„Brod und Wein“ – Papst Franziskus und die Literatur

Papst Franziskus hat gleich zu Beginn seines Pontifikats mit einer Reihe literarischer Anspielungen aufhorchen lassen. Hölderlin, Borges, Bloy. Man staunt. Doch verfolgt man diese Spuren, so enthüllen sich die Umrisse eines anspruchsvollen geistigen Programms.

Der Erwartungsdruck ist immens: Kaum ist Papst Franziskus im Amt, schon feuern die Exegeten aus allen Rohren. Alles, was der neue Pontifex tut oder auch nicht tut, unternimmt oder unterläßt, wird gedeutet, interpretiert, vertieft, gegen die römische Frühjahrssonne gehalten und auf mögliche Sollbruchstellen abgeklopft. Man hat den Eindruck, der Papst ist schon Jahre im Amt. Aber sie ist auch verständlich, diese Ungeduld der Erkenntnis. Hier zu Lande herrscht ganz offensichtlich ein großes Verortungsbedürfnis. Zu viel ist passiert seit jenem historischen Rosenmontag: erst der überrraschende Rückzug Papst Benedikts, dann ein Doppelschlag, der erste Papst aus Lateinamerika und der erste Jesuit auf dem Stuhle Petri. Alles das, zusammen genommen, hat die Katholiken aller Lager ungeduldig und unsicher gemacht. Drängende Fragen stehen unbeantwortet im Raum: Wie geht es jetzt weiter? Was können wir erwarten? Worauf deuten die Zeichen?

In der Vielzahl deutbarer Zeichen aus dem noch schemenhaften Kosmsos des neuen Pontifikats gibt es schwächere und stärkere Signale. Das gesprochene päpstliche Wort gehört sicher zu den stärkeren. Und wenn in den Ansprachen eines neuen Papstes literarische Zitate und Anspielungen auftauchen, die einen inneren Zusammenhang erkennen lassen, dann sollte man von ernst zu nehmenden Fingerzeigen ausgehen. Freilich: Auch hier besteht die Gefahr der Überinterpretation. Aber der literarische Echoraum, den Papst Franziskus in den ersten Tagen mit ganz wenigen Strichen gezeichnet hat, fängt schon jetzt den Klang auf, den die Wahl des Namens „Franziskus“ erzeugt hat, und deshalb sollte man ihn tatsächlich ernst nehmen. Wenn man die literarischen Puzzleteile erst einmal zusammen gesetzt hat, dann kann einem schon kurz der Atem stocken angesichts der Eindeutigkeit der Botschaft, die plötzlich vor Augen steht.

Aber alles der Reihe nach. Fangen wir ganz von vorne an. Ad fontes – das ist immer der beste aller möglichen Wege. Thomas von Celano, ein Ordensbruder des Hl. Franziskus, der mit der Hagiographie betraut war, berichtet in seiner Vita secunda S. Francisci vom Berufungserlebnis des Ordensgründers vor der Kreuzikone in San Damiano in Assisi: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät“, sprach Christus hier zu Franziskus. Der einfache Schriftsinn dieses Satzes bezieht sich auf den desolaten baulichen Zustand der Kirche, in dem sich die Szene ereignete. Franziskus erbettelt sich dann auch tatsächlich Baumaterial und baut die romanische Kirche wieder auf. Eigenhändig. Aber natürlich und vor allem hat dieser Satz eine allegorische Bedeutung. Er ruft Franziskus dazu auf, die Kirche als ganze zu renovieren und sie aus ihrer Dekadenz zu retten. Wer sich als Papst „Franziskus“ nennt, bekennt sich nicht nur zu Armut und Einfachheit, sondern er spielt auf eine renovatio des ganzen Kirchenhauses an.

Hat man diesen Zusammenhang im Auge oder besser im Ohr, dann klingt das medial bereits vielfach repetierte Hölderlin-Zitat, mit dem sich Papst Franziskus am 14. März in einer Ansprache an die Kardinäle wandte, bedeutsam nach: „Es ist ruhig, das Alter und fromm“ sprach Franziskus in der Sixtinischen Kapelle zu seinen fratelli. Seine primäre Aussage ist klar: Das hohe Alter des Kollegiums ist keineswegs eine Schwäche, sondern ein gewaltiger Pluspunkt. Es hat die Aufgabe, die Weisheit und die Frömmigkeit an die Jugend weiter zu geben. Und wer weiß: Vielleicht war das Hölderlin-Zitat auch als eine Referenz an den deutschen Papst gedacht, dem die Kirche soviel zu verdanken hat? Oder auch an Bergoglios Zeit in Frankfurt, als er über eine Dissertation nachdachte, die sich um Romano Guardini drehen sollte, der immerhin der Autor einer Studie namens Hölderlin. Weltbild und Frömmigkeit war?

