Anarchie und Christentum

Die katholische Kirche ist für ihre Gegner gemeinhin der letzte Ort autoritärer Herrschaft. Das erste Gebäude, das Anarchisten stürmen, ist das Gotteshaus. Das erste, was fällt, ist das Kreuz. Der erste, der stirbt, ist der Priester. Was also, bitte, soll am Katholischen anarchisch sein? Eine Spurensuche.

Es versteht sich von selbst, dass jeder Anarchist ein Problem mit der Religion hat. Religion bedeutet für ihn Autorität und Fremdherrschaft. Es versteht sich aber ebenso von selbst, dass jeder fromme Christ sein Kreuz schlägt vor Anarchisten jedweder Couleur, die Auflösung und Chaos verursachen. Gleichwohl muss man differenzieren. Wer heute das Wort „Anarchie“ ausspricht, ruft Bilder brennender Berliner Straßenbarrikaden am 1. Mai oder tumulthafte Szenen aus Fussballstadien hervor. Anarchie steht nur noch für sinnlose Zerstörungswut. Dabei verfügt das anarchistische Denken über eine verzweigte Tradition der Freiheit, die im Kern ein berechtigtes und humanes Aufbegehren ist. Es darf durchaus daran erinnert werden, dass Männer wie Léon Bloy und Ernst Jünger sich in der Tradition anarchistischen, fundamental oppositionellen Denkens außerhalb jeder politischen Parteiung sahen, um ihre Unabhängigkeit gegenüber der Wirklichkeit, in der sie lebten, zum Ausdruck zu bringen. Jünger prägte für sich sogar einen eigenen anarchistischen Begriff: den des Waldgängers, des Anarchen.

Die Frage, ob es eine Berührung zwischen Anarchie und Christentum, zwischen Anarchie und Christus gibt, scheint sich aber sofort und ohne jedes weitere Nachdenken zu erledigen. Anarchie bedeutet Herrschaftslosigkeit. Von Pierre-Joseph Proudhon stammt die klassische und klare Definition: „Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft“. Rein gesellschaftlich betrachtet mag es vielleicht erstrebenswert sein, in einer utopischen Welt zu leben, die geordnet und produktiv zugleich ist, ohne dass der eine über den anderen Macht ausübt. Aber kann Ordnung ohne Herrschaft, christlich betrachtet, der Fall sein? Kann es einen Zustand der Herrschaftslosigkeit geben, der nicht im Chaos der Unmoral und des Dämonischen versinkt? Natürlich nicht. Denn die Welt steht immer unausweichlich unter einer Herrschaft: entweder unter der Herrschaft des Guten oder unter der Herrschaft des Bösen. Der moralische Raum ist nie neutral. Wir bekennen uns entweder zu einem Schöpfergott, oder wir bekennen uns nicht zu ihm, und dann überlassen wir uns selbst und die Welt der Herrschaft des Anti-Christ. Wir stellen uns auf die Seite des Siegers, der will, dass wir siegen – oder wir stellen uns auf die Seite des Verlierers, der will, dass auch wir zu Verlierern werden und der uns zu sich in die Dunkelheit hinabzieht. Die Entscheidung für den einen ist notwendiger Weise eine Entscheidung gegen den anderen. In beiden Fällen müssen wir eine metaphysische Autorität anerkennen: das Leben oder den Tod. Unsere Existenz kann nicht herrschaftslos sein. Sie ist parteiisch. Sie muss sich auf eine Seite stellen. Eine moralische Ordnung ohne Herrschaft ist christlich nicht denkbar.

Doch kann man die anarchische Seite des Katholischen sehen, wenn man dieses Katholische aus einer anderen Perspektive betrachtet: aus der Perspektive der Freiheit. Entscheide ich mich für den Dämon des Bösen, so wähle ich die Versklavung. Ich begebe mich in Unfreiheit, in Abhängigkeit. Ich setze mich der Fremdbestimmung durch Begierden und Ängste aus. Stelle ich mich aber auf die Seite des Guten, so wartet auf mich eine Freiheit, die, anders als die gesellschaftliche Freiheit, nicht endlich ist. Die Freiheit, die Christus verspricht, ist keine relative, sondern ein absolute. Sie ist keine Freiheit „von etwas“, sondern eine Freiheit „zu etwas“ – die Freiheit, seinem höheren Ich zuzustimmen, dieses höhere Ich zuzulassen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh 18,36). Dieser Satz macht absolut frei, weil er uns entankert. Er hebt uns aus den Beschränkungen und Verklemmungen der Zwecke der Welt und knüpft ein Band hinüber in die andere Welt. Durch diesen Satz werden wir regellos. Er entkräftet die eine Ordnung, um die andere einzusetzen.

