Die Ethik des Erinnerns

Gedächtnis ist Verankerung des Menschen in der Zeit. Wer sich erinnern kann, der verankert sich vor Ort und schlägt von diesem Ankerpunkt aus eine Brücke aus seiner Vergangenheit hinüber in seine Zukunft. Er überquert dabei die Gegenwart, die immer im Fluß ist. Erinnerung ist kein totes Treibgut, das im Fluß des Lebens schwimmt. Sie ist vielmehr dieser Fluß selbst. Wir beginnen jeden neuen Tag aus der Erinnerung an den verstrichenen. Erinnerung ist erlebte Erfahrung und Motivation für das Unbekannte, das bevorsteht. Das Leben zu meistern, bedeutet nicht, immer wieder bei Null anzufangen, sondern es bedeutet, sich aus dem heraus, was die Erinnerung spricht, der unbekannten Zukunft zu stellen. Erinnerung verbindet uns so erst mit der Zeit, und dadurch entsteht Verbindlichkeit als eine moralische Beziehung des Menschen zum Raum, in dem er lebt und zur Welt, die er verantwortet.

Zum Erinnern gehört immer auch das Vergessen. Denn es ist nicht möglich, sich an alles zu erinnern, was geschehen ist und was man erlebt hat. Das Wesen der Erinnerung ist nicht Aufzeichnung, sondern Auslassung. Erinnerung selektiert. Und sie skelletiert die Zeit auf das für uns Wesentliche. Wir erinnern uns an besondere Ereignisse, an gute wie an schlechte. Vieles, was zwischen diesen Ereignissen liegt, vergessen wir. Und das ist gut so. Denn totale Erinnerung wäre totalitär. Sie würde den Menschen enthumanisieren, weil sie ihm die Möglichkeit nähme, das für sein Menschsein Wesentliche aus dem Leben herauszufiltern. Das Wesentliche unseres gelebten Lebens ist das, was wir entweder als wertvoll einstufen oder als schädlich. Zum einen das, was wir an Gutem vollbracht, zum anderen jenes, was wir an Gutem unterlassen oder an Schlechtem getan haben. Unser Gedächtnis ist mit unserem Gewissen verbunden, es wird von ihm gespeist. Wir erinnern uns gerne an Augenblicke, an denen wir Gutes erlebten. Und wir erinnern uns ungern an gegenteilige Momente – an Momente der Schwäche oder solche der Sünde. Momente des Mißerfolgs können hingegen durchaus positive Gedächtnisinhalte sein, weil wir uns von ihnen zu neuen Ideen motivieren lassen. Es ist also unser Gewissen – die zentrale Instanz der christlichen Person -, die das Gedächtnis strukturiert und steuert. In einem Raum der totalen Erinnerung wäre das Gewissen vom Gedächtnis entkoppelt. Man würde eintreten in eine Zone der neutralen Aufzeichnung, in der Erinnerung keinen moralischen Wert mehr hat, sondern nur noch einen statistischen. Ebenso dramatisch wäre aber das Gegenteil – das totale Vergessen. Denn auch Amnesia und Demenz sind eine Form des Gewissensverlusts.

Wie steht es um das Erinnern, um das Gedächtnis in unserer Zeit? Wir leben in einer paradoxen Situation zwischen einem totalen Vergessen und einer totaler Erinnerung. Auf der einen Seite stehen die Strukturen des Vergessens: Demenz und Alzheimer lösen die biologische Substanz des Erinnerns auf. „Vergessen“ ist mittlerweile eine Volkskrankheit. Es gibt immer mehr Menschen, die nicht mehr verankert sind in der Zeit, sondern die hilflos in der Gegenwart schweben und betreut werden müssen. Aber nicht nur Alzheimer-Patienten erleben einen Verlust von Zeit. Das Leben als ganzes folgt heutzutage einer radikalen Augenblicklichkeit, die sich als ein Verlust von persönlicher und öffentlicher Geschichte darstellt. Wir erleben Zeit als eine punktuelle Struktur, in der es meist nur um das geht, was sich jetzt, in diesem Moment, ereignet. Unsere Aufmerksamkeit wird absorbiert von den Bildern der Gegenwart, von den Oberflächen, die sich multiplizieren und die unaufhörlich ineinander übergehen.