Spekulationen, nichts als Spekulationen! Aber im sixtinischen Hölderlinvers steckt, betrachtet man den Kontext des Gedichts etwas genauer, durchaus auch philologisch Zwingendes. Der knappe Vers stammt aus einem Werk Hölderlins aus dem Jahre 1799. Dieses Gedicht trägt den rührenden Titel „Meiner verehrungswürdigen Großmutter zum 72. Geburtstag“. Das Gedicht ist in elegischen Distichen verfaßt – ein Versmaß, das vor allem durch die Ars amatori von Ovid und durch Goethes Römische Elegien bekannt wurde. Das elegische Distichon ist ein Versmaß, das glühende Sehnsucht nach Präsens ebenso zum Ausdruck bringt wie elegisches Zurückblicken und Wissen um Verlust. Dies ist, so zeigt sich einem näherem Hinsehen, der Grundakkord, den dieses Episkopat anschlägt.

In der Sixtinischen Kapelle zitiert man den Protestanten Hölderlin nicht so ohne Weiteres. Ein solches Zitat ist eine Anspielung auf den Zustand der Epoche. Wer Hölderlin liest und das als Papst bekundet, der bekennt sich nicht nur zu ästhetischer Schönheit, sondern immer auch zum Anerkennen einer „dürftigen Zeit“ – so das zentrale Bild aus Hölderlins großer Elegie Brod und Wein. Martin Heidegger und Ernst Jünger haben sich mit dem, was Hölderlin in Aussicht stellt, über ihre „dürftige Zeit“ gerettet. Beide haben Hölderlin gegen Nietzsches Nihilismus in Stellung gebracht. Gerade in Brod und Wein sahen sie Epiphanie und Präsenz wirksam. Für sie war Hölderlin Lichtblick in dunkler Ära. Er war für sie Garant eines dichterischen, zauberhaften Zusammenhangs der Welt, die sich ohne Sprache in pure Logik oder reine Macht – also in Nichts – auflösen würde.

Papst Franziskus evoziert, indem er Hölderlin zitiert, also nicht nur die Weisheit eines biblischen Alters, sondern auch genau jene Berufungsminute des Heiligen Franziskus, von der Thomas von Celano berichtet: „Geh und rette meine Kirche aus dürftiger Zeit!“ – so schreibt das sixtinische Hölderlin-Zitat das Namensmotto des Episkopats fort. Diese starke These wird vollends deutlich, wenn man den Rest des Großmutter-Gedichts betrachtet. Hölderlin bringt hier vor allem eines zum Ausdruck: die Verflüchtigung der Präsenz des Christlichen. Dem Bild der frommen Großmutter stellt er die Religionsvergessenheit der Welt gegenüber: „Ach! sie wissen es nicht, wie der Hohe wandelt’ im Volke,/Und vergessen ist fast, was der Lebendige war“. Denn, so heißt es weiter: „Wenige kennen ihn doch und oft erscheinet erheiternd/ Mitten in stürmischer Zeit ihnen das himmlische Bild“.

Doch das Gedicht verharrt nicht in Trauer und Rückblick. Hölderlin wendet sich am Ende an die Großmutter und verspricht: „Kommen will ich zu dir; dann segne den Enkel noch einmal,/ Daß dir halte der Mann, was er, als Knabe, gelobt“. Halten, was man gelobt, auch in dunklen, schwierigen, trockenen Zeiten, und hinter dem dichterischen Bild der Großmutter die Mutter Gottes erahnend (Denn zufrieden bist du und fromm, wie die Mutter,/die einst den Besten der Menschen, den Freund unserer Erde, gebar.) – das ist katholische Mission, auch wenn sie aus dem protestantischen Württemberg des späten 18. Jahrhunderts zu uns herüberklingt. Verantwortung zu tragen für das Erbe und zugleich die Augen nicht zu verschließen vor dem Zustand der Zeit – diese Grundsituation der Hölderlinschen Elegie ist eine treffende Metapher für den Zustand des Katholischen am Beginn dieses Jahrtausends.

Das neue Pontifikat kündigt sich also elegisch und heiter zugleich an, zutiefst katholisch mit einem Sinn für protestantische Sprödigkeit. Und damit hat es unsere Sympathien. Denn Unverkrampftheit mit Weitblick ermöglicht Einschluß. Dekontraktion mit Charakter ist integrativ. Was das bedeuten kann, eröffnet eine erste literarische Verzweigung im Denken des neuen Papstes, auf die er uns selbst hinwies. Denn Franziskus zählt neben Hölderlin auch Jorge Luis Borges, den wichtigsten argentinischen Dichter der Moderne, zu seinen „Lieblingsautoren“. Auch hier wieder eine auf den ersten Blick überraschende Vorliebe – sieht man einmal vom argentinischen Nationalstolz ab. Borges war nicht gläubig, er zählte sich zu den Agnostikern. Kein Buchtipp für ein Angelus-Gebet also. Und doch: „Lieblingsdichter“. Nun denn, wir müssen uns also wieder auf die Suche begeben.

