute in einen endlosen Sprachteppich verwandelt, dessen einzelne Webmuster nicht mehr erkennbar sind und in dem ständig neue Webmuster entstehen.

Paradigma für diesen Sprachteppich sind die Talkshowformate. Gerne schauen wir anderen beim Reden zu. Es ist angenehm, wenn der Redefluss uns sanft umspült. Auf den Inhalt kommt es nicht so sehr an, sondern nur darauf, dass die Rede nicht abreisst. Sprach-Wellness könnte man dieses Sich-Hineingleiten lassen in das Sprachbad auch nennen. Zu dieser Sprach-Wellness zählt auch der Beschreibungswahn. Die Sprache nimmt unser Erleben vorweg und macht sich dadurch selbst zu einem Erlebnishaften. Die Sprache der Versandkataloge ist dafür ein ebenso gutes Beispiel wie die Sprache der Speisekarten in Nobelrestaurants. Die Sprache der Gastronomie hat sich von einer nüchternen Deskription dessen, was den Gast erwartet, zu einer poetischen Eigendynamik entwickelt, in der dann marmorierte Mascarponeravioli und sphärische Oliven (das sind reale Beispiele) gereicht werden. Das Erleben der Sprache tritt hier an die Stelle des Erlebens des Erlebnisses – und wenn man dann auf einen nur spärlich gefüllten nouvelle cuisine Teller mit drei sphärischen Oliven hinabblickt, versteht man auch die Strategie, den Hunger vorneweg mit Sprach-aumuse-geules zu stillen.

Zur Versprachlichung der Welt möchte ich noch ein letztes Indiz anführen, das dann auch langsam auf unsere Leitfrage nach der Redlichkeit zurückführt. Dieses Indiz ist die Multiplikation der Zeichenkanäle. Für die jüngere Generation, zu der ich mich, wenn sie erlauben, auch noch zähle, ist es selbstverständlich, mehrere Social Media Kanäle parallel zu nutzen: twitter, facebook, googleplus und so weiter. Man sagt nicht auf jedem Kanal etwas Neues, sondern man betreibt cross posting, wie es im Fachjargon heisst. Man multipliziert eine Botschaft, ein Bild auf verschiedenen Plattformen. Warum tut man das? Zum einen, weil hier ein Spieltrieb am Werk ist. Sprache und Sprechen hat sehr viel mit Spielen zu tun. Aber das ist natürlich keine Erklärung. Denn die sich anschließende Frage lautet: Warum spielen wir mit der Sprache? Warum reduplizieren wir ohne Unterlass das einmal Gesagte? Der Kommunikationsphilosoph Villem Flusser ging davon aus, dass menschliche Kommunikation in letzter Instanz zu erklären ist als eine Flucht vor der Einsamkeit und damit als eine Flucht vor dem Tod. Wir sprechen, um nicht allein zu sein, um unsere existentielle Angst zu überwinden, in die unser Leben eingebettet ist. Diesen Zusammenhang kennt jeder, der schon einmal alleine durch einen dunkeln Wald gegangen ist.

Wenn wird durch einen dunklen Wald gehen, dann empfinden wir Angst. Diese Angst ist nicht konkret. Es ist keine Angst „vor etwas“. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine generalisierte Angst. Es ist die Angst, die wir aus der Lektüre Kafkas kennen, nicht die Angst Edgar Allen Poes. Der Zustand als solcher macht uns Angst aufgrund seiner Gestallosigkeit und seiner Ungeklärtheit: der Wald verschwindet im Finstern, die Konturen der Bäume lösen sich auf, Nebelschwaden mischen sich mit der Dunkelheit zu einer opaken, undurchdringbaren Masse, die uns fast körperlich bedrückt.

Und was setzen wir dieser Angst entgegen? Wir pfeifen. Wir pfeifen im Dunkeln nicht deshalb, weil wir es einmal so gelernt haben, sondern wir pfeifen instinktmäßig. Es mag auch sein, dass wir mit uns in ein Selbstgespräch verfallen. Aber dabei handelt es sich um den gleichen Instinkt.

Was bewirkt das Pfeifen im Dunkeln? Es setzt der Gestaltlosigkeit eine Gestalt entgegen, auch wenn sie noch so fragmentarisch und musikalisch gestaltlos sein mag. Das Pfeifen grenzt das Revier des Gestaltlosen durch eine Grenzziehung ab und setzt dadurch einen Umriss in die Wirklichkeit – einen erkennbaren Umriss. Diese Gestaltgebung ist auch lesbar als die Simulation eines Gegenübers. Eine zweite Stimme macht den Wald weniger einsam. Die Angst im Dunkeln ist eine Angst vor der Einsamkeit. Das Pfeifen oder das Selbstgespräch funktioniert aber nur dann gegen die Angst, wenn es seinen Ursprung in uns selbst hat. Ein Pfiff ist das Ergebnis einer Gestaltgebung. Würden wir das Pfeifen mittels eines Pfeifapparates simulieren, den wir mit uns durch den dunklen Wald tragen, so würde das unsere Angst nicht mindern. Im Gegenteil: Es würde sie noch steigern. Der künstlich erzeugte Ton wäre zwar eine Gestalt, aber eine fremde Gestalt, die die Fremdartigkeit der Umgebung nur noch erhöhen würde.