Auf der anderen Seiten stehen die Strukturen der totalen Erinnerung. Das Netz und die Cloud sind gigantische Datenspeicher, die einer Minimalethik des Erinnerns folgen. Dieses Erinnern ist keine Gewichtung mehr, sondern pures Speichern. Das Netz vergisst nichts, es hat aber auch kein Gedächtnis. Im Netz gibt es keine narrative Struktur, die aus Informationen Gedächtnis herstellen würde. Dazu kommt, daß alles, was gespeichert werden kann, nicht nur als einmaliger Datensatz existiert, sondern auch als Backup. Das Backup ist ein Phänomen der Welt der digitalen Speicher. Das Backup ist ein automatisierter Vorgang, den das System an sich selbst vollzieht. Die Kopie, selbst noch die Fotokopie, sind Sicherungen, die außerhalb des Systems stattfinden. Die Information, die von Hand kopiert wird, steht in einem bewußten Zusammenhang. Sie ist intentional und geschichtlich. Die Information, die sich selbst speichert, ist dagegen von jedem Erinnerungsträger unabhängig. Und damit hört sie auf, Erinnerung zu sein.

Der Verlust von Erinnerung ist eine Form der Entfremdung von uns selbst. Es würde sich lohnen, darüber nachzudenken, ob es einen kausalen Zusammenhang gibt zwischen der Volkskrankheit „Demenz“ und der Herrschaft des digitalen Netzes als Speicher. Es hat den Anschein, als würde das artifizielle neuronale Netz die organischen Netze ablösen. Es sieht so aus, als vollzögen sich diese beiden Prozesse parallel und als gäbe es zwischen ihnen eine Verzahnung oder eine Interaktion. Es mag sein, daß der Verzicht auf narrative Anstrengung, daß das blosse Abspeichern von Erinnerungen zum Verfall derjenigen Hirnstrukturen führt, die das Zentrum der narrativen und der ethischen Person darstellen.

Der digitale Speicher der totalen Erinnerung folgt einer minimalen Ethik. Den Charakter dieser Minimalethik kann man am Umgang mit Fotografien zeigen. In einem digitalen Fotoalbum werden Bilder nicht mehr sortiert und ausgewählt, sondern sie werden abgelegt. Die Möglichkeit des unbegrenzten Ablegens erhöht die Produktion. Man knipst unentwegt, weil die Speicher-Ressource unbegrenzt ist. Dann verliert man irgendwann den Überblick über die Tiefen des eigenen Speichers, in der man selbst als Produzent der Bilder und als Person des Erinnerns nicht mehr vorkommt. In analogen Fotoalben wurden Bilderfolgen sorgfältig komponiert und mit den eigenen Erinnerungen kommentiert. In analogen Alben spricht eine mit der Zeit verbleichende und so selbst zeitlich-narrativ werdende Handschrift von der Affektion, die diese Hand für die Momente hegt, die auf den Fotos abgebildet sind. Das Einkleben von Fotos und ihr Beschriften ist eine narrative und damit eine Gedächtnisleistung. Man wählt aus, ordnet an, textet sich durch die eigene Biographie.

In digitalen Fotoalben sind die Bilder nicht mehr durch die kommentierende Handschrift des Fotografen verbunden. Sie sind nur noch Zeichen in einem Zeichenarsenal. Indem wir die durchlebte Zeit und die Bilder, die sie dokumentiert, den texturlosen Speichern des Netzes anvertrauten, verlieren wir nach und nach den Bezug zu diesen Bildinhalten. Wir treten das Erbe der Erinnerung an den Speicher ab. Sicher, Fotoalben lassen sich per Mausklick leicht teilen. Sie sind community-fähiger als konventionelle Alben, die im Schrank verstauben und vielleicht jahrelang unaufgeschlagen bleiben. Aber das Teilen von digitalen Fotoalben ist nicht nur als ein Akt der Freundschaft lesbar, sondern ebenso als ein Akt der Ablehnung von Erinnerung, als eine Abtretung von Gedächtnis-Verantwortung. Wo Fotos nur noch situativ erstellt werden, um geteilt zu werden, da besteht die Gefahr, dass sich Erinnerung in einer Geste des Sich-selbst-Verlierens verflüchtigt. Mit dieser Geste geht ein Verlust von Gefühlen einher. Wir verlieren den Gefühlskontakt zu unserer bildhaft verdichteten Vergangenheit und verhärten uns in einer Haltung des radikalen Jetzt, in einer Haltung der Desaffektion, in der ein Foto das nächste jagt. So trennt sich das durchlebte Leben vom aktuellen. Es wird zu einem abgetrennten, zu einem „dämonischen“, weil das Gedächtnis der missing link zwischen Gestern und Heute ist.