Wer Christus folgt, der kommt täglich mit der Welt in Konflikt. Weil er diese Welt transformieren will, muss er sie aus den Fundamenten heben. Und was anderes ist Anarchie als ein Aus-den-Angeln-heben-des-Gegebenen? Der Christ pocht einzig und allein auf die radikale Freiheit seines Gewissens und seines Handelns. Die einzige Herrschaft, die er anerkennt, ist eine jenseitige. Das, was er bewirkt, erzeugt aus der Perspektive der Welt gehörige Unordnung und erheblichen Aufruhr. Aus der Perspektive seines Zieles erzeugt dieses Handeln dagegen Ordnung. Und zwar eine Ordnung des Guten, Wahren und Schönen. Christen stellen Dinge auf den Kopf, sie widersprechen den Herrschenden, sie enteignen die Besitzenden, sie stürmen die Barrikaden der öffentlichen Meinung und geben den Marginalen und Verlassenen eine Stimme. Hinter ihnen sammelt sich das Lumpenproletariat der Strasse und schwenkt seine Fackeln. Das Feuer, das diesen Mob antreibt, ist aber ein Furor des Guten.

Gustave Courbet war einer der größten Maler des 19. Jahrhunderts. Er hat die Malerei aus der Welt der blassen Ideen in die rauhe Wirklichkeit geführt. Courbet hat die Malerei hart gemacht. Er brachte der Malerei bei, hinzuschauen, rücksichtslos hinzuschauen sogar. Seine Bilder wurden bald zum Ärgernis. Und er als Person wurde es auch. Courbets Aktionsfeld war in jeder Hinsicht das Wirkliche. Er war befreundet mit Pierre-Joseph Proudhon und sah sich als Anarchist, auch wenn er nicht so weit ging, im Alleingang Bomben zu zünden. Aber destruktiv war er schon: Als Mitglied der Pariser Commune wurde er wegen seiner Beteiligung an der Zerstörung der Colonne Vendôme für ein halbes Jahr ins Gefängnis geworfen. Courbets künstlerisches Gewissen wurde nicht von einer vagen Idee des Realismus bestimmt, sondern vom unbedingten Willen, in diese Realität einzutauchen, in sie gewaltsam einzugreifen, sie zu verändern und zu revolutionieren. „Paris ist nicht mehr Paris“ war sein Kampfruf.

Dieses Prinzip „Realismus“ beherrschte auch den Heiligen Pfarrer von Ars, der beinahe Zeitgenosse von Courbet war. Der Pfarrer von Ars ruhte sich nicht auf der Idee eines Gottes aus, um dessen Wirklichkeit man sich nicht mehr bemühen muss, der einfach da ist und der uns dereinst schon bei sich aufnehmen wird. Sondern er hat in unermüdlicher, selbstausbeuterischer, fast krank machender Arbeit die Realität dieses Gottes, der ein vergebender und dadurch freimachender ist, in das kleine Dörfchen Ars gebracht, bis es irgendwann einmal hieß: „Ars ist nicht mehr Ars“. Hier ereignete sich die wahre Revolution, nicht auf der Place Vendôme. Der Pfarrer von Ars öffnete seinen Beichtstuhl um 1 Uhr nachts und nahm den Menschen dann 18 Stunden lang ohne Unterbrechung die Beichte ab – jedem, der da kam, ob Kaiser oder Bettelmann.