Damit haben wir jetzt aus der Beschreibung einer Problembewältigungsstrategie gleich ein zweites Problem heraus destilliert. Das hypertrophe Kommunizieren in den sozialen Medien ist Spiel, aber als Spiel zugleich eine Flucht vor der Todeseinsamkeit. Indem wir es aber einem Automaten – denn was ist das Internet anderes als ein gigantischer, weltumspannender Automat – anvertrauen, setzen wir eine fremde Gestalt in die Welt, die unsere Angst nur noch weiter steigert, was dazu führt, dass wir noch mehr sprechen und so weiter ad infinitum.

An diesem einfachen Beispiel ist ersichtlich, dass Kommunikation nicht schon durch ihre Gestalthaftigkeit angstbefreiend wirkt, sondern dass diese Gestalt auch unserem Körper entspringen muss – dass sie inkarniert sein muss in uns. Sie muss redlich sein und human, um uns die Einsamkeit vergessen zu lassen. Kommunizieren ist immer beides: ein pragmatischer Austausch von Informationen, die dem ökonomischen oder ökologischen Überleben dienen, und zugleich ein beständiges Sprechen gegen die Stille, die uns bedroht. Anders als kommunizierend lässt sich nicht leben, weder so noch so. Wir kommunizieren, um unsere Situation in der Welt zu stabilisieren oder zu verbessern, und wir reden zugleich, um unsere fundamentale Einsamkeit und unsere Todesverfallenheit zu vergessen.

Indem wir kommunizieren, arbeiten wir an einem realen Ertrag und zugleich an einem Gewebe des „Vergessenlassens der Einsamkeit“. Und dieses Gewebe muss ständig erweitert, erneuert, ausgebessert werden. Es muss die Angst bedecken, die unter ihm lauert. Daher sind die Formen und Dichtigkeiten dieses Gewebes immer auch eine Aussage über die Angstsituation, die dahinter steht. Das elektronische Signal, das Simulacrum des Wortes, das virtuelle Sprechen ist nicht dazu in der Lage, die Einsamkeit zum Tode vergessen zu lassen. Im Gegenteil. Es steigert die Angst. Die Sprachkulisse, die unsere Zeit erzeugt und vor der sie lebt, wäre unter diesem Blickwinkel ein Hinweis auf die fundamentale Angst, in der unsere Epoche lebt – und zwar eine unaufgelöste Angst, denn das bloße Vielsprechen mag als Flucht vor der Angst erklärbar sein, eine Auflösung dieser Angst ist es nicht.

So zeigt sich die Versprachlichung der Welt also von zwei Seiten: Zum einen ist sie eine gewaltige Transformationsbewegung von einer Sprache des Unsichtbaren hin zu einer Sprache der Sichtbarkeit und des Erlebens. Von dieser Transformationswelle wird unser Streben nach Redlichkeit weggespült und ertränkt. Zugleich ist diese totale Mobilmachung der sprachlichen Mittel aber auch ein aus der Tiefe des Menschseins, aus der Tiefe der menschlichen Einsamkeit emporsteigender Hilferuf. Nicht umsonst erschien Soren Kierkegaards Buch „Der Begriff Angst“, der die Erbsünde als Quelle unserer Furcht deutet, im gleichen Jahr 1844 wie der erste Telegraphenmast. Die moderne Kommunikation beginnt zum gleichen Zeitpunkt wie das Nachdenken über die Angst der Moderne, die eine gestaltlose Angst oder eine Angst vor der Gestaltlosigkeit ist. Diese Koinzidenz zeigt den engen Bezug zwischen unserer Angst und unserem Sprechen und Kommunizieren auf.

Von hier aus können wir uns jetzt der zweiten Frage zuwenden. Sie lautet: Welche Konsequenzen hat die Versprachlichung der Welt für eine neue Sprache der Redlichkeit?

Zunächst müssen wir uns die Verankerung der Sprache im Unsichtbaren vor Augen halten. Die Analyse der sprachlichen Verfasstheit unserer Gesellschaft hat gezeigt, dass Sprache aus jeder Verankerung herausgelöst wurde, also auch aus derjenigen im Unsichtbaren. Wir müssen uns zuallererst wieder darauf besinnen, dass Sprache überhaupt einen Anker braucht, der sie davor schützt, vom Wechselspiel der Gezeiten davon getragen zu werden. Wir dürfen Sprache ebenso wenig sich selbst überlassen wie wir menschliches Handeln sich selbst überlassen dürfen. Denn Sprechen ist eine Form des Handelns. Und vor allem müssen wir nach einem Weg suchen, die fundamentale Angst vor der Gestaltlosigkeit, die unsere Existenz bedroht, sprachlich zu bewältigen. Das kann nicht geschehen durch ein Vertrauen auf sprachliche Quantität und Multiplikation des Gesagten. Sondern es muss eine Verbindung aufgebaut werden zwischen dem Ursprung und der Quelle dieser Angst einerseits und unserem Sprechen andererseits. Die sozialen Medien und das Internet können, das ist meine feste Überzeugung, dabei helfen, diese Verbindung aufzubauen, sie sind aber natürlich nicht diese Verbindung selbst.