Gedächtnis entsteht durch Narration. Ohne Narration zerfällt das Erinnerte in einzelne Bestandteile. Familiengeschichte zum Beispiel besteht immer aus Familien-Geschichten. Auch einige der besten Geschichtsbücher arbeiten anekdotisch. Erzählungen knüpfen ein Gewebe nacherzählbarer und nacherlebbarer Vergangenheit. Dabei ist Narration eine subjektive Leistung. Sie ist immer perspektivisch und bewertend. Sie transportiert die Werte derjenigen, die vor uns gelebt haben, und vielleicht in schwierigeren Zeiten, als wir sie kennen. Mit dieser Form von erinnerter und dadurch immer auch bewerteter Vergangenheit wollen wir heute nichts mehr zu tun haben, schon gar nicht, wenn sie in der eigenen Familie vorkommt. An ihre Stelle tritt die Form der zeitlosen, scheinbar objektivierten Datensammlung. An die Stelle der Narration tritt die Chronik. Ihre vorläufig letzte Version ist die Facebook-Chronik des eigenen Lebens: sie ist pure Anti-Narration. Sie speichert Lebensläufe automatisch, sie ordnet Daten und Bilder so an, dass der Anschein eines Lebenslaufs entsteht. Ein Lebenslauf hat Krümmungen, Windungen, Brüche, Widersprüche und Überraschungen. Die Facebook-Chronik ist dagegen nichts mehr als eine Liste. Sie ist eine Listung verstrichener Zeit. Sie gehorcht der minimalen Ethik des Speichers.

Narration ist nicht ein unmittelbar Gegebenes. Sie setzt Anschauung voraus. Nicht umsonst waren viele große Zeichner auch Erzähler, zum Beispiel Adalbert Stifter. Der Rückgang des Narrativen und der damit verbundene Verfall des Gedächtnisses sind rückführbar auf den Mangel an konkreter Anschauung. Wer nicht mehr hinschaut auf die Welt, der sieht nichts. Und wer nichts gesehen hat, der kann auch nichts erzählen. Deswegen benötigen wir dringend Museen und auch Reliquien  – ob vergoldet oder nicht. Sie sammeln und präsentieren Anschauungsmaterial in narrativen Zusammenhängen. Sie zeigen uns Objekte, an denen sich Erinnerung an die Vergangenheit genauso entzünden kann wie Hoffnung auf die Zukunft. Sie führen uns das, was verstrichen ist – die Zeit – vor Augen. Die Auswahl solcher Objekte ist episodisch, fragmentarisch, subjektiv, zufällig, chaotisch. Sie folgt nicht der Logik des Speichers, sondern der Idee des Zusammenhangs, den wir ihr erst noch geben müssen, um uns als Subjekte der Zeit und der Erinnerung ins Spiel zu bringen.

Die Theologie Papst Benedikts fußt auf zwei Grundbegriffen: Geschichte und Gedächtnis. Wer seine Wurzeln und seine eigene Geschichtlichkeit vergißt, der verliert seine Identität. Ein Christentum, dass seine jüdische Tradition verleugnet, entfremdet sich von sich selbst. Was im Großen gilt, das hat auch im Kleinen Gültigkeit. In einer Welt, in der die automatisierte Sicherungskopie die Gedächntnisarbeit abzulösen droht – und diese Ablösung ist nur ein weiterer Schritt auf dem Weg in eine anstrengungslose Commodity-Gesellschaft -, ist für Identität und für Gewissen kein Platz mehr. An ihre Stelle treten ethisch neutrale Festplatten und USB-Sticks. Sich daran zu erinnern, ist der erste Schritt, nicht der Vergeßlichkeit anheim zu fallen. (2013)

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