Welches Handeln ist anarchischer, radikaler, befreiender? Welches Handeln reißt die Grenzen dieser Welt ein? Der revolutionäre Pinsel eines Courbet oder das endlose Opfer des Jean-Marie? Dem politischen Furor der Commune fiel am Ende eine Säule zum Opfer. Das heilige Feuer des Jean-Marie Vianney verzehrte Neid, Geiz, Eifersucht, Hochmut, Faulheit und Völlerei in den Herzen derer, die sich ihm anvertrauten. In seinem letzten Lebensjahr waren es mehr als 100.000 Menschen, die zu ihm pilgerten. Die napoleonische Siegessäule steht heute wieder an der Place Vendôme in Paris. „Paris ist wieder so schön, wie es einmal war“: das ist das Gesetz dieser Welt, deren Wunden sich immer wieder schließen. Ars aber ist immer noch anders. Die Herzen vieler Menschen, die zum Pfarrer von Ars kamen, blieben das, was er aus ihnen gemacht hat, und sind heute bei Gott.

Und immer noch kommen die Menschen nach Ars, obwohl Jean-Marie seit mehr als 150 Jahren tot ist. In einen Wallfahrtsort wie Ars strömen Menschen jeden Alters und jeder Schicht, jeder Hautfarbe und jeder Nation. Die Soziologie des Wallfahrens unterläuft die Hierarchien der Gesellschaft. Hier trifft aufeinander, was sich sonst nie begegnet. Hier wird die Utopie einer Gesellschaft ohne Herrschaft anschaubar, erlebbar. In Wallfahrtsorten gibt es Ordnung ohne Herrschaft, als seien diese Orte Vorspiegelungen dessen, was uns im Himmel erwartet. Wallfahrtsorte sind Orte der Anarchie.

Im Herzen des Katholischen brennt das Feuer des Umbruchs. Die Botschaft Christi ist eine anarchische, oder sie wird nicht gelebt. Wer die Bibel aufschlägt und diese Texte noch so lesen kann, wie die ersten Christen sie gelesen haben, dem verschlägt es die Sprache. Schon die Texte der alttestamentarischen Propheten sind, liest man sie im historischen Kontext, heftige Kritik an bestehenden Machtverhältnissen und am Götzendienst. Dann folgen im neuen Testament Sätze, die wie Brandpfeile abgeschossen werden gegen die Festungen des Materialismus und des Egozentrismus : „Ihr könnt nicht beiden zugleich dienen, Gott und dem Geld“, „Liebt Eure Feinde“, „Selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich“. Die moderne Theologie und bürgerliches Sekuritätsdenken haben aus diesen radikalen Sätzen sanfte Phrasen der Zustimmung gemacht, die „man nicht wörtlich nehmen darf“, die man vielmehr in einem übertragenen und bildlichen Sinn verstehen soll. Nur keine Aufregung! Es kann ja überhaupt nicht darum gehen, wirklich arm zu sein, sondern eben nur „relativ arm“. Was heißen soll: sich seines Wohlstandes bewußt zu sein und sich glücklich zu schätzen, nicht zu den Bedürftigen zu zählen. Die Relativierung des Absoluten ist eine schlimme Krankheit. Wer an ihr erkrankt, kann sogar noch millionenschwere Gehälter und Schweizer Nummernkonten mit dem Gleichnis vom Nadelöhr in Einklang bringen. So weiß am Ende keiner mehr, was das eigentlich ist: die Ordnung des Guten.

Wer Augen hat zu lesen, der lese, was in der Apostelgeschichte steht (2, 43ff.): „Alle wurden von Furcht ergriffen; denn durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten“. Und in Teil 4 der Apostelgeschichte findet man den Aufriss einer herrschaftsfreien Ordnung des Guten, die so auch bei Proudhon oder bei einem anderen Anarchisten stehen könnte: „Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. (…) Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt. Denn alle, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften ihren Besitz, (…).“

„ Eigentum ist Diebstahl“ – auch dieser Satz, den einige noch aus den Sponti-Spruchsammlungen der 80er-Jahre kennen mögen, stammt von Proudhon. Der Satz klingt heute wie eine Blasphemie. Man zuckt förmlich zusammen und denkt sich: „Die Mauer ist doch gefallen?“ Der Satz ist eine schallende Ohrfeige ins Gesicht des Neoliberalismus. Aber steht in der Apostelgeschichte nicht genau das? Und legte Christus nicht mit dem Gleichnis vom reichen Jüngling, der am Ende traurig davon geht, den Finger in eben diese Wunde? Und wenn wir den Druck in der Wunde nicht mehr spüren, müssen wir dann nicht alle traurig davon gehen? Hier tut sich ein Abgrund auf, der tiefer ist als jedes Chaos, in das uns die schwarzen Chaoten aus Berlin Kreuzberg am Tag der Arbeit stürzen können.