Um diese Brücke ins Unsichtbare sichtbar und beschreibbar zu machen möchte ich nochmals auf den Kern der Freiburger Rede zurück kommen. Zusammenfassend sagte der Papst dort: Entweltlichung der Sprache als totale Redlichkeit bedeutet Anschluss an die Inkarnation. Verweltlichung von Sprache als unvollständige Redlichkeit ist Entfernung von dem eingeborenen Wort. Hier muss unser Verständnis von Sprache und Kommunikation ansetzen. Wir müssen Kommunion und Kommunikation in einem Atemzug nennen. Das hört sich das zunächst wie ein bloßes Wortspiel an. Es ist aber viel mehr als das. Papst Benedikt schrieb in seiner Botschaft zum 43. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel 2009 Folgendes:

„Wenn wir das Bedürfnis empfinden, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten, wenn wir möchten, daß wir diese besser kennenlernen und diese uns selbst kennenlernen, dann antworten wir auf einen Ruf Gottes, einen Ruf, der unserem Wesen als nach dem Bild und Gleichnis Gottes – des Gottes der Kommunion und der Gemeinschaft – geschaffenen Menschen innewohnt“.

In der englischen Übersetzung wird die Verbindung von Kommunion und Kommunikation noch deutlicher. Dort ist von dem „god of communication and communion“ die Rede:

“When we find ourselves drawn towards other people, when we want to know more about them and make ourselves known to them, we are responding to God’s call – a call that is imprinted in our nature as beings created in the image and likeness of God, the God of communication and communion”.

Der Heilige Vater stellt hier einen direkten Zusammenhang her zwischen der Gemeinschaft, die uns in der Eucharistie geschenkt ist, und derjenigen Gemeinschaft, die wir als sprechende und soziale Wesen erst herstellen müssen. Die erste Gemeinschaft, die Gemeinschaft der Eucharistie, ist ein Geschenk, das wir nur annehmen müssen, um es wirksam zu machen. Die zweite Gemeinschaft ist das Ergebnis unseres Handelns und Sprechens. Sie verlangt von uns ein aktives, verantwortungsvolles Handeln und Kommunizieren. Wir können uns dieser Aufgabe nicht entziehen. Denn Gemeinschaft ist das Ziel unseres Hierseins auf Erden. Unsere Berufung ist es, eine Kultur der Freundschaft und des Dialogs zu begründen. „Kommunikation“ ist kein abstrakter, lernbarer Prozess jenseits dieser Aufgabe, sondern sie ist die Erfüllung genau dieser Berufung zur Liebe.

Wir sehen also jetzt genauer, wie „Reden“ im Unsichtbaren verankert ist und wie ein solches Reden, das sich seiner Verankerung bewußt ist, zu „Redlichkeit“ werden kann. Communio ist die Annahme eines Geschenks, communicatio seine Weitergabe. Kommunikation kommt von dem lateinischen Verb „communicare“, und das bedeutet nicht nur „teilen, mitteilen“, sondern auch „teilnehmen lassen, vereinigen“. Kommunikation ist also keine Erlebnisqualität des Individuums, keine hedonistische Selbstverwirklichung, sondern Kommunizieren ist eine Sozialhandlung. Sie zielt nicht nur darauf ab, Informationen auszutauschen, sondern ihre Aufgabe ist es vor allem, eine Gemeinschaft zu bilden. Kommunikation ist Vereinigung. Kommunion und Kommunikation sind zwei Seiten einer Medaille.

So werden also die Umrisse dessen deutlich, was ich Ihnen anfangs als Antwort auf die Frage „Was ist Entweltlichte Kommunikation?“ versprochen habe. Dieses entweltlichte Sprechen ist nicht, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte, ein mystisches Sprechen, ein Sprechen, als sei es Nicht-von-dieser-Welt, eine Rede, die über der Welt und dem konkreten Leben auf dieser Welt schwebt wie Nebel über dem Wasser. Entweltlichtes Sprechen ist kein Privileg weniger visionär veranlagter Seher. Das Gegenteil ist der Fall. Entweltlichtes Sprechen ist ein Sprechen mitten aus der Welt und in die Welt hinein. Man könnte sogar sagen: Entweltlichtes Sprechen ist eine Rückkehr der Sprache in die Welt, eine Befreiung der Sprache aus ihrer hedonistischen Selbstverstrickung.

Es ist ein verbindendes Sprechen, das auf den anderen ausgerichtet ist und das den Sprecher in einen Bezug zum Nächsten stellt. Diese Sprache darf sich daher nicht von der Welt instrumentalisieren lassen, darf sich dieser Welt und ihrer Erwartungshaltung nicht zu sehr angleichen (vgl Lk 4, 21-30), sondern sie muß eine kompromisslose Sprache des Geschenks und des Schenkens sein und bleiben, eine Sprache, die das eucharistische Geheimnis, in dem sie verankert ist, in Zeichen, Worten und dann natürlich auch in Taten ausspricht.

Doch wer sich nicht beschenken lässt, der kann auch andere nicht beschenken. Und wer – umgekehrt – nicht den Eindruck eines Gebers, eines Schenkers hinterlässt, der scheint sich nicht beschenken zu lassen oder nicht beschenkt worden zu sein. Das ist der Kern dessen, was der Papst mit „totaler Redlichkeit“ meint: Sich beschenken lassen, als Beschenkte zu sprechen und das Geschenk weiterzugeben. Kommunizierend zu kommunizieren.