Borges mag zwar kein Heiliger gewesen sein, aber ein Suchender war er sein Leben lang. Er suchte nicht irgendeine Weisheit, sondern das Antlitz Christi. Seine Sprache sondierte die Brechungen, Spiegelungen und Unschärfen der Welt auf der Suche nach einem vera icon, nach einem letzten Wahren, das sich nicht sofort wieder als ficción entlarvte. Das ist verbürgt – unter anderem durch Ernst Jünger, der den viel bewunderten Borges bei sich im oberschwäbischen Wilflingen zu Gast hatte. Und auf seinem Weg fand Borges zu großartigen, ergreifenden christlichen Bildern. Im Gedicht Johannes 1,14 heißt es: „Manchmal denke ich mit Heimweh/an den Geruch dieser Tischlerei“. Ganz lapidar. Ganz tief zugleich. Der Geruch der Tischlerei Josephs. Ja: Tiefer kann man es gar nicht in Sprache fassen, jenes innigste Gefühl, das einem sagt, daß man auf dem richtigen Weg ist.

Aber zugleich ist da auch wieder jenes elegische Erinnern an einen verlorenen Zustand der Unschuld, der Kindheit, des Paradieses, aus dem Kraft geschöpft wird: „Manchmal denke ich mit Heimweh…“. Der Verlust ist Prämisse. Ohne Bekenntnis zu ihm gibt es keine Wahrheit. Deshalb ist Erinnern so wichtig. Es ist ein Erinnern, das nicht in sentimentaler Passivität versulzt, sondern hartnäckig weiter sucht, weil es das Gefühlte, das Erinnerte unbedingt finden will. In diesem Sinn schreibt Jose Luis Borges am 1. Juli 1969: „Tausendmal hat mein Mund das Vaterunser gesprochen, aber ich verstehe es nur teilweise“. 1969! Das ist das Jahr, in dem Bergoglio zum Priester geweiht wird. Zufall? Und noch etwas: Borges betete das fremde Gebet vor allem deswegen, weil er es seiner Mutter versprochen hatte. Womit wir wieder mit Hölderlin vor dem Ohrensessel in Lauffen am Neckar stehen, in dem die 72- jährige Großmutter sitzt und müde lächelt. Noch ein Zufall?

Das Pontifikat des Franziskus beginnt also heiter-elegisch. Und kämpferisch zugleich. Da wundert es nicht, wenn in der ersten Predigt das neuen Papstes kein Geringerer als der größte aller katholischen Schrifsteller auftaucht: Léon Bloy. „Wer nicht zum Herrn betet, der betet zum Teufel“ hieß es da im Duktus der Bloyschen Auslegung der Gemeinplätze. Der Vatikan tat sich lange schwer mit Bloy. Seine Schriften waren sogar eine Zeitlang unter Verschluss. Aber man darf an dieser Stelle auch daran erinnern, das Joachim Kardinal Meissner in seinen Predigten gerne den streitbaren Katholiken zitierte – und als rheinisch-katholische Anekdote sei gesagt, dass der junge Heinrich Böll einer der glühendsten Anhänger des Franzosen mit dem schweren Schnauzbart war.

Also: Bloy! Dieser Name ist nun wirklich Programm. Mehr als das: Er setzt ein markantes Ausrufungszeichen gegen jene, die den Kampf gegen den Relativismus mit dem Episkopat Benedikts XVI. für beendet erklärt haben. Von wegen! Von Bloy gibt es (auch auf Deutsch, übrigens) einen monumentalen Text: Le sang du pauvre – Das Blut des Armen. Was passt besser zu einem Pontifex, der sich unter das Banner des Heiligen von Assisi stellt? An zentraler Stelle in diesem dichten, wuchtigen, sperrigen Essay lesen wir einen Satz, den Bloy seiner Kirche vor mehr als 100 Jahren ins Stammbuch schrieb. Er hat seitdem nichts von seiner glühenden Wahrheit und von seinem immensen Trost eingebüßt. Im Gegenteil: „Es gibt Priester, die nicht der Welt dienen, arme Priester oder Armuts-Priester, wie man sie nennen möchte, die wissen, was es heißt, arm zu sein, da sie immer nur den gekreuzigten Christus gesehen haben“. (März 2013)

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