Man wendet an dieser Stelle gerne beschwichtigend ein, die Gütergemeinschaft der Urchristen sei ein historischer Zustand, den man aus der Zeit heraus verstehen müsse. Wie solle das denn, bitte, heute gehen – Gütergemeinschaft? Und das Gleichnis vom Jüngling sei eben genau das: ein Gleichnis. Ja, natürlich, aber ein Gleichnis worauf? Ein Gleichnis wofür? Wir ziehen uns hinter das bloß Gleichnishafte zurück, um jede Handlung, die uns wirklich transformieren könnte, zu unterbinden und um weiterhin zufrieden und relativ frei zugleich bleiben zu können.

Proudhon verfasste eine Schrift mit dem Titel De l’utilité de la célébration du dimancheÜber die Nützlichkeit des sonntäglichen Gottesdienstes, die zeigt, woher der Wind bei diesen Anarchisten der allerersten Stunde trotz allem antireligiösen Furor wirklich weht. Proudhon konnte gar nicht anders, als sich immer auf die biblischen Texte zu beziehen, auch wenn er gegen sie anrannte. Er war, wie viele seiner anarchistischen Nachfolger, ein Theologe von außen. Man könnte das für Kropotkin ebenso zeigen wie für Tolstoi, Ernest Hello, Charles Péguy, Rimbaud, David Henri Thoreau oder Simone Weill.

In seinem Text über den Sonntagsgottesdienst verteidigt Proudhon die Notwendigkeit des Kirchgangs. Das mag aus seinem Munde überraschend klingen, ist es aber nicht. Denn die Messe ist für ihn Ausdruck und Medium einer höheren Form des Zusammenhalts: der Brüderlichkeit. Im katholischen Ritus sieht der Anarchist das verwirklicht, was sich die Revolution auf die Fahnen geschrieben, aber schrecklich verspielt hat. Proudhon meint zurecht, die menschliche Gesellschaft müsse mehr sein als eine Zusammenrottung von Individuen. Und er folgert daraus: Die Besitzverhältnisse einer brüderlichen Gemeinschaft seien durch das Gesetz zu regeln. Denn nur so könne der Mensch vor sich selbst geschützt werden. Von hier kann man nicht nur einen weiten Bogen zurück schlagen zu Thomas von Aquin und seinem Zinsverbot, sondern natürlich auch einen Bogen nach vorne in die christliche Soziallehre, die von der sozialen Verantwortung des Kapitals spricht. Proudhons Konzeption einer Ordnung des Guten kommt dem sehr nahe, was eine radikal umgesetzte christliche Wirtschaftsordnung sein könnte, die keine Schlupflöcher für Spekulation und Leerverkäufe mehr ließe.

Christliche Anarchie ist aber mehr als das: mehr als Schadensregulierung in einem fehlerhaften System. Wer sich zur Brüderlichkeit bekennt, für den ist Privateigentum eine Relikt des Vorbrüderlichen. So wie der, der nach Heiligkeit strebt, sich seines Anspruchs auf ein Privatleben, das vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wird, entledigen muss. Heilige haben keine Privatsphäre. Brüder haben kein Privateigentum. Das ist der anarchistische Kern der Lehre Christi. Stimmt, er ist kaum zu ertragen, dieser Kern, und noch weniger umzusetzen. Aber es wäre schon ein erster wichtiger Schritt, diesen Kern in seiner ganzen Härte überhaupt erst einmal zu ertragen, anstatt ihn ständig aufzuweichen und weichzuspülen und durchzukochen.

Wenn Papst Benedikt über christliche Brüderlichkeit spricht oder schreibt – und das hat er im Libanon jetzt wieder getan – , dann spricht er davon, dass das Ethos der Brüderlichkeit für gleiche Rechte eintritt und dass es die Klassen- und Rangunterschiede der Gesellschaft transzendiert. Transzendiert heißt nicht: „aufhebt“. Das Christentum will nicht ein politisches System durch das andere ersetzen, sondern es will Systeme von innen heraus überwinden. Es ist, in diesem Sinne, eben nicht revolutionär, sondern anarchistisch.

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