Das ist natürlich nicht möglich in und mit einer Sprache, die auf die Steigerung des Erlebens ausgerichtet ist oder die sich im wesentlichen darin erschöpft, durch das Aussprechen von etwas, das besser Ungesagt bliebe, den Sprecher in die Position eines „Aufklärers“ oder gar eines „Weltverbesserers“ zu versetzen. Lichtzwang und Sprachzwang – beide haben nichts, aber auch gar nichts mit Beschenken zu tun – eher etwas mit Aufdrängen, mit Gewalt. Die Sprache der versprachlichten Welt ist denn auch nicht nur eine Wellness-Sprache, eine Sprache, die „dir gut tut“, sondern auch eine Sprache der Gewalt. Sie unterwirft sich alles, was sich ihr in den Weg stellt. Sie okkupiert Räume des Verweilens und der Imagination, das heißt Räume individueller Freiheit. Sie zwingt dem Sprecher ein Sprechen auf, das nicht das seinige ist: durch insistierendes Befragen, durch den Aufbau von Erwartungshaltungen, durch Ironie- und Distanzlosigkeit, durch den Abbau von Ambivalenzen.

Wer heute befragt wird – sei es als Exponent des öffentlichenoder politischen Lebens oder als simpler Passant in der Fußgängezone, der unversehens auf einen Marktforscher stößt – der fühlt sich nicht nur zur Antwort verpflichtet, sondern der muss geradezu und ohne lange zu überlegen antworten. Er muss etwas, vielleicht auch nur irgendetwas, zur Sprache bringen. Dieses Sich-der Frage-Unterwerfen ist ein Teil unserer sozialen Realität geworden, ja vielleicht sogar schon ein Teil unseres Verständisses von Demokratie – das dann, dies sei am Rande angemerkt, totalitäre Züge annehmen würde. Denn die Bewegung dieses Zur-Sprache-Bringens folgt weniger der inneren Logik der Sache oder der Biographie des Befragten, sondern vielmehr der Logik des Fragers. Und diese Logik des Fragers ist eine Logik der Gewalt, weil sie um jeden Preis eine Antwort bekommen will.

So gesehen artikuliert sich in dieser Unkultur des Aussprechens und des unbedinten Befragens unsere fundamentale Angst. Das insistierende Befragen ist ein Reflex auf die unbeantwortete Frage unserer Existenz. Diesem Befragen fehlt die Weisheit des Fragenden, die in der inneren Öffnung und in der Annahme eines Geschenks besteht. So wie die unendliche Reduplikation der Kommunikation in den sozialen Medien ist auch die Multiplikation der – im übrigen immergleichen – Fragen ein Zeichen für existentielle Verlorenheit. Es gibt ein kurzes Orchesterstück des amerikanischen Komponisten Charles Ives mit dem Titel The unanswered question. Sie sollten sich dieses Stück einmal anhören, denn es bringt die Leere eines nihilistischen Raumes, der eine unbeantwortbare Frage repetitiv wiederholt, auf diese letzte Frage aber keine Antwort weiß, bedrückend und resignativ zum Ausdruck. Die Stimmung in diesem Stück ist vergleichbar mit der Atmosphäre in Giorgio de Chiricos Bildern, in denen das Licht einer untergehenden Sonne die Einsamkeit und die Beziehunsglosigkeit in Räumen ausstrahlt, die von den Zeichen einer großen Vergangenheit, die sich nicht mehr zu einem Sinngefüge zusammensetzt, durchwoben sind. Ja ich würde so weit gehen und den Titel The unanswered question als zentrales Leitmotiv der gesamten modernen Kunst und Kultur bezeichnen – als Grundbewegung der Kommunikation der Moderne, der nur noch der Gestus des Fragens als metaphysischer Kommunikationsrest geblieben ist. Und ich würde auch sagen, dass wir für diesen Gestus des Fragens und für das Insistierende dieses Fragens dankbar sein müssen – auch und gerade den Künstlern der Avantgarde, auch wenn sie auf diese Fragen keine oder nur unzureichende Antworten mehr geben konnten. Diese Form der metaphysischen Offenheit auszuhalten, ist auch eine Leistung. Und es kann eine gute Voraussetzung sein für das Hinhören auf eine Antwort.

Doch immer dort, wo Sprache sich selbstbezüglich vervielfäligt, schließt sich dieser Raum der möglichen Antwort. Nicht die unbeantwortete Frage, sondern die beantwortete Frage in der Logik der versprachlichten Welt ist Signal für eine Form transzendentaler Obdachlosigkeit. Wir haben vorher kurz das System der antiken Rhetorik angesprochen und es als ein System gegen die Angst, gegen den Einbruch des Fremden, interpretiert. Ein anderes historisches Beispiel für ein sprachliches System, das sich aus der Logik des Unsichtbaren entwickelt, ist die symbolische Kommunikation des Mittelalters. In diesem System stehen sprachliche oder bildnerische Zeichen für die Anwesenheit eines Höheren. Das Zeichen ist so gleichsam durchlässig für eine höhere Wirklichkeit, es ist im höchsten Maße weltlich – eine Kathedrale, ein Musikstück, eine farbige Buchmalerei -, aber in noch höherem Maße überweltlich. Das Urbild dieser symbolischen Kommunikation ist die Hetoimasia, die Zurüstung des Thrones Christi nach der Offenbarung des Johannes (22,1-4). Bildkünstlerische Darstellungen dieser Zurüstung zeigen einen leeren Thron vor einem Kreuz, in dem die unsichtbare Anwesenheit des Herrn sich ausdrückt. Die symbolische Kommunikation des Mittelalters lebt bis staatsrechtliche Vollzüge hinein von dieser Logik der symbolischen Anwesenheit.

Diese Kommunikation ist insofern eine völlig andere Antwort auf die fundamentale Befragung unserer Existenz, als sie von sich selbst offenbart, dass sie nicht in der Lage ist, diese Frage selbst, aus sich heraus beantworten zu können, sondern dass diese immer nur in der Figur eines Dritten beantwortbar ist. Es gibt den Frager, den Befragten und den, der antwortet. Die Figur des Dritten ist in der soziologischen Theorie die Begründungsfigur von Gemeinschaft. Der Dritte erweitert die Struktur des Ich und des Du zu einer Gruppe, zu einem sozialen Gebilde. Denn er erweitert die Möglichkeiten des Sprechens, indem er Rollen wie die des Mediators, des Schiedsrichters, des Sündenbocks, des Intriganten, des Mitwissers oder des Übersetzers übernimmt. Das Soziale entsteht aus der kommunikativen Dynamik, die die Figur des Dritten mit sich bringt.

Nehmen wir nun diese beiden Argumente für eine gelungene, entweltlichte, sozial-konstitutive Kommunikation zusammen – das Argument der symbolischen Anwesenheit und das Argument der Figur des Dritten -, so wird eine weitere Tiefenschicht des von Papst Benedikt in der Freiburger Rede mit so einfachen Worten Angesprochenen deutlich. Kommunikation, die aus der Kommunion kommt und sich als Weitergabe der Kommunion versteht, transportiert stets einen unsichtbaren Dritten, auf den sie verweist und in dem sich die Konflikte des Ich und des Du, des Fragers und des Befragten, lösen. Sprache, die diesen Dritten zur Anwesenheit bringt, ist gewaltfreie Sprache. Sie ist eine Sprache, die einen Ausweg, einen dritten Weg, findet. Sie verschließt keine Räume, sondern sie öffnet immer wieder neue. Sie verzichtet auf das Erzwingen von statistischen Wahrheiten zugunsten lebendiger Wahrheiten. Sie ist kein Erlebnis-Ersatz, sondern Lebens-Verweis. Die Sprache des unsichtbar Anwesenden Dritten ist in letzter Instanz eine Sprache, die das göttliche Geheimnis der Trinität in die konkreten Strukturen der Welt und ihrer noch viel konkreteren Probleme hinein spiegelt. Wo zwei sich streiten, hilft der Dritte. Wo zwei sich lieben, legt der Dritte ihre Hände ineinander. Wo zwei nicht mehr miteinander sprechen, ist der Dritte ihr Medium. Kommunikation imm Zeichen des Dritten ist immer Umarmung. Sie ist das Gegenteil von Ausschluss. Wo der Dritte aber ausgeschlossen oder nicht zur Anwesenheit gebracht wird, dort tappt Kommunikation in die Verweltlichungsfalle.

Die unbeantwortete Frage ist nicht das Kreuz, sondern der Raum ohne Kreuz: der absolut leere Raum. Dies ist die zeitgenössische Form unserer Angst. Die Gestaltlosigkeit des Sprechens wurzelt in der Nicht-Verbundenheit dieses Sprechens mit der Person des Sprechers. Antworten auf die unbeantwortete Frage sind Antworten, die jeder geben könnte. Ein Geschenk, das jeder schenken könnte, unabhängig von den Umständen des Schenkens und seiner Vorgeschichte, ist kein echtes Geschenk. Es ist irgendein Buch, eingehüllt in beliebiges Geschenkpapier. Oder ein Blumenstrauß, der von einem Fleuropboten hastig überreicht wird. Es ist kein Drittes anwesend in diesem Schenken. Ein Geschenk im emphatischen Sinne des Wortes verdankt sich einem genauen Hinhören und Aufzeichnen der Wünsche des Beschenkten, vielleicht auch einem bloßen Erahnen, auf jeden Fall aber einem Eintauchen in seine Welt. In diesem Sinne des Eintauchens – und die Assoziation an das Sakrament der Taufe mag hier vielleicht zufälligerweise auftauchen, ist aber natürlich alles andere als zufällig – im Sinne dieses Eintauchens muß auch die Antwort auf die unbeantwortete Frage gegeben werden. Eine solche Antwort ist dann gestalthaft, weil sie nicht beliebig ist. Sie ist authentisch, weil wir in ihr eine Geschichte ahnen und eine Zukunft. Sie ist redlich, weil derjenige, der sie ausspricht, Rechenschaft ablegen kann für das, was er sagt.

Wie aber – und damit komme ich jetzt zum letzten Teil meiner hoffentlich bis hierher halbwegs nachvollziehbaren Ausführungen – wie aber sollen das Internet und die sozialen Medien einbeziehbar sein in diese neue Sprache der Redlichkeit? Steht nicht alles, was wir vom Internet wissen oder zu wissen glauben, der geforderten Verbindung von Sprache und Körper, diesem neuen Gestaltgewinn gegen die Angst, entgegen? Lesen wir nicht allenthalben, dass das Internet einen virtuellen Raum erzeugt, in dem wir uns zu verlieren drohen und der unsere Fähigkeit zur Liebe verkümmern und schließlich sogar ganz absterben läßt? Sind nicht die sozialen Medien verantwortlich dafür, dass der Begriff der „Freundschaft“ zu einem bloßen Abziehbild geworden ist? Sind die mehr als eine Milliarde Nutzer, die in den sozialen Medien täglich aktiv sind, nicht der beste Beweis für eine totale Versprachlichung der Welt?

Die Antwort auf diese Frage lautet: Nein. Eine ausführliche Begründung dieses Nein kann, wer möchte, in meinem Buch 800 Millionen. Apologie der sozialen Medien nachlesen. Wer dafür keine Zeit oder keine Lust hat, dem möchte ich vier Argumente mit auf den Weg geben, warum die sozialen Medien die Gestaltlosigkeit und die Angst der Welt nicht totalisieren, sondern warum sie das Dilemma unserer kollektiven Sprachlosigkeit in einer neuen Sprache aufheben können. Die sozialen Medien sind ein Beginn, kein Ende. Sie sind prinzipiell redlich, und nicht a priori unredlich. Ich möchte eine kulturoptimistische Deutung des Internets versuchen, die in der Tradition des Kommunikationstheoretikers Villem Flusser steht.

Zuvor ist es aber wichtig, zu verstehen, warum wir über Facebook so denken, wie wir es tun. Dies hat mit der Geschichte der Technikreflexion der letzten 100 Jahre zu tun. Im Internet und in den sozialen Netzen scheint die Technik tatsächlich zu dem zu werden, was Martin Heidegger ihr prognostizierte und was er vollendete Seinsvergessenheit, Verfallenheit an das Seiende nannte. Diese Seinsvergessenheit schließt die Gefahr totaler Vernichtung der Bedeutungsganzheit in sich ein. Das Gestell des Netzes negiert die ontologische Differenz zwischen dem Sein und dem Seienden, es besetzt die Denk-und Sprachzentren, von denen aus allein diese Differenz gedacht und gesprochen werden kann, und wird dadurch selbst zum Seins- und Sinnmittelpunkt. Kommunikation geht in dieser Theorie vom Netz aus, sie geht nicht vom menschen aus und dann durch dieses Netz hindurch. Letztendlich bedeutet das, dass der Mensch nicht mehr dazu fähig ist, mehr als das zu erkennen, was die Technik zulässt, was die Technik verlangt, was die Technik, so Heidegger,„entbirgt“. Fortschritt ist gleichbedeutend mit „technischem Fortschritt“ – das kommt uns heute relativ bekannt vor! Der Takt der Maschine ebnet die Kommunikation ein, zu der nur noch das Vorhandene sich zählen lässt. Der Sprechende verweist nicht mehr auf das Angesprochene, sondern nur noch auf den Sprechapparat, der ein Vorhandenes, aber kein „Zuhandenes“ ist – etwas, das einen sinnhaften Bezug herstellt zu dem in der Kommunikation eigentlich Gemeinten, zum Du. Ein Smartphone ist kein Werkzeug im Sinne eines Zuhandenen, das auf ein Größeres verweist, sondern etwas, das in sich selbst endet.

Diese Denktradition steht, grob gesprochen, hinter einer Haltung, die das soziale Netz aus der Zone der Redlichkeit ausschließt. Ich möchte Ihnen, wie gesagt, in der gebotenen Knappheit drei Argumente nennen, die diesen Blickwinkel relativieren und die zum Nachdenken und Diskutieren darüber anregen sollen, wie wir sozial-digital vernetzt und redlich zugleich sein können.

Die drei Argumente lauten:

  1. Das soziale Netz ist eine Institution, die unsere Kommunikationsfähigkeiten erweitert und stärkt.
  2. Die sozialen Medien überwinden den toten Punkt der Einsamkeit, an dem unsere Gesellschaft feststeckt.
  3. Sie überwinden den toten Punkt durch einen spielerischen und heiteren Grundimpetus.

Ad 1: Das soziale Netz ist ein Institution, kein Medium.

Der Unterschied zwischen einem Medium und einer Institution besteht darin, dass eine Institution stabilisierend wirkt, ein Medium destabilisierend. Eine Institution festigt, ein Medium verschiebt und relativiert. Auf die Regeln einer Institution hat man sich gemeinsam geeinigt, ein Medium zeichnet sich gerade dadurch aus, zwischen zwei Polen zu vermitteln. Dafür muss es aber leer, inhaltslos, ungeprägt sein. Interpretiert man das soziale Netz als eine Institution, dann ist es kein Raum der Beziehungslosigkeit und der Zeitverschwendung, sondern es ist dann ein normatives Regelsystem, das das soziale Verhalten einer Gruppe, einer Gemeinschaft oder einer Gesellschaft so beeinflusst, dass es vorhersehbarer oder erwartbarer wird. Damit würde das soziale Netz die Bedingungen des sprachlichen Austauschs erleichtern.

Der Philosoph Arnold Gehlen hat die These aufgestellt, dass der Mensch ein prinzipiell mangelhaftes Wesen ist und der Institutionen bedürfe, um überleben zu können. Institutionen ersetzen beim Menschen nach Gehlen das, was dem Tier durch seinen Instinkt gegeben ist. Gehlen fasst den Begriff der „Institution“ sehr weit. Er zählt dazu Werkzeuge, Sprache, Rituale und Organsationsformen wie Familie, Kirche oder Staat. Der Technik kommt im Rahmen ihrer Institutionalisierung die Bedeutung zu, unseren Körper prothesenartig zu verlängern. Technische Hilfsmittel sind Organverlängerungen. Diese technischen Prothesen stärken unsere Kraft und unsere Wirkmächtigkeit in einer Welt, die komplexer und auch gefährlicher ist, als wir es uns eigentlich leisten können.

Übeträgt man diesen Gedanken in den Bereich der Kommunikation und der Kommunikationsinstinkte, dann sieht man schnell die Umrisse des Problems. In einer hypermobilen und hyperdynamischen Welt wären wir ohne moderne Kommunikationshilfsmittel gar nicht in der Lage, unserer Kommunikationsverantwortung gegenüber der Familie und gegenüber Freunden und gegenüber Geschäftspartnern gerecht zu werden. Wie soll man, um eine einfaches Beispiel zu nehmen, sorgender Ehemann, verantwortlicher Familienvater und erfolgreicher Geschäftsmann in einem sein, ohne sich nicht von Mobiltelefonen, Skype und Facebook helfen zu lassen? Es ist also eine verlockende Möglichkeit, das soziale Netz als eine technologie-gestützte Institution zu begreifen, die uns angesichts der Volatilität der modernen Welt dabei hilft, unsere Kontakte und Freundschaften so zu pflegen, dass wir sie dann in der realen Welt besser pflegen können. Facebook ist unter diesem Blickwinkel kein Medium, das durch ständige Veränderung Unverbindlichkeit und Verantwortungslosigkeit erzeugt, sondern im Gegenteil eine verbindliche, festigende Struktur. Die technische Struktur facebook ist eine Stabilisierung unserer sozialen Imperfektion, ein sozialer Organersatz oder eine soziale Organverlängerung sozusagen. Das soziale Netz läßt sich auch beschreiben als technische Institution, die unseren Körper erweitert und dort stärkt, wo er angesichts der Wirklichkeit droht, überfordert zu sein[1]. Die Wirklichkeit einer globalen, mobilen, chaotischen Welt stellt die Verwirklichung einer menschenwürdigen Liebe auf eine harte Probe. Treue, Zuverlässigkeit, Wertschätzung und Intimität sind mehr denn je gefährdet in einer Realwelt, die aus den Fugen gerät. Daher neigen wir uns dem Raum des Netzes entgegen, das sich uns als ein technisches Hilfsmittel, als eine Prothese anbietet, mit deren Hilfe wir die überlasteten Organe unserer Liebe – vor allem die Sprachorgane – entlasten können. Mit seiner Hilfe können wir Kontakt aufrechterhalten in einer Welt der Mobilität und der permanenten Veränderung. Mit seiner Hilfe können wir, wenn wir nur wollen, authentische Botschaften senden in einer Welt des Rollenspiels und der wechselnden Identitäten, die uns abverlangt werden. Denn das soziale Netz bietet uns die Möglichkeit, einen verbindlichen und gestaltbaren Bezugspunkt für Kommunikation aufzubauen. Auf unserer Facebook-Pinnwand können wir  – mit allen Risiken, die Authentizität impliziert – authentischer sein als im wirklichen Leben, weil unsere Kommunikation hier von allen Zwängen und Zwecken befreit ist.

Das soziale Netz erinnert uns so an das, was wir sind. Es lehrt uns, uns nicht selbst zu vergessen. Aus dieser optimistischen Schlußfolgerung ergibt sich die zweite These. Sie lautet:

Die sozialen Medien helfen uns dabei, unsere fundamentale Einsamkeit zu überwinden.

Wir werden nicht zu Einsamen, weil wir zu oft online sind, sondern wir sind permanent online, weil uns die Einsamkeit des Lebens plagt. Eine kulturpessimistische Sichtweise verkehrt Ursache und Wirkung. Denn das soziale Netz existiert ohne uns nicht. Es ist ja nicht irgendein Netz, sondern eben ein soziales. Facebook ist zwar ein Buch, aber eines, das von uns erst geschrieben lesen werden will, und dann natürlich auch gelesen. Ohne unser Zutun ist es gewissermaßen ein leeres Buch, oder sogar nur, weil es eine virtuelle technische Struktur ist, die Idee eines leeren Buches. Die Wahrheit des Netzes liegt darin, dass es uns eine Sprache zur Verfügung stellt, mit der wir uns untereinander wieder verständigen können. Der Text des sozialen Netzes ist die Spur, die wir im Internet hinterlassen. Ohne unsere Spurung wäre das Netz spurlos, unsichtbar. Wir sind seine Hauptakteure. Im sozialen Netz geht es um niemand anderen als um uns. Das Netz stellt uns als „soziales“ eine sprechbare Universalsprache zur Verfügung und bietet dem utopischen Entwurf menschlicher Gemeinschaft, an dessen Verwirklichung wir als soziale Wesen unablässig arbeiten, neue Möglichkeiten der Verständigung und Annäherung. Wir können diese Möglichkeit einer neuen Sprache des „Ich und Du“ nicht einfach ignorieren, weil es zu unserer menschlichen Routine gehört, das Gesetz der Gemeinschaft immer besser zu erfüllen. Das Netz ist aus dem Material unserer sozialen Logik gewoben, die besagt, dass wir auf dieser Welt immer perfekter „Liebende“ werden müssen, um aus dieser Welt einen lebenswerten Platz zu machen. Das ist unsere Mission. Das soziale Netz greift unser Wünschen auf und hilft unserem Begehren weiter.

So gesehen ist das soziale Netz eine Möglichkeit, den toten Punkt der Einsamkeit, an dem wir in unserer Gesellschaft angelangt sind, zu überwinden. Diesen toten Punkt der Einsamkeit haben wir erreicht, in dem wir uns innenorientierten Lebenskonzepten hingegeben haben. Facebook ist aber davon das genau Gegenteil. Es ist keine nihilistische Struktur, sondern eine leere Struktur. Das sind zwei grundsätzlich verschiedene Dinge. Ich würde sagen, dass für eine nihilistische Intertpretation der sozialen Medien wiederum die technophobe Argumentation verantwortlich ist, die mit der Grundopposition von technikfreier Freiheit und technikorientieter Unfreiheit operiert. Technik steht unter dem Generalverdacht des Mechanischen und damit des Unfreien. Dass man es auch genau umgekehrt herum sehen kann, erschließt sich diesem kulturpessimistischen Blick nicht.

Der kulturoptimistische Blick funktioniert dabei aber nur unter zwei Gesichtspunkten. Zum einen, wenn man Facebook als eine Prothese betrachtet, die unseren Sprachkörper verlängert – und natürlich nicht als diesen Körper selbst. Zum anderen, wenn man Facebook nicht als ein Ich und Du-Gebilde sieht, sondern als eine soziale, eine offene, eine Gruppen-Struktur, in der die einzelnen Mitglieder offen sind für Kritik und Anregungen untereinander. Dafür ist ein gewisses Maß an Humor und spielerischer Veranlagung notwendig, und dies führt mich zu meiner dritten und abschließende These.

Die sozialen Medien haben einen spielerisch-heiteren Grundimpetus.

Der Raum, den wir mit den sozialen Medien betreten, befreit von der übermächtigen Gravitation der Sinnpole, um die sich unsere Leben organisiert hat. „Ist Ernstsein wirklich alles?“ fragte vor kurzem Peter Richter in der FAS. Und er antwortete: „Zehn Jahre Ironiekrise sind genug, zehn Jahre Ende der Spaßgesellschaft machen Lust auf einen neuen Anfang“. Recht hat er. Unser gesamter Alltag steht unter dem Postulat des „Sinn-Machens“. Alles muß Sinn-Machen – von der Mülltrennung über den Sport bis hin zur Freizeitgestaltung. Der Übermaß an Ernst ist ein Übermaß an Sinn, ein erdrückendes Übermaß. Hinter der Fassade einer Gesellschaft, die sich zu Tode amüsiert, steht eine fast schon totalitär zu nennende Einengung der Zonen der Sinnfreiheit. Das Rauchverbot ist hier nur die Spitze des Eisbergs. Die säkulare Übermoralisierung des Lebens führt dazu, dass Moral zu einem Gemeingut wird und das die wirklich wichtigen moralischen Fragestellungen – Fragen des Lebens vor allem – eingeebnet, ja regelrecht untergepflügt werden.

Das soziale Netz ist demgegenüber kein unmoralisches second life, kein Fluchtraum aus der Welt der Verantwrortung, sondern es ist eine Gegenthese zum Leben der melancholischen, weil sinnüberfrachteten Form, das in seinen säkularen Gesten zu erstarren droht, wenn nicht Protagonisten der Sinnfreiheit wie die Piratenpartie es ab und zu in aus dieser Erstarrung beferien würden. Ich würde sagen, das soziale Netz ist so etwas wie unkompliziertes, weil spielerisches first life.

Mit den sozialen Medien bricht also die Heiterkeit in die weinerlichen Strukturen ein, die sich in Klimawandel, globaler Migration, Finanzkrise und Ressourcenengpässen rettungslos verkantet haben und die allem, was wir sagen, einen nachhaltigen Sinn abverlangen. Die neue Leichtigkeit, die die sozialen Medien anbieten, ist grundlegend und bahnbrechend wie die Entdeckung eines neuen Kontinents. Sie macht schwerelos wie das Verlassen der Erdumlaufbahn. Facebook und Twitter geben uns ein spontanes Sprechen zurück, das außerhalb des Netzes durch überkomplexe Regeln, utilitaristische Funktionalisierung und Rücksichtnahmen gehemmt ist.

Kurz: Die Lässigkeit dieses digitalen Seins ist die Komödie über die Tragödie unseres Selbstmitleids. Und der Abstand von diesem Selbstmitleid ist die erste und wesentliche Voraussetzung dafür, wieder redlich zu werden und damit natürlich vor allem auch wieder eines: anziehend für die Welt.

[1] Vgl. Arnold Gehlens These von der Technik als Organersatz, Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in den industriellen Gesellschaft, Reinbek 1957.

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